Ein neues Dokument zum Widerstand gegen das Naziregime in der preußischen Provinz Oberschlesien.
(Eingesandt von Klaus Woinar)

Betrachtet man den Forschungsstand zum antifaschistischen Widerstand in den bis 1945 zum Deutschen Reich gehörigen preußischen Provinzen Schlesien und Oberschlesien, findet man Literatur zur konservativen Widerstandsgruppierung des "Kreisauer Kreises", zur Person des Zentrumspolitikers und 1933 in den Ruhestand geschickten Oberpräsidenten der Provinz Oberschlesien, Hans Lukaschek, dem Kirchenkampf in Schlesien, der Gruppe "Neu Beginnen", eine Gruppe politisch zwischen SPD und KPD angesiedelt, in Breslau und Aktivitäten der SPD aus der Emigration nach Schlesien.1
Zum Widerstand gegen das Naziregime aus den Arbeiterparteien in Oberschlesien selbst und hier besonders aus einem Zentrum des damaligen Klassenkampfes - des oberschlesischen Industrierevier 2 - findet man bisher keine Literatur.
Im oberschlesischen Industrierevier, von der Sozialstruktur dem Ruhrgebiet vergleichbar, hatten die linken Kräfte, die KPD unterhielt ihr Büro des Unterbezirks Oberschlesien in Hindenburg / OS (heute Zabrze), in der Arbeiterbewegung erheblichen Einfluß.
Die Abschrift der Flugschrift "Roter Alarm 3 - Organ der unteren Polizeibeamten des Präsidialbezirks Gleiwitz 4, Jahrgang 2 5, Nr. 1" war abgelegt in einer Akte (Archiwum Panstwowe w Opolu 6; Bestand: Oberpräsidium Oppeln, Signatur 974: "Kommunistische Agitation und Zersetzungsarbeit in der Reichswehr, Polizei und Post usw.", Blatt 73 - 75) mit der die Politische Polizei den Oberpräsidenten der Provinz Oberschlesien 7 Hans Lukaschek 8, einem Politiker der Zentrumspartei, über politische Delikte informierte. Der Begleitbrief ist mit dem 20. März 1933 datiert, berichtet von einer Verbreitung dieser "kommunistischen Zersetzungsschrift" in Gleiwitz und Umgebung.
Obwohl der Sprachstil dem zeitgenössischer Dokumente kommunistischer Organisationen ähnlich ist, das Dokument von der Politischen Polizei der "kommunistischen Agitation und Zersetzungsarbeit" zuordnet, konnte die wirkliche Autorenschaft nicht geklärt werden.
Die Flugschrift muss in der Zeit zwischen dem 2. Februar 9 und vor dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 angefertigt worden sein 10.
Die Orthografie des Dokumentes wurde nicht verändert.

Jahrgang 2. Roter Alarm. Nr. 1.
Organ der unteren Polizeibeamten
des Präsidialbezirks Gleiwitz.i
Herausgeber wird gesucht!

Po1izeibeamte!


Kollegen!

