Wigbert Benz, Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005, ISBN 3-86573-068-X, 112 Seiten, 16,80 Euro

In der Aufarbeitung der Rolle des Auswärtigen Amtes und seiner führenden Diplomaten im Dritten Reich bei der Vorbereitung des 2. Weltkrieges, Unterdrückung und Ausplünderung in den von Hitlerdeutschland okkupierten Ländern besteht noch immer großer Nachholbedarf. Viele Dokumente und andere Beweismaterialien liegen noch ungenutzt in Panzerschränken und Archiven im In- und Ausland. Die Auswertung dieser Materialien erfolgt nur zögerlich, weil das Interesse der Bundesrepublik Deutschland nach ihrer Gründung nicht sonderlich groß war, Anklage gegen NS-Diplomaten zu erheben, die man im diplomatischen Dienst oder anderweitig wieder verwenden wollte. Diese Verschleierungstaktik machte es möglich, dass ein leitender Beamter im Auswärtigen Amt, Kurt Georg Kiesinger, es bis zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland bringen konnte.
Dass sich das Auswärtige Amt im Dritten Reich schuldig gemacht hat, beweist die Anklage gegen den Reichsaussenminister Joachim von Ribbentrop und seinen Staatssekretär Ernst von Weizsäcker vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg wegen Vorbereitung von Angriffskriegen und Kriegsverbrechen. Die tiefe Verstrickung von Diplomaten im Dritten Reich in die Verbrechen des Naziregimes aufzuklären, wird immer dringender, weil die Zeit davon läuft und kaum noch jemand für seine Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden kann. So kann man dem Historiker und Pädagogen Wigbert Benz mit seiner Monografie über Paul Carell nur dankbar sein, den Lebensweg eines nicht unbedeutenden Karriere-Diplomaten und begeisterten Nazis nachgezeichnet zu haben. Paul Karl Schmidt war bereits mit 29 Jahren aufgrund seiner journalistischen Fähigkeiten Leiter der Nachrichten- und Presseabteilung des Auswärtigen Amtes, verantwortlich für Inhalt und Einsatz von NS-Publikationen, bestimmt für das Ausland, in denen das Nazi-Regime verherrlicht und seine Kriegspolitik rechtfertigt wurde. Darüber hinaus war Schmidt ein Schreibtischtäter bei der Judenverfolgung. Nach der Besetzung Ungarns 1944 durch die deutsche Wehrmacht war vorgesehen, ca. 200 000 Juden aus Budapest in Vernichtungslager zu transportieren. Schmidt hatte nichts gegen den Abtransport, sondern machte sich nur Sorgen, das Ausland könnte eventuell negativ darauf reagieren. Er machte Vorschläge, wie man durch inszenierte Aufstände und Anschläge den Abtransport als notwendig erscheinen lassen könnte. Schmidts Vorschläge erfolgten nicht im Auftrag, sondern waren "eine eigene propagandistische Initiative", wie Wigbert Benz in seiner Publikation feststellt. Während des "Wilhelmstrassenprozesses" in Nürnberg bemühte sich Paul Karl Schmidt als geladener Zeuge, von sich ein Bild des biederen Beamten zu vermitteln, der dem "nationalsozialistischen System der Presselenkung" unterworfen war und eigentlich ein "Gegner des Nationalsozialismus" gewesen sei. Nachdem er sich formal vor Gericht kritisch zur Pressepolitik des Hitler-Regimes geäußert hatte, war für ihn der Weg frei für seine zweite journalistische Karriere, dieses Mal in der Bundesrepublik. Schmidt waren die Prozesse in Nürnberg zur Aufklärung der Naziverbrechen jedoch suspekt, indem er sie später in Veröffentlichungen mit "stalinistischen Schauprozessen" verglich. Ausführlich schildert Wigbert Benz den Weg der Nachkriegskarriere von Paul Karl Schmidt, die er aus Gründen seiner Vergangenheit unter den Pseudonymen Dr. P. C. Holm, Dr. Paul Kiessling und Paul Carell startete und die bis zu seinem Tode in den neunziger Jahren dauerte.
Aufgrund seines journalistischen Talents und seiner Anpassungsfähigkeit an die neuen Verhältnisse war P. K. Schmidt bereits in den fünfziger Jahren ein gefragter Autor für politische und historische Themen im Journalismus der Bundesrepublik. Der Beginn seiner publizistischen Tätigkeit lag in der Zeit des "Kalten Krieges", die es ihm leicht machte, die alten Propagandathesen aus der Nazizeit von der "Bedrohung aus dem Osten" zu kolportieren. Um dieser angeblichen Bedrohung zu begegnen, schrieb er bereits 1950 in einer Broschüre zur Europapolitik: "Der Wunsch nach Sicherheit gegen den aussereuropäischen Bolschewismus erfordert eine möglichst grosse, geschlossene und gemeinsame Mobilisierung aller Mittel zur Verteidigung". Schmidt war jedoch nicht nur Antikommunist, sondern auch Geschichtsfälscher, wie in seinen Veröffentlichungen über die beiden Weltkriege deutlich wird. So verweist Wigbert Benz auf einen Beitrag von Schmidt