Rainer Holze/Berlin: Internationales Kolloquium am 11. Juni 2014 in Berlin zum Beginn des Ersten Weltkrieges - ein Tagungsbericht.

Anlässlich des 100. Jahrestages der Entfesselung des Ersten Weltkrieges fanden in den letzten Monaten u. a. auch in Berlin einige Kolloquien und Konferenzen statt, die gegen das offizielle Geschichtsbild Stellung bezogen. Den Auftakt bildete die Konferenz der zentralen Rosa-Luxemburg-Stiftung am 8. März "Frauen wider den Krieg". Ihr folgten das ganztägige Kolloquium der "jungen Welt", der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal, des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der Arbeiterbewegung bei der Partei DIE LINKE und der Geschichtskommission der DKP am 12. Mai zum Thema "Der Erste Weltkrieg und seine Re-flexionen in Wissenschaft und Kultur", das Halbtagskolloquium des Berliner Bildungsvereins Helle Panke e. V. "1. Weltkrieg, Urkatastrophe und Widerstand" am 14. Mai sowie das ganztägige Internationale Kolloquium der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e. V. und dem Verein "Berliner Freunde der Völker Russlands e.V." mit Unterstützung der zentralen Rosa-Luxemburg-Stiftung, des Verein der Bundestagsfraktion Die Linke, des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur und des Fördervereins für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung am 11. Juni. 2014.


Aus Platzgründen kann hier nur näher auf das zuletzt genannte, recht gut besuchte Kolloquium im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur eingegangen werden. Es konzentrierte sich auf den Problemkomplex "Beginn des Ersten Weltkrieges. Ursachen und Wertungen". Dabei wurde die aktuelle Geschichtsschreibung in den USA, in Österreich und Serbien, in Rußland und in Deutschland zum Kriegsbeginn in den Mittelpunkt der Referate und Diskussionen gerückt.
Nach der Begrüßung durch Horst Schützler, Stellvertretender Vorsitzender der "Berliner Freunde Russlands e.V.", eröffnete Kurt Pätzold (beide Berlin) den Reigen der Vortragenden mit dem Grundsatzthema "Die Versager und andere Märchen vom Ersten Weltkrieg". Die vielfältigen Rückblicke auf den Beginn des Ersten Weltkrieges seien nicht allein durch das tatsächliche ferne Geschehen geprägt, verdeutlichte er eingangs, sondern mindestens gleichermaßen durch die vorherrschenden aktuellen Interessen, die sich mit ihnen verknüpfen und befördern lassen. Das hauptsächliche Interesse der gegenwärtig Herrschenden und Regierenden liege darin, den Europäern bewusst zu machen, wie weit sie dank der klugen und weitschauenden Politik ihrer Führer die Vergangenheit hinter sich gelassen haben und nunmehr in einem befriedeten Kontinent leben. Aufgrund der deutschen Rolle im Kriege von 1914 bis 1918 erschließe sich für die Bundesrepublik nicht die Möglichkeit, in Kirchen, auf Schlachtfeldern und vor deren dort errichteten Monumenten sowie auf Friedhöfen das ständige Bedürfnis zu befriedigen, historisch bedeutende Leistungen der eigenen Nation und deren Verbündeter von neuem zu würdigen und nationales Geschichts- und Selbstbewusstsein zu stärken. Auf jeden Fall sollen in dieser Erinnerungskultur keine alten Feindbilder wieder belebt und alte Rechnungen erneut aufgemacht werden. Keineswegs erwünscht seien auch die Fragen nach der Herkunft und den Ursprüngen des Ersten Weltkrieges, die eng mit der Fahndung nach jenen Personen und Kräften verknüpft sind, die für eben diesen Krieg die