Karl Heinrich Pohl (Hg.): Wehrmacht und Vernichtungspolitik. Militär im nationalsozialistischen System. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999.

In der Zeit vom 8. Januar bis 14. Februar 1999 wurde die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" auf Initiative des Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Kiel gezeigt. Über 70000 Besucher sahen dort die Exposition. Ein breites Bündnis von Initiativen, Parteien, Organisationen, Einrichtungen und Stiftungen unterstütze die Ausstellung und bot ein eindrucksvolles Begleitprogramm. Das Kulturwissenschaftliche Institut der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Kieler Universität veranstaltete im Rahmen dieses Programms eine Vortragsreihe zum Thema Militär - Vernichtungskrieg - Nationalsozialismus. Sechs der Vorträge hat der Historiker Pohl in dem Sammelband vorgelegt. Mit der Veröffentlichung wollte er, anders als die Ausstellung, das komplexe Problem "Militär im nationalsozialistischen System" auf verschiedene Weisen beleuchten.
Peter Steinbach (Berlin) belässt es im Einleitungsbeitrag nicht bei einzelnen Untaten, in die die Wehrmacht "verstrickt" war. Er geht von der in der seriösen Geschichtswissenschaft unstrittigen Erkenntnis aus, daß die deutsche Armee nicht für einen "normalen" Krieg, für die Landesverteidigung aufgebaut wurde. Sie hatte Eroberungskriege zur Erringung der Herrschaft über den Kontinent und eines riesigen Kolonialgebietes bis an den Ural sowie zur Aufrichtung der deutschen Vorherrschaft in der Welt zu führen. Die eroberten Räume sollten ausgebeutet, "befriedet" und bevölkerungspolitisch nach rassistischen und biologistischen Prinzipien völlig neu "geordnet" werden. Die Wehrmacht sei, so Steinbach, das entscheidende Instrument der deutschen Expansion und Garant für die Ausnutzung und "Neuordnung" der besetzten Gebiete gewesen. Sehr früh habe es in der Wehrmacht aber auch Opposition gegeben, die umso breiter geworden sei, je deutlicher sich der Charakter des Regimes und schließlich die militärische Niederlage abzeichneten. Christian Gerlach (Hamburg) stellt neue Forschungsergebnisse über deutsche Fronttruppen vor, die belegen, daß der Mythos von der "sauber kämpfenden Fronttruppe" - im Gegensatz zum Verhalten rückwärtiger Einheiten - nicht aufrecht zu halten ist. Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld) zeigt, daß die Wehrmacht nicht nur an der Judenvernichtung, sondern auch an all den anderen Genoziden des NS-Regimes beteiligt war. Thomas Sandkühler (Bielefeld) stellt neue Überlegungen zu den Tätergruppen der Menschenvernichtung im NS-Staat an und weist auf Forschungslücken. Er fordert tätertypologische Untersuchungen unter Einbeziehung von Ergebnissen sozialpsychologischer Forschungen. Jochen-Christoph Kaiser (Marburg) behandelt mit neuen Forschungsergebnissen das schwierige Problem "Protestantismus und Krieg". Mit der inzwischen überarbeiteten Ausstellung selbst, mit den gegen sie damals erhobenen Vorwürfen und der Wirkung der Exponate auf die Besucher setzt sich Karl Heinrich Pohl (Kiel) auseinander. Eine knappe Literaturliste beschließt den informativen Sammelband.
Leider bleibt der Band im geografischen Bereich der Ausstellung (Osten und Serbien) und nutzt nicht andere im Begleitprogramm gehaltenen Vorträge über die Rolle der Wehrmacht in anderen Regionen.

Martin Seckendorf

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