Dietrich Eichholtz. Deutsche Politik und rumänisches Öl (1938-1941). Eine Studie über Erdölimperialismus, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2005, 70 Seiten, ISBN 3-86583-042-0.

Dietrich Eichholtz nennt seine neueste Veröffentlichung schlicht eine "Studie über Erdölimperialismus" und erhebt in einem darin enthaltenen Exkurs die Frage nach den "Aussichten auf ein deutsches Erdölimperium?". In seinem dreibändigen Standardwerk "Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945" finden sich bereits zahlreiche Hinweise zu dieser Problematik, die er in dieser Studie tiefer und breiter behandelt. Er stützt sich dabei auf Quellen aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin, auf Akten des Bundesarchivs Berlin und des Militärarchivs Freiburg, deutsche und rumänische Fachliteratur sowie auf neueste Dissertationen, vor allem auf Titus Kockel, Geologie und deutsche Ölpolitik 1928-1938, TU Berlin 2002. Eine kompakte, problemgeladene Darstellung deutscher Kriegszielstrategie und -taktik auf nur 62 Seiten.
In seinem Einstieg "Das Kardinalproblem der Aufrüstung" weist Eichholtz auf die katastrophale Lage im Jahr 1935 hin, auf Bedarfserhebungen und Mineralölansprüche der Militärs und Wirtschaftseliten. Der Leser wird animiert, zu fragen, ob die deutsche Wehrmacht zu dieser Zeit überhaupt gegenüber anderen Großmächten kriegsfähig oder von vornherein ausschließlich auf die Blitzkriegsführung eingeschworen war? In den weiteren Abschnitten behandelt Eichholtz den einzig möglichen Ausweg: den Zugriff auf das rumänische Erdöl. Mit exakten Zahlenangaben über die Kapitalbeteiligungen ausländischer Ölgesellschaften in Rumänien im Vergleich zur dürftigen Ausgangsposition der deutschen Anteile wird die Frage aufgeworfen, mit welchen Mitteln eine "bloodless invasion" Rumäniens in den deutschen Machtbereich in den Jahren 1938 bis 1941 gelang. Einen breiten Raum nehmen die Einschätzungen der deutsch-rumänischen Wirtschaftsverhandlungen ein, die an den Erfolgen der steigenden Ölimporte abzulesen sind. Bemerkenswert sind auch die Ausführungen zu den Öl-Waffen-Tausch-Geschäften sowie über die oft wechselnden außenpolitischen und politischen Beziehungen, vor allem im Kontext mit den weitreichenden Vorstellungen während der Friedensvertragsverhandlungen. Die einzelnen Zeitabschnitte laufen synchron zu den politischen und militärischen Ereignissen. In diesem Zusammenhang stellt Eichholtz zwei Schlüsseldokumente aus dem Jahre 1940 vor, die im gleichen Geist verfassten Denkschriften von maßgeblichen Spitzen-Experten : Alfred Bentz, Direktor und Chefgeologe in der Reichsstelle für Bodenforschung unter dem Titel „Sicherstellung des europäischen Erdölbedarfs“ und Ernst Rudolf Fischer (IG Farben), Leiter der Wirtschaftsgruppe Kraftstoffindustrie im Reichswirtschaftsministerium und Ölberater Görings und Krauchs "Die Versorgung Europas mit Mineralöl vor dem Kriege, Ermittlung des Nachkriegsverbrauchs und Sicherung der Belieferung", September 1940. Eichholtz kommt zu dem Ergebnis: das rumänische Öl war von 1940 bis 1943 die wichtigste und 1941 die einzige deutsche Importquelle, doch auf die Dauer keine Garantie für eine genügende Versorgungsbasis. Die in den Denkschriften vorgestellten Nachkriegskonzeptionen belegen die Ansprüche des deutschen Imperialismus auf den britischen Erdölreichtum im Nahen Osten. Der Exkurs dazu weist auf weiteren brisanten Stoff hin, den es forschungsmäßig zu erschließen gilt. So beispielsweise die Rolle Fischers für die schweizerische Benzin-und Ölversorgung aus Rumänien über die Petrola, Zürich im Zusammenhang mit den Ermittlungen der Alliierten über die Verschiebung von Nazivermögen nach der Schweiz oder Fragen zum Kenntnisstand des US-Geheimdienstes über das Beziehungsnetz der Konti während des Zweiten Weltkrieges. Immerhin befand sich E.R.Fischer bis 1955 in der Schweiz ständigen Verhören der Finance Division der OMGUS ausgesetzt, ehe er in der BRD in den Vorstand der deutschen Dynamit AG, vormals Nobel & Co. berufen wurde. Insgesamt eine flüssig geschriebene historische Lektüre, die an dem Faktor Öl die Arroganz, Maßlosigkeit wie Beschränktheit deutscher Machteleliten des deutschen Imperialismus überzeugend demonstriert.

Janis Schmelzer

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