Martin Seckendorf/Berlin: Blitzkrieg gescheitert! In der Marneschlacht im September 1914 scheiterte der deutsche Plan für einen Blitzkrieg gegen Frankreich.
(Nach dem Manuskript für einen Redebeitrag auf dem Internationalen Kolloquium am 11.06.2014 zum Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Der Beitrag konnte aus Zeitgründen nicht gehalten werden)


Mit der Krönung des Preußen-Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 im von deutschen Truppen okkupierten Versailles war in der Mitte Europas eine neue kapitalistische Großmacht entstanden. Das wilhelminische Reich nahm unter Nutzung der Möglichkeiten eines bevölkerungsreichen Einheitsstaates und der Entwicklung von Naturwissenschaften und Technik einen bedeutenden ökonomischen Aufschwung und wurde bald zum ernsthaften Konkurrenten Großbritanniens, der bis dahin führenden Industrie- und Handelsmacht.
Bei wichtigen Indikatoren für den Industrialisierungsgrad und die Produktionskraft wie der Stahl- und Roheisenerzeugung verdrängte Deutschland England von der Spitzenposition. Auch der Vorsprung der im Verhältnis zur deutschen Produktion riesigen britischen Kohleförderung schrumpfte von Jahr zu Jahr schneller. Ebenso weist der Index über die Entwicklung der Industrieproduktion auf die führende Stellung Deutschlands hin. Zwischen 1870 und 1913 wuchs die deutsche Industrieproduktion um mehr als 6oo%, während die britische nur um etwas mehr als 200% zunahm. Der Anteil Britanniens an der Weltindustrieproduktion sank von 32% im Jahr 1870 auf 14% im Jahr 1913. Der deutsche Anteil wuchs im gleichen Zeitraum von 13 auf 16%. Ähnliche Entwicklungen weist der Anteil am Weltaußenhandel auf.
Gleichzeitig vollzog sich in Deutschland ein schneller Monopolisierungsprozeß. In den 90er Jahren war der Kapitalismus der freien Konkurrenz durch den Monopolkapitalismus abgelöst worden. Gestützt von großen Banken entstanden riesige Unternehmenskomplexe mit Zehntausenden von Arbeitern. 1911 waren fast 40% der Arbeiter in Großbetrieben angestellt. Deren gewaltiger Produktionsausstoß verlangte gebieterisch nach neuen Märkten und Rohstoffquellen. Die durch die Großbanken versammelten Gelder suchten nach rentablen Anlagemöglichkeiten.
Es gab aber weder den globalen freien Handel noch gesicherte Möglichkeiten zur Kapitalanlage, um das Problem auf "kaufmännisch korrekten" Wegen zu lösen. Die imperialistischen Mächte hatten ihre Einflußgebiete durch wirtschaftspolitische Maßnahmen vor fremder Konkurrenz abgeschottet. Am 21. Juli 1904 beklagte Reichskanzler Bernhard von Bülow "die fortschreitende Verminderung der Länder, in denen noch freier Absatz und unbeschränkte wirtschaftliche Betätigung möglich" sei. Deshalb brauche Deutschland Kolonien und Einflußgebiete. Das durch die Monopolisierung extrem verschärfte Streben nach Maximalprofit war zu einem nationalen Anliegen erklärt worden.

"Höchstes Risiko"
1897 sagte von Bülow im Reichstag: "Wir betrachten es als eine unserer vornehmsten Aufgaben die Interessen unserer Schifffahrt, unseres Handels und unserer Industrie zu fördern und zu pflegen." Er fügte hinzu: "Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne."
Inzwischen hatten die Rivalen Deutschlands die Welt weitgehend unter sich aufgeteilt. Der deutsche Imperialismus war zu spät gekommen und drängte auf eine Neuaufteilung. Seine Forderungen nach Neuaufteilung lösten einen Wettlauf der imperialistischen Mächte zur Unterwerfung der noch "freien", meist halbkolonialen Gebiete, wie das Osmanische Reich, aus. Die Spannungen unter den Großmächten wurden extrem verschärft.
