Tomasz Chincinski: Forpoczta Hitlera. Niemiecka dywersja w Polsce w 1939 roku. (Hitlers Vorauskommandos. Die Diversion Deutschlands 1939 in Polen) Wydawnictwo Naukowe Scholara. Gdansk - Warszawa. 2010. 419 S. Kt.

Die bisher von polnischer Seite gewählte Übersetzung des Titels lautet: "Hitlers Vorposten...". So auch anlässlich des Vortrags des Autors vor einem großen und interessierten Publikum im Rahmen der Veranstaltungen der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e. V. am 28.8.2009 in der Gedenkstätte deutscher Widerstand (Siehe Diskussionsbeiträge) Diese Übersetzung des polnischen Begriffs "forpoczta" lässt sich vermutlich von der lautmalerischen Ähnlichkeit zum preußisch-deutschen Begriff "Vorposten" leiten. Sie entspricht jedoch nicht dem eigentlichen Thema der Forschungen des jungen polnischen Historikers und Mitarbeiters des Museums der Geschichte des II. Weltkriegs in Gdansk, das die Publikation förderte.
Tomasz Chincinskis Darstellung konzentriert sich auf die Diversion während der Aggression des Deutschen Reiches gegen die Republik Polen im September/Oktober 1939. Dabei geht es um die Aktivitäten der deutschen Geheimdienste von Wehrmacht und SS und nicht um den bzw. die Vorposten, die ein Element des Stellungskrieges auf niedriger taktischer Ebene sind. Die Aggression setzte dagegen auf die überraschende Konzentration von Feuer und Bewegung nicht im Stellungskrieg, sondern auch auf den Einsatz von Diversionsgruppen, oder Kommandotrupps als ein Wesenselement des Bewegungskrieges. Sie waren alles andere als "Vorposten", sondern Instrumente der "verdeckten Kriegsführung" oder "des Kampfeinsatzes im Kleinen Krieg im feindlichen Hinterland". Diese "Kampfinstrumente des Bewegungskrieges" führten zwar auch massenhafte taktische Diversionshandlungen aus, ihr militärischer Wert bestand jedoch in Operationen zur Verwirklichung operativer und strategischer Führungsentscheidungen. (Bundesarchiv. Militärarchiv. SF 03/19357 Bl. 715-720. OKW. Amt Ausl.(and) Abwehr Nr. 325/43 g Kdos vom 1.4.1943. Bl. 2).
Wenngleich der polnische Autor sich richtigerweise auch mit den Begrifflichkeiten seines Themas befasst, (S. 19ff. So nicht anders vermerkt, beziehen sich Seitenangaben auf die o.a. Publikation) hat er den Begriff "Vorposten" benutzt. Bereits in den Geheimdienstoperationen des Septemberfeldzuges ging es jedoch um den "Kampfeinsatz zur Inbesitznahme taktisch, operativ oder kriegswirtschaftlich wichtiger Objekte zwecks Sicherung oder Zerstörung", die "Anwendung von Kriegslisten aller Art". (BA. Militärarchiv. Nr. 325/43 g Kdos...) wobei es sich bei den hier benannten "Kriegslisten", in Wahrheit um Verstöße gegen die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung, gegen das Völkerrecht, handelte.
Diesen Zielstellungen dienten im Polenfeldzug neben speziell ausgebildeten Sonderformationen, in der Masse Frühformen sowohl der sogenannten "Kampf-Organisationen" (KO) als auch der "Sabotage-Organisationen" (SO) der Abwehr unter dem Dach von Ausland Abwehr sowie, von Seiten des Reichsführers SS - Sicherheitsdienst (SD) spezielle Organisationen mit wechselndem Mannschaftsbestand für wechselnde Aufgaben. Die im Herbst 1939 gesammelten Erfahrungen lagen dem Auf- und Ausbau der Organisationen und der Differenzierung ihrer Aufgabenstellung und Einsatzgrundsätze in den nachfolgenden Kriegsjahren zugrunde. So entstanden ab 1942/43 sowohl im Rahmen der Wehrmacht (anfangs unter Admiral Wilhelm Canaris) als auch der SS (anfangs unter Reinhard Heydrich) vielfältige Instrumente der verdeckten Kriegsführung bis hin zu Sonderverbänden vom Typ der Division Brandenburg oder der Einsatzkommandos (ab 1943) unter Otto Skorzeny der mehrfach z.T strategisch wichtige Sondereinsatzverbände (u. a. das Btl. Friedenthal z.b.V ) aufstellte und Sondereinsätze (z.B. das Unternehmen Greif während der Ardennenoffensive) initiierte.
Diversionstruppen wurden - anknüpfend an die ersten Erfahrungen im Septemberfeldzug 1939 - "dort eingesetzt, wo andere Einheiten der kämpfenden Truppe noch nicht oder nicht mehr kämpfen können". (Ebenda)