Am 30. Januar ist Adolf Hitler Reichskanzler geworden.
Wer nun geglaubt, dass nach den vielen nationalsozialistischen Versprechungen jetzt die Taten folgen werden, der ist eines besseren belehrt worden. Auch viele von unseren jüngeren Kollegen welche in Hitler ihr Ideal sahen! Binnen 48 Stunden wollten die Nationalsozialisten ihr Versprechen einlösen. Es sind schon bereits Wochen vergangen, aber nichts hat sich geändert. Kein Wort was mit den 12 Millionen Tonnen Kohlen die auf der Halde liegen und brennen, geschehen soll. Kein Wort über die 25 Mill. Tonnen überschüssige Kartoffeln, über die 3 Mill. Tonnen überschüssigen Roggen usw. Weiter müssen die Erwerbslosen mit ihren Familien hungern und frieren; Betriebsstilllegungen werden weiterhin durchgeführt; (Hedwigwunschgrube ii 340 gekündigt, Ludwigsglück iii 120, weitere Entlassungen im Bergbau werden folgen) Exmittierungen weiterhin eine alltägliche Erscheinung; der Lohn wird weiter abgebaut; (im Ruhrgebiet ist den Bergarbeitern der Tarif und das Lohnabkommen gekündigt) durch die Erhöhung der Zölle für landwirtschaftliche Produkte werden die Preise steigen.
Parallel mit der wirtschaftlichen Verschärfung steigert sich auch die politische Unterdrückung. Alle Kommunistische Zeitungen verboten, auch einzelne sozialdemokratische. Eine Haussuchung jagt die andere. Der Terror der SA. und SS. Horden ist nicht zu überbieten. Revolutionäre Arbeiter und auch Polizeibeamte sind die Opfer.
Durch die Verschärfung der Klassengegensätze, durch die zunehmende Wirtschaftskrise, durch die dauernden Zusammenstösse zwischen den provozierenden SA. und SS. Horden und den revolutionären Arbeitern, werden wird im Dienst immer härter mitgenommen. Die Durchführung der Wahlen wird ebenfalls mit hartem anstrengendem Dienst verbunden sein.
Kollegen!
In keinem Verhältnis steht aber unsere Lebensweise, zu den Anforderungen die an uns gestellt werden. Ebenfalls 1st unsere Zukunft ein sehr trauriges Kapitel. Wenn man sich die ausgeschiedenen 40 000 Polizei- und Reichswehrangehörigen die jetzt das Arbeits- oder Wohlfahrtsamt bevölkern und nirgends Stellung bekommen können, betrachtet, so wird man in der Sorge um die Zukunft noch mehr bestärkt. Unwillkürlich muss man hier an das Sprichwort "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen" denken.
Durch die Übernahme der Kanzlerschaft durch Hitler haben sich unsere Aussichten für die Zukunft nicht verbessert, sondern verschlechtert. Trotz des im Rundfunk von Hitler vielgepriesenen "Vier Jahres Plan" iv trotz des von der Reichsregierung erlassenen Aufrufes an das deutsche Volk. Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Verbesserung der Lebenslage der Arbeiter und Beamten heisst, Beseitigung der kapitalistischen Profitwirtschaft. Will dieses Hitler? Nein, Hitler will der deutschen Bourgeoisie mit seinen SA. und SS. Horden über die Schwierigkeiten hinweghelfen. Ebenfalls wird die Polizei mit herangezogen. Natürlich wird man erst eine Änderung herbeiführen wollen. Unsere Offiziere sind schon fast alle hitlerisiert. Die für den Hitlerkurs nicht geeigneten Kollegen wird man durch SA. und SS. Mannschaften ersetzen wollen. Die SA. und SS. brennen ja förmlich darauf Polizeidienste zu übernehmen. Leider gibt es eine Anzahl Kollegen die es ihnen sehr leicht machen.
Kollegen!
Wollen wir widerstandslos diese blutige, faschistische Unterdrückungspolitik gegen die Arbeiterklassen mitmachen?
Wollen wir uns mitschuldig machen an dem Verbrechen gegen unsere Klassengenossen, unsere Brüder, unsere Schwestern? Wie Viele von uns haben selber Eltern, Brüder, Schwestern, die erwerbslos sind, die exmittiert werden! Nun aber Schluss mit dem Gummiknüppel, mit der Pistole mit dem Karabiner auf hungrige, demonstrierende nach Arbeit und Brot rufenden Erwerbslosen. Kein zweites Köln, Dresden v usw. wo sich unsere Ko1legen von faschistischen Offizieren zum Arbeitermord mißbrauchen liessen!

Denkt an die 40 000 Ausgeschiedenen, die jetzt stellungslos sind. Erinnert Euch an den Fall Jarczyk (Biskupitz
vi) der entlassen wurde, nur weil er sich erdreistet hat, die Internationale zu singen. Merkt Euch aber auch den Fall Kalwai, ebenfalls aus Biskupitz, der einem SA. Führer aus Biskupitz seine Dienstpistole gegeben, damit er einen Arbeiter erschiessen sollte. Dieser Kalwai ist heute noch im Dienst und hat sich mit den Nazi schon ziemlich gut eingelebt. Denkt daran, dass Ihr ebenfalls hohe Mieten zahlen müsst und wie lange Ihr noch in der Lage sein werdet, dieselbe zu bezahlen. Denkt an all das Elend in den Arbeiterfamilien, an die unterernährten Kinder, dass Ihr auch aus diesem Elend entstammt.
Schliesst Euch an die Kollegen, die schon heute erkannt haben, dass sie an die Seite der revolutionären Arbeiterklasse gehören, dass nur die Kommunisten die konsequentesten Verteidiger der Interessen der unteren Polizeibeamten sind.

Schon mehren sich die Beispiele der Solidarität unserer Kollegen gegenüber der revolutionären Arbeiterklasse. Trage jeder dazu bei, dass hundert- und tausendfach sich solcher Beispiele von Solidarität wiederholen. Gelegenheit dies durch die Tat zu beweisen, bietet sich genügend.
Diese Beispiele werden die unvermeidlichen kommenden Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital beschleunigen, werden dazu beitragen, dass nicht zuviel und nicht unnötig kostbares Proletarierblut vergossen wird.
Nicht gegen die um Freiheit und Brot kämpfende Arbeiterklasse, sondern vereint mit den revolutionären Arbeitern, mit den Kommunisten, für den revolutionären Ausweg aus der Krise, für ein Arbeiter- und Bauerndeutschland, das ist die Parole der unteren Polizeibeamten.
    Die rote Schupozelle.

Quelle: Archiwum Panstwowe w Opolu; Bestand: Oberpräsidium Oppeln, Signatur 974: "Kommunistische Agitation und Zersetzungsarbeit in der Reichswehr, Polizei und Post usw.", Blatt 73 - 75
Die bis zum 26. Juli hier angegebene Quelle war ein Fehler beim Hochladen und nicht auf diesen Artikel bezogen.

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