Geoff Eley, Nazism as Fascism. Violence, Ideology, and the Ground of Consent in Germany 1930-1945, London und New York: Routledge, 2013, X + 233 S., 24,99, US-$ 39,95, ISBN 978-0-415-81263-4 (Paperback).


Der an der US-amerikanischen University of Michigan lehrende Brite Geoff Eley gehört zu den international wichtigsten Historikern sowohl der neueren deutschen Geschichte wie der Geschichte der Arbeiterbewegung. Bekannt wurde er schon vor über dreißig Jahren, als er zusammen mit seinem Kollegen David Blackbourn die auch im vorliegenden Buch als damals "herrschende Orthodoxie" bezeichnete Sonderwegs-These der deutschen Geschichte in Frage stellte. (S. 1)

Es ging um die Frage, ob das deutsche Kaiserreich nach 1871 eine Abweichung von der westlichen Moderne oder eine spezifische Form bürgerlicher Klassenherrschaft gewesen sei. Eley und Blackbourn widersprachen Hans-Ulrich Wehlers Auffassung, wonach das Kaiserreich als Obrigkeitsstaat im Widerspruch zur bürgerlichen Moderne stünde und sein spezifischer Sozialimperialismus vor allem die Klasseninteressen des militarisierten Adels zum Ausdruck gebracht habe.1

Eley und Blackbourn sahen darin eine indirekte Rehabilitierung des deutschen Kapitalismus, dessen Verantwortung für die Militarisierung der Gesellschaft, die Expansions- und schließlich die Kriegspolitik zu Lasten der Junkerklasse verkleinert werde. Die britischen Historiker betonten, auch in Deutschland sei die bürgerliche Revolution letztlich erfolgreich gewesen; der Kompromiss nach 1848/49 habe das Großbürgertum nicht daran gehindert, sich zur Klasse der Imperialisten fortzuentwickeln. Ein Bewusstsein an Volkssouveränität sei aber kaum entstanden. Der Obrigkeitsstaat, der die organisierte Arbeiterbewegung von der politischen Mitgestaltung ausschloss, sei ein Ausdruck bürgerlich-imperialistischer Politik gewesen; Bismarcks "Revolution von oben" habe die Entfaltung des Großkapitals unter den spezifischen Bedingungen des preußisch-deutschen Militarismus keineswegs gehemmt, sondern gefördert. Dem habe die nur halbe Parlamentarisierung des Kaiserreiches Rechnung getragen. Das beinahe exklusive Recht des Adels auf höchste Posten in Militär und Diplomatie, zu der das Bürgertum nur beschränkten Zugang hatte, sei eine Insel des Privilegs der vormodernen Herrscherklasse im Zeitalter des Imperialismus geblieben.2

Die Kenntnis dieser Debatte ist auch zum Verständnis von Geoff Eleys neuem Buch nötig. Es enthält sieben zumeist bereits publizierte, hier jedoch überarbeitete längere Aufsätze mit folgenden Titeln: "Origins, Post-Conservatism, and 1933: Nazism as a Breach"; "Driving for Rule, Extracting Consent: Bases of Political Order under Fascism"; "The Return of Ideology: Everyday Life, the Volksgemeinschaft, and the Nazi Appeal"; "Missionaries of the Volksgemeinschaft: Ordinary Women, Nazification, and the Social"; "Empire, Ideology, and the East: Thoughts on Nazism's Spatial Imaginary"; "Putting the Holocaust into History: Genocide, Imperial Hubris, and the Racial State"; "Where are We Now with Theories of Fascism?"

Die Diskussion all dieser Gesichtspunkte, so wichtig sie ist, würde aber den Rahmen einer Rezension sprengen. Hier soll deshalb die von Eley, wie der Buchtitel deutlich macht, als zentral gesehene Frage beleuchtet werden: Ist das Nazi-Regime als "nationalsozialistisch", als spezifisch deutsche Variante "totalitärer Herrschaft" oder als Teil einer internationalen Entwicklung zu begreifen, die einen generalisierenden Faschismus-Begriff rechtfertigt? Eley plädiert nachdrücklich für die zweite Variante; seine Argumente verdienen hier vorgestellt zu werden. 3 Dies auch deshalb, weil das mit ausführlichen Fußnoten versehene Buch eine gute Einführung in den Stand der Diskussion unter angelsächsischen Wissenschaftlern bietet. Die deutschen Debatten treten dabei zurück, die Auseinandersetzung mit Wehler gilt für Eley als abgeschlossen.

