Erika Schwarz, Juden im Zeugenstand. Die Spur des Hans Globke im Gedächtnis von Überlebenden der Schoa, Verlag Hentrich & Hentrich Berlin und Teetz 2009 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum Band 8), 260 Seiten, 32 Euro.

Im Sommer 1963 fand vor dem Obersten Gericht der Deutschen Demokratischen Republik ein spektakulärer Prozeß statt. Angeklagt war Dr. Hans Maria Globke. Ihm wurde hauptsächlich vorgeworfen, an der Ausarbeitung und rechtsverbindlichen Kommentierungen solcher Gesetze und Verordnungen des Nazi-Reiches in erheblichem Maße mitgewirkt zu haben, die zur Diskriminierung, Enteignung, Aussonderung und schließlich Vernichtung rassisch "unerwünschter" Personen, insbesondere der Juden sowie der Eingliederung und Germanisierung besetzter Gebiete erlassen worden waren. Am 23. Juli 1963 wurde Globke in Abwesenheit zu "lebenslangem Zuchthaus" verurteilt. Das Gericht stützte sich nicht nur auf das Strafgesetzbuch der DDR, sondern auch auf Artikel 6 des Londoner Statuts für den Internationalen Militärgerichtshof gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher vom 8. August 1945.1 Die dort fixierten Nürnberger Prinzipien waren in der DDR anders als in Westdeutschland als anerkanntes Völkerrecht maßgebende Rechtsgrundlagen für die Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechern. Das Gerichtsverfahren in Berlin fand national wie international höchste Beachtung. Allein bei der Urteilsverkündung waren 250 Journalisten aus aller Welt anwesend. Das große Medieninteresse hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen war knapp ein Jahr zuvor das Todesurteil eines israelischen Gerichts gegen Adolf Eichmann vollstreckt worden. Der Prozeß in Jerusalem hatte die Judenvernichtung der deutschen Faschisten wieder in den Focus der deutschen und internationalen Öffentlichkeit gerückt. Es ging vor allem um die Fragen nach dem Stellenwert des Genozids im deutschen Eroberungs- und Vernichtungsprogramm, nach der Verantwortlichkeit für dieses einmalige Verbrechen und nach dem Umgang mit den geistigen Urhebern, Tätern, Hintermännern und Nutznießern des Völkermordes nach 1945. Zudem war publik geworden, dass die westdeutsche Regierung sich darum bemühte hatte, den Namen Globke aus dem Verfahren gegen Eichmann heraus zu halten, was das Interesse an der Vita des derart zu Schützenden enorm steigerte. Globke war im Nazi-Reich ein mächtiger Mann gewesen. Erika Schwarz beschreibt dies an zwei Stellen besonders eindrucksvoll. Nach dem Erlaß der Nürnberger Gesetze sei "zweifelsfreie Definition" notwendig gewesen, "wer den Machthabern als Jude galt," und damit dem amtlichen Diskriminierungs-, Enteignungs-, Aussonderungs- und schließlich Vernichtungsprozeß unterworfen werden sollte. Außerdem mußten im Zuge der fortschreitenden Verwirklichung des Expansionsprogramms Deutschlands, beginnend mit der Annexion Österreichs, die gesetzlichen Normen und Verwaltungsanordnungen den jeweiligen politischen Bedürfnissen der Herrschenden, d.h dem damit erreichten Stand der Eroberungsplanungen sowie den spezifischen Länderbedingungen angepaßt werden. Für all diese Aufgaben war vornehmlich die Abteilung I des Reichsinnenministeriums, in der Globke zuletzt als Ministerialrat tätig war, zuständig. Dort wurden die Rechtsverordnungen und Verwaltungsvorschriften erarbeitet und verbindlich kommentiert. (S.39). Globke galt selbst im Kreis der höheren Beamtenschaft des Reichsinnenministeriums als besonders einflußreich. Er hatte offenbar, wie Erika Schwarz belegt, sogar die Macht, über Einzelschicksale zu entscheiden. Charlotte Rosenthal, eine "Arierin", lebte in "Mischehe" mit einem "Juden". Sie machte sich 1942 berechtigte Sorgen darum, dass ihr Sohn(nach der Definition ein "Halbjude"), in ein Vernichtungslager deportiert werden könnte. Sie wandte sich Hilfe suchend an den ihr bekannten Erwin Schütze, Ministerialdirektor des Reichsinnenministeriums. Der in der Hierarchie weit über Globke stehende Beamte sagte ihr, in dieser Sache könne nur der "zuständige Referent für Judenfragen", Globke, entscheiden. Unter Berufung auf den Ministerialdirektor suchte sie den "Judenreferenten" auf. Dieser lehnte ihr Ersuchen, den Sohn zu schützen, barsch ab. In dem Gespräch demaskierte sich Globke für Charlotte Rosenthal auch als fanatischen Antisemiten. Als sie seine Frage, ob sie von ihrem jüdischen Ehemann geschieden sei, verneinte, sagte Globke in aufbrausendem Ton: "Dann kleben Sie ja immer noch an dem Juden!"(Dok. 118, S. 220ff.)