Verantwortung tragen. Die Macher der so genannten öffentlichen Meinung setzten alles daran, diesen Kernfragen auszuweichen, sie zu verschütten. Die Legende vom letztendlich gemeinsamen Scheitern vermittelte ein grundfalsches Bild von den europäischen Zuständen der sie Beherrschenden, denn der Erste Weltkrieg erscheine so als ein Ergebnis menschlichen Unvermögens, als Unglück, als zu großem Unwissen, daraus resultierenden Fehlurteilen mächtiger Männer, deren Unfähigkeit, die Gegner auszurechnen oder sich gar in sie hineinzuversetzen, von deren Phantasiemangel, Leichtgläubigkeit und Leichtsinn. Diese Aneinandereihung menschlicher Schwächen, die in der aktuellen Literatur ausgebreitet werde, weite sich zu einer Leporelloliste aus: Angst, Unbedachtheit, Hochmut, grenzenloses Selbstvertrauen, fehlende politische Weitsicht und Urteilskraft. Auf diese Weise gebe es nur Schuldlos-Schuldige. Dieses dominierende, derzeit in der Bundesrepublik verbreitete Geschichtsbild mag im Lichte der Jahrzehnte währenden Arbeit an ihm verwundern, betonte P. In der DDR habe zum Beispiel die unter der Leitung von Fritz Klein am Institut für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften gebildete Arbeitsgruppe die erste umfassende, von einer neuen Generation marxistischer Historiker verfasste Darstellung zur und Geschichte des Ersten Weltkrieges vorgelegt. Sie ließ auch den Antikriegskräften jene Aufmerksamkeit zuteil werden, die ihr bürgerliche Geschichtsschreiber bis dahin konsequent verweigerten. Folgende herausgearbeitete Grunderkenntnisse seien bis heute gültig beblieben: Dieser Weltkrieg wurzelte in und wuchs aus dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft in ihrem neuen, imperialistischen Stadium, in das sie um die Jahrhundertwende eingetreten war. An dem Kampf um die politische und ökonomische Vorherrschaft, koloniale Macht, Rohstoffquellen, Absatzmärkte und Handelstützpunkte nahmen alle entwickelten Staaten in Europa und die USA teil. In diesem Kampf wurden viele Instrumente und Methoden eingesetzt, einschließlich des Krieges, der auf allen Seiten eine Option zur Durchsetzung der eigenen Ziele bildete. Das deutsche Kaiserreich, dass in wenigen Jahrzehnten zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht aufgestiegen war, hatte ein besonderes Interesse an der Neuordnung der Zustände in Europa und in der Welt. Er wurde so mit seinem Bundesgenossen Österreich-Ungarn zur treibenden Kraft auf dem Weg in den Krieg. In der Bundesrepublik verbinde sich der Beginn dieser erwähnten Forschungsarbeiten zum Ersten Weltkrieg mit dem Wirken des an der Hamburger Universität lehrenden Historikers Fritz Fischer und seiner Schüler. Fischer habe mit seinem 1961 erschienenen Buch "Griff nach der Weltmacht" und anderen Publikationen das bis dahin in der westdeutschen Historikerzunft unangefochtenen Bild von Deutschlands unschuldiger Rolle auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg einen nachwirkenden Schlag versetzt, wenn auch, anders, als erhofft, kein Todesstoß. Seine Kernaussage, dass die deutsche Reichsführung "einen erheblichen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges" trage, habe sowohl die These von Deutschlands Alleinschuld wie die von seiner Unschuld am Kriege zurückgewiesen, aber genauso das Nivellierende, wonach die Verantwortung des deutschen Kaiserreiches nicht größer und nicht kleiner als die der anderen Großmächte gewesen sei.
