Angriffskrieg beschlossen. Am 5. November 1937 fand die entscheidende
Beratung zur Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges statt.

Von Martin Seckendorf



Für den späten Nachmittag des 5. November 1937 hatte der »Führer und Reichskanzler« Adolf Hitler eine geheime Sitzung anberaumt. Teilnehmer waren außer Hitler der Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Reichskriegsminister Werner von Blomberg, der Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring und der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Erich Raeder sowie der Reichsaußenminister Konstantin von Neurath. Friedrich Hoßbach, Wehrmachtsadjutant Hitlers, fertigte eine Niederschrift über die Sitzung an, der die Nachwelt wesentliche Kenntnisse über das Treffen verdankt.
Hitler verkündete, Ziel der Nazi-Regierung sei die Eroberung »eines größeren Lebensraumes«. Dieser »Lebensraum« müsse »im unmittelbaren Anschluß an das Reich« liegen sowie landwirtschaftliche Überschüsse und Rohstoffe bieten. Der »Lebensraum« sei im Osten und Südosten Europas zu erobern. Er begründete die geographische Richtung der Aggressionen mit Lehren, die die deutschen Machteliten aus dem Ersten Weltkrieg gezogen hatten. Der zu erobernde Lebensraum müsse abseits der Erreichbarkeit des seegewaltigen England liegen, »blockadesicher« und für Deutschland auf Landwegen zugänglich sein. Damals hatte Britannien die Handelswege nach Übersee kappen und Deutschland schweren wirtschaftlichen Schaden mit großen politischen Auswirkungen zufügen können.
Zur »Lösung« der Raumfrage, so Hitler, könne »es nur den Weg der Gewalt« geben, denn es gebe »keinen herrenlosen Raum«. Er erläuterte, »jede Raumerweiterung« könne »nur durch Brechen von Widerstand und unter Risiko vor sich gehen. (...) der Angreifer stößt stets auf den Besitzer.« Deutschland habe zur Zeit noch einen Rüstungsvorsprung gegenüber anderen Mächten. »Die Aufrüstung der Armee, Kriegsmarine, Luftwaffe sowie die Bildung des Offizierskorps sind annähernd beendet. Die materielle Ausstattung und Bewaffnung sind modern.« Wenn man jetzt schnell, »blitzartig schnell«, wie Hitler hervorhob, handele, könne man »Raum« gewinnen, die militärpolitische Lage verbessern und andere Mächte von einem Eingreifen abhalten. Es sei, verkündete Hitler, sein unabänderlicher Entschluß, in allernächster Zeit »die deutsche Raumfrage« durch »Anwendung von Gewalt unter Risiko« zu lösen. »Unser erstes Ziel« ist, so Hitler, »die Tschechei und gleichzeitig Österreich niederzuwerfen«.
Die anschließende Diskussion betraf vor allem die Haltung Großbritanniens und Frankreichs bei einem deutschen Überfall auf Österreich und auf die CSR. Schließlich war die Tschechoslowakei ein Eckpfeiler der »Kleinen Entente«, eines von Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg gebildeten Bündnissystems in Ost- und Südosteuropa, das den deutschen Imperialismus zur Einhaltung der damals geschlossenen Friedensverträge zwingen sollte. Die Skoda-Werke in Pilsen (Plzen) galten als »Waffenmeister der Kleinen Entente«. Hitler erwiderte in richtiger Beurteilung der britischen Beschwichtigungspolitik gegenüber den aggressiven Aktionen der Nazi-Regierung, er sei »von der Nichtbeteiligung Englands überzeugt« und glaube daher auch nicht »an eine kriegerische Aktion Frankreichs gegen Deutschland«.

Riskanter Aggressionskurs
Die Besprechung am 5. November 1937 bedeutet einen tiefen Einschnitt in den Verlauf der Geschichte seit Ende des Ersten Weltkrieges. Ein bald zu beginnender Aggressionskrieg war jetzt beschlossene Sache. Wie zeitnah zu der Zusammenkunft selbst die Wehrmachtsführung den Beginn der Aggressionen erwartete, zeigt eine Äußerung des Heeresoberbefehlshabers von Fritsch am 5. November. »Unter den obwaltenden Verhältnissen« werde er davon absehen, »seinen am 10.11. (1937) beginnenden Auslandsurlaub durchzuführen«. Am 12. März 1938, vier Monate nach dem Treffen, marschierte die Wehrmacht in Österreich ein.
