Werner Röhr, Vom Annaberg nach Gleiwitz. Zur Vorgeschichte des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939. 105 S. mit 2 Karten
Berlin 2009, Edition Organon, ISBN 978-3-931034-13-9. 8,50


Die vorliegende Arbeit beruht auf einem Vortrag, den der Autor auf einem Symposium zum 70.Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 gehalten hat. Ein Bericht über dieses von der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung mit veranstaltete Symposium befindet sich auf dieser Homepage des Vereins. Werner Röhr, ausgewiesener Kenner der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, daß auch der 70.Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen mit dem Versuch verbunden sei, historische Tatsachen durch Parlamentsbeschlüsse und Staatsdoktrinen zu kanalisieren und zu normieren. In deutschen und polnischen Medien werden Standartlügen wiederholt, die von der Geschichtswissenschaft in beiden Ländern längst widerlegt sind. Zu diesen Lügen gehöre, dass erst mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23.8.1939 mitsamt seinen Zusatzprotokollen die deutsche Aggression gegen Polen möglich gewesen sei, wodurch Stalin mindestens die halbe Schuld trage. Auch die Umdeutung dieses Nichtangriffsvertrages in einen "Hitler-Stalin-Pakt", also einen Kriegspakt gegen Polen, weist Röhr zurück. Der Vertrag enthielt eben kein Verlangen Hitlers nach einem sowjetischen Militäreinsatz. Der Autor verlangt die Anerkennung der historischen Wahrheit als Grundlage für eine wirkliche Versöhnung von Staaten und Völkern. "Eine Versöhnung auf der Gruzndlage einer Bedienung ideologischer Herrschaftsbedürfnisse einer Vormacht ist wieder nur eine Lügenbrücke." (S.3). Der Autor betont, dass die vorliegende Darstellung keine Forschungsprobleme behandele, sondern die gut erforschten historischen Tatsachen.
Er zeigt in großen Linien die Geschichte seit der Wiederbegründung des polnischen Staates im Jahr 1918, seine politischen, wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen. Werner Röhr zeigt, dass die Wiedergründung Polens sowohl berechtigte nationale Interessen als auch imperialistische Ziele (Wiederherstellung Polens in den Grenzen von 1772) beinhaltete. Das führte dazu, dass alle Grenzen Polens von Anfang an umstritten und auch nach mehreren Jahren Krieg bis 1939 in der Regel nur provisorisch geregelt waren. Das betraf die Grenze gegenüber der Sowjetunion (Belarussland und Ukraine), gegenüber Litauen (Besetzung der litauischen Hauptstadt Vilnius), gegenüber der Tschechoslowakei (Olsa-Gebiet), gegenüber dem Deutsches Reich (Provinz Posen, Oberschlesien). Nahezu alle Konflikte wurden durch ökonomische Interessen (Oberschlesische Kohle und Erze, Olsa-Gebiet: Steinkohle, Litauen, Gebiete in Belorußland und Ukraine als Siedlungsgebiet) und den nationalistischen Zielsetzungen ("Polen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer") bestimmt. Das führte dazu, dassneben 65% Polen innerhalb der Rzeczpospolita Polska 16% Ukrainer, 10% Juden, 6% Belorussen und rund 2.5% Deutsche lebten (S. 22). Daneben bildeten die ökonomische und die soziale Lage schwerwiegende Hypotheken für den wieder gegründeten polnischen Staat. Röhr hebt hervor, dass bis 1938 Polen weder in der Landwirtschaft noch in der Industrie die Gesamtleistung der drei Teilungsgebiete von 1913 (S.21) erreichte. Vier Millionen "Bauern" hatten überhaupt kein Land, während sich 43 % des Bodens in der Hand von Großgrundbesitzern befand. Die hohe Abhängigkeit vom Auslandskapital und die chronische Staatsverschuldung paarten sich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit zunehmenden sozialen und politischen Gegensätzen, die auch durch das Pilsudski-Regime und die Sanacja-Politik nicht überwunden werden konnten. Röhr macht einige Angaben zum Wirtschaftskrieg zwischen Deutschlandund Polen, der die Situation zusätzlich belastete. War die Außenpolitik Polens unter Pilsudski durch gleiche Distanz zu Deutschland und der Sowjetunion, den beiden gefährlichsten Gegnern Polens geprägt, änderte sich das unter dem Außenminister Beck seit 1932 zunehmend. 1932 hatte Pilsudski dem sowjetischem Drängen auf einen Nichtangriffsvertrag nachgegeben, gleichzeitig einen ähnlichen Vertrag mit Grenzgarantie von Deutschland verlangt. Dies wurde von Deutschland abgelehnt (S.30).
