Terje Halvorsen, Historie, politikk og polemikk. Utvalgte essays om historiske stridsspørsmål
(Geschichte, Politik und Polemik. Ausgewählte Essays über historische Streitfragen), marxist forlag, Oslo 2010, 248 S., ISBN: 978-82-997552-8-3.

Die vorliegende Essaysammlung erschien anlässlich des 70. Geburtstages des norwegischen Historikers Prof. Terje Halvorsen. Sie enthält neue, bisher nicht veröffentlichte wie auch ältere, bereits publizierte Beiträge, die sowohl die Breite als auch die Schwerpunkte von Terje Halvorsens Forschungen widerspiegeln. Neben den wissenschaftlichen Leistungen bringt der Band - insbesondere die ersten beiden Beiträge - dem Leser auch die gesamte Persönlichkeit des Jubilars näher.


Der Jubilar Prof. Dr. Terje Halvorsen

Eine ausschlaggebende Rolle für die Entscheidung, Historiker zu werden, spielte für Terje Halvorsen sein Interesse an Politik. Politik und Geschichte gehörten für ihn stets zusammen und seit frühester Jugend interessierte er sich für beides. Den Beginn seiner Laufbahn als professioneller Historiker datiert er auf den September 1963, als er sich im Zug nach Berlin befand.
Als Mitglied des Kommunistischen Studentenverbandes und des Kommunistischen Jugendverbandes Norwegens war es kaum verwunderlich, dass es Terje Halvorsen zum Studium in die DDR zog. Sein Studienaufenthalt in Leipzig prägte ihn in vieler Hinsicht. Er machte nicht nur Bekanntschaft mit den Vorzügen und Nachteilen des "Realsozialismus", sondern auch mit der marxistischen Geschichtsschreibung und der DDR- Kultur - beides prägte seinen weiteren Lebensweg entscheidend mit. Seine Studien setzte er dann in Oslo fort. Von 1976 bis zu seiner Pensionierung 2007 war er am Institut für neueste Geschichte der Hochschule in Lillehammer tätig. Er unterrichtete ein breites Spektrum von historischen Themenkomplexen zur norwegischen und Weltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ebenso breit gefächert waren seine Forschungsschwerpunkte.
Auf Grund seines politischen Hintergrundes interessierte sich Terje Halvorsen besonders für die Geschichte des Sozialismus und Kommunismus. Davon ausgehend erschloss er sich weitere Forschungsfelder, kehrte aber immer wieder zu seiner Anfangsthematik zurück.
Der Band beginnt mit einer Schilderung des "Lebens als Historiker" durch den Jubilar selbst, in dem er vor allem auf seine Studienzeit, die Forschung und den akademischen Unterricht zurückblickt. Anschliessend würdigen seine Kollegen Inger Bjørnhaug und Finn Olstad unter der Überschrift "Mit Emperie und Engagement" die Lebensleistung von Terje Halvorsen. Besondere Wertschätzung erfährt das soziale und politische Engagement des Historikers Halvorsen. Er wird zu Recht als "nüchterner Empiriker und ein Apostel der Sachlichkeit" (S. 21) charakterisiert. Hervorgehoben wird seine herausragende Fähigkeit zu erklären und zu vermitteln, aber auch seine scharfe Kritik an Geschichtsdarstellungen, die aus seiner Sicht falsch oder tendenziös sind. Das zeigt sich immer wieder speziell in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Sozialismus/Kommunismus. Zu seinen größten Verdiensten gehört die Erforschung der Geschichte der Norwegischen Kommunistischen Partei (NKP), die seine Gesamttätigkeit als Forscher wie ein roter Faden durchzieht.
Ausgehend von der Geschichte der NKP erschloss er sich weitere Forschungsgebiete. Dazu zählen die Geschichte der deutschen Okkupation in Norwegen während des Zweiten Weltkireges und die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung seines Landes in der Nachkriegszeit. Hier leistete Terje Halvorsen im wahrsten Sinne des "Wortes "Pionierarbeit".
1996 erschien sein Buch "Zwischen Moskau und Berlin. Die NKP während des Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunon und Deutschland 1939-1949". Neben diesem Buch verfasste Halvorsen zum gleichen Thema auch eine Reihe von Artikeln - von größeren Beiträgen bis hin zu Debatten- und polemischen Artikeln. In ihnen setzt er sich mit gängigen Mythen auseinander und widerlegt u.a. überzeugend die Behauptung, dass der kommunistische Widerstand in Norwegen erst nach dem 22.6.1941, also nach dem Überfall auf die Sowjetunion, begann.
