"Der Betrieb...kann mit Häftlingen durchgeführt werden" Zwangsarbeit für die Kriegsrakete. Peenemünder Hefte 3, Historisch-Technisches Museum GmbH Peenemünde 2009. Herausgeber: Christian Mühldorfer-Vogt, Redaktion: Hans Knopp, 120 Seiten.

Das Historisch-Technische Museum Peenemünde hat das dritte seiner "Peenemünder Hefte" vorgelegt. Es ist eine bedeutsame, historischer Objektivität verpflichtete Publikation, die faktenreich und fundiert aufräumt mit dem Mythos, Peenemünde sei nichts anderes gewesen, als "die Wiege der Weltraumfahrt". Diese Lüge wird ja seit Jahrzehnten nicht nur von den Technikern um Wernher von Braun kolportiert, sondern auch in vielfältigen Medienbeiträgen unter das Volk gebracht. Manchem Mitbürger schwillt vor Stolz die Brust ob solcher herausragenden "Leistungen deutschen Erfindergeistes".
Beginnend mit dem Vorwort des Peenemünder Museumsleiters Christian Mühldorfer-Vogt über die Beiträge von Hans Knopp ("Zwangsarbeit in Peenemünde - eine Positionsbestimmung"), Manfred Kanetzki ("Zwangsarbeit in Peenemünde") und Jens-Christian Wagner ("Licht und Schatten? Peenemünde, Mittelbau-Dora und der Ort des Verbrechens") wird Schicht um Schicht nachgewiesen: Peenemünde war ein Ort terroristischer Gewalt und der "abgestuften" Zwangsarbeit. Es war in jenen Jahren auch ein Ort der - ebenso "abgestuften" - Mittäterschaft deutscher Soldaten, Techniker und Zivilangestellter an einem durch und durch menschenfeindlichen Rüstungsprojekt. Und schließlich: Das KZ Dora wurde 1943 - zunächst als Nebenlager von Buchenwald - geschaffen. Es ging vor allem darum, die Endfertigung der V2-Rakete, einer Terrorwaffe, die wegen ihrer Trefferungenauigkeit faktisch nur gegen Zivilisten eingesetzt werden konnte, bombensicher unter die Erde zu verlagern. Peenemünde kann also ohne das KZ Dora-Mittelbau nicht verstanden werden.
In Peenemünde mussten Ausländer, Kriegsgefangene und schließlich KZ-Häftlinge unter mörderischen Bedingungen schuften. Das dokumentiert dieses Heft in beeindruckender und erschütternder Weise. Es wird im Beitrag Manfred Kanetzkis auch nicht verschwiegen, dass der spätere Bundespräsident Lübke als stellvertretender Leiter der Baugruppe Schlempp für die Errichtung des KZ-Außenlagers Karlshagen II zuständig war. So viel Zivilcourage bringen angesichts des gegenwärtig herrschenden Zeitgeistes bei weitem nicht alle Autoren vergleichbarer historischer Studien auf.
Betont man die untrennbare Verbindung der Geschehnisse in Peenemünde und im KZ Dora-Mittelbau bei Nordhausen, so sollte man jedoch einen wesentlichen Unterschied nicht übersehen: Zwangsarbeit in allen Formen, von der "Anwerbung" ausländischer "Vertragsarbeiter" über den Einsatz von Kriegsgefangenen bis hin zur Fron von KZ-Häftlingen, gab es spätestens seit 1942/43 in fast allen größeren Unternehmen, die für den Krieg produzierten. Insofern war Peenemünde keineswegs außergewöhnlich, so grauenvoll das angesichts der dargestellten Schicksale auch ist.
Bei Dora-Mittelbau und dem im Herbst 1943 speziell für die V2 geschaffenen "Mittelwerk" lagen die Dinge etwas anders. Bis Mitte 1943 galt der - auch durch einen Machtspruch Adolf Hitlers untermauerte - Grundsatz, aus Geheimhaltungsgründen und wegen der Sabotagegefahr in der V2-Fertigung nur deutsche Arbeitskräfte einzusetzen. Erst im Sommer 1943 wurde diese Prämisse verworfen. Jetzt sollten zu zwei Dritteln KZ-Häftlinge und zu einem Drittel deutsches Personal die "Wunderwaffe" fertigen. Zwangsarbeiter, wie die der "Wifo", dem bisherigen Betreiber des Stollensystems im Kohnsteinmassiv, wurden nun "eingekleidet", d. h. mit einem Federstrich in KZ-Häftlinge verwandelt. So sollte auch unter den veränderten Voraussetzungen die Geheimhaltung gewährleistet werden.
Die SS-Führung witterte Morgenluft in ihrem Bestreben, wesentlichen Einfluss auf die Rüstungsproduktion zu gewinnen. Ein nicht leicht zu entwirrendes Hauen und Stechen um die Verfügung über das zu schaffende "Mittelwerk" setzte ein. Partner und zugleich Kontrahenten dabei waren die Wehrmacht, die ja schließlich in Peenemünde die V2 entwickelt hatte, die SS und das Speer- Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, das unter der Losung der "Selbstverwaltung der Industrie" die Interessen der großen deutschen Konzerne bündelte. Exponenten der großen Konzerne standen vielfach persönlich als "Wehrwirtschaftsführer" an der Spitze der "Ausschüsse" und "Ringe" dieses Ministeriums und verfügten diktatorisch über ganze Wirtschaftszweige, auch über die Produktion der nichtmonopolistischen Firmen.