In der Besprechung legte sich die Führungsclique in Deutschland auf einen Aggressionskurs mit höchstem Risiko für den Ausbruch eines neuen Weltkrieges fest. Die territorialen Expansionen sollten notfalls gegen die USA und Großbritannien durchgeführt werden. So geheim die Konferenz auch war, ihre weitreichenden Folgen wurden doch einem breiteren Personenkreis bekannt. In Vorbereitung und im Nachhall der Zusammenkunft wurden militärische Papiere erarbeitet, die der konkreten Vorbereitung des geplanten Krieges, insbesondere »unserer Offensive nach Südosten« dienten, wie von Blomberg auf der Sitzung mit Hitler die vorrangige Aggressionsrichtung präzisierte. Als z.B. der Oberbefehlshaber des Heeres von Fritsch im Oktober 1936 dem Reichskriegsminister den Aufbauplan für das Heer übergab, bemerkte er, der Plan berücksichtige den Auftrag Hitlers, »ein schlagkräftiges Heer in möglichst kurzer Zeit« zu schaffen.
Schon vor der Novemberbesprechung bearbeiteten Wehrmachtsstäbe die Frage, wie die tschechischen Grenzbefestigungen schnell durchstoßen werden können. Als Ergebnis der Novemberbesprechung mit Hitler verfügte von Blomberg eine Ergänzung der erst im Juni 1937 ergangenen »Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht«. Ab 21. Dezember 1937 galt: »Hat Deutschland seine volle Kriegsbereitschaft auf allen Gebieten erreicht, so wird die militärische Voraussetzung geschaffen sein, einen Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei und damit die Lösung des deutschen Raumproblems auch dann zu einem siegreichen Ende zu führen, wenn die eine oder andere Großmacht gegen uns eingreift.« Auch bei nicht erreichter voller Kriegsbereitschaft sei ein Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei durchführbar, wenn nur die Sowjetunion der Tschechoslowakei beistehen sollte. Hieraus folgten in der Wehrmachtsführung die operativen Überlegungen für Überraschungsschläge gegen die Tschechoslowakei, Polen und Frankreich. »Blitzartiges Handeln« gegen einzelne Länder galt von nun an als der geeignete Weg, die als ungünstig empfundene rüstungswirtschaftliche und militärpolitische Lage Deutschlands schrittweise zu verbessern und andere Mächte, vor allem Großbritannien, davon abzuhalten, den Opfern deutscher Aggressionen zu Hilfe zu eilen. Die Aussicht, daß ein großer Krieg mit all seinen Risiken unmittelbar bevorsteht, hat selbst bei einigen Vertretern der Macht- und Einflußeliten Bedenken ausgelöst. Man war der Meinung, Deutschland sei auf einen Mehrfrontenkrieg, den schon die ersten aggressiven Akte auslösen könnten, nicht genug vorbereitet. Vor allem wegen solcher Einwände trat z. B. der Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, zurück.

Traditionelle Expansionsziele
So tief der Einschnitt durch die Novemberbesprechung auch war, einen Politikwechsel besonders hinsichtlich der Zielsetzung stellte sie nicht dar. Die Errichtung der Herrschaft über den Kontinent und in der Welt durch Krieg wurde von der Nazi-Partei seit langem öffentlich vertreten. Schon in dem 1925 erschienenen Buch »Mein Kampf« schreibt Hitler »Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein. Zur Weltmacht aber braucht es jene (geographische) Größe, die ihm in der heutigen Zeit die notwendige Bedeutung (...) gibt (...). Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen Randstaaten denken.«. Die »Lebensraumerweiterung« sei nur durch den Einsatz militärischer Gewalt möglich. Das Schwert müsse den deutschen Siedlern im Osten den Boden geben. Diese Eckpunkte erschienen in jeder Propagandabroschüre: Der erste Schritt sollte die Beseitigung der von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges gegen Deutschland als Hauptschuldigen an diesem Krieg verhängten politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beschränkungen sowie die »Rückgewinnung« der Kolonien und territorialen Verluste sein. Nächstes Ziel war die Annexion Österreichs, die häufig auch als Wiedervereinigung bezeichnet wurde. In »Mein Kampf« schreibt Hitler: »Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande.« Daran sollte sich die »Ausweitung des deutschen Lebensraumes nach Osten und Südosten« anschließen, wie Hitler 1931 dem Großindustriellen Edmund Hugo Stinnes erklärte.
