Dietrich Eichholtz
Jagd nach Öl. "Fall Barbarossa", der Kaukasus und der Nahe Osten



Öl ist ein ganz besonderer Saft. Wer über das große Öl verfügt und den Ölmarkt beherrscht, ist reicher und mächtiger als alle anderen Teilhaber an den Reichtümern dieser Welt. Das wissen heute fast alle. Aber zu wenig wissen wir darüber, mit welch ungeheurer, globaler Macht die großen Ölproduzenten, -verarbeiter und –verteiler, die mit einem Dutzend ölreicher Länder und zwei Dutzend Weltkonzernen leicht namentlich zu benennen sind, die heutigen Weltverhältnisse prägen: wirtschaftlich, politisch und nicht zuletzt militärisch.
Der Kampf jener Ölmächte um weltweite Herrschaft begann um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es war das Öl, das in den beiden Weltkriegen eine mitverursachende Rolle spielte. Inzwischen ist seine wirtschaftliche Bedeutung ins Ungemessene gestiegen. Heutzutage dreht sich das politische und Kriegskarussell in allererster Linie um Öl, wenn auch die hauptsächlich Beteiligten diesen Umstand nur zu gern verbergen.
Der Zweite Weltkrieg setzte eine Grenzmarke in dieser hundertjährigen Geschichte. In den zwei Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Förderung von Öl etwa verdreifacht, nach dem Zweiten Weltkrieg (seit 1950) hat sie sich in fünf Jahrzehnten versiebenfacht. Sie stieg von 1920 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts von 100 auf 3500 Millionen t jährlich. Der Zweite Weltkrieg war zugleich für Jahrzehnte der letzte große Krieg zur Umverteilung des Ölreichtums der Welt. Das will nicht besagen, daß nicht bis heute schwere politische und militärische Auseinandersetzungen und zunehmend auch imperialistische Kriege um Öl geführt worden sind, zahllose Menschen und die natürlichen Grundlagen der menschlichen Existenz den Profiten der Ölmächte geopfert werden.
Der Zweite Weltkrieg war ein vom deutschen Imperialismus unternommener Großversuch, die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse in der Welt grundlegend zu verändern. Wenn wir dabei feststellen, daß eines der wichtigsten deutschen Kriegsziele in diesem Krieg darin bestand, den Weltölreichtum zu deutschen Gunsten radikal neu zu verteilen, so ist das nicht einfach ein einmaliger, aufregender Befund, sondern veranlaßt uns dringend, die heutige Weltsituation sehr genau zu analysieren, in der nicht nur die Ölvorräte der Welt zu Ende gehen, sondern auch die Verteilungskämpfe – vorerst besonders in bezug auf die Ölquellen in Asien und in Afrika – schon seit längerem zunehmen und sich ohne Zweifel noch in ungeahnter Weise verschärfen werden.
Als Hitler 1933 sein faschistisches Regime installierte, war ihm die Unterstützung der Kräfte des großen Kapitals vor allem deswegen sicher, weil er ihre Niederlage im Ersten Weltkrieg rückgängig und Deutschland wieder zur europäischen Großmacht, zur Weltmacht zu machen versprach. Ihnen war wie dem "Führer" klar, daß dieses Ziel ohne Krieg, zumindest ohne höchstes Kriegsrisiko nicht zu erreichen wäre.
So rüstete das Regime von Anfang an in beispielloser Weise auf. Daß die Siegermächte des Ersten Weltkrieges sich bestenfalls mit papiernen Protesten hiergegen begnügten, hing mit ihrer unterschwelligen Hoffnung zusammen, daß laut Hitlers durchaus bekanntem Programm sein Hauptziel "Lebensraum im Osten", sprich: die Vernichtung der Sowjetunion sein werde. Die Ölkönige dieser Welt, nämlich die Herren des Standard-Oil- und des Royal-Dutch-Shell-Konzerns – ausnehmend rabiate Sowjetfeinde wie Henry Deterding und Walter Teagle – fanden sich ganz oben in der Liste der Nazifreunde und Förderer der deutschen Rüstung.

