Bernhard Strebel, Celle April 1945 revisited. Ein amerikanischer Bombenangriff, deutsche Massaker an KZ-Häftlingen und ein britisches Gerichtsverfahren (Herausgegeben von der Stadt Celle).Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2008, 73 S. ISBN 978-3-89534-768-9

Der Band Celle April 1945 revisited von Bernhard Strebel untersucht die Folgen eines amerikanischen Bombenangriffes auf den Bahnhof der Stadt Celle, bei dem auch ein dort stehender Zug mit KZ-Häftlingen getroffen wurde. Einem Teil der Häftlinge gelang nach dem Bombardement die Flucht. Auf sie wurde anschließend eine Menschenjagd organisiert und durchgeführt.
Die Arbeit ist in 8 Kapitel klar gegliedert und folgt in Struktur und Inhalt einer wissenschaftlichen Studie.
"Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs kreuzten sich in Folge eines amerikanischen Luftangriffs in Celle die Lebenswege dreier erfolgreicher Amateurboxer. Der polnische Vizemeister im Bantamgewicht und Widerstandskämpfer Tadeusz Pietrzykowski und der sowjetische Boxmeister Kostja Konstaninow befanden sich als KZ-Häftlinge in einen Räumungstransport aus dem Außenlager Drütte. Der dritte, Otto Amelung, gehörte zu den Zivilisten, die sich Stunden danach an der Ermordung überlebender Häftlinge beteiligten. Sein größter sportlicher Erfolg war 1932 die norddeutsche Meisterschaft im Weltergewicht gewesen."1 Bereits dieser erste Satz der Einleitung umreisst den Ansatz der Studie und eine ihrer Stärken, nämlich Opfer2 und Täter konkret beim Namen zu nennen, auch wenn viele KZ-Häftlinge trotzdem namenlos bleiben. Der Autor, der sich in der Tradition engagierter Initiativen und Einzelpersonen zur Aufklärung dieser Verbrechen sieht, kennzeichnet, den "lange vorherrschenden Eindruck, es ei nunmehr alles zum 8./9. April in Erfahrung gebracht und der erreichte Kenntnisstand [sei] als gesichert anzusehen,..."3 als eine Täuschung, die mit apologetischen Berichten von Nazi-Tätern wenige Jahre nach dem britischen "Celle Massacre Trial" in lokalen bzw. regionalen Zeitungen kurz nach Gründung der BRD begannen und bis zum Ende der 80 er Jahre reichten.
Das Kapitel I (14 Seiten) "Der KZ-Zug" mit den Unterkapiteln "Die Häftlinge"; "SS-Personal"; "Räumung" beschreibt die Herkunft der KZ-Häftlinge(über die Hälfte kam aus Polen), die zur Sklavenarbeit bei den Reichswerken "Hermann Göring" ins Außenlager Drütte bei Salzgitter des KZ Neuengamme verschleppt wurden; biografische Fakten des SS-Personals des dortigen Lager und die Umstände der Räumung in den Apriltagen des Jahres 1945 im zusammenbrechenden Nazi-Reich.
Das Kapitel II (9 Seiten) - Celle - untersucht die Entwicklung der Stadt während der 12-jährigen Nazidiktatur und geht der Frage nach, wie konnte es kommen, daß sich Bürger dieser Stadt, die "weder eine Hochburg der Nationalsozialisten noch ein Hort des Widerstands (war)"4, an dem unmenschlichen Verbrechen beteiligten. Den letzten Kriegstagen ist ein eigenes Unterkapitel gewidmet, in dem der Autor die Aktionen einzelner Nazi-Amtsträger in Erwartung der baldigen Einnahme der Stadt durch britische Truppen beschreibt und der Frage nachgeht, ob es wirklich eine "heterogen zusammengesetzte Widerstandsbewegung"5 gab, oder dies eine überhöhte Eigendarstellung von oppositionellen Akteuren in den Entnazifizierungsverfahren war.
Das Kapitel III (6 Seiten) "Luftangriff" fasst die Fakten der Bombardierungen des Celler Bahnhofes vom 22. Februar 1945 und 8. April 1945, einschließlich der tragischen Folgen für die in Güterwaggons gepferchten KZ-Häftlinge, zusammen.
Die Kapitel IV (6 Seiten) "Die Stunden danach", V (12 Seiten) "Durchkämmaktionen und Massaker" und VI (15 Seiten) "Die Tage danach" beschäftigen sich mit den Menschenjagden, Massakern und Lynchmorden an KZ - Häftlingen, organisiert durch noch herrschende Nazichargen unter Beteiligung vom Nazigeist entmenschter Hitlerjugendlichen.
Dem Autor gelingt es, die Ereignisse, rekonstruiert aus sich widersprechenden Aussagen von Tätern und überlebenden Zeugen, detailliert darzustellen.
Das Kapitel VII (18 Seiten) "Strafrechtliche Verfolgung" widmet sich dem Verfahren "Celle Massacre Trial" der britischen Besatzungsmacht mit Hauptverhandlung im Frühjahr 1948, welches im Mai 1948 mit drei Todesurteilen für Verantwortliche, eines für den eingangs genannten Amateurboxer Otto Amelung, endete. Deutsche Ermittlungsverfahren, zwei bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig in den 1960er Jahren, vier bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg in den Jahren 1985 und 2006, wurden ohne Anklagen eingestellt. Die Gründe vermag der Autor nicht überzeugend, weil wohl selbst von diesen Vorwänden nicht überzeugt, darzustellen.
Abschließend erfolgt im Kapitel VIII (12 Seiten) der Versuch einer Bilanz:
"Dem (Bomben)Angriff fielen 800 Zivilisten und 2000 Häftlinge zum Opfer. Weitere 200 bis 300 wurden im Verlauf der Treibjagden und Massaker ermordet",6 wie Mijndert Bertram 1989 die Opferzahlen bezifferte. In der erneuten, detailversessen zu bezeichnenden Analyse, bemüht sich der Autor die wirkliche Zahl der Todesopfer unter den KZ- Häftlingen und auch der Bombenopfer unter der Celler Bevölkerung festzustellen.
Im Epilog (8 Seiten) grenzt er die Opferzahlen für den Bombenangriff auf 500 bis 1000 Tote ein. Für die anschließenden Massaker kommt er auf die Zahl von "mindestens 200, höchstens 500"7 Todesopfer.
Naturgemäß kann er auf Grund einer ungenügenden, sich widersprechenden Quellenlage, nur Schätzungen erreichen, was die Anerkennung für ihn nicht schmälert.
Mehrere Anhänge z.B. eine Luftbilddokumentation der Bombenschäden, eine Fotodokumentation der Befreiung von Häftlingen in Celle und eine Liste namentlich identifizierter Häftlinge aus dem KZ-Zug vervollständigen den empfehlenswerten Band.
Die Studie ist ein Beispiel engagierter lokaler Forschung zur Aufklärung eines Kriegsverbrechens, begangen von der Naziideologie Verfallenen als der Krieg in das Land seiner Verursacher zurückkehrte.
Eine solche Studie für Berlin, der damaligen und heutigen deutschen Hauptstadt, wäre eine lohnenswerte Aufgabe der zeithistorischen Forschung.

Klaus Woinar

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