In der Türkei kam der deutsche Imperialismus etwas schneller zum Zuge. Das Auftauchen der Deutschen an der Nahtstelle zwischen britischen und russischen Interessen bewog Rußland und Britannien zur Beilegung ihrer Differenzen am Bosporus und in Asien und nötigte sie geradezu zu einem Bündnis gegen Deutschland. Einen ähnlichen Effekt hatten die deutschen Versuche, Einfluß auf das strategisch wie wirtschaftlich wichtige Marokko, das noch als "freies" Gebiet galt, zu gewinnen.
Hier kam es 1905 und 1911 zu den Frieden bedrohende Zusammenstöße mit Frankreich. Besonders in der zweiten Marokkokrise von 1911 betrieb Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg nach eigenen Worten eine Politik des "höchsten Risikos", am Rande des Krieges. Deutschland bot an, die Unterwerfung Marokkos durch Frankreich zu akzeptieren, wenn der französische Imperialismus der Errichtung eines deutschen mittelafrikanischen Kolonialreichs vom heutigen Tansania am Indischen Ozean bis nach Togo am Atlantik zustimme. Andernfalls werde man sich kriegerische Maßnahmen vorbehalten. Der Leiter des Allgemeinen Kriegsdepartements, Franz Gustav von Wandel, begründete die Politik am Rande des Krieges in der zweiten Marokkokrise damit, daß Deutschland wegen der Schwäche Rußlands und des als nur lose eingeschätzten französisch-englischen Bündnisses "mit Vertrauen einem Krieg entgegensehen" konnte. Zur Verblüffung der Deutschen stellte sich Goßbritannien an die Seite Frankreichs. Die deutsche Erpressung konnte zurückgewiesen werden. Der deutsche Imperialismus musste sich mit geringen Gebietserwerbungen zufrieden geben und den Rückzug antreten.
Die Nationalisten in Deutschland tobten und forderten von der Regierung unverhohlen ein kriegerisches Vorgehen.
Die Marokkokrise war ein entscheidender Schritt hin zu einem großen Krieg. In den deutschen Einfluß- und Machteliten setzte sich die Auffassung durch, daß Verhandlungen zur friedlichen Verwirklichung der Expansionsforderungen nichts bringen. Bei der nächsten Gelegenheit werde "zum Schwert" gegriffen. Deutschland müsse sich, so ein Aufsatz in den "Berliner Neuesten Nachrichten" vom 08. Dezember 1913, "um jeden Preis, auch um den eines Krieges, neue Siedlungs- und Absatzgebiete (zu) verschaffen". Der Krieg sei in diesem Kontext eine "praktische Notwendigkeit". "Aufgabe unserer Diplomatie wird es sein, den Krieg so vorzubereiten", daß man außenpolitisch günstige Konstellationen erreiche. Die Verantwortlichen in Deutschland meinten zudem, die Weltmachtpläne seien nicht mit militärischen Abenteuern irgendwo in der Welt durchzusetzen. Die Entscheidung könne nur in einem Krieg gegen die europäischen Großmächte Frankreich und England fallen. Die Zeit dränge, der Augenblick sei günstig. Der deutsche Imperialismus wähnte sich militärisch im Vorteil, da die Rüstungsprogramme der Rivalen noch nicht realisiert worden waren.
Die nächste "günstige" Gelegenheit bot der Mord am österreichischen Thronfolger am 28.Juni1914 in Sarajewo

Auf Kriegskurs
Der deutsche Imperialismus glaubte, für die Vorbereitung eines Krieges zur Neuaufteilung der Welt aus den Marokkokrisen neben der Notwendigkeit verstärkter Rüstungen zwei weitere wichtige Erkenntnisse gewonnen zu haben.
Zum einen meinte man, angesichts der starken Arbeiterbewegung in Deutschland, die an den Positionen des Internationalismus festhielt, großen propagandistischen Aufwand für die Formulierung eines "richtigen" Kriegsgrundes betreiben zu müssen. Die Massen seien nicht bereit, wegen eines Hafens in Afrika die Mühsal und Leiden eines europäischen Krieges auf sich zu nehmen, so die Auffassung der Herrschenden. Der Kriegsgrund sei so zu formulieren, daß das Volk glaube, Deutschland sei zum Krieg gezwungen worden und führe einen Verteidigungskrieg.