Vor allem aber war es die Dienststellung des Angeklagten Globke, die den Prozeß in der Hauptstadt der DDR für die Öffentlichkeit so interessant machte. Globke war nach 1945 noch viel mächtiger geworden. Er kam 1949 als Ministerialdirigent in das Bundeskanzleramt, das er zwischen 1953 und 1963 als Staatssekretär leitete. Damit bekleidete er 14 Jahre eine Schlüsselposition in der Bundesrepublik. Es gab wohl kaum einen anderen Beamten in Westdeutschland, der derart den Aufbau der Exekutivstruktur der Bundesrepublik geprägt und zugleich in solch exorbitanter Weise auf die Politik des westdeutschen Staates Einfluß genommen hat. Ihm unterstanden die beiden wichtigsten westdeutschen Geheimdienste, der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Er war Sicherheitsberater Adenauers und unterhielt enge Kontakte zur CIA. Globke bereitete die Kabinettsitzungen vor. Personalvorschläge mußten ihm zur Genehmigung vorgelegt werden. Besonders diese Stellung nutzte er offenbar, um "Leute mit Erfahrung", d. h. alte Nazis, in die Schaltstellen zu hieven.2 Jürgen Bevers schreibt mit Bezug auf Globkes Einfluß auf die Personalpolitik der Adenauerregierung: "Im Auswärtigen Amt waren Anfang der 50er Jahre rund zwei Drittel der leitenden Beamten und etwa vier Fünftel der Referatsleiter ehemalige NSDAP-Mitglieder, und das waren keineswegs nur `Mitläufer` gewesen. Zeitweise beschäftigte das Auswärtige Amt in dieser Zeit mehr NS-Parteigenossen als im `Tausendjährigen Reich.`"3 Von besonderem Gewicht war, wie Bevers schreibt, dass Globke das Presse- und Informationsamt , das Sprachrohr der Bundesregierung, unterstand und er über einen 12,5 Millionen DM (1956) schweren "Reptilienfonds", einen Sonderetat des Bundeskanzleramts, dessen Verwendung keiner Kontrolle unterlag, verfügte. Das Presse und Informationsamt, so Bevers, unterstützte und beeinflusste mit Millionenbeträgen politisch genehme Blätter, darunter auch die rechtsradikale Deutsche SoldatenZeitung4 Die Einsetzung Globkes in diese Schlüsselposition erschien schon sehr früh manchem westdeutschen Politiker als Schande für die eben gegründete Bundesrepublik. 1950 erklärte der SPD-Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt, dass die Einsetzung Globkes "das Ansehen der Bundesrepublik in der ganzen Welt" schädige.5 Egon Bahr wies in diesem Zusammenhang auf einen anderen bedeutsamen Aspekt. Für ihn war die Einsetzung Globkes "die unausgesprochene Amnestie für hohe NS-Funktionäre."6 1961 legte Reinhard Strecker in einem kleinen Bändchen die bis dahin umfassendste Sammlung von Dokumenten über die Stellung und das Wirken Globkes im Nazi-Reich vor7, dessen Erscheinen Globke unbedingt verhindern wollte. Erst als alle Bemühungen, Globke in Westdeutschland vor Gericht zu bringen, gescheitert waren, entschloß sich die DDR zu einem Prozeß.(S.10)