Auf die Täterschaft der Raketeningenieure und der Offiziere des Heereswaffenamtes wird in den Texten schlüssig verwiesen. Etwas spärlich ist dagegen die Rolle der Industriellen und der Finanzexperten des Speer-Ministeriums behandelt. Auch ein Hinweis auf die spätere Funktion des eigentlichen Schöpfers der "Mittelwerks"-Konstruktion, Karl-Maria Hettlage, als Staatssekretär der Adenauer-Regierung wäre erhellend. Man darf nicht vergessen, dass die Amerikaner in den Nürnberger Nachfolgeprozessen solche Leute wegen begangener Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt und verurteilt haben. Auch sie waren sich also über die tatsächliche Machtverteilung im Nazireich völlig im Klaren. Dass die Haftstrafen dann immer geringer ausfielen und Anfang der fünfziger Jahre alle Industriekapitäne wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, ist nur angesichts des sich immer mehr verschärfenden "Kalten Krieges" zu verstehen.
Bezüglich der SS ist zu sagen: Die Männer Albert Speers haben die Belange des "Mittelwerks" und auch des damit organisch verbundenen KZ Dora dominiert. Das heißt jedoch nicht, dass es in der Anfangsphase nicht Rangelei und Geschacher gegeben hätte. Die SS sollte zunächst, da man auf sie angewiesen war, in einem Zustand hoffnungsvoller Erwartung gehalten werden, damit ihr Eifer zur Anpassung des KZ-Terrors an die komplizierten technologischen Bedingungen dieser Fertigung nicht erlahme. Jens-Christian Wagner hat indes völlig Recht, wenn er betont: "Lagerkommandant Förschner und seine SS-Kameraden hatten wenig Einfluss auf den inneren Betrieb des Raketenbetriebes, und dieser Einfluss sank noch im Laufe der Betriebsgeschichte des Mittelwerkes. Sobald die Interessen des Rüstungsministeriums und der Raketeningenieure gefährdet schienen, wurden der SS Grenzen gesetzt - selbst noch im Winter 1944/45." (S. 99)
Insofern ist es eine Marginalie, die zu keinerlei inhaltlicher Kontroverse Anlass gibt, wenn ich auf einen kleinen Irrtum in seinem Text aufmerksam mache, der mich selbst betrifft: Die verschiedentlich in der Literatur genannte vorübergehende Bezeichnung des Lagerkommandanten SS-Sturmbannführers Förschner als "Arbeitsdirektor" des Mittelwerkes geht auf eine von mir 1967 ausgearbeitete, auf allen damals zugänglichen Unterlagen fußende "Struktur des Mittelwerkes und des Häftlingseinsatzes in der V2-Endmontage" zurück. Das entsprechende Dokument, nach meiner Erinnerung eine "Sonder-Direktionsanweisung" vom Herbst 1943, liegt mir leider nicht mehr vor. Ich bin mir aber sicher, dass Förschner in der Gründungsphase des Werkes so firmierte, was aber, wie gesagt, praktisch bedeutungslos war. Die tatsächliche Macht in allen Fragen des Häftlings- und zivilen Arbeitseinsatzes in sämtlichen Abteilungen, in denen Häftlinge in die Raketenfertigung einzugliedern waren, hatte bereits seit Ende September 1943 Albin Sawatzki. Er war der "Spezialist" für dieses besondere Produktionsverhältnis und die entsprechende Formung des Terrors. Das habe ich in der genannten "Struktur" ausdrücklich vermerkt. Diesen Verbrecher haben nach der Befreiung des KZ Dora überlebende Häftlinge aus begründetem Hass zusammengeschlagen, so dass er wenig später in amerikanischem Gewahrsam verstarb.
Natürlich muss man, wenn die Gesamtheit des immer mehr Nebenlager umfassenden KZ Mittelbau betrachtet wird, die Unterschiede zwischen diesen Abteilungen und den mit primitiven Arbeitsmitteln weitere Stollen ausbrechenden Häftlingskommandos im Auge haben. Auf den "Baustellen" herrschten die in den Steinbrüchen von Buchenwald und Groß-Rosen "bewährten" Methoden des Terrors, des zynisch Verschrottung der Häftlinge genannten Massenmords, den die Speer-Leute zu modifizieren für überflüssig erachteten.
Resümierend bleibt festzuhalten: Das dritte der Peenemünder Hefte ist eine bemerkenswerte Publikation, die es verdient, einen großen Leserkreis zu finden. Denn wer Fragen hat, worin das Wesen des deutschen Faschismus bestand, findet hier Antworten.

Götz Dieckmann

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