Dietrich Eichholtz. Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege Studien und Dokumente Unter Mitarbeit von Titus Kockel, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2010, 586 Seiten, ISBN 978-3-86583-490-4.

Der Wirtschaftshistoriker Eichholtz stellt sein neuestes Buch einleitend lediglich als eine Zusammenfassung seiner seit dem Jahr 2005 bereits in Einzelbänden erschienenen sechs Studien zu der Thematik vor. Auch der Zusatz, dass diese "für die Edition durchgesehen und zu Teilen erweitert" worden seien, kann nur als Ausdruck technisch-sachlicher Zurückhaltung bewertet werden. Sein italienischer Kollege Gustavo Corni von der Trienter Universität hatte vor über zehn Jahren eine andere Vorstellung. Anlässlich der 1999 ermöglichten Gesamtausgabe der dreibändigen "Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945", die schon seit 1969 auf dem Buchmarkt als Geschichts-Standardwerk gefragt war, stellte er bereits den logischen Zusammenhang zu dieser neuen Veröffentlichung des Marxisten Eichholtz fest. In seinem Vorwort zur Gesamtausgabe "Kritische Randbemerkungen" sah er voraus, dass es "für viele Jahre ein unersetzliches Standardwerk sein" werde und zugleich " Anstoß für zahlreiche vertiefende Studien". Mit der neuesten Veröffentlichung "Deutsche Ölpolitik ." hat sich die Voraussage Cornis glänzend erfüllt und fordert zugleich den Respekt ein, bei der Betrachtung den engen Zusammenhang zum international anerkannten Standardwerk zu wahren. Der Neuwert des nun vorgelegten Werkes besteht vor allem darin, die "Draufsicht auf ein neues Erdölzeitalter" - wie es einleitend heißt - stärker in das Feld der deutschen Kriegsgeschichte von ihren frühen Ansätzen und Anfängen an zu setzen.
Insgesamt stehen drei aufeinander folgende deutsche Regime im Zeitalter der "Welterdölpolitik" auf dem Prüfstand, die an ihrer Verantwortung für zwei Weltkriege gemessen werden:

  • die Zeit des Wilhelminischen Kaiserreichs bis zum Ende des 1.Weltkrieges,
  • die Weimarer Republik als Zwischenkriegsperiode und
  • das faschistische Deutschland bis zu den Niederlagen nach Stalingrad einschließlich des "Endes mit Schrecken" wie der Befreiung der Völker vom Faschismus im Mai 1945.

Die Qualität der einzelnen Studien wie in der neuen Form ihrer Gesamtpublikation resultiert vor allem aus dem breiten Fundus der benutzten archivalischen Quellen.
Die Autoren stützen sich auf Dokumente des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes, Berlin, des Bundesarchivs Berlin und des Militärarchivs Freiburg, des Instituts für Zeitgeschichte, München , des Öl-Archivs des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung/Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover und auf deutsche und internationale Dokumentenpublikationen,darunter die Materialien der Nürnberger Prozesse, die O.M.G.U.S.-Berichte und den United States Strategic Bombing Survey. Darüber hinaus werten sie selbstverständlich den gegenwärtigen Stand der vorliegenden nationalen und internationalen Spezialliteratur aus und greifen auf in historischen Fachzeitschriften veröffentlichte Forschungsergebnisse zur Ölpolitik zurück.
Auf diesem breiten, quellenkritisch gewonnenen Fundus analysieren die Autoren den neuesten Stand einer fühlbaren Lücke in der Geschichte der internationalen Kriegswirtschaft und schließen sie mit Erfolg.
Doch darauf allein beschränkt sich nicht das Anliegen der Autoren. Außer den bisher in der Geschichtsschreibung wenig beachteten frühen Ansätzen der deutschen "Welterdölpolitik" geht es vor allem um die Aufdeckung der konkreten Pläne, Methoden und Mechanismen zu ihrer Durchsetzung, die Wiederaufnahme gescheiterter Träume unter anderen internationalen Bedingungen in der Zwischenkriegsperiode bis zum verheerenden Aggressionskrieg mit dem erklärten Kriegsziel zur Errichtung eines Ölimperiums. So gelingt ein historischer Abriss der Geschichte - eben die "Draufsicht" als Gesamtschau - der geplanten imperialistischen deutschen Kriegsziele von ihren frühen Anfängen bis zu ihrem unrühmlichen Ende.
Charakteristisch für alle vorgelegten Arbeitsergebnisse ist die gezielte, durchgängige methodische Herangehensweise an die in den einzelnen Kapiteln als bedeutsam ausgewählten Schlüsseldokumente. Damit wird einerseits das methodische Anliegen anschaulich demonstriert und zugleich eine gewisse Belebung des anspruchsvollen Textes erreicht. Das Hauptanliegen besteht darin, die verwendeten Belege in ihrer historischen und meist forschungsbezogenen Einmaligkeit, ihrem besonderen Grad der Vertraulichkeit bis hin zur Geheimhaltung - ob es sich dabei um schriftliche, bildliche , tabellarische oder einfache Zahlenangaben handelt - als Dokumentation dieser neuen "Draufsicht" vorzustellen.
Folgende Problemkreise der neuen Forschungsergebnisse seien besonders hervorgehoben:

  • die Bemühungen des deutschen Kapitals, besonders der Deutschen Bank, mit seiner Bindung an das Bagdadbahn-Projekt Anschluss und Einfluss auf die internationale Ölpolitik zu gewinnen,
  • die bis zum Ende des 1.Weltkrieges anhaltenden Träume, sich in Rumänien, Mesopotamien und am Kaukasus als Erdölgroßmacht etablieren zu können,
  • die Wiederaufnahme der Rechtsansprüche der Deutschen Bank auf die deutsche Ölpolitik im Zeitraum 1920-1932 mit dem Hinweis auf die Vorarbeiten ihrer Ölexperten, Stauß, Helfferich und Weigelt und seinem Fortsetzer im faschistischen Deutschland , Abs, mit dem erklärten Ziel, die mit dem Versailler Vertrag erlittenen Verluste zu kompensieren,
  • die im eigenständigen Kapitel von Titus Kockel "Zickzackkurs in den Krieg" im Zusammenhang mit einem bisher in der Geschichtswissenschaft kaum beachteten Dokument , dem Achnacarry-Kartell (1928-1933), stehende Analyse der nationalsozialistischen Ölpolitik mit ihren verschiedenen Etappen bis 1938. Ausführlich werden die Auseinandersetzungen um die Durchsetzung der unterschiedlichen Konzeptionen der führenden Vertreter im Vierjahresplan, dem "Bevollmächtigten für die Erdölgewinnung", Alfred Bentz und dem "Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung", Carl Krauch sowie E.R.Fischer in der Alternativ-Frage "flüssiges Öl" oder Ausbau der Hydrierwerke, die mit dem Kriegsbeginn ihren einvernehmlichen Abschluss fanden, analysiert,
  • die Zusammenarbeit mit dem "Ölland" Rumänien von 1935 bis 1943, das von Anfang an der geplante und immer stärker abgesicherte Importeur und in den Kriegsjahren zunehmend verlässliche Partner wurde, der die deutsche Kriegsmaschinerie vorzubereiten allein in der Lage war und zur bedeutendsten ausländischen Rohstoffquelle für die direkte Kriegsführung wurde,
  • die Inbesitznahme von Ölquellen in fremden Ländern, die im März 1938 - vor Beginn des 2.Weltkrieges - begann und mit der Befreiung Wiens durch die Rote Armee am 13.April 1945 endete,
  • die von den führenden Ölexperten der Vierjahresplanbehörde nach den deutschen Siegen von 1940 entwickelten Neuordnungspläne für Europa und die späteren Vergleiche der Unterschiede zwischen den kaukasischen und vorderasiatischen Erdölfeldern vom 27.Januar 1942 (Krauch) und 17.Februar 1942 (Bentz), die zum Anspruch auf ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel führten.

Abschließend weist Eichholtz darauf hin, dass die neuere Geschichtsschreibung mit Recht den Standpunkt vertrete, dass das Deutsche Reich von Anfang an gegenüber den drei Ölgroßmächten keine reale Chance besaß, Stalingrad wird als "Schlusspunkt eines Prozesses schrittweise abnehmender Siegespositionen im Osten" seit Juni/Juli 1941 betrachtet.
Dieses neue Werk wird als wertvolle Bereicherung der wirtschafts- und militärhistorischen Fach-Literatur der Neuzeit seinen gebührenden Platz einnehmen. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Anregungen für weitere Forschungsfragen in jedem Kapitel.

Janis Schmelzer

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