Kriegsmittel und Kriegsziel

Die Maßstäbe und das Tempo der deutschen Aufrüstung waren derart, daß führende Kreise in Wehrmacht und Wirtschaft sehr bald die deutsche Einfuhrabhängigkeit und den katastrophalen Devisenmangel als schwere Gefahren für ihre Planungen erkannten. Wie sollte ein großer Krieg vorbereitet und geführt werden, wenn, wie aus dem Ersten Weltkrieg in lebhafter Erinnerung, eine totale Wirtschaftsblockade Deutschland von der Weltwirtschaft abschnitt? Als einer der neuralgischsten Punkte machte sich mit den sich überstürzenden Rüstungsfortschritten das Ölproblem bemerkbar. Der in Deutschland verbrauchte Treibstoff kam bisher ganz überwiegend aus Übersee, vor allem aus Nord- und Mittelamerika. Wie sollten ein stark motorisiertes Vielmillionenheer, eine aus dem Boden zu stampfende gewaltige Luftwaffe und eine der britischen Flotte Paroli bietende Kriegsmarine bei Blockade mit Treibstoff versorgt werden? Hier war ja, verglichen mit dem Ersten Weltkrieg, mit ganz neuen Dimensionen zu rechnen.
Hitler und Göring verließen sich zunächst auf den größten deutschen Konzern, die IG Farbenindustrie AG. Dieser hatte Hitler schon 1932 seine Erfindung, aus Braun- und Steinkohle synthetisches Benzin herzustellen, angepriesen und versprach Göring ausreichend Flugbenzin für seine Luftwaffe. Bis in die Mitte der dreißiger Jahre herrschte aber noch große Unkenntnis und Leichtfertigkeit bei allen Beteiligten vor. Die IG-Experten behaupteten im Sommer 1936, bis spätestens Ende 1938 könne mit ihrer Hilfe der Bedarf für den Kriegsfall gedeckt werden. Hitler übergipfelte diesen hanebüchenen Unsinn noch mit seiner Forderung, "die deutsche Brennstofferzeugung ... binnen 18 Monaten zum restlosen Abschluß zu bringen." Diese Aufgabe sei "mit derselben Entschlossenheit wie die Führung eines Krieges anzufassen und durchzuführen."
Solche Wunschvorstellungen zerplatzten in den letzten beiden Vorkriegsjahren, als die außenpolitischen Spannungen und die Kriegsgefahr rasend schnell anwuchsen. Die Zahlen der Syntheseplaner erwiesen sich angesichts der Kosten und des drückenden Mangels an Stahl, an industriellen Verarbeitungskapazitäten, an Arbeitskräften und sogar an Kohle als illusorisch. Der Krieg rückte immer näher, und die Treibstofffrage blieb ungelöst. Die Wehrmachtführung rechnete allenfalls mit einer Überbrückung der Anfangszeit des Krieges mit Hilfe von synthetischem Benzin und von teuer eingekauften Ölvorräten. Sie war inzwischen davon überzeugt, daß für den "Mob.Fall" nicht, wie bisher veranschlagt, nur fünf bis sechs Millionen t an Ölprodukten erforderlich seien – immerhin mehr als der gesamte deutsche Jahresverbrauch -, sondern ein Vielfaches. Gleiche Berechnungen stellte die Reichsstelle für Wirtschaftsausbau an, die Kernbehörde des Göringschen "Vierjahresplans". So langten die Verantwortlichen im Frühjahr/Sommer 1939 bei einer für den Krieg nötigen Jahresmenge von 24 Millionen t Öl an. Die Herren werden über ihre eigenen Berechnungen erschrocken gewesen sein; denn das waren mindestens 20 Millionen t mehr, als unter großen Anstrengungen aus den deutschen Erdölfeldern und den Synthesewerken herauszuholen war, etwa so viel, wie bei Baku, im größten europäischen Erdölfeld, gefördert wurde.
Umgehend legten die Experten der Wehrmacht und des Göringschen Amtes in Absprache umfängliche, grundsätzliche Denkschriften vor, in denen sie die Beschaffung von Öl unumwunden als Kriegsziel beschrieben. Die Wehrmacht stellt klare Forderungen: "1. Beherrschung der rumänischen Ölfelder und somit des gesamten Donauraums. 2. Durchführung der Besetzung unter Vorbedacht der Erhaltung und
Betriebsfähigkeit der rumänischen Erdölindustrie. 3. Schutz der Transportwege, Erdölanlagen, Raffinerien und Tankläger." Sie glaubte, aus den bösen
Erfahrungen des Ersten Weltkriegs gelernt zu haben und plante außerdem den Einsatz des "militärischen Mittels" für die Besetzung der Förderstätten des estnischen Ölschiefers und der galizischen Ölfelder (Südostpolen). Schließlich spekulierte sie in gleichem Zusammenhang auch über "das größte und lohnendste Ziel: die Beherrschung des gewaltigsten Erdölgebietes Europas, Kaukasien."
Für IG-Farben-Direktor Carl Krauch, Görings Gewährsmann und Vertrauten, war ebenfalls Rumänien und ganz Südosteuropa ein "wehrmachtmäßig zu sichernder Raum", dessen Öl ausschließlich für Deutschland "politisch und militärisch sichergestellt" werden müsse. Er bezifferte bereits den Materialbedarf für eine Pipeline über 2000 Kilometer von Ploiesti nach Regensburg. Von Krieg und Eroberung konnte er noch nicht offen sprechen, forderte aber, daß in eine "Großraumwehrwirtschaft unter deutscher Führung" außer Südosteuropa auch Rußland und die Ukraine, der skandinavische "Nordraum" und der Mittelmeerraum einbezogen würden; selbst der Iran müsse dazugehören.
Diese Wende von einer Aushilfsplanung für den Kriegsfall zu einer großangelegten Kriegszielplanung, die in erster Linie das Öl, aber auch andere Rohstoffe und Ressourcen des Kontinents, des "Ostraums" und des Nahen Ostens betraf, geschah in unmittelbarer Nähe und Gefahr des Krieges. Aber die Plänemacher dachten sich keineswegs Neues aus, sondern erinnerten sich sehr genau dessen, was schon vor Jahrzehnten im Bereich ihrer imperialistischen Kriegsziele lag. Schon vor dem Ersten Weltkrieg um die deutsche "Weltherrschaft" hatten deutsche Banken und Industrieunternehmen Ölkonzessionen (Irak) im Osmanischen Reich im Portefeuille und bauten die Bagdadbahn mit kaiserlichem Segen hin zu den dort zu hebenden Schätzen. Von 1916 bis 1918 eroberte das deutsche Heer die rumänischen Ölfelder. Und noch im Sommer 1918 standen deutsche Divisionen in der Nähe der Ölquellen des Kaukasus; General Erich Ludendorff war im Begriff, sie auf Baku marschieren zu lassen.
Das eurasische Ölimperium als deutsches Kriegsziel im Zweiten Weltkrieg ist der rote Faden der vorliegenden Untersuchung, gewissermaßen herauspräpariert aus dem ungeheuren Kriegsgeschehen. Das erscheint gerechtfertigt auch durch die in mehrfacher Hinsicht bestürzende Aktualität des Themas im Zeitalter der "Globalisierung".