Für die internationale Öffentlichkeit überraschend unterzeichneten der Außenminister der Regierung Hitler und der polnische Botschafter in Berlin am 26.Januar 1934 eine auf 10 Jahre befristete Nichtangriffserklärung (kein Vertrag, kein Pakt!). Dem folgten ein Presseprotokoll vom 24.2. über die Einstellung der gegenseitigen Angriffe in den Medien, der Zollfriedenspakt vom 7.März zur Beendigung des Wirtschaftskrieges. Es kam sogar zur Bildung einer deutsch-polnischen Juristenkommission, die auf deutscher Seite von Hans Frank, dem späteren Generalgouverneur und Henker des polnischen Volkes, geleitet wurde. Göring, Goebbels und andere Nazi-Führer besuchten offiziell Polen. Röhr interpretiert diese Politik als den Versuch von deutscher Seite, Aufrüstung und geplante Aggression zu tarnen sowie gleichzeitig die Verbindung Polens zu Frankreich und Großbritannien zu lockern. Die Linie des 26. Januars führte in Polen zu einer Überschätzung der politischen Möglichkeiten zur Bildung eines "dritten Europas" gegen die Ansätze eines Systems der kollektiven Sicherheit - wie es von der Sowjetunion betrieben wurde.
Ausführlich behandelt Röhr die Rolle Polens während der Zerschlagung der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1938 (S.39-46). Polen handelte als "Quasi-Verbündeter" ("De-facto-Bündnis mit Hitler" - S. 39) Deutschlands auch gegen französische und englische Interessen. Es wollte im Zuge der Zerschlagung der Tschechoslowakei nicht nur selbst durch die Annexion des restlichen Teschener Gebietes unmittelbar profitieren, sondern durch Unterstützung ungarischer Pläne für die Annexion der Karpato-Ukraine und einen eventuellen Wiederanschluss der Slowakei an Ungarn seinem Ziel zur Bildung eines "dritten Europas" näher kommen. Bilder der in das Teschener Gebiet einmarschierenden polnischen Truppen sind heute im Unterschied zu den Bildern der Besetzung der "Sudetengebiete" durch die Wehrmacht nahezu unbekannt. Doch diese polnischen "Erfolge" sollten bald einen schalen Beigeschmack erhalten.
Behandelte der Autor zunächst vorwiegend die Haltung der polnischen Seite, stellt er für die Zeit ab Frühjahr 1939 vor allem die Vorbereitungen der deutschen Seite dar. Erstmals unmittelbar nach München und kategorisch seit Januar 1939 stellte die deutsche Führung an Polen die Forderung nach einer "Globallösung" der deutsch-polnischen Probleme. Noch war das Ziel der faschistischen deutschen Politik gegenüber Polen nicht die totale Zerschlagung des Staates, sondern die Unterordnung als Juniorpartner für den Kampf gegen die Westmächte bzw. als Aufmarschbasis gegenüber der Sowjetunion (S.47). Röhr stellt - nachdem die polnische Regierung am 26.März 1939 diese "Globallösung" abgelehnt hatte - den Übergang Deutschlands zum offenen Kriegskurs gegenüber Polen dar. Die Weisung zum Plan "Weiß" wurde von Hitler am 11.April 1939 unterzeichnet.
Ausführlich geht der Autor auf die Ambivalenz der Garantieerklärungen Großbritanniens und Frankreichs vom 31.März und vom 6.April 1939 ein (S.53f.). Neben den militärischen Planungen der Wehrmachtführung behandelt Röhr die geheimdienstliche Vorbereitung und die Planungen der SS-Einsatzgruppen. Er unterscheidet diese von den provokatorischen Maßnahmen zur Herbeiführung eines Anlasses, wie das "Unternehmen Tannenberg" (Gleiwitz) sowie Überfälle auf polnische Einrichtungen und auf Volksdeutsche zur Anheizung der Spannungen.