Leider geht der Verf. der o.a. Publikation nicht auf die Nachfolgeentwicklungen und Spätfolgen der im September 1939 erstmals erprobten Diversionsaktivitäten im Bewegungskrieg, bis hin zum "irregular warfare" der Gegenwart ein. Ihre Wurzeln legt er jedoch detailliert bloß. Dies geschieht, nach umfassender Markierung des bisherigen Forschungsstandes und der neuen Forschungsziele des Autors an Hand der quellenkritischen Überprüfung alter und Erschließung neuer Quellen. Seine Darstellung ist durchweg chronologisch aufgebaut und thematisch übersichtlich strukturiert. Die (im Unterschied zu früheren Publikationen) differenzierten und tatsachengesättigten Darstellungen des poln. Autors präzisieren und korrigieren das bisherige Bild von den Ereignissen im September 1939 auf deutscher wie auf polnischer Seite.
Von Nutzen ist besonders die umfassende Einbettung der partiellen Sonderoperationen der Diversionsgruppen wie auch der Kommandotrupps von Wehrmacht und SS während der Aggression des Deutschen Reiches gegen die Republik Polen im September 1939 in die "Lebenraum- und Volkstumspolitik" vor dem Hintergrund der Aggression gegen Österreich wie auch die Tschechoslowakei 1938/39 im Vorfeld der Aggression gegen Polen. Die geopolitische und volkstumspolitische Prägung der Politik des Deutschen Reiches wird überzeugend seziert.
Die Aufgabe der seit 1938 vom Wehrkreis VII (Breslau) nicht nur auf deutschem Reichsgebiet sondern auch in Polen und im Satellitenstaat Slowakei aufgestellten Diversionseinheiten gehörten in den jeweiligen KO und SO insgesamt 10 798 Kombattanten, davon 6798 polnische Staatsangehörige deutscher Herkunft sowie annähernd 4000 Ukrainer aus dem Landstrich Kleinpolen an, bestand überwiegend in zahlreichen Diversionsakten auf taktischer Ebene . Über die Einsatzzeiten und -orte liefern auch beigefügte Karten eine detaillierte Übersicht. Operationen von strategischer Bedeutung wurden sowohl im Auftrage der Wehrmachführung als auch unter SS-Kommando verwirklicht bzw. in Angriff genommen. Dazu gehören die vorgesehene handstreichartige Inbesitznahme des Jablunka-Passes zwischen Slowakei und Polen, die durch Führungsfehler Tage vor offiziellem Überfall auf Polen stattfand, sowie die Sicherung der wichtigen Weichselbrücke bei Dirschau (Tczew). Zu den weiteren strategischen Operationen gehörten die als Argument zur Rechtfertigung der Aggression, die Provokation gegen den deutschen Sender Gleiwitz durch ein in Bernau bei Berlin speziell vorbereitetes SS-Sonderkommando, gegen das deutsche Zollamt in Hohlinden (Stodoly) und das deutsche Forsthaus in Pitschen (Byzyna). Auf taktischer Ebene geplant waren von SD-Agenten allein im Grenzraum zwischen Polen und Ostpreußen 180 Anschläge gegen deutsche Bauernhöfe und Gutsbesitzungen - die Brandschatzungen sollten als Tatsachenargumente für die Verfolgung der deutschen Minderheit in Polen der propagandistischen Begleitmusik für die Vorbereitung und die Verwirklichung der Aggression dienten.
Spektakuläre SO-Operationen der Abwehr im Süden Polens waren u.a. Anschläge auf Eisenbahnknotenpunkte und Strecken (Tarnow, Lodz, Lowicz und Wiszina) Brücken (u.a. bei Nowy Sacz) und Telefonverbindungen sowie, vorwiegend im Raum Westpreußen, der Beschuss von polnischen Truppen aus dem Hinterhalt u.a. in und bei Bromberg (Bydgoszcz), Graudenz (Grudziadz) und Hohensalza (Inowroclaw) mit z. T. beträchtlichem und jahrzehntelang anhaltendem propagangistischem Trommelfeuer durch Medien und in der Historiographie. Auch hier hält sich der Verf. an überprüfte und von ihm neu erschlossene Tatsachen und deren differenzierte Bewertung. Eine rüstungswirtschaftliche Operation von besonderem Rang war die Sicherung der Produktionskapazitäten in Ost-Oberschlesien, ein Auftrag an die KO, der im wesentlichen erfüllt worden ist.
Der Schlussfolgerung des Verf. über die die Diversionsaktivitäten der deutschen Kampf- und Sabotageorganisationen in Polen 1939 ist, da sie detailliert dokumentiert und differenziert bewertet werden, zuzustimmen. Eine Veröffentlichung in deutscher Sprache wäre hilfreich für eine historisch ausgewogenere als bisher Darstellung der Ziele, Ergebnisse und Langzeit-Nachwirkungen der deutschen Diversionsaktivitäten in der Anfangsperiode des zweiten Weltkrieges.
Bibliographie (S.357-370), Personen- und Ortsregister (S. 395-419) erleichtern sowohl schnellen Zugang zur Darstellung als auch zu neuerschlossenen Quellen in Polen wie in Deutschland und v.a. auch zur reichen polnischen Forschungsliteratur, die hierzulande kaum bekannt ist.

Gerd Kaiser

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