In seinen weiteren Ausführungen setzte sich der Referent ausführlich mit den revisionistischen Thesen des in Großbritannien lehrenden Historikers Christopher Clark in seinem in den Medien und vom politischen Mainstream so hochgelobten Buch "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" auseinander. Dieser habe kein einziges Dokument oder Argument entkräften können, das über Deutschland als treibende Kraft in den Ersten Weltkrieg von den Historikern herangezogen worden war. Für seine These, dass Deutschland am Weg in den Krieg nicht mehr und nicht weniger beteiligt war als seine Gegner, habe er keine überzeugenden Argumente anführen können. Clarks Revision bedeute auch methodologisch ein Zurück in ein bürgerliches Geschichtsdenken der fünfziger und frühen sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, denn seine Studie präsentiere eine vollständig personenbezogene Geschichtsschreibung. Seine "Schuldigen" fühlten sich als Getriebe, die unter einem Druck "von außen" gehandelt hätten, die nicht Täter, sondern Opfer ihrer Vorstellungen, Einbildungen, Halluzinationen, Gemütslagen geworden seien. Des Australiers Bekenntnis, es sei ihm nicht um das Warum des Krieges, sondern ihn interessiere nur das Wie, der Weg zum 1. August 2014 sei eine Flucht vor der Kriegsschuldfrage sowie ein deutlicher Ausdruck eines volksfernen Wissenschaftsverständnisses. Die sich in Jahrzehnten vorher herausgebildeten Ursachen von weltgeschichtlichen Ereignissen werden auf einen niedrigeren Rang gesetzt. Clarks Einschätzung vom Versagen der Politik unterstelle, dass ihr Ziel die Erhaltung des Friedens gewesen sei.
Abschließend schätzte Pätzold vorherrschenden Bewertungen der Historikerzunft zum Platz des Jahres 1914 und des Ersten Weltkrieges im Gang der europäischen und der Weltgeschichte ein (Beginn des kurzen Jahrhunderts der Extreme, der Erste Weltkrieg als "Urkatastrophe" und dergleichen).
Zu wichtigen Teilaspekten der Kolloquiumsthematik referierten dann Martin (Graz), Horst Schützler, Robert Waite (Washington), Manfred Weißbecker (Jena) und Hartmut Henicke (Altzeschdorf). Marga Voigt (Berlin) las aus Briefen von Clara Zetkin nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Der österreichischen Historiographie zum Kriegsausbruch 1914 wandte sich M. Moll zu. Sie sei stets nicht umfangreich gewesen, und ist es auch heute nicht. Es habe auch kaum eine Beteiligung an internationalen Debatten gegeben. Die Erörterung der entscheidenden Frage - die Kriegsbereitschaft und Kriegsentschlossenheit der Habsburger Führung - sei durch die Behandlung eher sekundärer Aspekte überlagert worden. Als Grundkonsens der neueren österreichischen Forschung kennzeichnete M. die Herausstellung der grimmigen Entschlossenheit der Donaumonarchie zur Auslösung einer kriegerischen Strafexpedition gegen Serbien nach dem Thronfolgermord, die aber kein Interesse an einem ausbrechenden großen Krieg gehabt habe. In den letzten Jahrzehnten werde deren Rolle bei Kriegsausbruch etwas kritischer gesehen.
Dankenswerterweise hatte H. Schützler recht kurzfristig das Ersatzreferat "Die russische Historiographie zu den Ursachen und zum Beginn des Ersten Weltkrieges" übernommen und dazu einige der jüngsten Publikationen zur Kriegsstimmung im damaligen Russland bzw. der russischen Geschichtsschreibung herangezogen. Nur die Bolschewiki hätten sich dem Kriegstaumel widersetzt. Am Beispiel der Bewertung des letzten Zaren Nikolaus II. und seiner Außenpolitik durch den Biografen Petr Multatuli - dieser schätze ihn im Gegensatz zu früheren Darstellungen im Widerspruch zu den Tatsachen als klugen, christlichen, friedfertigen Herrscher ein, der im Krieg keine imperialistischen Ziele verfolgt habe - verdeutlichte S. sich abzeichnende Wandlungen (die Aufwertung des Zaren für eine patriotische Geschichte) in der heutigen russischen Historiografie zum Ersten Weltkrieg. In der sowjetischen Geschichtsschreibung habe sich frühzeitig die militärgeschichtliche Richtung herausgebildet, der die starke Beschäftigung mit der Außenpolitik und den internationalen Beziehungen gefolgt sei (geprägt von Michail Pokrowski und seiner Schule, die im zaristischen Russland den "Hauptschuldigen des Krieges" sahen) und die nicht unwesentlich vom Personenkult beeinflusst gewesen sei. In der "poststalinistischen Phase" habe der Weltkrieg immer mehr seine Bedeutung als eigenständige Erscheinung verloren, der globale Konflikt sei in den "Schatten der Oktoberrevolution" geraten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion seien vor allem Fragen der Teilnahme des russischen Imperiums am Krieg und die Rolle der Selbstherrschaft diskutiert worden.
