Almut Greiser, Der Kommandant. Ein NS-Täter in der Erinnerung von Überlebenden. Aufbau Verlag. Berlin. 2011. 351 S. ISBN: 978-3-351-02731-5.


Der Historiker Wolfram Wette, Mitbegründer des Arbeitskreises Historische Friedensforschung, resümiert einleitend (S.9-24), die Bilanz der strafrechtlichen Verfolgung von NS-Tätern. Alliierte Gerichte verurteilten 1945 bis 1949 in den Westzonen etwa 5.000 Täter. Sie fällten mehr als 800 Todesurteile, von denen über die Hälfte vollstreckt wurde. Vom ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik an, stagnierte die nunmehr in ihren Händen liegende Verfolgung von NS-Verbrechen, und die erst in der zweiten Hälfte der 50er Jahre eingerichtete "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen für die Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen" hatte ursprünglich zwar die Aufgabe insbesondere rassistisch motivierte NS-Verbrechen aufzuklären, nicht aber Justizverbrechen, bis 1966 auch keine Kriegsverbrechen. Insgesamt kam es zwischen 1945 und 2005 zu Ermittlungsverfahren gegen insgesamt 172.000 Verdächtige, und zu Gerichtsurteilen in 14.000 Fällen. Lediglich 6.656 Angeklagte wurden für schuldig befunden und verurteilt, darunter 1.147 wegen Tötungsdelikten und 172 wegen Mord zum Tod oder zu lebenslänglicher Haft. Die Täter aus dem Reichssicherheitshauptamt, der Terrorzentrale von Gestapo, SD u.a. sind überhaupt nicht zur Verantwortung gezogen worden (sie amtierten vornehmlich in den Polizei- u.a. Behörden der BRD).
1986 bis 1992 wurden lediglich 9 Angeklagte wegen ihrer Verbrechen verurteilt, unter ihnen Josef Schwammberger, als SS-Oberscharführer u.a. Kommandant des KZ Przemysl und eines "Arbeitslagers" im nahegelegenen Rozwadow, das Zwangsarbeiter für einen im nahegelegenen Rüstungsbetrieb zu Stalowa Wola stellte. Der Prozessbeobachter Heribert Prantl stellte zu Schwammberger und seinesgleichen fest: "Furchtbar ist nicht, dass heute, nach 60 Jahren, noch Prozesse geführt werden. Furchtbar ist, das der Staat sechzig Jahre lang so unerhört säumig war." Auch noch Jahre danach, 2010/11, finden (z.B. gegen Iwan Demjanjuk) Strafprozesse statt, da Mord nicht verjährt, und NS-Täter werden nach wie vor staatslicherseits gedeckt (wie z.B. Klaas Faber).
Der Prozess gegen Schwammberger (vor dem Schwurgericht in Stuttgart 1991/92) wurde von der Literaturwissenschaftlerin Almut Greiser ausführlich dokumentiert. Sie stenographierte aus eigenem Antrieb u.a. die Aussagen von 40 überlebenden Tatzeugen, während das Gericht lediglich ein Beschlussprotokoll ausfertigte.
Almut Greiser zeichnet tatsachengetreu die Biographie Josef Schwammbergers (Jg. 1912) nach (S. 25-34) und skizziert den historischen Hintergrund des Prozesses (S. 35-49) gegen ihn. Faksimiles und historische Fotos (S.I-XXIV) veranschaulichen dieses Thema.
Detailliert schildert die Autorin die Orte des Verbrechens, insbesondere die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung und die Beziehung zwischen Juden und deutschen Machthabern, unter denen Schwammberger sich als Exzessivtäter hervortat (S. 50-86). Auf die Analyse der Protokolle der Tatzeuginnen und Tatzeugen (S. 87ff) folgt die Dokumentation der Hauptverhandlung des Prozesses gegen Schwammberger aus der Sicht der Opfer (S. 163-302). Der Anhang (S. 303-351) erschließt Prozessdokumente wie Anklageschrift, Plädoyers der Pflichtverteidiger, Schlusswort des Angeklagten und das Protokoll der Urteilsverkündung. Schließlich enthält der Band auch Auszüge aus der Vernehmung Schwammbergers im Mai 1947, da er bereits damals, seiner Verbrechen wegen, vor dem Bezirksgericht Kufstein abgeurteilt worden war, sich jedoch der Strafe durch Flucht auf der "Rattenlinie" nach Argentinien entzogen hatte.

Gerd Kaiser

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