Berno Bahro: Der SS-Sport. Organisation-Funktion-Bedeutung, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 2013, 327 S., ISBN 978-3-506-77288-6, 44,90 EUR.


Wer meinte, über die SS sei bereits alles gesagt und geschrieben worden, muss sich nach der Lektüre dieses Buches korrigieren. Eine systematische Untersuchung zur Rolle und Funktion des Sports in der nazistischen "Elite"-Organisation lag nämlich bisher nicht vor. Berno Bahros Untersuchung schließt diese Lücke in überzeugender Weise. Das Buch ging aus einer von Hans-Joachim Teichler betreuten Potsdamer Dissertation hervor, was leider nirgendwo vermerkt ist.

Bahro nimmt die Gesamtgeschichte der SS von ihrer Gründung 1925 bis zum ruhmlosen Ende 1945 in den Blick und kann somit den Funktionswandel des Sports innerhalb der Organisation wie deren sich verändernden Stellenwert im Nazistaat diskutieren. Der Sport spielte als Teil der so bezeichneten "Auslese" bei der Rekrutierung der SS-Mitglieder stets wichtige Rolle, seine Funktion wandelte sich jedoch im Laufe der Jahre.

In ihren Anfangsjahren, die das erste Kapitel behandelt, war die SS unter Leitung von Erhard Heiden als Teil der SA auch im sportlichen Bereich durch deren Erfordernisse geprägt. Den Kern der Ausbildung bildeten militärsportliche und Nahkampfübungen. Mit Heinrich Himmlers Ernennung zum "Reichsführer SS" im Jahre 1929 pochte die SS zunehmend auf Eigenständigkeit. Obwohl Himmler zunächst keineswegs sportinteressiert war und nur durch Mogelei die Bedingungen zum Erwerb des Reichssportabzeichens erfüllte, begriff er den Sport als ein geeignetes Mittel, um die Rolle der SS innerhalb des Systems der Naziorganisationen aufzuwerten. Vom Erwerb des Sportabzeichens hingen Befo¨rderungen und sogar die Heiratserlaubnis für SS-Männer ab. Doch noch galt der Sport eher als Mittel zur "Heranzüchtung" geeigneter SS-Kader wie zur Förderung des Binnenklimas innerhalb der Organisation denn als Teil politischer Repräsentation nach außen. Dies änderte sich zunächst nicht nach dem 30. Januar 1933.

Die blutige Ausschaltung der SA-Führung um Ernst Röhm am 30. Juni 1934 aber führte zur Aufwertung der SS, die sich in diesem Gemetzel besonders "hervorgetan" hatte. Sie wurde nun auch offiziell aus der SA herausgelöst und zum Hitler direkt unterstellten Elitekorps. Damit änderte sich auch die Haltung der SS-Oberen zum Leistungssport, der bisher als "bürgerlich-individualistisch" galt. Noch immer blieb zwar der Breitensport ein zentrales Element der allgemeinen SS-Ausbildung. Doch entwickelte die SS auch ein neues Sportkonzept, das im Mittelpunkt des zweiten Kapitels des Buches steht. Im Vorfeld des Olympiajahres 1936 sollte die Organisation zu einer führenden Komponente des deutschen Sports werden. Nun sollten SS-Männer auch als Olympiakämpfer ihr Elitebewusstsein national und international herausstreichen. Die Vorbereitung von SS-Sportlern auf die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin behandelt das dritte Kapitel.

Doch nur sechs SS-Angehörige schafften den Sprung in die Olympiamannschaft. Im Rudern, Hockey und Wasserball gelangen ihnen als Teil erfolgreicher Teams vier Medaillengewinne. Die beiden Einzelstarter aber blieben ohne vordere Platzierung. Im Jahre 1937 wurde deshalb ein SS-Hauptamt für Leibesübungen unter Leitung von Richard Herrmann geschaffen. Zudem unternahm die SS große Anstrengungen zur Einrichtung eigener Leistungszentren, in denen ihre Medaillenkandidaten für die Olympischen Spiele 1940 herangebildet werden sollten.

Solche Leistungszentren wurden vornehmlich für den Fecht- und den Reitsport errichtet. Ihnen sind das vierte und fünfte Kapitel gewidmet. Beide Sportarten galten in Deutschland und darüber hinaus als Domäne der Herrscherklassen. Pikant war jedoch, dass vor allem in Ungarn, der Weltmacht im Säbelfechten, das Nationalteam zu einem guten Teil aus Juden bestand. Der Beruf des Fechtlehrers war traditionell einer der wenigen Professionen gewesen, die Juden schon im 19. Jahrhundert offen gestanden hatten. Bahro erwähnt dies kurz auf S. 209, sagt aber nichts über das Verhalten der SS-Fechter bei den zahlreichen internationalen Vergleichskämpfen mit Ungarn, wenn sie mit jüdischen Kontrahenten den Sportlergruß auszutauschen hatten. Auch ein vergleichender Blick auf Italien, wo (neben dem Fußball) gerade diese beiden Sportarten eine besondere Förderung erfuhren, wäre hier möglich gewesen.

Himmlers Stellvertreter Reinhard Heydrich, selbst ein sehr guter Fechter, war besonders um den Fechtsport bemüht, SS-Gruppenführer Hermann Fegelein war Förderer des Reitsports und besonders der SS-Reiterstandarten. 1937 gewann er das Deutsche Spring-Derby. Schon der zweifache Dressur-Olympiasieger Carl-Friedrich von Langen hatte sich als Sturmbannführer für die rasche Eingliederung der ländlichen Reitvereine in die SA eingesetzt. Nach seinem Tod im Jahre 1934 infolge eines Reitunfalls wurde er - so im Film "Reitet für Deutschland" (1941) - zum Idol aufgebaut. Seine Biographie galt vor allem in der SS als Vorbild. Zudem rüstete Fegelein die SS-Angeho¨rigen im Konkurrenzkampf mit den Reitern der Wehrmacht geradezu auf, wie Bahro im Detail festhält. Die Untersuchung stellt eine sehr willkommene Ergänzung zur unmittelbar vor Bahros Buch erschienenen Studie von Nele Maya Fahnenbruck, "...reitet für Deutschland". Pferdesport und Politik im Nationalsozialismus, Göttingen 2013, dar. Mitunter offen bleibt die Frage nach der Finanzierung solcher Aktivitäten. Hier setzt wohl das Archivmaterial, das Bahro intensiv ausgewertet hat, der Schilderung Grenzen.

Das sechste und letzte Kapitel behandelt den SS-Sport im Zweiten Weltkrieg. Heydrich, der immer mehr zur Schlüsselfigur und zum Konkurrenten von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten wurde, suchte vergeblich den Internationalen Fechtverband, dessen wichtigste Mitgliedsländer Verbündete oder Satelliten Hitlers waren, unter Kontrolle zu bringen. Heydrichs Ermordung am 4. Juni 1942 zog auch die Aktivitäten des SS-Sports in Mitleidenschaft, zumal immer mehr SS-Angehörige zum Kriegs- und Morddienst abgestellt wurden. Bahro zeigt eindrücklich den Anteil von SS-Sportlern oder -Sportfunktionären an den Kriegsverbrechen. Das blutige Finale des SS-Sports war die Hinrichtung Fegeleins als angeblichem Deserteur durch Hitler, seinem angeheirateten Schwager, am 29. April 1945. An Fegelein, der im "Ostkrieg" zahllose Verbrechen verübt hatte, erfüllte sich die von den Nazi-Machthabern bis zuletzt propagierte "Sendung", entweder zu siegen oder im Sterben alles mit sich zu reißen.

Mario Keßler, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam.

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