Dietrich Eichholtz, Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel (1938-1943). Leipziger Universitätsverlag, 2006

Der Wirtschaftshistoriker Eichholtz stellt neueste Forschungsergebnisse zu einem besonderen Teil der Geschichte des Zweiten Weltkrieges vor: Das deutsche Kriegsziel << Erdölimperium >>. Der Autor kann und will die einzelnen Etappen, die diesem Welteroberungsplan dienen sollten, nur in den Grundzügen jener Zeit beleuchten. Den Wunsch der deutschen Eliten auf Sicherstellung jeder neuen Kriegsplanung in der Treibstoffrage leitet er aus ihrem, nach der Niederlage im 1.Weltkrieg erwachsenen << Öldurst >> ab, der allerdings bis zum Sommer 1939 nicht befriedigt werden konnte. Der << Anschluß >> Österreichs brachte als erste Beute eine, bis zum Kriegsende währende Aushilfe und Reserve für Krisenzeiten.
Die weiteren Kapitel behandeln den Zeitraum vom 1.September 1939 bis Ende 1943. In dieser Zeit sei das Erdöl ein kurz-und langfristiges Kriegsziel wie auch eine der wichtigsten Mittel der Kriegsführung selbst geworden. Mit der Beute der << Blitzkriege >>, vor allem in Polen (Galizien) konnten weitere Ölvorkommen, im wahrsten Sinne des Wortes ausgebeutet werden. Eichholtz hebt gleichzeitig anhand der Göringschen << Ölsitzungen >> die Erkenntnisse der Experten vor, die sich aus dem Krieg gegen Polen ergaben: der weiter anhaltende Treibstoffmangel. Mit der Besetzung der westeuropäischen Länder habe sich neben der Beute an Raffinerien, Pipelines und ölwirtschaftlichen Anlagen vor allem eines der wichtigsten, lohnendsten Kriegsziele ergeben, das Eindringen in die Auslandsbeteiligungen der westlichen Ölmächte im Nahen Osten. Mit der Feststellung >>Rumänisches Öl war und blieb bis Mitte 1944 die bedeutendste ausländische Rohstoffquelle für die deutsche Kriegsführung, >> ist eine breitere Darstellung mit dem Hinweis auf seine Studie << Deutsche Politik und rumänisches Öl (1938-1941) >>, 2005 durchaus berechtigt. Seine durchgängig objektive, quellenkritische Arbeitsmethode überzeugt vor allem am Beispiel der Darlegung und Analyse der Ausarbeitungen der Vordenker des deutschen Erdölimperiums. So werden die Denkschriften von Ernst R.Fischer (IG Farben) und Alfred Bentz (Reichsstelle für deutsche Bodenforschung) vom Sommer 1940, die auf die Sicherstellung der Ölversorgung nach dem << Endsieg >> ausgerichtet waren, einer gründlichen Analyse unterzogen. In der weiteren Behandlung ab November/Dezember 1940 durchzieht sich wie ein roter Faden der Nachweis der führenden Rolle der am 27.März 1941 gegründeten << Kontinentale Öl AG >>, vor allem hinsichtlich ihrer zunehmenden Einflussnahme auf die Durchsetzung der weitreichenden Ölpläne. Auf die Darstellung des dreiwöchigen Einfalls in den Irak vom Mai 1941, seinen wirklichen Zielen und Absichten auf die Spur zu kommen, hat sich Eichholtz nicht eingelassen. Die Kaukasusfrage steht im Mittelpunkt seiner Untersuchungen. Mit den Vorbereitungen der << Barbarossa >>-Weisung seit dem Sommer 1940 bis zu den vernichtenden Niederlagen in Stalingrad, am Kaukasus und in Nordafrika konzentrieren sich die folgenden Abschnitte des Buches auf die << Kaukasuszange I und II >>. Insgesamt eine spannungsgeladene Dokumentation, in der es Eichholtz geligt, das brisante Spannungsfeld zwischen der Kriegszielplanung << Erdölimperium Deutschland >> und seinem schmählichen Scheitern aufzuzeigen. Der breit angelegte Quellen-und Literaturnachweis garantiert einen überzeugenden Beleg für die vorgenommenen Aussagen. Vorrangig wurden die archivalischen Quellen des Bundesarchivs Berlin, des Militärarchivs Freiburg und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes sowie zeitgenössische, gedruckte Quellen, darunter der obersten Kriegsführung, in die Untersuchung einbezogen. Die Habilschrift von Heinz Tillmann << Deutschlands Araberpolitik im zweiten Weltkrieg >>, 1965 und die seit 1995 von Titus Kockel veröffentlichten Arbeiten zu dieser Problematik sowie die zweibändige Publikation von Helmut Mejcher bezieht Eichholtz in diesen, nunmehr erreichten neuesten Wissensstand konstruktiv ein. Eichholtz schließt nicht nur eine offen gebliebene Lücke in der Geschichte der Kriegsziele des deutschen Imperialismus. Es geht ihm weit mehr um die Einordnung dieses besonderen Kriegsziels in den Gesamtrahmen der historischen Wertung der Expansionspolitik des deutschen Imperialismus überhaupt. Eingestreute Faksimilia von Dokumenten, Fotos und Karten beleben und veranschaulichen den faktenreichen Text. Eine spannende Lektüre, nicht nur für Experten, angesichts der tagtäglichen Ereignisse im Nahen Osten auch für andere Leser empfehlenswert.

Janis Schmelzer

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