In den einflußreichen systemnahen westdeutschen Medien erhob sich ein Sturm der "Entrüstung". Es ging dabei in erster Linie darum, den Zweiten Mann der Bundesrepublik, der wie kein anderer Beamter die "Kanzlerdemokratie" Adenauers auch in ihrer personellen Kontinuität mit dem NS-Regime verkörperte, gegen die schwerwiegenden Vorwürfe, zunächst aus Kreisen der westdeutschen Intelligenz und von Politikern mit meist antifaschistischem Hintergrund und später aus der DDR zu verteidigen. Es ging darüber hinaus darum, jegliche Enthüllung über die Nazi-Vergangenheit von Führungspersonen in Westdeutschland als mit weitestgehend gefälschten Dokumenten geführte Aktion des "Osten" zu diskreditieren und die Wiederverwendung mitunter schwerstbelasteter Nazi- und Kriegsverbrecher in der Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen der Bonner Republik zu rechtfertigen. Der sachkundig vorbereitete und professionell geführte Prozeß gegen Globke wurde als Schauprozeß hingestellt, der nur dazu diene, die Bundesrepublik zu verleumden und der DDR innen- wie außenpolitisch Pluspunkte zu sichern. Die Propagandamaßnahmen hatten nachhaltigen Erfolg, der bis in unsere Tage reicht. Noch 2003 nennt der Journalist Thomas Ramge das Verfahren gegen Globke einen "Schauprozess".8 Selbst in dem wertvollen, wohltuend sachlichen Buch von Erika Schwarz bezeichnet der Autor des Vorworts Herrmann Simon das Globke-Verfahren einen "propagandistischen Prozeß".(S. 6)
Natürlich war die Causa Globke, wie das oben angeführte Zitat von Arndt aus dem Jahre 1950 belegt, keine Privatsache des Staatssekretärs. Die DDR-Führung nutzte einmal den Prozeß, wie Erika Schwarz schreibt, um ihre "Haltung zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie sie in den Nürnberger Prinzipien verankert sind, zu demonstrieren."(S.9). Zum anderen ging es ihr natürlich auch darum jenes politische System anzuklagen, das einen solchen Mann zum einflußreichsten Beamten gemacht hatte. nicht nur in den Hochzeiten des "Kalten Krieges" ein berechtigtes Anliegen. Eine Volksweisheit besagt, dass jemand der einen solchen Mann (wie Globke) einstellt, sich nicht zu wundern braucht, wenn man mit dem Finger auf ihn zeigt. Das nach 1990 wieder aufflammende Interesse an dem Globke-Verfahren war nach Erika Schwarz "Folge des politisch geleiteten Wunsches, zu verwertbaren Sichten auf die Geschichte des ostdeutschen Staates zu gelangen."(S. 9)
Zur Vorbereitung des Globke-Prozesses hatten die Untersuchungsorgane der DDR 636 Zeugen aus dem In- und Ausland über ihre Erlebnisse in der Zeit des Faschismus als "Juden", "Mischlinge" oder als "Arier", die mit einem "Juden" verheiratet waren, befragt. Es ging darum, die Auswirkungen und die Tragweite der antijüdischen Gesetze und Verordnungen sowie der auf ihrer Basis durchgeführten politischen Praxis an konkreten Beispielen aufzuhellen und damit die Fülle der objektiven Beweise in Form von Archivdokumenten zu ergänzen. Die Zeugenaussagen sind fast vollständig überliefert, aber bisher in der Forschung nur wenig beachtet worden. Erika Schwarz hat den Bestand zum ersten Male umfassend ausgewertet. Sie hat in dem vorliegenden Band 128 Aussagen auszugsweise abgedruckt und durch 66 amtliche Dokumente und Fotos, die meist den jeweiligen Zeugen betrafen, ergänzt.
