Diese von Kurt Pätzold edierte und eingeleitete Anthologie versammelt 62 kurze Texte oder Textauszüge von 24 Autoren und zwei Autorinnen (Clara Zetkin und Hannah Arendt) zum deutschen und italienischen Faschismus. Die Texte sind im Wesentlichen chronologisch geordnet; die Ausnahme bildet eine den Band abschließende Passage aus einem Aufsatz von Georg Lukács aus dem Jahre 1945. Der zeitlich früheste Text ist Amadeo Bordigas Rede auf dem 4. Komintern-Kongress, in der er im November 1922 erstmals die möglichen Folgen des faschistischen Machtantritts in Italien auf die internationale Arbeiterbewegung benannte, der zeitlich letzte Text entstammt Wolfgang Heises Buch Aufbruch in die Illusion von 1964.1

Die Mehrzahl der Äußerungen entstammt der Feder kommunistischer Politiker und Publizisten, wobei Stalins Gegnern Leo Trotzki und August Thalheimer der gebührende Platz eingeräumt wird. Auch Stalin selbst kommt zu Wort - mit seinem 1924 die "Generallinie" alsbald vorgebenden Diktum, wonach die Sozialdemokratie der Zwillingsbruder des Faschismus sei. Eine Reihe vorwiegend linker Sozialdemokraten, darunter Otto Bauer und Hermann Heller, aber auch eine Passage aus einem Neu Beginnen-Artikel sind ebenso wie Teile eines Aufsatzes von Filippo Turati aus dem Jahr 1928 abgedruckt. Unorthodoxe Denker wie Wilhelm Reich und Daniel Guérin fehlen ebenso wenig wie Ernst Fraenkel, Franz Neumann, Theodor Adorno, Max Horkheimer oder Harold Laski. Bei dem Stellenwert kommunistischer Faschismus-Analysen verwundert es jedoch, warum der Herausgeber ausgerechnet auf Textpassagen der beiden wichtigsten zeitgeschichtlichen Arbeiten des KPD-Exils verzichtet hat: auf Paul Merkers Deutschland - Sein oder Nicht-Sein? und auf das Gemeinschaftswerk von Gerhart Eisler, Albert Norden und Albert Schreiner The Lesson of Germany: A Guide to Her History. Auch hätten, um bei den Kommunisten zu bleiben, Auszüge aus Texten des deutschen Exils in England, etwa Alfred Meusels Arbeiten Fascism - fight it now oder Germany's Foreign Policy, hier durchaus ihren Platz gehabt.

Die meisten der ausgewählten Quellentexte, so sehr sie sich voneinander unterscheiden, liefern überzeugende Argumente für einen wissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs Faschismus. Von Italien ausgehend, verbreitete sich nach Mussolinis Staatsstreich vom Oktober 1922 der Faschismus als Massenbewegung über weite Teile Europas, besonders in jenen Ländern, die unter den desaströsen Wirkungen des Ersten Weltkrieges litten. Ungeachtet der Betonung vorgeblich nationaler Merkmale, die stets in einen wilden Nationalismus mündeten, war der Faschismus von Beginn an ein internationales Phänomen, wovon auch viele Querverbindungen seiner Organisationen zeugten. So hatte bereits 1923 Grigorij Sinowjew angesichts der deutschen Staatskrise betont, dass in Deutschland wie in Italien die Faschisten "sich die erregte Stimmung, die Unruhe und die Verzweiflung der kleinbürgerlichen Bevölkerungsschichten zunutze [machen], sie versuchten und versuchen, die Aufmerksamkeit des Volkes von den Fragen des inneren Kampfes auf die Frage nach dem äußeren Feind abzulenken"; im deutschen Fall gegen Frankreich. (S. 46)

Die Quellen bieten reichlich Anschauungsunterricht für den Klassencharakter des Faschismus. So betonte bereits Bordiga, der Faschismus sei "nicht der dunkelste Teil der Reaktion, sondern das Organ der erfahrensten, der klassenbewusstesten Teile der Bourgeoisie." (S. 39) Fast zur gleichen Zeit benannte der sozialdemokratische Journalist Giovanni Zibordi "die wahre klassische Bourgeoisie" als die Hauptkraft, "die das Proletariat aus seinen Schützengräben vertreiben will, [...] aber der Großteil der faschistischen Masse glaubt, an einem revolutionären Werk und an einer Tat der Erneuerung gegen jene ‚Bourgeois' [...] Anteil zu haben." (S. 41) Wilhelm Reich entlarvte 1933 die pseudorevolutionäre Demagogie der Faschisten, als er schrieb: "Ohne das Versprechen, den Kampf gegen das Großkapital aufzunehmen, hätte Hitler die Mittelschichten nie gewonnen. Sie verhalfen ihm zum Siege, weil sie gegen das Großkapital waren. Unter ihrem Drucke mussten die führenden Stellen zu antikapitalistischen Maßnahmen ansetzen, wie sie sie unter dem Drucke des Großkapitals wieder abstoppen mussten." Der Faschismus an der Macht werde, so Reich weiter, "zum extremen imperialistischen Verfechter und Festiger der großkapitalistischen Wirtschaftsordnung." (S. 77f.)