Am 21. Dezember 1912 übersandte der Chef des Generalstabs, Helmuth von Moltke, dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg eine Denkschrift, die die Schlussfolgerungen der deutschen Militärs aus den Marokkokrisen für die operativen Planungen eines Krieges gegen die Entente, das aus Frankreich, Rußland und England bestehende Bündnis, enthält.
Im Überblick über die militärpolitische Lage heißt es: "Gelingt es im Kriegsfall, den casus belli so zu formulieren, daß die Nation einmütig und begeistert zu den Waffen greift, so wird man auch den schwersten Aufgaben mit Zuversicht entgegensehen können." Die Schaffung eines Mythos, man führe einen Verteidigungskrieg und die entsprechenden Propagandamaßnahmen waren zu einem Bestandteil der operativen Planung des Angriffskrieges geworden.
Obwohl die militärischen Aktionen Deutschlands im Westen begannen, erklärte das Kaiserreich am 01. August 1914 aus "innenpolitischen Gründen" zuerst Rußland den Krieg, Der Chef des Marinekabinetts, Georg Alexander von Müller, schrieb dazu in sein Tagebuch: "Stimmung in Berlin glänzend. Die Regierung hat ein glückliches Händchen gehabt, uns als die Angegriffenen darzustellen."
Eine weitere Erkenntnis betraf die Haltung Großbritanniens, das in der zweiten Marokkokrise zu erkennen gegeben hatte, im Kriegsfall Frankreich mit allen Mitteln beizustehen. Bis dahin war man in Berlin davon ausgegangen, das französisch-britische Bündnis laufe eher auf eine moralische Unterstützung Londons für Paris hinaus. Deutschland hatte jetzt damit zu rechnen, daß ein Krieg nicht nur gegen Frankreich und Rußland, sondern auch gegen Großbritannien geführt werden musste, ein Krieg, der vom ersten Tag an ein "allgemeiner europäischer Krieg", wie von Moltke in der Denkschrift feststellte, sei. Der Reichkanzler war spätestens seit der Moltke-Denkschrift umfassend von den Militärs informiert worden.
Die mit der Politik am Rande des Krieges äußerst aggressiv vorgetragenen Expansionsforderungen und die Hochrüstung auch auf maritimen Gebiet hatten Deutschland außenpolitisch isoliert. Die selbstgewählte Isolation wurde zunächst als "Politik der freien Hand" glorifiziert, später von der Propaganda für das Volk als "Einkreisungspolitik der Feindmächte" dargestellt. Den Mittelmächten, letztlich nur aus Deutschland und Österreich-Ungarn bestehend, stand die Entente gegenüber. Bei dieser Konstellation musste eine Auseinandersetzung Deutschlands mit der Entente das wilhelminische Reich in einen Zweifrontenkrieg gegen überlegene Gegner führen.
Um einen solchen, als notwendig und unausweichlich angesehenen Kampf trotzdem gewinnen zu können, hatte der Chef des deutschen Generalstabs, Alfred von Schlieffen, 1905 ein ebenso tollkühnes wie abenteuerliches, in hohem Maße verbrecherisches strategisches Konzept entwickelt.
Schlieffen und sein Nachfolger v. Moltke wollten den Zweifrontenkrieg in zwei zeitlich gestaffelte Einfrontenkriege auflösen und damit das Dilemma der deutschen numerischen Unterlegenheit beseitigen. Die Grundidee war, die Masse des deutschen Heeres, nämlich sieben der acht vorhandenen Armeen, sofort offensiv im Westen und nur eine Armee im Osten als Defensivkraft gegen Rußland einzusetzen. Der General der Infanterie, Karl Mudra, beschrieb am 09. November 1911 den deutschen Kriegsplan: Einigkeit herrsche in der deutschen Führung darin, "daß wir mit unserem Hauptstoß…Frankreich treffen müssen." .Bei der Westoffensive komme es darauf an, Frankreich, "mit vernichtender Kraft entscheidend zu schlagen." Dann bekomme die Heeresleitung "freie Hand zur Verwendung der Streitkräfte, auch gegen den östlichen Gegner."