Die abgedruckten Aussagen und Dokumente sind eine wichtige Quelle für die Geschichte der Judenverfolgung von den Anfängen 1933 bis in die letzten Tage des Nazi-Regimes und für ihre bis in intime Bereiche reichenden Verzweigungen. Der Wert dieser Dokumentensammlung liegt vor allem darin, dass sie die mörderische Politik des Nazi-Reiches aus der Perspektive der Opfer widerspiegelt. Die Dokumente sind wertvolle Quellen für die so wichtige Geschichte "von unten", die die meist auf die Dokumente der Täter gestützte offizielle Geschichte der Judenvernichtung ergänzt und in einigen Punkten auch zu korrigieren vermag. So etwa wenn die Zeugin Gabriele J. über ihre Ausweisung von Leipzig nach Polen Ende 1938 im Nachhinein gerade zu erleichtert berichtet, dass sie nach Stanislau in Ostpolen reisen konnte. Dieses Gebiet war im Gefolge der deutsch-sowjetischen Abkommen vom August 1939 an die Sowjetunion gefallen. Dadurch hatte Zeugin 21 Monate mehr an Freiheit gewonnen als jene Ausgesiedelten, die in die diesseits der 1939 festgelegten deutsch-sowjetischen Demarkationslinie kamen, die bereits seit September 1939 wieder in den Machtbereich der Deutschen gelangt waren. Die Zeugin betonte, dass sie in dem ab 17.9.39 unter sowjetischer Verwaltung stehenden Stanislau bis zum Einzug der Wehrmacht im Juni 1941 "unbehelligt" gelebt habe.(Dok. 30, S. 85) Wichtig sind auch jene Aussagen, die über bekannte und oft beschriebene Großmassaker aus der Opferperspektive berichten. So beschreibt Gertrud Bernics, wie sie als zum mosaischen Glauben übergetretene "Arierin" den Verlauf des Dezembermassakers in Libau, bei dem 2772 Menschen am Ostseestrand umgebracht wurden, erlebt hat.(Dok. 69, S. 147ff) Das Massaker gilt in der Historiographie als eine der grausamsten Mordaktionen im Reichskommissariat Ostland mit besonderen politischen Zügen. Der Massenmord erfolgte auf Betreiben der "sauberen" Zivilverwaltung unter Gauleiter Hinrich Lohse nachdem der Abteilungsleiter im Reichsostministerium Otto Bräutigam diesen zum Handeln gedrängt und dabei betont hatte, es seien alle Juden unabhängig von anderen Erwägungen zu töten.9 Bräutigam war nach 1945 leitender Beamter im Auswärtigen Dienst der BRD. Der Zeuge Harry Magaram berichtete aus eigenem Erleben über ein anderes, in der Fachliteratur oft beschriebenes Massaker.(Dok. 71, S. 150f.). Ende November/Anfang Dezember 1941 wurden in zwei Wellen insgesamt 27800 Menschen in Riga erschossen. Sie mußten sterben, um Platz für Juden aus dem "Reichgebiet" zu schaffen, die zur Vernichtung in das Reichskommissariat Ostland deportiert werden sollten.
Auch auf die Schriftstück, die Erika Schwarz in den Abschnitten 7 und 8 abgedruckt hat, ist besonders hinzuweisen. Im Abschnitt 7 machen jene Dokumente betroffen, die die aktive Unterstützung vieler Deutscher, darunter auch Ärzte, bei der Mitwirkung an der faschistischen Judenpolitik behandeln. Im Abschnitt 8 mit dem Titel Leben nach der Schoa beschreibt Erika Schwarz durch Zeugenaussagen die Situation der Juden, die den Massenmord überlebt hatten, die "Bedingungen und Ereignisse des Weiterlebens unter Menschen, die in ihrer Mehrheit willig oder gezwungen den Faschismus unterstützt hatten."(S. 236)
Die Zeugenaussagen und Dokumente sind historisch-chronologisch geordnet nach den üblichen Periodisierungen der antijüdischen Politik. Jedes der Kapitel beginnt mit einer konzentrierten Einführung, die die Gesamtsituation beschreibt und so die einzelnen Aussagen in einen größeren historischen Zusammenhang einordnet.
Dem Dokumententeil hat Erika Schwarz eine knappe, angesichts der fortdauernden Politisierung des Globke-Prozesses wohltuend sachliche und sachkundige Einleitung vorangestellt. Darin geht die Autorin u.a. auf den Ursprung der Zeugenaussagen und damit auch auf den Globke-Prozeß und auf die Standartliteratur zu diesem Verfahren kurz ein. Außerdem beschreibt sie, mit welcher Sorgfalt und Systematik die Einvernahme der Zeugen vorbereitet und durchgeführt wurde.
Den Leser wird vor allem der Anmerkungsapparat sowohl der Einleitung, der Einführungen zu den einzelnen Kapiteln wie der zu jedem einzelnen Dokument beeindrucken. Er ist für sich genommen ein beachtliches Informationskompendium und weist aus, mit welch immensem Aufwand, aber auch mit welcher Gründlichkeit und Sachkunde dieser einzigartige Dokumentenband erarbeitet worden ist.

Martin Seckendorf

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])