"Der charakteristische Zug der faschistischen Diktatur" aber sei, hieß es 1934 in der KPO-Zeitschrift Gegen den Strom, "die politische Verselbständigung der staatlichen Exekutivgewalt, der, um mit Marx zu sprechen, ,bürokratisch-militärischen Maschinerie', die das Wesen des bürgerlichen Staates ausmacht, die Befreiung dieser Maschinerie von jeder direkten Kontrolle durch die Bourgeoisie, ihre Parteien, ihr Parlament." (S. 83) Ähnlich hielt zwei Jahre später die Organisation Neu Beginnen fest: "Die Bourgeoisie hat Hitler nicht als ihren Angestellten vorgeschoben, sie hat ihm die wirkliche politische Macht überlassen, um die ökonomische behalten zu können. Nicht ihre Syndici, nicht ihre Vertreter im Kabinett machen die NS-Politik, sondern Hitler selbst, gestützt auf seine Partei. Und nicht, dass er eine vorgeschobene Figur ist, sichert ihre Klassenherrschaft, sondern dass dieser Partei etwas anderes als die Erhaltung der Klassenherrschaft ihrer Natur nach gar nicht in den Sinn kommen kann." (S. 101)

Pointiert schrieb Trotzki 1933: "Rettete die Sozialdemokratie die Bourgeoisie vor der proletarischen Revolution, so hatte der Faschismus seinerseits die Bourgeoisie vor der Sozialdemokratie zu retten. Hitlers Umsturz ist nur das Schlussglied in der Kette der konterrevolutionären Verschiebungen." (S. 72f.) Genau dies wurde den verfolgten Sozialdemokraten brutal bewusst gemacht. So schrieb Otto Bauer 1936: "Unter der faschistischen Diktatur üben Großkapital und Großgrundbesitz ihre Diktatur aus, indem sie sich der regierenden Kaste bedienen, die durch den Sieg des Faschismus zur Macht gelangt ist." Auch Bauer warnte vor einer Verwechslung von Massen- und Klassenbasis des Faschismus: "Der Faschismus hat der Kapitalistenklasse aller Länder gezeigt, dass eine entschlossene Minderheit wagemutiger Landsknechte genügen kann, das ganze Volk aller Freiheitsrechte, aller demokratischen Institutionen, aller selbständigen Organisationen zu berauben, die Arbeiterklasse völlig niederzuwerfen, eine kapitalistisch-militaristische Diktatur aufzurichten. Dieses Beispiel lockt zur Nachahmung auch dort, wo die Voraussetzungen des Sieges des Faschismus nicht dieselben sind wie in Italien und in Deutschland." (S. 103f.)

Der Begriff des Faschismus sei indes heute aus dem deutschen Wortschatz getilgt, so Kurt Pätzold in seiner Einleitung. Jeder spreche nur noch vom Nationalsozialismus und übernehme damit die demagogische Selbstbezeichnung der Nazis. Diese Wortwahl aber verschleiere den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus, auf den auch Max Horkheimer 1939 hingewiesen habe. Jede Analyse des Hitler-Regimes müsse mit der Frage nach dessen gesellschaftlichen Triebkräften beginnen, aber natürlich damit nicht enden. Die hier zusammengestellten Texte würden hingegen das Kind beim Namen nennen; die begriffliche Kennzeichnung des Faschismus als solchem sei Voraussetzung einer sachgemäßen Analyse.

Pätzold warnt vor "der inflationären Verwendung des Faschismusbegriffs", wie dies, sehr zum eigenen Schaden, die kommunistische Bewegung bis 1934 getan hatte. (S.17) Er kritisiert andererseits, dass nach dem bewaffnet erzwungenen Ende des faschistischen Regimes der Faschismus-Begriff "aus Deutschland, genauer aus Deutschland-West, erfolgreich deportiert worden" sei. "Die Erscheinung heißt wieder so, wie sie ihre Akteure einst tauften: Nationalsozialismus." (S. 13) Pätzold bringt das Beispiel eines Seminars an der Humboldt-Universität, in dem eine Studentin ernsthaft fragte, ob Carl von Ossietzky ein Kommunist gewesen sei, habe er doch den kommunistischen Begriff des Faschismus gebraucht, anstatt vom Nationalsozialismus zu schreiben.

Inwieweit dies repräsentativ für eine Lehrveranstaltung im heutigen Deutschland ist, kann hier nicht ohne Weiteres nachgeprüft werden. Ein Einzelfall dürfte eine solche Begebenheit nicht sein. Würde der Verfasser dieser Rezension, der zahlreiche Vorlesungen und Seminare zum Thema Faschismus an US-amerikanischen Hochschulen gehalten hat, seinen Kollegen oder Studenten dort erzählen, der Nationalsozialismus sei nicht Teil eines allgemeinen Faschismus gewesen, würde er auf Unverständnis stoßen oder schlicht ausgelacht werden. Die angelsächsische Forschung untersucht seit Langem die faschistischen Bewegungen in vergleichender Perspektive, und in jedem Buch wird unter dem Signum "International Fascism" Deutschland zentral behandelt. Wenn dort der Begriff "National Socialism" oder weit öfter schlicht "Nazism" zur Kennzeichnung der entsprechenden politischen und sozialen Ordnung dient, wird kein Zweifel an deren genuin faschistischem und imperialistischem Charakter gelassen - und zwar unter Marxisten wie unter Nicht-Marxisten. Auch in Berlin nehmen z. B. der Marxist Wolfgang Wippermann wie der liberale Historiker Arnd Bauerkämper, die beide an der Freien Universität lehren, einen Faschismus-Begriff zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Pätzold hat jedoch Recht mit der Feststellung, dass im Bereich der deutschen medialen Propaganda (die nicht mit der Bildungsarbeit zu verwechseln ist) der Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus möglichst unbelichtet bleiben soll.

Mario Keßler, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam.

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])