Zacharioudakis, Emmanouil: Die deutsch-griechischen Beziehungen 1933-1941. Interessensgegensätze an der Peripherie Europas, HUSUM; 2002.

In den letzten Jahren stand die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die deutsche Besetzung Griechenlands 1941-1944/45 im Mittelpunkt der Literatur über die Geschichte Griechenlands und die deutsch-griechischen Beziehungen. Für die Zeit vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum Beginn der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg klaffte dagegen lange eine Lücke. Große Sperrfristen griechischer Archive erwiesen sich als ein bedeutendes Hindernis. Die nun gedruckt vorliegende Dissertation von E. Zacharioudakis muss als ein Meilenstein auf dem Weg zur Schließung dieser Lücke angesehen werden. Der besondere Wert der Arbeit liegt darin, dass zum ersten Male in großem Umfang auch griechische Akten benutzt wurden. Während für die griechische Politik bislang weitgehend nur unsichere Quellen zur Verfügung standen, konnte der Autor seine Darstellung der griechischen Politik in der „Zwischenkriegszeit“ auf Akten des Archivs Metaxas, des griechischen Außenministeriums und des Generalstabs des griechischen Heeres stützen. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Zeit zwischen 1935/36 und dem April 1941, als die Wehrmacht mit ihrem letzten Blitzkrieg Griechenland unterwarf. Der Autor schildert die Grundzüge der griechischen Außenpolitik nach der Katastrophe von 1922 vor dem Hintergrund der auch nach Errichtung der Metaxas-Diktatur verwirrenden Innenpolitik. Dominierende Konstante der griechischen Außenpolitik war die Verteidigung der territorialen Integrität gegen Annexionspläne der Nachbarn und Italiens, die durch die Erstarkung Deutschlands als aggressive „revisionistische“ Großmacht für Athen immer bedrohlicher wurden. Zacharioudakis beschreibt die vielfältigen und vielschichtigen Aktionen Athens, um zwischen den entstehenden Machtblöcken zu lavieren, Verbündete zu suchen, ohne sich zu binden und selbst nach dem 1. September 1939 noch eine neutrale Haltung einzunehmen. Nur die äquidistante Position zu den Großmächten schien Sicherheit zu bieten. In das Zentrum der Betrachtung rückt der Autor das deutsch-griechische Verhältnis. In den 30er Jahren hatte Griechenland in den deutschen Konzepten einen randständigen, wenngleich nicht unbedeutenden Platz. Das Verhältnis war äußerlich ohne Reibungsflächen, aber durch eine deutliche Abhängigkeit Griechenlands vom deutschen Markt geprägt. Wiederholt nutzte das „Reich“ vor allem seine wirtschaftliche Stellung zu politischen Pressionen. Hier zeigt die Arbeit Schwächen. Der Autor übernimmt mehrfach die Propaganda des Auswärtigen Amtes, Deutschland verfolge in Südosteuropa nur wirtschaftliche Interessen. Die umfangreiche Literatur beispielsweise zum Mitteleuropäischen Wirtschaftstag belegt, dass spätestens seit Mitte 1932 die deutsche Handelspolitik gegen Südosteuropa hauptsächlich politisches Instrument war. Die „Sprachregelung“ des Auswärtigen Amtes wurde eingesetzt, um die für die Südoststaaten verhängnisvollen Implikationen der deutschen Strategie zu verschleiern. Tarnung war Bestandteil des deutschen Konzepts. Im Sommer 1940, nach den Siegen Deutschlands im Westen, geriet Griechenland in das Visier der deutschen Expansionspolitik. Der Autor beschreibt die dramatische Veränderung des deutsch-griechischen Verhältnisses. Gestützt auf die militärischen Erfolge und auf die übermächtige handelspolitische Position forderte die deutsche Politik die Eingliederung Griechenlands in das von Deutschland geführte Lager der „Neuordnung“. Metaxas lehnte mit Blick auf die ungebrochene britische Machtposition im östlichen Mittelmeer ab. Als am 28. Oktober 1940 Italien Griechenland angriff, war die griechische Außenpolitik der vergangenen 20 Jahre gewissermaßen ohne eigenes Verschulden gescheitert, obwohl der Überfall dank der tapfer kämpfenden Griechen für Italien und die Achse ein Desaster wurde. Der Zacharioudakis schildert, wie der Überfall Italiens zu engeren Bindungen Athens an Großbritannien führte. Andererseits beschleunigten die griechischen Erfolge gegen die Italiener letztlich ein Eingreifen Deutschlands. Der für die Italiener desaströse Verlauf des Krieges war eine große Blamage für die faschistischen Aggressoren und barg unkalkulierbare Risiken für die gerade erst errungene beherrschende deutsche Position auf dem Balkan Der Autor führt aus, Deutschland sei nicht gegen eine italienische Aggression gegen Griechenland gewesen. Man sah einen Waffengang Italiens als Möglichkeit zur Schwächung Großbritanniens an. Mehrfach habe man Italien zu einer solchen Aktion ermuntert. Die Deutschen kritisierten lediglich den italienischen Operationsplan und bezweifelten, dass die Italiener mit den bereitgestellten Kräften den Krieg schnell siegreich beenden könnten. Ein längerer Krieg aber hätte die deutschen Balkan- und Ostpläne empfindlich gestört .Aus diesem Grund beschloss die deutsche Führung, Griechenland ohne italienische Beteiligung zu unterwerfen. Der Autor räumt mit der zählebigen Legende in der deutschen Literatur auf, „Nibelungentreue“ gegenüber Mussolini hätte Hitler zum Überfall auf Griechenland am 6. April 1941 veranlasst. Der Vorgeschichte der deutschen Aggression folgen eine kurze Darstellung des Aprilkrieges und ein Überblick über die dreieinhalbjährige Leidenszeit der Griechen unter der „neuen Ordnung“, wobei sich der Autor auf die großen Dokumenteneditionen wie „Europa unterm Hakenkreuz“ stützen konnte. Eine Zusammenfassung, Quellen- und Literaturübersichten sowie ein Namensregister beschließen das für die Forschung wichtige Buch.

Martin Seckendorf

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