Schwierigkeiten deutscher Strategie (1940)

Im Sommer 1940 träumten die deutschen Eroberer bereits von einem veritablen Erdölimperium. Zwar war die Ölbeute der "Blitzkriege" ansehnlich, besonders in Frankreich und in den Niederlanden, aber neue Ölquellen gerieten außer in Westgalizien nicht in deutsche Hand. Doch die deutschen militärischen Erfolge ließen die Erwartungen der Militärs und der Wirtschaft – voran die Ölexperten der Vierjahresplanbehörde und die Großbanken – ins Ungemessene wachsen. Zu ihrer Disposition schienen im Sommer/Herbst 1940 zu stehen

  • das britische, niederländische und französische Eigentum an dem weitaus größten Teil der rumänischen Ölausbeute, das tatsächlich 1940/41 unter deutsche Kontrolle geriet,
  • die britischen und französischen Ölkonzessionen und Eigentumstitel im Irak (Iraq Petroleum Company, IPC),
  • das britisch beherrschte Öl des Iran (Anglo-Iranian Oil Company, AIOC).

Großbritannien war angeschlagen und würde, wie man in Berlin hoffte, seine Positionen im Nahen Osten räumen müssen. Wie es mit dem Krieg weitergehen sollte, mußte allerdings militärisch entschieden werden. Der Fehlschlag, durch eine Landung auf der englischen Insel, durch Luftbombardements oder durch den U-Boot-Krieg im Atlantik Großbritannien zum Frieden zu zwingen, entmutigte die deutsche Führung, die sich nicht ungern mit den Briten die Welt geteilt hätte. Im Nahen Osten und in Indien das britische Weltreich anzugreifen, um dort sein Erbe anzutreten, war womöglich noch riskanter. Im Mittelmeer und in Afrika holte sich der italienische Verbündete, der auf ein eigenes Imperium Anspruch erhob, schwere Schlappen.
Und doch war seit dem deutschen Sieg im Westen die Hoffnung in eingeweihten Kreisen weit verbreitet, daß als nächstes die Briten geschlagen werden könnten. Geschah das nicht auf der englischen Insel, dann an der "Peripherie", worunter man damals die gesamte strategische Achse von Gibraltar über Ägypten und den Suez-Kanal bis zum Persischen Golf und nach Indien verstand. Wohl gab es niemanden in den führenden Kreisen Hitlerdeutschlands, der den Pakt mit der Sowjetunion für unverbrüchlich ansah; aber viele – Politiker, Militärs, Diplomaten, Wirtschaftler, Geopolitiker – hielten es durchaus für möglich, daß die Interessen der UdSSR durch jene Strategie nicht tangiert würden und daß sogar mit ihrer Unterstützung gerechnet werden könne. Bevor England nicht niedergeworfen sei, würde eine Auseinandersetzung mit der Sowjetunion ja einen Zwei-Fronten-Krieg bedeuten – ein schreckenerregendes Tabu für viele seit dem Ersten Weltkrieg.
So kamen die erstaunlichen Planungen dieses Sommers und Herbstes 1940 zustande, in denen Görings bewährteste Fachleute für das deutsch beherrschte Nachkriegseuropa 40 Millionen t Öl als jährlichen Bedarf veranschlagten, die so gut wie ausschließlich aus "Arabien" (Irak, Saudi-Arabien, Kuweit und Bahrein) und aus dem Iran geholt werden müßten. "Zur Versorgung Europas ist die Sicherstellung der Erdölreserven des Vorderen Orients unumgänglich notwendig." Man müsse also "die beiden großen englischen Gruppen" (Royal Dutch-Shell und AIOC) in die Hand bekommen.
Als ersten Triumph ihrer Strategie empfanden die beschriebenen Kreise noch Anfang April 1941, wenige Tage vor dem deutschen Vormarsch auf dem Balkan, die Offensive des deutschen Afrika-Korps unter Generalleutnant Rommel, das den bis dahin glücklosen Italienern zu Hilfe kam. Es erregte großes Aufsehen, daß Rommel in Libyen die Initiative ergriff und die britischen Streitkräfte nicht nur aus der Cyrenaika trieb, sondern sogar ein Stück auf ägyptischen Boden vorstieß. Es blieb allerdings ein sehr kurzlebiger Erfolg, der nach wenigen Wochen am britischen Widerstand bei Tobruk und Sollum scheiterte. Nach dem 22. Juni knüpfte sich hieran aber das langlebige Wunschbild der deutschen Strategen von der großen "Zange" ("Kaukasuszange"), mit der von zwei Seiten, nämlich von Afrika aus über den Suez-Kanal und von Norden her über den Kaukasus – oder auch durch die Türkei – der Persische Golf und der ganze Nahe Osten in deutsche Gewalt gebracht werden sollte.
Wenig Beachtung finden dagegen bis heute die aufregenden Ereignisse, die zur gleichen Zeit im Nahen Osten vor sich gingen. Arabische Politiker bereiteten im April 1941 einen antibritischen Aufstand im Irak vor und riefen die deutsche Regierung um Hilfe an. Auf diese Gelegenheit war die deutsche Seite, vollständig beschäftigt mit der Vorbereitung von "Barbarossa" und mit den Feldzügen auf dem Balkan und in Nordafrika, nicht vorbereitet. In aller Eile stoppelten die Wehrmacht und das Auswärtige Amt eine sogenannte Militärmission zusammen. Etwa 20 kampffähige Flugzeuge, eine erhebliche Anzahl militärischer und ziviler "Berater", Geheimdienstler usw. landeten Anfang Mai im Irak, wo die Briten schon ihre Luftstreitkräfte verstärkt und in Basra starke Truppenverbände angelandet hatten. Binnen vierzehn Tagen waren die deutschen Flugzeuge niedergekämpft und die übrigen Mitglieder der Militärmission jämmerlich aus dem Lande gejagt. Hitler tröstete sich damals damit, daß der Nahe Osten an sich "gar kein Problem" darstelle, der "Barbarossa"plan aber vorrangig und unwiderruflich sei; bei dessen Erfolg "könne dann von dort das Tor zum Orient geöffnet werden". Doch er schluckte schwer an dieser eindeutigen Schlappe, die ihm die Briten beigebracht hatten.

