Rolf-Dieter Müller, An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" 1941-1945, Fischer Taschenbuchverlag Band 18150, Frankfurt am Main 2010, 279 Seiten, 14,95 €, ISBN 978-3-596-18150-6.


Am 22. Juni 1941 fiel Deutschland wortbrüchig über die UdSSR her. An der riesigen Front zwischen Eismeer und Schwarzem Meer entbrannten die blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges, entschied sich das Schicksal vieler Völker und Staaten
Mit dem Überfall sollten die seit dem Ersten Weltkrieg von deutschen Macht- und Einflußeliten jenseits aller tagespolitischen Wendungen verfolgten Pläne für die Errichtung eines deutschen Kolonialimperiums bis zum Ural und Mittelasien sowie für die Vernichtung der Sowjetunion als staatlicher Basis des Weltsozialismus verwirklicht werden.
Für den als Blitzkrieg konzipierten Eroberungsfeldzug stand die bis dahin größte Streitmacht der Weltgeschichte bereit. Insgesamt über 3 Millionen deutsche Soldaten wurden für den "Ostfeldzug" aufgeboten.
Der Wehrmacht folgten starke Kontingente der Verbündeten und Vasallen. Außerdem wurden viele Hunderttausend Menschen aus allen besetzten Gebieten als Hilfskräfte der Wehrmacht in geschlossenen Einheiten zum Kampf gegen die Sowjetunion und zur "Befriedung" der okkupierten Gebiete eingesetzt.
Die Analyse und Bewertung dieses Einsatzes von Ausländern an der Seite der deutschen Aggressoren ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit Müllers. Er ist als Leitender Wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr einer der einflussreichsten Historiker dieses Landes.
"Erstmalig" werde, so das Vorwort, "der ganze Komplex des Einsatzes" nichtdeutscher Helfer der Wehrmacht im Krieg gegen die UdSSR beschrieben. Müller bietet eine Fülle von Details zur Bildung, zur Verwendung und zum Schicksal jeder Gruppe der nichtdeutschen Soldaten und Hilfskräfte. Ein Nachschlagewerk zu schaffen, war offensichtlich seine Absicht. Bei den Fakten geht Müller nicht wesentlich über ältere Arbeiten hinaus. Zu nennen wäre u.a. Hans Werner Neulens Buch "An deutscher Seite" aus dem Jahr 1985, das allerdings starke apologetische Züge trägt.
Das "Thema der Freiwilligen für den ´Kreuzzug gegen den Bolschewismus´", darauf weist Müller hin, gehört zum Standartrepertoire "einer faschistischen Internationale, die immer noch aktiv ist"(S.8f). Schon aus diesem Grund ist der Gegenstand einer tiefgründigen Betrachtung Wert.
Müller gibt zunächst einen Überblick über die deutsch-sowjetischen Beziehungen im Kontext der deutschen Weltherrschaftspläne bis zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939, den darauf fußenden Abkommen über die Aufteilung der Interessensphären in Osteuropa, den Überfall der Wehrmacht auf Polen und der Einmarsch der Roten Armee in die Ostgebiete Polens ab 17. September 1939 - hauptsächlich in jene Gebiete, die Polen nach dem Ersten Weltkrieg der werdenden Sowjetunion entrissen hatte und in denen die Bevölkerungsmehrheit von Litauern, Juden, Weißrussen und Ukrainern von der polnischen Oberschicht und Bürokratie benachteiligt worden war. Von diesen Menschen, so Müller, seien die sowjetischen Streitkräfte 1939 "teilweise begrüßt" worden.(S.182). Danach skizziert er den Verlauf des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, des vier Jahre währenden deutsch-sowjetischen Krieges und die deutsche Besatzungspolitik.
In dem einleitenden Kapitel wird die geschichtsphilosophische Konzeption Müllers deutlich. Hitlerzentrismus, verbunden mit einer extremen und "erweiterten" Totalitarismusdoktrin bestimmen die gesamte Darstellung. Der Krieg sei ausschließlich Hitlers Krieg gewesen. Für Müller sind nicht wie bei "normalen" Anhänger der Totalitarismusdoktrin Faschismus und Kommunismus gleich. In der vorliegenden Arbeit erscheint, oft ohne Beleg oder gestützt auf obskure Quellen, der Bolschewismus viel schlimmer als der Nazismus (u.a. S. 12, 18, 20).
Danach wendet sich Müller den einzelnen Gruppen der gegen die Sowjetunion kämpfenden nichtdeutschen Kräften zu.