In der erwähnten Denkschrift an den Reichskanzler begründete von Moltke die "Westoffensive" damit, daß in Frankreich "eine rasche Entscheidung zu erhoffen", ein "Offensivkrieg nach Rußland" wegen der Größe des Landes jedoch "ohne absehbares Ende" sei.
Der Leiter der Eisenbahnabteilung im Generalstab, Wilhelm Groener, meinte zu dem deutschen Kriegsplan, die Blitzkriegskonzeption gegen Frankreich wäre das "Geheimnis des Sieges" im Zweifrontenkrieg.
Moltke machte den Reichskanzler auch auf die politischen Tücken des Kriegsplans aufmerksam: "Um aber gegen Frankreich offensiv zu werden, wird es nötig sein, die Belgische (und die Luxemburgische-M.S.) Neutralität zu verletzen." Da der vor allem nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 entstandene ostfranzösische Festungsgürtel von Belfort bis Verdun umgehen werden mußte, war vorgesehen, mit fünf Armeen in Luxemburg und Belgien einzumarschieren und von dort nach Frankreich durch zu stoßen. Zwei Armeen sollten die Deckung der deutschen Grenze im Elsass und in Lothringen übernehmen.
In einer riesigen Umfassungsoperation wollte man Paris, die damals größte Festung der Welt, nehmen und die französische Armee gegen die Schweizer Grenze und die ostfranzösische Festungsfront drücken. Die Masse der millionenstarken französischen Armee, die belgischen Streitkräfte sowie ein Britisches Expeditionskorps mit etwa 160000 exzellent ausgebildeten, kriegserfahrenen und gut bewaffneten Soldaten sollten in einer einzigen riesigen Kesselschlacht zu vernichten. Mit diesem neuen Cannae hätte man Frankreich und Großbritannien zur Unterwerfung gezwungen. Der Feldzug sollte nicht länger als zwei Monate dauern. Danach wollte man sich mit den Hauptkräften gegen Russland wenden.

Der Überfall
Das Aufmarschkonzept der Militärs enthielt neben der Planung von Verstößen gegen das Völkerrecht durch den Überfall auf Belgien und Luxemburg sowie der Formulierung des "richtigen" Kriegsgrunds zur Täuschung der deutschen Arbeiterbewegung eine weitere politische Komponente: Sollte die Blitzkriegsdoktrin auch nur die Spur eines Erfolges haben, wollten die Generale, gestützt auf den hohen Bereitschaftsgrad des Heeres, dessen Mobilmachungsplanung für einen Schlag gegen Westen schon seit März 1914 abgeschlossen war, so früh wie möglich "losschlagen". Politisch-diplomatische Aktionen der Reichsregierung nach einer Kriegserklärung an eine der Entente-Mächte waren nicht mehr möglich.
Nur einen Tag nach der am 01. August ergangenen deutschen Kriegserklärung an Russland begann der Krieg im Westen. Zwischen dem 02. und 04. August fielen fünf deutsche Armeen in Belgien und Luxemburg ein. Die belgischen Streitkräfte leisteten unerwartet hartnäckigen Widerstand, mußten sich aber nach einiger Zeit in die Festung Antwerpen zurückziehen. Am 20. August war Brüssel gefallen.