Entscheidung für "Barbarossa"

Als Hitler sich im Dezember 1940 endgültig für den Überfall auf die UdSSR entschloß, lagen dafür schon seit Monaten fertige Pläne der Heeresleitung vor. Der "Führer" rechnete zwar selbst nicht mehr damit, daß vorher – bis zum Frühjahr 1941 – Großbritannien zu überwinden sei; aber der Feldzug im Osten würde ja ein kurzer Vernichtungskrieg von drei, höchstens vier Monaten sein. Dann wäre Deutschland im Besitz "unermeßlicher Reichtümer" und habe "alle Möglichkeiten, in Zukunft auch den Kampf gegen Kontinente zu führen, es könne dann von niemand mehr geschlagen werden."
Die Vorstellung von der Sowjetunion als einem "Koloß auf tönernen Füßen", der beim ersten starken Stoß zusammenbrechen werde, teilten durchaus auch die Verfechter der "Britain-first"-Strategie. Nur der eine oder andere Eingeweihte, wie etwa General Thomas, hatte Sorge, ob das Kaukasus-Öl in deutsche Hand käme, bevor der Marsch durch die ungeheuren Operationsräume des Ostens sämtliche Treibstoffreserven verschlungen hätte.
Das Fell des russischen Bären war schon verteilt, ehe die Wehrmacht überhaupt in die UdSSR einfiel. In Görings Wirtschaftsinstruktionen für die zu besetzenden Gebiete vom Juni 1941, der sogenannten Grünen Mappe, war die Beutestrategie ausführlich vorgezeichnet. "Soviel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen, ist das wirtschaftliche Hauptziel der Aktion." Letztes und höchstes Beuteziel blieb für die gesamte deutsche imperialistische Clique das Kaukasusöl. Zuerst fielen der Wehrmacht kleinere Ölvorkommen in die Hand (Ostgalizien; Estland; Romny/Ukraine). Dort fand sie die Felder und Förderanlagen meist von sowjetischen Fachtrupps schwer zerstört vor. Die Deutschen vernachlässigten hier die Wiederherstellungs- und Aufräumungsarbeiten, da sie von Anfang an die Masse der verfügbaren Fachkräfte für den Kaukasus bereitgestellt und im "Mineralkommando Kaukasus" konzentriert hatten. Die deutschen Ölexperten in Görings Apparat, in den Konzernen und Ministerien richteten sich schon eilfertig auf die künftige Lieferung von vielen Millionen t Öl aus dem Kaukasus ein und planten auf dieser Basis zum Beispiel schon eine Vervierfachung der Luftwaffe (Juni 1941). Das Kaukasusöl sollte vor allem mittels riesiger Pipelines von Odessa nach Schlesien und ins "Sudeten"gebiet und weiter nach Stettin und zur Ostsee geleitet werden.
In den ersten ein bis zwei Monaten eines scheinbar unaufhaltsamen deutschen Vormarschs und fürchterlicher Verluste der Roten Armee zeigte es sich aber schon, daß von einem schnellen Sieg oder gar vom Zusammenbruch der Sowjetunion nicht die Rede sein konnte. Im Gegenteil, weder die Einnahme Moskaus, noch Leningrads, noch Kiews, geschweige denn des Kaukasus war in Sicht. Schon bald machten sich beängstigende Treibstofflücken und Transportschwierigkeiten bemerkbar. Das führte auch zu der schweren Krise im August
zwischen Hitler und der Heeresleitung in der Frage der Hauptstoßrichtung: Versprach der konzentrierte Angriff auf Moskau durchschlagenden Erfolg (Heeresleitung), oder sollte man auf Biegen oder Brechen versuchen, noch vor dem Winter den Kaukasus zu erreichen und damit nicht nur an das rettende Öl zu kommen, sondern auch den Vorstoß in den Nahen Osten vorzubereiten? (Hitler)
Im Herbst 1941 bahnte sich jene Katastrophe für die Wehrmacht an, die als Niederlage vor Moskau bekannt ist, aber in Wirklichkeit Rückschläge an der ganzen 3000 Kilometer langen Front von Murmansk und Leningrad bis zum Don und zur Krim mit sich brachte. Mitten im russischen Winter, am 5./6. Dezember, brach die sowjetische Gegenoffensive los, die die Deutschen vor Moskau 200 bis 300 Kilometer zurückwarf und sie auch vor Leningrad und im Süden der Front zum Rückzug zwang. Ende November war schon eine für den deutschen Kriegsplan besonders schmerzliche Entscheidung gefallen, die im Oberkommando der Wehrmacht als ein "auch stimmungsmäßig schwerer Einbruch" wahrgenommen wurde. Die Stadt Rostow am Don, das Tor zum Kaukasus, das die 1. Panzerarmee einige Tage lang besetzt hatte und das sich dadurch geöffnet zu haben schien, nahmen die sowjetischen Verteidiger am 28. November in erbitterten Kämpfen wieder ein und schlugen die deutschen Elitepanzer weit zurück.