Im Beitrag von Sonja Striegnitz (Berlin) - aus Zeitgründen hatte sie auf ihren Vortrag verzichtet und ihn für eine geplante Veröffentlichung des Kolloquiumsertrages eingereicht - wird der Frage nachgegangen, wie die Führungskräfte der Sozialrevolutionären Partei Russlands den Beginn des Ersten Weltkrieges aufnahmen, welche Positionen sie dazu entwickelten und welche praktischen Schritte in den ersten Kriegsmonaten erfolgten. S. arbeitet die Ursachen für den desolaten Zustand der Partei und der Exilkader heraus. Die Sprachlosigkeit der Partei sei durch eine Beratung ihrer Führungskräfte am 22. August 2014 in Lausanne beendet worden, die eine Dreiteilung der Standpunkte wie in der II. Internationale offenbart habe (sozialpatriotische Positionen der Mehrheit; linkszentristische Haltung des führenden Theoretikers V. M. Cernow; revolutionäre, internationalistische Position von M. Natason), die sich in den ersten Kriegsmonaten in konkreten Aktionen manifestiert habe.
R. Waite schilderte in seinem Referat zunächst die Reaktionen der US-amerikanischen Öffentlichkeit auf den Kriegsausbruch. Die Stimmung unter den US-Amerikanern sei überwiegend pro-englisch und gegen das aristokratische Deutschland und dessen angriffslustige, aggressive Staatsführung eingestellt gewesen.
Trotz der täglichen Presseberichterstattung über den europäischen Krieg habe sich die Mehrzahl der Bürger sicher gefühlt. Da der europäische Krieg die amerikanische Wirtschaft negativ zu beeinflussen begann - vor allem stiegen die Lebensmittelpreise - seien manche Arbeiter unzufrieden gewesen, habe es auch Streikandrohungen gegeben. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand die amerikanische Geschichtsschreibung zu den Ursachen und zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Sie habe sich in den einzelnen Perioden unterschiedlich positioniert. Bereits im Jahre 1914 betrachteten die Historiker (und Journalisten) das kaiserliche Deutschland als den Hauptschuldigen. Durch seine Diplomatie, sein monarchisches System und seine militaristische Haltung habe es Europa in den Krieg gestürzt. In den zwanziger Jahren seien es vor allem jüngere Historiker gewesen, die nach dem Studium von nunmehr zugänglichen Quellen von der deutschen Alleinschuld abrückten und die europäischen Mächte für den Ausbruch des Krieges von 1914 bis 1918 verantwortlich machten. Erst mit dem 50-Jahresjubiläum sei dann die Weltkriegsthematik wieder aufgegriffen worden. Unter dem Einfluss der zeitgenössischen Spannungen im politischen und wirtschaftlichen Leben in den USA suche die jüngere Historikergeneration die Kriegsursachen vorrangig in den inneren Verhältnissen Europas, insbesondere in der Ungleichheit und der Aufhetzung des Patriotismus. Ab der Jahrtausendwende seien eine ganze Reihe von Aufsätzen und Beiträgen mit neuen Deutungsangeboten zu den Ursachen dieses Weltenbrandes (besonders unter dem Aspekt der Entscheidungsfindung der europäischen Mächte und der Verantwortung der"kleinen und mittleren Mächte") erschienen.