Die Deutschen errichteten in Belgien ein überaus hartes Okkupationsregime. Belgien hatte als "Hinterland" für die Versorgung der nach Frankreich eindringenden deutschen Verbände zu dienen. Außerdem sollten das Land und seine Bewohner in die deutsche Kriegswirtschaft eingebunden werden. Schon am 23. August beschloß die Reichsregierung die außerordentlich weitreichenden "Grundzüge über die militärische, finanzielle und wirtschaftliche Ausnutzung des Königreichs Belgien." Um die rückwärtigen Verbindungen zu sichern, einem Partisanenkrieg durch Einschüchterung der Bevölkerung vorzubeugen und die Belgier zu zwingen, die Okkupation sowie die wirtschaftliche Ausbeutung zu dulden und für die Deutschen zu arbeiten, sollte das Land "befriedet" sein. Dazu gingen die Deutschen mit unglaublicher Brutalität gegen die Bevölkerung vor. Geiselnahmen, Folterungen, Massenerschießungen, Deportationen zur Zwangsarbeit, großflächige Zerstörungen waren fast alltäglich. 1914 wurden in Belgien und Nordfrankreich 5512 belgische und mehr als 900 französische Zivilisten durch deutsche Soldaten exekutiert.
Nach der Eroberung von Brüssel drang das deutsche Heer mit 5 Armeen von Norden her in Frankreich ein. Dort traf es zum ersten Mal auf die britisch-französischen Hauptkräfte. Da zeitgleich die beiden deutschen Armeen im Elsass und in Lothringen offensiv wurden, entwickelten sich an einer 250 Kilometer langen Frontlinie schwere Kämpfe.
Den Deutschen gelang die operative Überraschung. Das französische Oberkommando wusste zwar, daß die Deutschen durch Belgien kommen, hatte aber nicht mit einem so wuchtigen und vor allem so weit nach Westen ausgreifenden Angriff gerechnet. Die alliierten Streitkräfte erlitten beträchtliche Verluste.
Die Erfolge in den "Grenzschlachten" lösten in der deutschen herrschenden Schicht eine unglaubliche Siegeseuphorie aus. Schon am 22. August beauftragte Bethmann Hollweg seinen politischen Berater, Kurt Riezler, Bedingungen zu erarbeiten, die den Franzosen bei Friedensverhandlungen zu diktieren wären. Am 24. August meinte v. Moltke, die Entscheidung in Frankreich sei gefallen. Das deutsche Heer brauche die Franzosen nur weiter zu verfolgen. Am 27. August befahl der Kaiser "den Vormarsch des deutschen Heeres auf Paris."

Entscheidungsschlacht
Um die nach Süden und Südosten zurückweichenden britisch-französischen Trupp von Paris abzudrängen, zu verfolgen und von Westen her zu umfassen, drangen die deutschen Armeen östlich an Paris vorbei. Bis zum 05. September war die Marne erreicht und teilweise überschritten.
Frankreich befand sich in einer kritischen Situation. Die deutschen Truppen hatten Reims erobert und standen nur noch 40 Kilometer von Paris entfernt. Am 02. September floh die Regierung nach Bordeaux. 10 von 86 Provinzen, darunter kriegswirtschaftlich besonders wichtige Gebiete, waren vom Feind besetzt.
Mit dem Erreichen der Marne aber hatten sich die strategische Lage und das numerische Kräfteverhältnis zu Gunsten Frankreichs verändert.
Der Kampfwert der deutschen Truppen und der Mannschaftsbestand waren erheblich gesunken. Die Angriffsverbände hatten zwei Armeekorps an die Ostfront und starke Kräfte für die Belagerung noch nicht eroberter belgischer und französischer Festungen sowie zur Sicherung des Okkupationsregimes in Belgien abgeben müssen.
Entscheidend war die Erschöpfung von Mannschaften und Pferden durch die Marschanforderungen von bis zu 30 Kilometern täglich bei glühender Hitze. Zunehmend machte sich auch die Überdehnung der rückwärtigen Verbindungen für Nachschub und Kommunikation zwischen der in Luxemburg residierenden Obersten Heeresleitung und den Armeeoberkommandos an der Front bemerkbar. Die Verluste in den Grenzschlachten und Verfolgungskämpfen konnten nicht mehr ersetzt werden. In ihrer Borniertheit hatten die deutschen Generalstäbler bei der Ausarbeitung des Plans gegen Frankreich die von Carl von Clausewitz betonten "Friktionen des Krieges" d.h. all die kleinen, für sich genommen scheinbar bedeutungslosen Verzögerungen und Belastungen, die aber in der Summe für den Ausgang des Feldzuges bedeutsam sein können, bei Seite geschoben.
