Ulrich Sander, Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende (Herausgegeben vom internationalen Rombergparkkomitee). PapyRossa Verlag, Köln 2008, 192 S. ISBN 978-389438-388-6

Die Zahl der bekannten Verbrechen in der Schlußphase des II. Weltkrieges, die von fanatisierten Anhängern des Naziregimes an Häftlingen in Konzentrationslagern, Zuchthäusern, Kriegsgefangenen, wie auch an Menschen, die sich dem zusammenbrechenden faschistischem Staat entgegenstellten bzw. entziehen wollten, ist hoch.
Diese Verbrechen vollzogen sich in der Regel in aller Öffentlichkeit vor den Augen der deutschen Zivilbevölkerung.
Besonders seit den 1980 er Jahren beschäftigen sich Initiativen, Geschichtswerkstätten, engagierte Bürger aber auch Gedenkstätten der ehemaligen faschistischen Konzentrationslager damit, diese Ereignisse aufzuklären und zu dokumentieren.
Der Band "Mörderisches Finale" des PapyRossa-Verlages ist vor allem das Rechercheergebnis des Dortmunder Journalisten Ulrich Sander. Ein Kapitel steuerte der Historiker Reinhard Opitz bei. Ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister sind angefügt.
Bereits im Vorwort (6 Seiten) des Berliner Autors Gerhard Fischer werden Anweisungen führender Nazis zu Terror und Mord aufgeführt.
Auf Seite 11 beschreiben die Autoren das Ziel dieser Publikation:
"Das vorliegende Buch versucht zum ersten Mal, Naziverbrechen der letzten Kriegsmonate zusammenhängend darzustellen, wobei die Vorgänge im Rheinland und Westfalen als Schwerpunkte ausführlicher dargestellt werden."1
Das Kapitel I ( 4 Seiten) "Morde in letzter Stunde. Himmlers Befehl" schildert das Massaker an KZ-Häftlingen in der Scheune Isenschnibbe bei Gardelegen, begangen am 13.April 1945.
Der Autor verbindet den historischen Fakt mit der Geschichte des Erinnerns an diesem Ort, beginnend mit den amerikanischen Soldaten, die Gardelegen befreiten bis zum Versuch im vereinten Deutschland, die Erinnerungstafel aus "DDR-Zeiten" zu entsorgen.
Eingeflochten werden der Schwur der befreiten Buchenwald Häftlinge und Versuche damaliger deutscher Eliten, die Antihitlerkoalition zu spalten. Quellenangaben, Archivsignaturen sind teilweise nicht vollständig. Sie werden eigenwillig im Text in Klammern dargestellt.
Das Kapitel II (4 Seiten) "Mörder an der Heimatfront: NSDAP, Volkssturm, Gestapodienstellen. Die Scheune des Todes"- thematisiert das Bemühen des engagierten Antifaschisten Heinz Junge aus Dortmund, die Erinnerung an das Verbrechen in Isenschnibbe wachzuhalten, wie auch die unsägliche Auseinandersetzung zwischen dem Anfang der 1990er Jahre eingesetzten dortigen Gedenkstättenleiter mit profilierten KZ-Historikern um die Interpretation der an Sklavenarbeitern der Firma Quandt begangenen Verbrechen.
Das Kapitel III (92 Seiten) "Massenmord im Rombergpark und in der Bittermark" widmet sich ausführlich der örtlichen Prozesse des antifaschistischen Widerstandes, dessen Verfolgung, dem Filz von Industriellen, namentlich Albert Vöglers, und Nazigrößen wie auch dem Terror am Kriegsende in Dortmund und im Kreis Arnsberg in mehreren Unterkapiteln. Der Autor schildert den Umgang mit den Nazitätern in der frühen Bundesrepublik unter Adenauer. Im Prozeß vor dem Dortmunder Schwurgericht im Jahre 1952 wurden von 27 ehemaligen Angehörigen der Dortmunder Gestapo wegen Mordes im Rombergpark und in der Bittermark (nach § 212 StGB "Aussageerpressung im Amt in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung und Beihilfe zur Tötung") 10 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Insgesamt zeigten sich "die Richter zumeist gegen die Angeklagten äußerst milde gestimmt".2 Eine zentral gelenkte Mordaktion sah das Gericht nicht. Auszüge aus dem Urteil sind auf den Seiten 105 - 107 publiziert, dem sich eine Liste der recherchierten Namen der Opfer anschließt. Bereits nach kurzer Haft waren auch die Verurteilten wieder auf freiem Fuß. "Jene, die in der Mordmaschinerie Regie führten, blieben unbehelligt".3 Die Öffentlichkeit wurde durch einen "Ausschuß der Hinterbliebenen und Mitgefangenen" informiert.
Im Kapitel IV (15 Seiten) "Wenzelnbergschlucht, Warstein, Penzberg "wird ein weiteres Massaker an Häftlingen mit insgesamt 71 Todesopfern in der Wenzelnbergschlucht und bei Warstein an "Fremdarbeitern" mit 208 Toten im sogenannten "Ruhrkessel" dargestellt.
Die juristische Aufarbeitung im Jahren 1956 / 57 war noch angeklagtenfreundlicher.
Das Kapitel V (46 Seiten) "Eine Dokumentation der Verbrechen in der Endphase des Krieges" listet die Orte und Opfer der bisher bekannten nazistischer Mordaktionen am Ende des II. Weltkrieges in Deutschland auf. An Hand dieser Verbrechen analysiert der Autor verschiedene Opfergruppen und kategorisiert die Mordtaten.
Kapitel VI (10 Seiten) "Reinhard Opitz: Bereit für den nächsten Krieg" wird ein Artikel "Faschismus und Neofaschismus" aus dem Verlag ´Marxistische Blätter` des Jahres 1984 abgedruckt, in dem der Autor die Massenverbrechen der Nazis aus " personalisierender Sicht" (Täter nur Hitler, Himmler u. Konsorten) für nicht erklärbar hält.
Sein Fazit: "Der fortgesetzte Massenvernichtungswahnsinn des Jahres 1944 und der militärische Durchhaltewahnsinn des Jahres 1945 hatten in bezug auf das Ziel, Hitler an der Macht zu halten, also tatsächlich keine `Rationalität`, sie entsprangen beide der imperialistischen Rationalität - schon des nächsten Krieges."4
Die Arbeit des im Ruhrgebiet verwurzelten Autors hat ihre Stärken in den Schilderungen der Endkriegsverbrechen, deren skandalöse juristische Aufarbeitung in der "Adenauerzeit", sowie der Aktivitäten von demokratischen Kräften zur Information der Bevölkerung auf der Grundlage eines umfangreichen persönlichen Dokumentenarchivs. Ein Quellenverweis, wo diese Dokumente in öffentlichen Archiven nachzulesen sind, fehlt leider.
Die lexikalische Darstellung von Endkriegsverbrechen 1945 auf dem Gebiet des Deutschen Reiches, von denen nur der Ort und die Zahl der Opfer bekannt sind, bieten Historikern und der demokratischen Öffentlichkeit ein breites Arbeitsgebiet.

Klaus Woinar

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