In seinem streitbaren und in der Diskussion umstrittenen Vortrag "Arbeiterbewegung, Krieg und Nation, Fragen und Denkansätze" entwickelte H. Henicke den Standpunkt, dass eine wirklich aggressive deutsche Außenpolitik kontinental nur im Bündnis mit England gegen Russland oder global im Bündnis mit Russland gegen England möglich gewesen wäre. Die deutsche Weltpolitik wäre jedoch keinem dieser beiden Konzepte gefolgt, das deutsche Kaiserreich habe als Wissens- und Handelsmacht expandiert. Die Einbeziehung der Sozialdemokratie als Teil der Kriegsinszenierung, führte er weiter aus, werde überschätzt. Die Partei sei von den Ereignissen überrollt worden, sei ohne Herrschaftswissen nicht imstande gewesen, die Wirklichkeit zu beurteilen. Nicht einmal Rosa Luxemburg sei auf den Gedanken gekommen, der deutschen Heeresleitung während der Julikrise 1914 Kriegsinteresse zuzuschreiben. Der sozialdemokratische Partei- und Fraktionsvorstand hätten sich in ihrer Gesamtheit keineswegs so systemkonform verhalten, wie dies in der Literatur bislang reflektiert worden sei, und auch die Verantwortung der deutschen Sozialdemokratie für die Befürwortung der Kriegskredite sei nicht so hoch einzuschätzen, wie dies wegen der Führungsrolle der Partei innerhalb der II. Internationale bislang veranschlagt worden sei. Der originäre Grund für das Ende der II. internationale sei die Unfähigkeit der Sozialisten gewesen, das global-systemische Wesen des Imperialismus im Gewirr einer sich immer rasanter transformierenden Welt zu erkennen. Die deutsche Sozialdemokratie wäre dem Konzept der Solidarität herrschenden deutschen Eliten aufgesessen und hätte dann, in dem guten Glauben, darin die Grundlage eines nationalen Sozialismus zu sehen, dem Klassenkampf abgeschworen. Nicht im Verrat der sozialdemokratischen Grundsätze hätten die deutschen Eliten die Voraussetzung für die Kriegsführung erblickt, sondern in deren Manipulation durch die soziale Revolution von oben - in der Organisation eines nationalen Sozialismus. Deutschlands in der imperialen Epoche tendenziell gefährdende Einkreisung durch die Entente sowie der bisher im Vergleich zu den Ententemächten de facto defensive deutsche Imperialismus sei - gepaart mit entsprechender Propaganda, die auch der rechte Flügel der deutschen Sozialdemokratie schon lange vor 1914 mit unterstützt habe - der Kraftstoff gewesen, der dem deutschen Imperialismus seien offensiven Charakter verliehen hätte. Die Unterstützung der rechten Sozialdemokraten habe einer Nation gegolten, die nicht mehr nur kulturell, sondern bereits völkisch definiert worden sei.
In der sehr lebhaften Diskussion stießen die Grundthesen des Referenten dann auf kräftigen Widerspruch, dem vor allem Pätzold mit seinen bereits im Vortrag ausgeführten Argumenten Substanz verlieh.