Die Kraft der sowjetischen Offensive ließ im Laufe des Februars nach. Im Pazifik hatte der Krieg zwischen Japan und den USA – von japanischer Seite auch ein Krieg um Öl - mit großen japanischen Erfolgen begonnen. Beides ermutigte Hitler, die Militärs und die deutschen Eliten offenbar, den Krieg bis zum "Endsieg" weiterzuführen, nun auch gegen die USA, obwohl sich die Endkatastrophe der "Achsenmächte" bei nüchterner Betrachtung des Kräfteverhältnisses nur allzu deutlich abzeichnete.
Hitlers Plan stand schon um die Jahreswende fest, nämlich alle Kräfte im Süden der Ostfront zu konzentrieren, "da der Stoß nach dem Kaukasus, auch mit Rücksicht auf das Öl, ferner der Vormarsch zum Irak und Iran, womit dann ja auch die Bedrohung Indiens verbunden sei, zunächst das Wichtigste seien." Er entsprach genau dem, was jetzt sein militärisches und ziviles Gefolge erwartete: Mit der Sowjetunion im Jahre 1942 endgültig Schluß zu machen, sich im Kaukasus und im Nahen Osten des Öls zu bemächtigen, Großbritannien an dieser seiner scheinbar verwundbarsten Flanke zu schlagen und dann das neue deutsche Imperium in Eurasien gegen die Amerikaner zu behaupten. Die Zeit war kostbar geworden, und deshalb war die geballte Kraft der Wehrmacht im Südabschnitt einzusetzen. Immerhin waren ja 1200 Kilometer bis Baku zu marschieren, von dort 800 Kilometer bis nach Mossul und Kirkuk und weitere 800 Kilometer bis zum Persischen Golf. In Nordafrika rechneten die Militärs mit Rommels Vorrücken über den Suez-Kanal in Richtung auf den Golf. Im Indischen Ozean würde man schließlich mit dem japanischen Bundesgenossen zusammentreffen.
Erstaunlich ist es zu sehen, mit welcher Energie sich seit Beginn des Jahres 1942 nicht nur die Wehrmacht, sondern auch die anderen Beteiligten und Interessenten – Ölexperten, hohe Diplomatie und Geheimdienste – hierfür engagierten und phantastische Pläne schmiedeten. Die beiden einflußreichsten Ölfachleute, Krauch und Chefgeologe Alfred Bentz, Hitlers und Görings erste Berater in ihrem Fach, fochten im Januar/Februar einen internen, irrwitzig anmutenden Streit darüber aus, ob die irakischen Ölvorkommen nicht wertvoller für Deutschland seien als die des Kaukasus und daß daher, so Krauch, vorrangig im Nahen Osten die Beute zu holen sei. Die Nahostexperten des Auswärtigen Amtes unterstützten die Feldzugsplanungen fachmännisch. Im Amt entstanden Anfang Februar 1942 Denkschriften über den "Vormarsch Deutschlands nach dem arabischen Raum". Der Suez-Kanal und der Persische Golf standen auch für Ribbentrops Diplomaten als zentrale deutsche Kriegsziele fest. Sei man erst einmal in Basra am Golf, so könne man "mit den dann nach Ceylon gekommenen Japanern Verbindung aufnehmen". Der frühere deutsche Gesandte in Bagdad, Fritz Grobba, kannte sich gut aus und bereitete sich schon auf seine Rückkehr auf den alten Posten vor: "Vorbereitet werden muß die Übernahme der Erdölanlagen in den verschiedenen Gebieten Arabiens und Irans (Kirkuk, Khaniqin, Abadan, Kuweit, Bahrein, Röhrenleitungen nach Tripolis und Haifa und Raffinerien an diesen beiden Plätzen). Ein Stab von Fachleuten ... wird im Einvernehmen mit mir und der Kontinentalen Erdölgesellschaft bereits zusammengestellt, und die erforderlichen Materialien, insbesondere Bohrgeräte, werden bereitgestellt. Zur Ingangsetzung der Finanzen und der Wirtschaft muß ein Stab von Fachleuten zur Verfügung stehen."
Die Wehrmacht brauchte lange, um ihre Kräfte wieder annähernd auf den Stand vom Sommer 1941 zu bringen. Selbst die vermehrten deutschen Rüstungsanstrengungen unter dem neuen Rüstungsminister Albert Speer erlaubten es nicht, vor dem 28. Juni mit der geplanten Offensive zu beginnen, noch sechs Tage später als im Jahr zuvor.