Der Abschnitt 10 ist den polnischen Verteidigungsplanungen gewidmet, ein Gebiet, das in deutschen Veröffentlichungen meist nur oberflächlich behandelt wird. Der Autor zeigt, dass realistisch denkende polnische Militärs eine wirksame Verteidigung gegen Deutschland nur in Anlehnung an die Sowjetunion planten (S.65). Doch die entscheidenden polnischen Militärs und Politiker lehnten sowohl vor als auch nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei alles ab, was auch nur entfernt eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion beinhaltete. Insofern sind die Verhandlungen Großbritanniens und Frankreichs mit der Sowjetunion im ersten Halbjahr 1939 völlig obsolet, ob sie nun ernst gemeint waren oder nur Scheinmanöver für eine irgendwie geartete Übereinkunft mit Hitlerdeutschland waren. Die polnische Führung stützte sich bei ihren Planungen auf die Zusage der französischen Militärs, dass sie am 15. Tag des Kriegsbeginns eine Offensive gegen Deutschland eröffnen würden. Röhr verweist auf polnische Veröffentlichungen, die nachweisen, dass diese Zusage nicht erst am 12. September 1939 zurückgezogen wurde, sondern bereits am 4.Mai 1939 zwischen Großbritannien und Frankreich festgelegt wurde, dass die militärischen Handlungen der Westmächte zu Beginn des Krieges nicht dazu dienen sollten, den Druck auf Polen zu Beginn des Krieges zu vermindern (S.72), sondern allein von der Möglichkeit abhängen sollten, Deutschland eine Niederlage beizubringen.
Röhr geht dann auf die Rolle der Sowjetunion ein und analysiert die Situation, die zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23.August 1939 und den geheimen Zusatzprotokollen führte (S.74ff). Er kommt zu dem Schluss, dass Stalin im Interesse der von ihm geführten Sowjetunion diesen Vertrag abschließe, obwohl er dadurch mehrere völkerrechtliche Verträge brach. Der Vertrag sei trotz der nachfolgenden Ereignisse kein "Kriegspakt" mit dem faschistischen Deutschland gewesen. Letztendlich hätten das auch Großbritannien und Frankreich so gesehen. Trotz mancher militärischer Vorbereitungen haben sie der Sowjetunion eben nicht den Krieg erklärt. Trotzdem kommt Röhr zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Vertrag um einen Bruch mit der sozialistischen Außenpolitik handelte und der Vertrag letztendlich trotz scheinbarer zeitweiliger Gewinne einen Bankrott der bisherigen Außenpolitik der UdSSR darstellte (S.77f.).
Der Autor behandelt kurz noch die Ereignisse nach dem Beginn des deutschen Überfalls am 1.September 1939 unter den Stichworten "Verbrecherische Kriegführung", "Der 17. September 1939", "Ursachen und Folgen der Niederlage", "Ziele der deutschen Okkupationspolitik" und "Polen als Experimentierfeld faschistischer Politik" (S.79 - 103). Zu den meisten Themen liegen vom Autor ausführliche Quelleneditionen ("Europa unterm Hakenkreuz", Band II: Die faschistische Okkupationspolitik in Polen 1939-1945, Berlin 1988) bzw. eigene Forschungsergebnisse vor (u.a. Occupatio Poloniae. Forschungen zur deutschen Besatzungspolitik in Polen 1939-1945, Berlin 2004) vor.
Der schmale Band gibt einen kenntnis- und faktenreichen Überblick über ein nach wie vor schmerzhaftes Thema, das immer wieder gegen Inanspruchnahme durch interessengeleitete Politik und für eine wirkliche Aussöhnung der Völker verteidigt werden muss. Es kann leider nicht darauf gehofft werden, dass diese Arbeit etwa von der Bundeszentrale für politische Bildung oder von einer Landeszentrale übernommen wird, damit sie die ihr gebührende Verbreitung gerade für junge Leute findet.

Werner G. Fischer

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