Mit diesen Forderungen waren die Nazis in der Weimarer Republik keineswegs gesellschaftliche Außenseiter. Gerade auf dem Gebiet der Außenpolitik gab es sehr früh breite Berührungsflächen mit den Auffassungen innerhalb der herrschenden Klasse. Die von der Nazi-Partei proklamierten Ziele waren in wichtigen Äußerungen maßgebender Kreise aus Politik, Wirtschaft, Militär und Wissenschaft wiederzufinden. Im Mai 1919 erläuterte Hindenburgs Generalquartiermeister Wilhelm Groener Offizieren der Obersten Heeresleitung die Konzeption für einen neuen, besser vorzubereitenden Griff nach der Weltherrschaft. »Wenn man um die Weltherrschaft kämpfen will«, so Groener, »muß man dies von langer Hand her vorausschauend mit rücksichtloser Konsequenz vorbereiten«. Vor allem gelte es, »unsere Kontinentalstellung«, die Herrschaft über Europa, vorher fest zu sichern.
Oberst Otto von Stülpnagel, Abteilungsleiter im Reichswehrministerium, nannte in einer Denkschrift an das Auswärtige Amt vom 6. März 1926 als »nächste Ziele der allgemeinen deutschen Politik« die »Wiederangliederung« der für die deutsche Wirtschaft wichtigen abgetrennten Gebiete und den »Anschluß Deutsch-Österreichs«. In den »nächsten Stadien seiner politischen Entwicklung« gehe es »um die Wiedergewinnung seiner europäischen Stellung« und danach »um das Wiedererkämpfen seiner Weltstellung«. Die »Wiedergewinnung seiner europäischen Stellung ist für Deutschland eine Frage, bei der fast ausschließlich die Landstreitkräfte entscheiden«. Der Kampf um die »Weltstellung« werde Deutschland unweigerlich in Konflikt mit den USA bringen. Dann müsse man »über ausreichende maritime Kräfte« verfügen.
In der Endphase der Weimarer Republik kam es auf dem Gebiet der Außenpolitik zu einer immer schnelleren Annäherung maßgebender Kräfte der herrschenden Klasse an die Nazis. Mächtige Vertreter des Militärs, der Finanzwelt und der bürgerlichen Parteien sahen in den Faschisten die Garanten für eine erfolgreiche Umsetzung ihres aggressiven Konzepts. Ein spektakuläres Beispiel dafür bot das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und Discontogesellschaft, Georg Solmssen. Als er im Dezember 1930 zum Präsidenten des mächtigen Zentralverbandes des deutschen Bank- und Bankiersgewerbes gewählt wurde, hielt er eine stark auf außenpolitische Ziele ausgerichtete Rede. Das große liberale Berliner Tagesblatt berichtete, Solmssen habe »eindeutig erkennen« lassen, daß er in den Nazis die »Führer« für eine erfolgreiche deutsche Expansionspolitik sah. Die Zeitung fährt fort: »Dr. Solmssen begrüßt die außenpolitischen militaristischen Ziele des Nationalsozialismus, es stört ihn nicht weiter, daß die breiten Massen durch eine solche Politik in die Leiden eines neuen Krieges getrieben werden würden.« Nach dem Bericht der Zeitung war dem "Fall Solmssen" der "Fall von Stauß" vorausgegangen. Georg Emil von Stauß, Vorstandmitglied der Deutschen Bank, gilt als einer der frühen Förderer der NSDAP unter den Finanzmagnaten. Das Berliner Tagesblatt erwähnte, dass von Stauß "gute Beziehungen" zur Nazipartei hergestellt hatte.
Im Juni 1931 erläuterte Hitler dem Großindustriellen Edmund Hugo Stinnes die Eckpunkte nazistischer Außenpolitik. Der Industriemagnat versicherte Hitler, hinsichtlich der Ziele »gehe ich gerne und überzeugt mit Ihnen«. Er scheue auch »nicht vor einem Krieg zurück, wenn (...) die Konstellation einen hohen Grad von Erfolg verspricht«. Die Forderung, erst dann den Eroberungskrieg zu beginnen, wenn die internationale Konstellation günstig und eine militärische Überlegenheit erreicht ist, war die einzige Bedingung, die die Mächtigen in Deutschland an das Nazi-Konzept stellten.
Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und die Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland galten bei maßgebenden Kräften des Finanzkapitals als die entscheidenden Voraussetzungen zur Realisierung des aggressiven Konzepts. Rückblickend kam ein Untersuchungsausschuß des US-Senats 1945 zu dem Schluß, daß »die deutschen Großindustriellen« die »begeisterten Förderer« der Nazis waren, daß »die Unterstützung seitens der deutschen Schwerindustrie und Hochfinanz« der NSDAP die »Machtergreifung« ermöglichte und daß die danach folgende »Umstellung der deutschen Wirtschaft auf die Kriegswirtschaft und auf die fieberhafte Rüstung zum Angriffskrieg« unter der »unmittelbaren Leitung der deutschen Industriellen« erfolgte.
Am 4. Februar 1933 nutzte Hitler eine Einladung der Reichswehrführung, das Programm der neuen Regierung mit der Generalität zu besprechen. Schwerpunkt sei zunächst die Innenpolitik, meinte er. Der Parlamentarismus und der »Krebsschaden der Demokratie« müßten beseitigt, der »Marxismus mit Stumpf und Stiel« ausgerottet werden. Es werde keine dem Faschismus entgegenstehende Betätigung geduldet. »Wer sich nicht bekehren läßt, muß gebeugt werden«, sagte Hitler und forderte, dafür auch die Todesstrafe einzusetzen. Die Macht werde zur »Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung« eingesetzt. Der Aufbau der Wehrmacht sei die wichtigste Voraussetzung.

Rüstung für den Raubkrieg
Am 8. Februar 1933 gab das Kabinett den Startschuß für eine gewaltige Aufrüstung. Hitler erklärte, »die nächsten fünf Jahre« müßten »der Wiederwehrhaftmachung« dienen. »Jede öffentlich geförderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme« sei unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen. Die Ausgaben für Rüstung und Wehrmacht stiegen enorm. Der Etat des Reichswehrministeriums, der nur einen Bruchteil der Rüstungsausgaben enthielt, erhöhte sich zwischen 1934 und 1937 um das 9,6fache und machte damit 58 Prozent des gesamten Reichshaushaltes aus. Die Rüstungsproduktion wuchs im gleichen Zeitraum um das Zehnfache. Der Rüstungsplan des Heeres von 1936 sah für 1939 einen Personalbestand von 3,6 Millionen Mann vor. Damit übertraf der geplante Umfang der Wehrmacht die Stärke des kaiserlichen Heeres bei Beginn des Ersten Weltkrieges um mehr als 1,5 Millionen Mann.
Die gewaltige Aufrüstung hatte ihre wirtschaftlichen und sozialen Tücken. Da immer weniger zivile Exportgüter produziert, aber steigende Mengen von Rohstoffen für die Rüstung eingeführt wurden, setzte man Devisen zur Bezahlung ein. Zudem mußte Deutschland Lebensmittel gegen Devisen einführen. Wegen der Folgen für die politische Stabilität des Regimes wagte man keine Absenkung des Lebensstandards der Bevölkerung. Hitler verwies am 5. November 1937 auf eine grundlegende Lehre, die die Herrschenden aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg gezogen hatten. Die katastrophalen Lebensbedingungen der Massen hatten damals entscheidend zur Novemberrevolution und zum Sturz des wilhelminischen Systems beigetragen. Infolge der Hochrüstungspolitik sanken die Gold- und Devisenbestände von 529,7 Millionen Reichsmark 1933 auf 70 Millionen Reichsmark 1937. Die Reichsbank berichtete Ende 1935: »Unsere Rohstoffvorräte (...) reichen zur Zeit für drei Monate.« Eine Drosselung der Hochrüstung kam für die Führungsclique nicht in Betracht. Auf der Novemberbesprechung meinte Hitler, die Lösung sei der Raubkrieg. Man müsse aber schnell handeln, da »infolge des Fehlens von Reserven jedes Jahr die Ernährungskrise bringen« könne, »zu deren Behebung ausreichende Devisen nicht verfügbar seien«. Der Raub- und Eroberungskrieg wurde von da an zur Grundlinie deutscher Politik. So führte Hitler am 9. Januar 1941 in Vorbereitung des Überfalls auf die Sowjetunion aus: »Der russische Riesenraum birgt unermeßliche Reichtümer.« Wenn Deutschland ihn wirtschaftlich und politisch beherrsche, verfüge es »über alle Möglichkeiten, in Zukunft auch den Kampf gegen Kontinente zu führen