Das spiegelt sich in der Festschrift u.a. in den Artikeln "Der kalte Krieger über den Kriegseinsatz der Kommunisten. Haakon Lie und die Kriegsgeschichte der NKP 1939-1945" und dem historischen Abriss "Die Geschichte der Okkupation und die unbequemen Kommunisten" wider.
Ausgehend von diesen Forschungen widmete sich Terje Halvorsen der Arbeit der kommunistischen Gewerkschaften in der Zeit der Okkupation. Zu dem Themenkreis Okkupation und Widerstand enthält die Festschrift eine Reihe von Beiträgen. In "War Norwegen im Krieg?" reflektiert Halvorsen das Kapitulationsabkommen vom 10. Juni 1940. In "Die Erzählung eines Preisträgers" beschäftigt er sich mit Roy Jacobsen und der Gewerkschaftsopposition von 1940, in dem er sich kritisch mit der Biografie von Tryggve Bratteli aus der Feder von Jacobsen auseinandersetzt, für die der Autor 2005 den Preis des Gyldendal-Verlages erhalten hat. Der Angriff von Erling Fossen auf die norwegische Widerstandsbewegung 1940-1945 wird unter der Überschrift "Eine merkwürdige Debatte" kommentiert. Erling Fossen hatte in einer Chronik in der Zeitung "Aftenposten" im Dezember 2008 von einer angeblich aufgebauschten "Glorifizierung des Widerstandes" gesprochen. "Die Zahlen der Heimatfront und die Zahlen der Okkupationsforscher. Die Aktion der Eltern im Frühjahr 1942" ist der Versuch von Halvorsen, seine Auffassung zur Unterschriftenaktion norwegischer Eltern darzulegen und zu begründen. Im März 1942 war eine Unterschriftensammlung unter Eltern als Protest gegen ein Gesetz des NS-Regimes, nachdem Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren in der NS-Jugendorganisation dienen sollten, begonnen worden.
In "Eine unterschätzte Rolle" setzt sich Halvorsen mit der Rolle der Deutschen Arbeitsfront bei den Versuchen, die norwegische Gewerkschaftsbewegung zu nazifizieren, auseinander.
Mythen und Fakten zur norwegischen Okkupationforschung behandelt Halvorsen in "Eine notwendige Aufarbeitung". Ausgangpunkt für Halvorsens Polemik sind u.a. Äußerungen von E. Fossen und Mari Simonsen, die mehrfach die Geschichtsforschungen zur Okkupationszeit angriff und behauptete, Schwarz-Weiß-Darstellungen hätten in Norwegen länger überlebt als in anderen Ländern.
Neben den Forschungen zum Zweiten Weltkrieg beschäftge sich Terje Halvorsen weiterführend mit der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegszeit. So gehörte er zu den Autoren der Festschrift zum 100.Geburtstag des Gewerkschaftsverbandes LO "Im Namen der Rechtfertigung".
Belege in der Festschrift dafür sind mehrere Artikel: "Als Stalin Furubotn entfernte?", in dem Halvorsen in Auswertung neuer russischer Dokumente die Rolle der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bei dem "Oktoberkrach" in der NKP im Jahr 1949 beleuchtet.
Die facettenreiche Arbeit der Gewerkschaften für eine Produktionssteigerung in der norwegischen Industrie nach 1945 behandelt Terje Halvorsen unter dem Motto "Mobilisierung für Modernisierung". Er weist u.a. nach, dass der Einsatz der Gewerkschaften für die Modernisierung der Industrie keine neue Erscheinung der Gewerkschaftspolitik nach 1945 ist, sondern bis in die 1930er Jahre zurückgeht.
Der 100. Geburtstag der Jugendorganisation der Arbeiterpartei ist unter der Fragestellung "Ein Hundeleben?" ebenfalls Gegenstand eines Artikels in der Festschrift.
Wie eng Politik und Geschichtsschreibung für Terje Halvorsen zusammenliegen, beweisen letztlich drei weitere Beiträge. Die jährliche Demonstration in Berlin zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, an der Terje Halvorsen am 11. Januar 2009 teilnahm, war für ihn Anlass für eine Untersuchung über die "Märtyrer des Sozialismus in Gegenwart und Vergangenheit".
Die Parlamentswahlen von 1974 in Norwegen charakterisiert Halvorsen in einem weiteren Artikel der Festschrift als "einen politischen Erdrutsch".
Die sehr unterschiedlichen Beziehungen der skandinavischen Staaten zur EU werden abschließend unter dem Titel "Gleiche und Ungleiche" dargestellt.
Die Publikationsliste und die Tabula gratulatoria am Ende der Festschrift untermauern auf eindrucksvolle Weise sowohl die wissenschaftliche Produktivität Halvorsens wie auch sein Renommee als Histoker, das weit über Lillehmamer und Norwegen hinausgeht.

Doerte Putensen

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])