Stattdessen setzt er sich mit neueren englischsprachigen Arbeitern auseinander, die nach seiner Auffassung die Verantwortung der Junker für die blockierte Demokratisierung der deutschen Gesellschaft überbetonen. Er kritisiert auch den an der britischen Lancaster University tätigen Thomas Rohrkramer für die, so Eley, konstruierte Linie eines allzu bruchlosen "single communal faith", also des Volksgemeinschafts-Gedankens, von der politischen Romantik über den "Burgfrieden" von 1914 bis hin zur Nazi-Ideologie.4 Solche und ähnlich unscharfe Konstrukte, denen auch Daniel Goldhagen huldige, verstellten jedoch den Blick auf die spezifischen historischen Bedingungen der Nachkriegskrise 1918 bis 1923, unter denen sich im kriegsbesiegten Deutschland eine radikal antiwestliche wie antikommunistische Rechte habe konstituieren können, auch wenn deren Griff nach der Macht zunächst noch scheiterte.

Eley fordert energisch eine Sichtweise ein, die den Holocaust nicht nur aus antijüdischer Ideologie heraus begreift, sondern ihn mit imperialistischer Raubpolitik, besonders in Osteuropa, in Zusammenhang bringt. In diesem Sinne sollten die beiden Abschnitte über "Empire, Ideology, and the East" und "Putting the Holocaust into History" als zusammen gehörige Argumentation gelesen werden. Die neue Form einer Massenmobilisierung der Gesellschaft, nicht zuletzt von Frauen, sei Voraussetzung wie Bestandteil der ständig eskalierenden Eroberungs- und Ausrottungspolitik des Naziregimes gewesen. Hier sei eine prinzipielle Übereinstimmung - wenngleich keineswegs völlige Identifikation - der Interessen von Bank- und Industriekapital, Militärführung und Nazi-"Elite" bis zu dem Zeitpunkt gegeben gewesen, an dem die Weltherrschaftspläne des Regimes zum Fiasko gerieten und in die Selbstzerstörung mündeten. Dabei grenzt sich Eley von marxistisch-leninistischer Sichtweise ab, die er als Agenten-Theorie sieht, was aber für die Forschung der Jahre ab etwa 1980 nur noch bedingt galt. 5

Der Faschismus habe gemeinsame wie nations-spezifische Merkmale hervorgebracht. Zu ersteren zählten nach Geoff Eley wie Jeffrey Herf6 die Fähigkeit zur "reaktionären Modernisierung" der Gesellschaft wie der Herrschafts- und Propagandatechniken mitsamt der "Kolonisierung des Alltagslebens." (S. 213) Hierzu gehöre auch die radikal-imperialistische (oder bei kleineren faschistischen Regimes, die regional-hegemoniale) Politik. Diesem "faschistischen Minimum" stünden nationale Besonderheiten wie der Ausprägungsgrad an Antisemitismus oder überhaupt Rassismus gegenüber. (S. 211)

Eine moderne Theorie des Faschismus müsse "in bewährter marxistischer Weise" (S. 215) vom Primat der Ökonomie ausgehen, von der Unterwerfung aller Lebensbereiche unter die Interessen des den Faschismus stützenden Kräften sowie seinen Nutznießern. Dies beginne, aber ende nicht mit den verschiedenen Komponenten der kapitalistischen Klasse. Diese Klasse verfüge heute, und dies gelte besonders für die Vereinigten Staaten, über weit flexiblere Methoden der Sicherung und Durchsetzung hegemonialer Interessen als im "klassischen" Zeitalter des Faschismus. Die damals angewandten brutalen Mittel stünden aber im Hintergrund zur Verfügung und seien bei einer gesamtgesellschaftlichen Krise durchaus abrufbar. Eine solche Krise sei zwar derzeit keine Realität, doch würde die - gewollte - Lähmung demokratischer Institutionen in diese Richtung weisen. Die globalen Klima- und Umweltprobleme, die im Rahmen einer profitorientierten Wirtschaft immer schwerer zu meistern seien, würden, so Eleys Warnung, die Versuchung nach autoritären Steuerungsmechanismen wachsen lassen. Die "konterrevolutionären Projekte" der Zwischenkriegszeit seien nicht in der Schublade der Geschichte verschwunden; es gelte, wachsam zu sein.

Wer sich mit dem Faschismus im Interesse seiner Erklärung und Überwindung befasst, kommt um Geoff Eleys Buch nicht herum.

Mario Keßler, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam.

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