Krisztián Ungváry: Die Schlacht um Budapest 1944/45. Stalingrad an der Donau, F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 1999.

In der Schlacht von Jassi - Kischinjow Ende August 1944, dem Cannae des 20. Jahrhunderts, wurden die deutschen Truppen an der südlichen Ostfront weitgehend zerschlagen. Für die Rote Armee war der Weg in die ungarische Tiefebene in der Hauptrichtung Debrecen - Budapest frei. Als eine Folge des Vorstoßes beteiligten sich nun auch Rumänien und Bulgarien am Kampf gegen die Deutschen. Der ungarische "Reichsverweser" Horthy, seit 1941 im Krieg gegen Jugoslawien und die Sowjetunion sowie bei der "Endlösung der Judenfrage" Vasall Hitlers, wollte auf die Seite der Alliierten übergehen. Die Deutschen setzten ihn am 15. Oktober 1944 ab und installierten das Szalasi - Regime, das als Verbrecherregime schlechthin galt. Ende Oktober erreichten sowjetische Panzer Budapest. Ein dichtgestaffeltes Verteidigungssystem sollte sie aufhalten, sowjetische Truppen fesseln und Voraussetzungen für eine Stabilisierung der gesamten Ostfront Front schaffen. Als die Rote Armee nördlich und südlich an Budapest vorbei stieß und die Stadt einschloss, erklärten die Deutschen Budapest zur Festung. Sie setzten den SS-Mann Pfeffer-Wildenbruch als Kommandanten ein, der mehr als 70000 deutsche und ungarische Soldaten befehligte. 800000 Zivilisten waren eingeschlossen. Die Szalasi-Horden erhielten freie Hand bei der Vernichtung von Juden, Kommunisten und "abtrünnigen" Ungarn. Es entwickelte sich eine der längsten und blutigsten Städtebelagerungen im Zweiten Weltkrieg. Über 38000 Zivilisten, 17500 ungarische und etwa 30000 deutsche Soldaten sowie fast 80000 Rotarmisten und rumänische Soldaten fanden den Tod. Die "Perle an der Donau" war bei der Befreiung weitgehend ein Ruinenfeld.
Die Schlacht um Budapest war jedoch nicht das "Stalingrad an der Donau", wie der Autor im Untertitel seiner Arbeit feststellt. Sie bedeutete keine Richtungsentscheidung. Diese war in Stalingrad, Kursk und in der Normandie längst gefallen. Auf den Ausgang des Zweiten Weltkrieges hatte der Kampf um Budapest keinen Einfluss mehr. Die Verteidigung der ungarischen Metropole war militärisch ebenso unsinnig wie verbrecherisch.
Der Autor zeichnet die militärische und politische Entschlussfassung der deutschen und sowjetischen Seite nach. Ungváry beschreibt den Ablauf der militärischen Operationen, schildert das Leben und Sterben der Zivilbevölkerung in der Festung und vermittelt Informationen über Strukturen und Aktionen des Widerstandes. Längere Abschnitte widmet er dem mühsamen Überleben nach der Befreiung und geht auf das Verhalten sowjetischer Truppen ein. Das Verhalten sowjetischer Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung, insbesondere gegenüber Frauen, hat dem Ansehen der Sowjetunion und der kommunistischen Idee irreversible Schäden zugefügt.
Trotz zweier Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hat die Arbeit große Schwächen in der Quellen- und Literaturbenutzung. Der Autor nutzt ausschließlich deutsche und ungarische Quellen und diese noch lückenhaft. So verzichtet er auf die informativen Akten des Deutschen Wehrwirtschaftsoffiziers in Ungarn. Gravierender ist, daß er keine sowjetischen Akten in russischen Archiven benutzte. Die Ereignisse und Konzepte werden nur aus deutscher Sicht quellenmäßig abgedeckt. Auch die veröffentlichten Memoiren sowjetischer Militärs werden nicht herangezogen oder in Einzelfällen aus anderen Werken zitiert. Erstaunliche Lücken weist die Literaturliste auf. Es fehlen grundsätzliche deutsche Arbeiten ("Europa unterm Hakenkreuz") und wichtige ungarische Titel, (Magyaroszag Törtenete, G. Ranki u. I. Berend).
Eine wissenschaftlich fundierte, nicht so sehr dem aktuellen politischen "Zeitgeist" verpflichtete Beschreibung der Schlacht um Budapest steht noch aus.

Martin Seckendorf

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