Im abschließenden Vortrag analysierte M. Weißbecker vor allem die konservativ-nationalistische Erinnerungspolitik an den Ersten Weltkrieg in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in deren Ergebnis bestimmte Denk- und Verhaltensmuster einerseits genutzt und befördert sowie andererseits zielbewusst geschaffen wurden. Seine Überlegungen betrafen die Voraussetzungen, Inhalte sowie Formen und Entwicklungstendenzen im Verwenden "richtiger Erinnerungsworte", die zu neuen siegreichen Schlachten führen sollten. In diesem Kontext richtete er den Blick vorrangig auf die geschichtspolitisch und propagandistisch instrumentalisierte Erinnerung an den Krieg, mithin auf die "Brandstifter" in Friedenszeiten. Bereits in den ersten Jahren der Weimarer Republik empfanden die Weimarer Militärs und ihre geistigen Kopfflechter es als empörend, wie weit verbreitet die Vorstellung von einer Zukunft ohne Krieg unter der Bevölkerung war, erinnerte W. Dem sei von den konservativen Kreisen von Anfang an massiv entgegenwirkt worden, indem sie sich des politischen Erinnerns an den Krieg - vor allem an die Niederlage - vielgestaltig, umfassend und zielorientiert und gerichtet gegen alle menschlichen Friedensbedürfnisse bemächtigten. Dabei zeichneten sich solche erinnerungspolitischen Argumentationsmuster ab, die zwar den Frieden als erstrebenswert priesen, gleichzeitig den Krieg generell als unabänderlichen Teil der Menschheitsgeschichte werteten sowie die spezielle Kriegsniederlage mit der Frage verknüpften, wie das in der Zukunft alles wett-zumachen sei und was dafür in der Gesellschaft insgesamt und speziell auf den Gebieten Aufrüstung, Kriegsführung und Kriegspsychologie unternommen werden sollte. Konsequent werde eine Umwandlung von privatem Schmerz zu "stolzer Trauer" betrieben. Es verstärkte sich die Mystifizierung des deutschen Soldatentums und dessen angeblich generell gegebene Überlegenheit über Menschen und Militärs aller Länder. Kennzeichnend für die Erinnerungspolitik der damaligen Nachkriegszeit sei ihre ausgesprochen nationalistisch-kriegerisch gefärbte und zudem religiöse Heilsvorstellungen nutzende Orientierung auf eine als ideal dargestellte Zukunft gewesen. Dazu sollte entsprechend dem Modell der Schützengraben-Gemeinschaft die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und Parteien in einer wahren "Volksgemeinschaft" überwunden werden. Im Mittelpunkt dieser Erinnerungspolitik habe der Versuch gestanden, die eigene Unschuld am Krieg und die Schuld, zumindest die Mitschuld der andern nachzuweisen, die Behauptung, die militärische Niederlage sei von meuternden Arbeitern, hinterhältigen Juden, verantwortungslosen Pazifisten und anderen verursacht worden. Realistisch-kritisch denkende Zeitgenossen wie Heinrich Mann, Hellmut von Gerlach und Kurt Tucholsky haben dies rasch erkannt, stellte Weißbecker heraus. Des Weiteren verdeutlichte er Erscheinungsformen politischer Erinnerungsarbeit in der Weimarer Republik (wie z. B. das Wirken jener vielen Organisationen, die unmittelbar nationalistisch-revanchistische Propaganda gegen den Versailler Vertrag auf ihre Fahnen geschrieben haben, die Tätigkeit von Kriegervereinen und paramilitärischen Verbänden, die Kriegerdenkmale, das vor allem unter den Studenten grassierende Langemark-Gedenken, die vielen Publikationen aus der Generalstabshistiographie, die Verbreitung der zu Kriegsbeginn entstandene Frontliteratur und der literarischen Lobpreisungen des Soldatentums).
Der Hauptadressat sei die Jugend als "Menschenmaterial" eines künftigen Krieges gewesen. Die große Zahl der Schnittmengen zwischen dem radikalen und rechtsradikalen, zwischen dem nationalliberalen, deutsch-nationalen, völkischen und nationalistischen Kriegsgedenken sowie die weitgehende Konsensfähigkeit der hauptsächlichen Elemente des Kriegs- und Heldengedenkens der Faschisten in der Weimarer Republik beweise, dass in dieser Hinsicht der 30. Januar 1933 keine besonders tiefgreifende Zäsur darstelle. Ein solches Gedenken habe für die die Zeit bis 1933 eine systemzerstörende Wirkung, für die Zeit der faschistischen Diktatur in Deutschland eine systemstabilisiernde Wirkung gehabt. Die Erinnerungspolitik der Weimarer Regierungen, rechter Parteien und die der deutschen Faschisten müsse als eine verheerende Naturkatastrophe, als Vorkriegs-Brandstiftung eingeschätzt werden.