El Alamein

Den Optimismus der deutschen und italienischen Führung nährte inzwischen die neue Offensive des Afrika-Korps. Rommel, im Winter ebenfalls weit zurückgeworfen, hatte Ende Mai wieder angegriffen und war über die ägyptische Grenze vorgestoßen. Überraschend gelangte das deutsch-italienische Korps Ende Juni 1942 bis El Alamein, der letzten zur Verteidigung ausgebauten britischen Stellung vor Kairo und dem Suez-Kanal – 120 Kilometer vor Alexandria, 250 Kilometer vor dem britischen Middle-East-Hauptquartier in Kairo. Vor El Alamein aber, in der glutheißen Wüste, blieb das ausgepumpte Korps endgültig liegen, zunehmend schlecht mit Nachschub versorgt, vor allem mit Treibstoff und Wasser.
Die ungeheure Resonanz des Rommelschen Erfolges in Deutschland ist heute nur schwer vorstellbar. Der Propagandarummel in Deutschland und Italien nach dem langen Winter der Mißerfolge war ungeheuer. Hitler selbst war euphorisiert. Jetzt müsse ganz Ägypten den Engländern entrissen werden. Wenn man sie nur "bis zur vollständigen Vernichtung" verfolge, so bedrängte er Mussolini, "bis zum letzten Hauch des einzelnen Mannes", dann werde man, zugleich über den Kaukasus angreifend, "das ganze Orientgebäude des britischen Reiches zum Einsturz" bringen.
Was nicht an die Öffentlichkeit gelangte, waren die Pläne, die in diesen Tagen und Wochen schon geschmiedet wurden: für einen triumphalen deutsch-italienischen Einmarsch in Kairo, für die Übernahme der Suez-Kanal-Verwaltung in deutsche Hände und besonders für die Besitzergreifung der ägyptischen Ölvorkommen am Golf von Suez. Die Deutsche Bank war unter den ersten, die weitreichende Ansprüche anmeldeten. Er habe dem Auswärtigen Amt klargemacht, so notierte Direktor Hermann J. Abs am 4. Juli, "daß, falls in Ägypten oder im übrigen Vorderen Orient die Betätigung von deutschen Banken erwünscht würde, wir auf Grund unserer Stellung erwarten müßten, in erster Linie begrüßt und gefragt zu werden. Im Vorderen Orient sei die Begründung dafür neben unserer jahrzehntelangen Tätigkeit in der Türkei etc. das Ölinteresse."