im Presseorgan "Zeit" von 1954, in dem er anlässlich des Jahrestages des Beginns des 1. und 2. Weltkrieges behauptet, dass der 1. Weltkrieg 1914 "von niemandem wirklich gewollt wurde". Auf den 2. Weltkrieg eingehend lehnt er "die Alleinschuld Hitler-Deutschlands" am Kriegsausbruch ab. Entsprechend seiner antibolschewistischen Grundhaltung macht er Stalin für den 2. Weltkrieg verantwortlich. So habe Stalin durch den Abschluss des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und der Sowjetunion am 23. August 1939 Hitler vor einem Zweifrontenkrieg bewahrt, den die deutsche Seite fürchtete. Für Stalin war "dieser Pakt die richtig kalkulierte Beihilfe zum Ausbruch eines ‘selbstzerfleischenden Krieges der kapitalistischen Welt’“, schrieb Schmidt. Um die Schuld am 2. Weltkrieg den Russen anzulasten, ging Schmidt noch einen Schritt weiter. In zahlreichen Veröffentlichungen wiederholte er die Lüge vom Präventivkrieg Hitlers gegen die Sowjetunion, der ihm aufgezwungen worden sei, bevor Deutschland von der Roten Armee angegriffen werde. In seinen schriftlichen Betrachtungen zum Russlandfeldzug stellte Schmidt sogar die Behauptung auf, dass die Wehrmacht den Feldzug nicht verloren hätte, wenn er wie geplant Mitte Mai statt Ende Juni 1941 hätte begonnen werden können. Schuld an dieser Terminverschiebung hätte nach seiner Meinung Jugoslawien gehabt, das Hitler zuvor noch eroberte, weil es sich weigerte, dem Dreimächtepakt (Deutschland, Italien, Japan) beizutreten. Jeder, der die Vorgeschichte des 2. Weltkrieges kennt, weiss, dass Hitlerdeutschland mit seinem Überfall auf Polen den Krieg in Europa auslöste. P. K. Schmidt sah das anders. So schrieb er 1952 in einer Serie über den 2. Weltkrieg im Presseorgan "Kristall", dass die polnische Regierung hauptsächlich verantwortlich sei für das Scheitern der diplomatischen Friedensbemühungen der deutschen Seite, weil sie glaubte, dass in Deutschland im "Falle eines Krieges Unruhen ausbrechen und die polnischen Truppen erfolgreich gegen Berlin marschieren werden." P. K. Schmidt alias Paul Carell bemühte sich jedoch nicht nur als Historiker, sondern auch als Militärschriftsteller. Wigbert Benz wertete die Bestseller von Schmidt über den 2. Weltkrieg als Vermittlung eines Bildes "vom Krieg der Wehrmacht als sauberen, kameradschaftlichen und heldenhaften Kampf". Deutlich wird das in dem über 600 Seiten dicken Machwerk "Unternehmen Barbarossa / Der Marsch nach Rußland", geschrieben als Erlebnisbericht nach Aussagen von Soldaten, Offizieren und Generalen der Wehrmacht. Kein Wort findet sich darin zu den Verbrechen der Wehrmacht, Waffen SS und Polizeiverbänden an der Zivilbevölkerung und kein Hinweis auf das furchtbare Leiden und sinnlose Massensterben der Soldaten während der Stalingrader Schlacht. Ausserdem sei nach Meinung von Schmidt Stalingrad nur durch Fehler auf der deutschen Seite verloren gegangen und für die militärische Niederlage Hitlerdeutschlands sei letztlich der "Führer" verantwortlich. Die Verfälschung der Ursachen des 2. Weltkrieges und die Verklärung der Wehrmacht im Kriegsverlauf entsprachen dem Geschichtsbild in der Nachkriegszeit der BRD, das P. K. Schmidt alias Paul Carell durch seine Schriften und Bücher bediente. Seine Weltkriegsliteratur erreichte eine Auflage von über 3 Millionen Exemplaren. Mit seinen Veröffentlichungen wurde Schmidt zu einem "geistigen Verführer der Jugend in der BRD", stellte die "jungen Welt" in einer Rezension zum Buch von Wigbert Benz fest. Schmidt legte mit den Grundstein für die These vom "Täter zum Opfer", die noch heute von einigen deutschen Historikern und Publizisten vertreten wird.
Es ist das große Verdienst von Wigbert Benz, wissenschaftlich exakt den Werdegang eines fachlich hoch spezialisierten, aber moralisch abzulehnenden NS-Ideologen nachgezeichnet zu haben, der unwillig war, die Geschichte des Nazi-Regimes und des 2. Weltkrieges richtig zu deuten und der seine Lügen und Fälschungen darüber bis zu seinem Lebensende ungehindert in der Bundesrepublik verbreiten konnte. Zugleich macht Wigbert Benz in seiner Publikation deutlich, wie ein deutscher Diplomat im Dritten Reich zu einem Mittäter an Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Person von P. K. Schmidt wurde, ohne später Reue darüber zu empfinden. Es würde darum sehr nützlich sein, wenn die vom Auswärtigen Amt kürzlich angekündigte Kommission zur Untersuchung von NS-Verbrechen deutscher Diplomaten im Dritten Reich ihre Arbeit aufnehmen und erste Ergebnisse vorlegen könnte.

Heinz Harms

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