Militärisch nennenswerte Beiträge im Krieg gegen die SU leisteten vor allem in der Anfangsphase die Verbündeten und Vasallen Deutschlands - Finnland, Rumänien, Ungarn, Italien und mit Abständen Slowakei, Spanien und Kroatien. Müller meint, die Nazi-Führung sei an dieser Unterstützung nicht sonderlich interessiert gewesen. Doch schon die "Weisung Nr. 21 `Fall Barbarossa`" vom 18. Dezember 1940 zum Überfall auf die SU legte fest, Finnland und Rumänien aktiv einzubeziehen, jedoch unter deutschem Oberbefehl. Bei den anderen Verbündeten war man der Meinung, ihr Einsatz sei nicht nötig, da der Krieg nur wenige Wochen dauern werde. Ihre Beteiligung könnte sie veranlassen, so die Auffassungen der Nazi-Führer, Ansprüche beim Teilen der Beute zu stellen, die Berlin nicht bereit war, zu erfüllen. Deshalb wehrte sich die deutsche Führung anfänglich sogar dagegen, den Krieg gegen die SU als "europäischen Kreuzzug gegen den Bolschewismus" zu kennzeichnen, wie dem Protokoll der Kriegszielkonferenz der Spitzennazis am 16. Juli 1941 zu entnehmen ist.
Zu keiner Zeit war die Naziführung zu echter Koalitionskriegsführung bereit. Die verbündeten Soldaten wurden nicht als gleichwertige und gleichberechtigte Partner behandelt. Sie waren schlechter ausgerüstet, ausgebildet und weniger motiviert als die Wehrmacht. Bei den seit Ende 1942 begonnen Großoffensiven der Roten Armee erlitten sie große Verluste. Die Wehrmachtsführung gab ihnen die Schuld an den Niederlagen. Ihr "Versagen", so die allgemeine Auffassung, sei "rassebedingt". Die schweren Verluste förderten die spätestens seit Stalingrad verfolgten Pläne der "Partner"-Ländern, das Bündnis mit den Deutschen zu verlassen. Die Naziführung sah den Ausweg aus der Krise nicht in partnerschaftlicher Kooperation, sondern in der Bekräftigung des deutschen Führungsanspruchs und in der Bereitschaft, die Bündnisloyalität mit militärischen Mitteln zu erzwingen. Gegen Finnland, Rumänien, Ungarn und Italien wurden seit Mitte 1943 Pläne entworfen, um mit Gewalt einen Frontwechsel zu verhindern.
Die Behandlung der Partner ist ein Indiz für die prinzipielle Bündnisunfähigkeit faschistischer Regime. Bei Müller ist dieses hochkomplexe, für den Verlauf des Krieges wichtige Thema kaum ausgeleuchtet.
Von Beginn des Krieges an versuchten die Nazis, in allen besetzten Gebieten Hilfskräfte für den Kampf gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Beeindruckende Zahlen legt Müller für die besetzten Gebiete in der Sowjetunion vor, schränkt aber ein, dass die Zahlen "nicht in jedem Falle als gesichert gelten können".(S. 243). Sicher gab es vor allem in jenen Gebieten, die erst 1940 Bestandteil der Sowjetunion geworden waren, aus vielen Gründen bei einem größeren Teil der Bevölkerung Bereitschaft zur Kollaboration. Doch so "freiwillig" wie die Darstellung suggeriert, war der massenhafte Einsatz sowjetischer Staatsbürger offenbar nicht. In den besetzten baltischen Sowjetrepubliken wurde auf Druck der Deutschen durch die Kollaborationsverwaltungen die allgemeine Dienstpflicht eingeführt. Die so jahrgangsweise Zwangsgemusterten wurden entweder zur Zwangsarbeit oder zum Waffendienst für die Deutschen eingeteilt.
Ein bedeutendes Reservoir für die Gewinnung von Hilfskräften waren für die Deutschen die gefangenen Rotarmisten. Die Kriegsgefangenen standen vor der Wahl, die eigentlich keine war, entweder wie Millionen ihrer Genossen in den Lagern zu krepieren oder über den Dienst in deutschen Einheiten eine zeitweilige Überlebenschance zu erreichen. Müller erwähnt die Werbungen in den Kriegsgefangenenlagern, weist aber nicht auf die skrupellose Ausnutzung der von den Deutschen herbeigeführten katastrophalen Situation in den Lagern hin.
Die Staaten der Anti-Hitler-Koalition und die nach der Befreiung gebildeten Regierungen in den betroffenen Ländern haben zu Recht diese Art der Kollaboration als Landesverrat bewertet. Schuldig haben sich nach völkerrechtlichen Maßstäben aber auch jene deutschen Offiziere wie beispielsweise der spätere Bundesvertriebenenminister Oberländer gemacht, die in den Lagern kriegsgefangene Rotarmisten zum Waffendienst gegen ihren Staat nötigten. Eine Betrachtung völkerrechtlicher Aspekte des Einsatzes nichtdeutscher Kräfte aus den besetzten Gebieten hat Müller nicht vorgenommen.
Der Band ist reich illustriert. In den Text eingestreute Karten erleichtern die geografische Orientierung. Die Literaturliste ist selbst unter dem Aspekt, dass nur ein Nachschlagewerk geplant war, lückenhaft. So fehlt u.a. die für die Geschichte der deutschen Politik in allen besetzten Gebieten noch immer unverzichtbare achtbändige Dokumentenedition "Europa unterm Hakenkreuz" und der in der DDR erschienene Sechsbänder "Deutschland im Zweiten Weltkrieg".

Martin Seckendorf

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