Auch die britisch-französischen Kräfte hatten in den bisherigen Kämpfen schwere Verluste erlitten. Es gelang aber dem französischen Oberkommandierenden, Joseph Joffre, die Truppen planmäßig zurückzuführen, die Umfassung durch die Deutschen zu verhindern und südlich der Marne eine geschlossene Front aufzubauen. Von großer Bedeutung war, daß die französische Führung zwei neue Armeen aufstellen konnte: Eine für die Marnefront (9. Armee), die der deutschen Aufklärung entgangen war, und eine nördlich der französischen Kapitale in Anlehnung an die Festung Paris. An der Marnefront war Anfang September bei den eingesetzten Soldaten beider Seiten ein Kräfteverhältnis von fast 1:3 zugunsten der Entente entstanden.
Die bei Paris stehende 6. Armee machte sich zum Stoß in die westliche Flanke des nach Süden und Südosten drängenden deutschen Angriffskeils bereit.
Die Oberste Heeresleitung erkannte die Bedrohung. Im Operationsbefehl vom 05. September wird geschlussfolgert: "Ein Abdrängen des gesamten französischen Heeres in südöstlicher Richtung gegen die Schweizer Grenze ist somit nicht mehr möglich." Damit war eigentlich schon das Scheitern des deutschen Kriegsplanes eingestanden worden.
Wichtige Teile des kaiserlichen Heeres stellten den Vormarsch ein. Starke Kräfte wurden wieder nach Norden verlegt und gegen die französische Gruppierung bei Paris eingesetzt.
Da der größere Teil des deutschen Heeres südlich der Marne verharrte, ging der Frontzusammenhang verloren. Östlich von Paris entstand eine etwa 45 Kilometer breite Lücke in der deutschen Front. Es standen keine Reserven zur Schließung der Lücke zur Verfügung. Im deutschen Kriegsplan war festgelegt worden, zur Erhöhung der Durchschlagkraft der Angriffsarmeen alle Reserven von Anfang in der Front einzusetzen. Der Generalstab hatte alles auf eine Karte gesetzt, Vabanque gespielt.
Am 06. September begann für die Deutschen überraschend die britisch-französische Gegenoffensive an der Marne. Bereits am 05. September griffen die Franzosen die nordöstlich von Paris stehenden deutschen Kräfte an, die zur Verstärkung weitere Kräfte aus den südlich der Marne stehenden deutschen Verbänden im Eilmarsch an die Pariser Front verlegten wodurch sich die Frontlücke weiter vergrößerte. Auf einer mehr als 250 Kilometer langen Frontlinie entwickelten sich die bis dahin schwersten, für beide Seiten verlustreichsten Kämpfe im Ersten Weltkrieg.
Seit dem 09. September gingen große Teile der deutschen Armeen zurück. Als die deutsche Heeresleitung erkannte, daß britisch-französische Truppen, wenn auch zögerlich, in die Frontlücke stießen und die deutschen Armeen gleich von zwei Seiten bedrohten, wurde am 11. September der allgemeine Rückzug befohlen. Erst am 13. September, als die durch den Fall der französischen Festung Maubeuge frei gewordenen deutschen Kräfte herangeführt wurden, gelang die Schließung der Frontlücke und der Aufbau einer stabileren Front hinter der Aisne. Bis zu 80 Kilometer waren die deutschen Truppen zurückgewichen und hatten u.a. Reims wieder aufgeben müssen.
Durch den Rückzug war eine Führungskrise entstanden. Moltke meldete seinem Kaiser: "Majestät, wir haben den Krieg verloren!" Der Generalstabschef wurde für verrückt erklärt. Am 14. September trat von Moltke zurück. Zum neuen Generalstabschef wurde der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn ernannt, Prototyp des menschen-verachtenden zynischen preußischen Generals.