Majkop

In den Monaten vor der Offensive im Osten überstürzten sich die Vorbereitungen auf die große Ölausbeute, die man im Kaukasus erwartete. Enorme Zahlen an Bohrgeräten wurden in der Industrie bestellt, da man auf den Ölfeldern aus Erfahrung überall mit Zerstörungen großen Ausmaßes rechnete. Ganze Raffinerieanlagen sollten den Franzosen weggenommen werden, um zerstörte in Rußland wieder aufzubauen. Hunderte Fachleute, besonders Bohrmeister, mußten in Deutschland rekrutiert werden. Göring ließ einen gewaltigen militärisch-technischen Apparat unter seiner Oberleitung zusammenstellen, die sogenannte Technische Brigade Mineralöl (TBM), die später über 6000 deutsche Kräfte, Offiziere, Soldaten und zivile Fachkräfte, zählte und für die weitere 6000 sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene arbeiteten.
Am 10. Juli 1942, wenige Tage nach Beginn der Sommeroffensive, veranstaltete Göring in seinem Romintener Jagdrevier eine Konferenz mit den Ölchefs der Brigade. Die Fachleute stimmten seine Hoffnungen auf schnelles Öl empfindlich herab. Alle berauschten sich zwar an den schönen Aussichten, die sie sich in Baku und im Nahen Osten ausmalten; aber das war nur ein Trostpflaster auf die Ungewißheiten der nächsten Zukunft. Die Experten eröffneten Göring, daß von den einstweilen erreichbaren kleineren Vorkommen bei Majkop und Grozny frühestens nach sechs Monaten Aufbauarbeit Öl zu erwarten sei, nach einem bis anderthalb Jahren vielleicht eine bis anderthalb Millionen t jährlich – bei einer möglichen Kapazität von acht Millionen t. Göring, peinlich überrascht, versprach immerhin alles nur Erdenkliche für den Einsatz der Brigade: Menschen und Material, den Zwangsabbau französischer Ölverarbeitungsanlagen, den Bau von Öltankern und sogar Flugzeuge.
Bis Anfang August gerieten Rostow und das Kubangebiet in deutsche Hand. Am 9./10. August fiel Majkop. Aber das Ölrevier, so stellte man im OKW betreten fest, war nicht dort, sondern lag 50 bis 60 Kilometer südwestlich in den Tälern und auf den Hochplateaus des dort urwaldähnlichen Kaukasus ("Waldkaukasus"). Und hier wurde klar, daß, abgesehen von der unwirtlichen Natur und dem unwegsamen Gelände, die Ölfelder und Förderanlagen buchstäblich von Grund auf zerstört waren. Schwerer wog noch, daß weder die deutschen Truppen noch die Öltrupps der TBM gegen den unbeugsamen Widerstand der Roten Armee und die allgegenwärtige Partisanentätigkeit vorankamen. "Truppe ziemlich am Ende", meldete ein Adjutant Hitlers, den das Hauptquartier Mitte August ins Majkoper Gebiet geschickt hatte, "Kaukasus südlich Krasnodar und Majkop nur auf vier Saumpfaden durch Gebirgstruppen mit Mauleseln überschreitbar. Schwerpunkt sei in keinem Fall möglich. ... Abseits der Straße und Wege sei infolge urwaldähnlichen Gestrüpps und Unübersichtlichkeit überhaupt nicht zu operieren. Panzerdivision völlig fehl am Platze. Zäher russischer Widerstand im Gebirge, starke Verluste." Nachschub und Verpflegung, ganz zu schweigen von schwerem Gerät, mußten, in Ermanglung von Maultieren, mit Pferden oder aber in mühsamen, stundenlangen Märschen zu Fuß transportiert werden.
Der Entschluß, Stalingrad anzugreifen, beraubte die Kaukasusfront schon Anfang August wesentlicher Kräfte. Das Gros der Panzertruppen, die der Heeresgruppe A am Kaukasus belassen wurden, zog in der zweiten Augusthälfte weiter nach Osten, um die leichter zugängliche Ölregion von Grozny zu erobern, den Kaukasusübergang über die beiden großen Heerstraßen zu gewinnen und zugleich am Kaspischen Meer entlang auf Baku vorzustoßen. Sämtliche Vorhaben scheiterten kläglich, während sich bei Stalingrad die große Katastrophe anbahnte.
Im Majkoper Revier arbeiteten währenddessen Tausende Deutsche und Zwangsarbeiter nahe der Front – oft unter Beschuß, ständig von Partisanen und aus der Luft angegriffen, meist in Schlamm und Regen. Erst nach vielen Wochen gelang es, einige Sonden aufzuwältigen und mit Neubohrungen zu beginnen. Der Zustand der vorgefundenen Anlagen übertraf die schlimmsten Erwartungen. "Das ist alles kaputt. Es ist schauerlich, wenn man das sieht", jammerte Bentz, als er das Revier besichtigt hatte. "Jeder Nagel muß mitgebracht werden." Selbst der Schriftsteller und Besatzungsoffizier Ernst Jünger, der als hoch protegierter "embedded journalist" im Dezember 1942 das Revier bereiste, konnte in seinem Tagebuch die katastrophalen Zustände in der "Schlammhölle", das Chaos auf den Ölfeldern und die Bestialität der deutschen Kriegführung nicht vollständig ästhetisieren.
Die Niederlage bei Stalingrad und die sowjetische Offensive in Richtung Rostow bedeutete das Ende des gesamten Kaukasus-Feldzuges. Verständlicherweise sträubte sich Hitler lange gegen den Gedanken, das Kaukasusgebiet zu räumen und alle Hoffnung auf Öl aufzugeben. Als aber die Rote Armee im Dezember von Wolga und Don auf Rostow zustieß, wurde aus dem Rückzug eine Frage von Leben und Tod, sollte nicht die gesamte Heeresgruppe A ein ähnliches Schicksal erleiden wie die 6. Armee in Stalingrad. Der Rückzug, endlich am 28. Dezember beschlossen, zog sich einen Monat hin, gelang aber in letzter Minute. Mitte Januar begann die Räumung des Majkoper Ölreviers. Was zu zerstören war, wurde zerstört. Zehntausende Tonnen Material der TBM gingen verloren
Das riesige geräumte Gebiet von über 200 000 Quadratkilometern sollte nach den deutschen Vorstellungen im Frühjahr/Sommer 1943 wiedererobert werden. Dazu beließ Hitler 20 Divisionen in einem Brückenkopf am unteren Kuban, auf der Taman-Halbinsel; Divisionen, die sich dort lange Monate hindurch völlig nutzlos in der Verteidigung aufrieben.