Auf der Novemberbesprechung wurde auch ein Grundprinzip späterer Besatzungspolitik, namentlich in den unterworfenen Ostgebieten, formuliert. Um die Länder beherrschen, Land für deutsche Siedler gewinnen und sich landwirtschaftliche Produkte aneignen zu können, sollte die einheimische Bevölkerung durch Massendeportationen, Vernichtungsaktionen und Hungerstrategien dezimiert werden. Man wollte »menschenverdünnte Zonen« schaffen. Hitler meinte auf der Novemberbesprechung, daß der zu erobernde Lebensraum dünn besiedelt sein müsse. Es gehe »nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich nutzbarem Raum« und Rohstoffen. Hinsichtlich der zur Unterwerfung vorgesehenen Tschechoslowakei und Österreichs räumte Hitler ein, beide Länder seien dicht besiedelt. Trotzdem könne deren »Einverleibung (...) den Gewinn von Nahrungsmitteln für 5–6 Millionen Menschen bedeuten«. Voraussetzung sei, »daß eine zwangsweise Emigration aus der Tschechei von zwei, aus Österreich von einer Million Menschen zur Durchführung gelange«. Fast 15 Prozent der Einwohner beider Länder sollten »verschwinden«.

Verbrechen gegen den Frieden
Als die Anti-Hitler-Koalition im Oktober 1945 einige Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg anklagte, ging es nicht nur um Sühne für die beispiellosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Die zentrale Frage des Nürnberger Prozesses war die Ächtung des Aggressionskrieges sowie die Bestrafung des Friedensbruches und der dafür verantwortlichen Staatsmänner. Im Urteil des Internationalen Militärgerichtshofes wird der Aggressionskrieg als die Voraussetzung und Ursache aller anderen Greueltaten bewertet. »Krieg ist seinem Wesen nach ein Übel«, sagte das Gericht und fuhr fort: »Die Entfesselung eines Angriffskrieges (...) ist das schwerste internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen nur dadurch unterscheidet, daß es in sich alle Schrecken der anderen Verbrechen einschließt und anhäuft.« Die Anklagebehörde hatte vier der sechs Teilnehmer der Beratung am 5. November 1937 nach Nürnberg gebracht – Hitler und von Fritsch waren inzwischen tot – und sie des Verbrechens gegen den Frieden beschuldigt. In der Untersuchung gegen sie wie auch für die juristische Untermauerung der Bemühungen zur Ächtung des Krieges spielte die von Hoßbach angefertigte Aufzeichnung über die Besprechung vom 5. November 1937 eine entscheidende Rolle. In keinem anderen Dokument, so Ankläger und Richter, komme die Absicht der deutschen Führung, unter bewußter Verletzung aller völkerrechtlichen Verpflichtungen Aggressionskriege zu führen, derart eindeutig zum Ausdruck. »Das Schriftstück«, sagte der US-amerikanische Ankläger Sidney S. Alderman, »zerstört jeden nur möglichen Zweifel an den wohlüberlegten Plänen der Nazis bezüglich ihrer Verbrechen gegen den Frieden«. Dem Gerichtshof ging es dabei auch um die künftige Ächtung des Aggressionskrieges. Der US-amerikanische Hauptankläger Robert H. Jackson nannte den Angriffskrieg die »größte Drohung unserer Zeit«. Der Nürnberger Prozeß sei der Versuch, für alle Zeit »den Frieden sicherer zu machen«. Die Kriegsächtungsprinzipien gingen in das Völkerrecht und in viele nationale Gesetze, auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik, ein. Trotzdem führte die Bundeswehr 53 Jahre nach dem Urteil von Nürnberg im Jahr 1999 einen Angriffskrieg gegen Serbien, das damit zum dritten Male in einem Jahrhundert Opfer deutscher Aggressoren wurde. Seit 2003 führen die Herrschenden in Jacksons Heimat eine mörderische Aggression gegen Irak mit katastrophalen Folgen für die irakische Bevölkerung und für die Verwirklichung des Menschheitstraums von der Ächtung des Krieges.

Nach: "junge Welt", Berlin, vom 3. November 2007, S. 10/11

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