In der Marneschlacht erlitt das deutsche Heer eine strategische Niederlage. Es hatte sich als unmöglich erwiesen, die französisch-britischen Streitkräfte zu umfassen, in einer riesigen Schlacht zu vernichten und den Krieg im Westen schnell zu beenden.
Verschärft wurden die Folgen des Scheiterns im Westen dadurch, daß gleichzeitig die österreichisch-ungarischen Truppen in Galizien schwere Niederlagen erlitten.
Die geplante Verlegung deutscher Truppen vom Westen an die Ostfront war aber durch die Lage im Westen nicht mehr möglich. Der deutsche Blitzkriegsplan war gescheitert, ein Ende des Krieges nicht mehr abzusehen.
Die Frage des "kurzen Krieges" aber spielte im strategischen Konzept und in der Propaganda eine große Rolle. Im August 1914 rief der Kaiser den ins Feld ziehenden Soldaten zu ":Ehe noch die Blätter fallen, seid ihr wieder zu Hause."
Moltke und der Generalstab waren vor allem aus zwei Gründen der Meinung, daß der Krieg schnell beendet werden müsse: Einmal glaubte man nicht, daß die privatkapitalistisch anarchisch geprägte Produktionsweise die Versorgung der Front und der Bevölkerung über eine längere Kriegszeit gewährleisten könne. Zum anderen war man der Auffassung, daß das Volk die Belastungen eines langen, hochtechnisierten Krieges mit enormen menschlichen Verlusten an der Front und der Unterversorgung der Heimat nicht hinnehmen werde.
Wilhelm Groener, schrieb rückblickend: "Mit dem Mißerfolg an der Marne fing die große politische Krise an, aus der wir nicht wieder herausgekommen sind." Das offizielle Geschichtswerk des Reichsarchivs über den "Weltkrieg 1914-1918" wertete im Band 4, der Ausgang der Marneschlacht sei "von einschneidender Bedeutung für den Verlauf des Krieges" gewesen. Er hätte eine "weltgeschichtliche Bedeutung" erlangt. Weiter heißt es: "Daraus wuchsen ernste Fragen nicht bloß militärischer, sondern auch politischer und wirtschaftlicher Art. Die gesamte Kriegsführung musste auf völlig neue Grundlage gestellt werden."
Von den dramatischen Ereignissen an der Marne und ihren Auswirkungen erfuhr der deutsche Zeitungsleser lange Zeit nichts und später nur Halbwahrheiten. Die Niederlage wurde in den Zeitungen als taktischer Rückzug in eine für eine neue, entscheidungssuchende Offensive günstigere Stellung dargestellt. Die Heeresleitung berichtet noch immer vom Erfolg der "deutschen Waffen". Selbst der Rücktritt v. Moltkes und die Ernennung Erich von Falkenhayns zu seinem Nachfolger, wurden erst Monate später bekanntgegeben.
Erstaunlich ist, daß nur wenige Vertreter der herrschenden Klassen und ihrer Repräsentanten in Politik, Militär und Wirtschaft die zäsurale Bedeutung der Schlacht erkannten.
Seit Mitte August 1914 hatten alle Fraktionen der herrschenden Klasse maßlose Bedingungen, die man den "Feindmächten" nach einem Sieg diktieren wollte, vorgelegt. Die Kriegszieldiskussion ging nach dem Debakel an der Marne verstärkt weiter. Ausgerechnet auf den 09. September, als der Rückzug der deutschen Truppen von der Marne an die Aisne in vollem Gange war, datierte der Reichskanzler die "Richtlinien unserer Politik beim Friedensschluss". Das "Septemberprogramm" Bethmanns ist ein Schlüsseldokument für die ausufernden Ziele, die der deutsche Imperialismus im und mit dem Krieg verfolgte.
Der deutsche Blitzkrieg ging an der Marne verloren. Mitte September begannen die kaiserlichen Militärs mit den soeben gescheiterten alten strategischen Konzepten einen neuen Krieg, der wesentlich länger als geplant dauern würde. Auf den war der deutsche Imperialismus weder materiell noch politisch vorbereitet.

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])