Grozny

Als im August 1942 der Besitz von Majkop schon sicher schien, stieß das Gros der Heeresgruppe A weiter nach Osten vor. Der Angriff galt der Stadt Grozny mit dem zweiten Ölrevier am Nordkaukasus. Hundert Kilometer vor Grozny blieben die Panzer stecken. Weder Grozny noch die Stadt Ordshonikidse (Vladikavkaz) an der großen Paßstraße über das Gebirge wurden erreicht. Die Ölleute der TBM, insgesamt über 1500 Mann, blieben Ende August unmittelbar hinter der Front liegen. Hier warteten sie bis weit in den Oktober hinein, dann zogen sie erfolglos ab. Mehr als ein kleines Stück Ölfeld (Malgobek) bekamen sie nicht zu Gesicht – zerstörte Anlagen wie in Majkop, unter ständigem Beschuß liegend. Von den unerreichbaren Hauptfeldern sahen sie nur Luftaufnahmen.

Baku – Tiflis – Iran - Irak

Grozny galt den Militärs im August 1942 nur als eine schnell zu überwindende Etappe auf dem Weg nach Baku und in den Nahen Osten. Der 1. Panzerarmee war befohlen, "über Grozny unter Sicherung der Nordflanke zunächst auf den für die sowjetischen Kaukasustruppen zentralen Nachschubhafen Machackala, sodann weiter auf Baku vorzustoßen." (9. August) Zugleich sollten die Kaukasuspässe auf der Grusinischen und Ossetischen Heerstraße überschritten und Kurs auf Tbilisi (Tiflis) genommen werden. Diese Pläne zerschlugen sich sämtlich nach kürzester Zeit, als es nicht gelang, den immer hartnäckigeren sowjetischen Widerstand vor Grozny und am Terek zu brechen. Damals herrschte an diesem entscheidenden Frontabschnitt zudem schon eine derartige Treibstoffnot, daß ein ganzes Panzerkorps zugunsten anderer Teile der 1. Panzerarmee stillgelegt werden mußte.
Mitte September 1942 sah Hitler in seinem Hauptquartier schon mehr oder weniger klar, daß an Baku, den Iran und Irak nicht mehr zu denken war und daß er den Marsch dorthin auf 1943 würde "verschieben" müssen. Kaum jemand mochte das zu dieser Zeit unumwunden eingestehen, aber vorbereitende Planungen liefen an. Frische Divisionen aus Westeuropa sollten zum Beispiel "tropentauglich" gemacht werden; ihre Aufgaben waren deutlich genug formuliert: Es "bestehe die Absicht, etwa ab Mai 1943 mit einer Expeditionsarmee aus der Linie Batumi-Baku über Täbris zum Iran vorzustoßen, zunächst die iranischen Gebirgsränder zu besetzen sowie später, etwa ab September 1943, in Richtung Mossul-Bagdad-Basrah und Richtung Teheran-Basrah (eventuell statt ersterer Richtung auch nach Syrien-Suezkanal) anzugreifen." (9. 9.)
So klammerte sich die Heeresleitung wie ihr oberster Chef inmitten der sich auswachsenden Krise des gesamten Feldzugs an das alte, inzwischen vollständig erledigte Konzept der großen "Zange" aus den Sommertagen des Jahres 1941.
Von den vernichtenden Niederlagen in Stalingrad und am Kaukasus und der gleichzeitigen Vertreibung aus Ägypten erholte sich die Wehrmacht nicht mehr. Die berüchtigte "Zange" war zerbrochen und damit auch der Krieg um Öl verloren. Die 1200 Kilometer lange Barriere des Kaukasus konnten die Deutschen an keiner Stelle überwinden. Keines der bedeutenden Ölfelder wurde erobert bzw. konnte – Majkop – wieder in produktiven Betrieb genommen werden. Kein einziger Paß über den Kaukasus war gehalten oder gar überschritten worden. Kein Schwarzmeerhafen der Ostküste war erobert worden. Die Stadt Noworossijsk geriet zwar in deutsche Hand; aber die freie Hafenbenutzung und der erstrebte Zugang zur Schwarzmeer-Küstenstraße mit den russischen Kriegshäfen bis hinunter nach Batum blieben versperrt. In der sogenannten Kalmückensteppe zwischen Grozny und Astrachan rannten sich Divisionen zweier Heeresgruppen fest und konnten das Ufer des Kaspischen Meeres und die Küstenstraße und Bahn nach Baku nirgends erreichen. Der Traum von der Erdölgroßmacht Deutschland war endgültig ausgeträumt.


Nachdruck aus "junge Welt", Berlin vom 16. und 17. Januar 2006. Eine ausführliche Abhandlung des Autors über das Thema erscheint in Kürze unter dem Titel "Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel (1938-1943) im Leipziger Universitätsverlag.

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