Manfred Weißbecker hielt auch das bemerkenswerte Schlusswort der wissenschaftlichen Tagung, das kräftige Impulse für die nicht dem Mainstream verbundene Geschichtsforschung gab. Das Kolloquium habe unverkennbar gezeigt, dass es kein Ende des analytischen und kritischen Sich-Befassens mit dem Ersten Weltkrieg, mit dessen Ursachen und seinen bis in das neue Jahrhundert reichenden Folgen geben kann. Zu umfangreich und zu wirkungsmächtig sei der von mehreren Rednern verdeutlichte Trend einer Beschönigung jener gesellschaftlichen Verhältnisse, auf deren Boden Kriege entstanden, wieder vorbereitet und geführt werden, ohne auf entscheidenden Widerstand zu stoßen, zu bedrohlich und erschreckend erscheine die Gegenwärtigkeit des Vergangenen. Zu gefährlich für unsere Zukunft klingt alles, betonte er nachdrücklich, was Kriegen Naturhaftigkeit andichtet und ihnen Alternativlosigkeit unterstellt. Dem entschieden entgegenzuwirken, darin erblicke er den Sinn der Zusammenkunft. In ihr habe nicht von ungefähr der heutige "geschichts-offizielle" Umgang, das Umgehen-Wollen aller Fragen nach den Kriegsursachen und Kriegszielen im Vordergrund der Betrachtungen gestanden. Die hier vorgetragene Kritik daran lasse offenkundig werden, das und wie mit aufgewärmten bzw. neuen Thesen alte und neuerlich erkennbare Vorherrschafts-Ambitionen in mildes Licht getaucht werden. Im Grunde gehe es nur scheinbar um den Krieg von 1914/18. Wenn dessen Ausbruch als Ergebnis zufälliger Umstände, als Betriebsunfall gewertet werde, dann braucht nach Ursachen und Schuld nicht mehr gefragt zu werden, dann können geschönte Bilder einer angeblich für Kriege unzuständigen Welt gemalt werden. Es sei deshalb dringend geboten, stärker und offensiver als bislang offenen Fragen ernsthaft zu untersuchen, wie z. B. zum Inhalt und zur Wirkung jener zunehmenden Versuche, den Krieg als gesellschaftliche Erscheinung generell zu rechtfertigen oder gar zu beschönigen, ihn am Beispiel des Ersten Weltkrieges als den geschichtlich sinnvollen Fortschritt befördernd zu bewerten, ihn als Beschleuniger von Wissenschaft und Technik oder gar als Ausgangspunkt siegreicher Demokratie und des westlichen Parlaments-Modells anzupreisen. W. warf auch die Frage nach Notwendigkeit und Gegenstand historischer Friedensforschung auf, die der Kriegsforschung vehement entgegengesetzt werden müsse. Weiter debattiert werden sollte auch die Erinnerung an das Liebknechtsche Nein zu den Kriegskrediten und an das Flugblatt "Der Hauptfeind steht im ei-genen Land". Mit dem Blick auf die Geschichte der Arbeiterbewegung äußerte er den sehr unterstützungswerten Wunsch, vor allem jene Diskussionen fortzusetzen, die über die not-wendige Behandlung einzelner historischer Ereignisse hinausgehen, jedoch auf deren Grundlage Kausalität und Komplexität der gesamten Jahrhundertgeschichte oder mehr noch der Kapitalismusgeschichte in den Blick zu nehmen.



Eine gekürzte Fassung ist erschienen in: Jahr Buch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Dreizehnter Jahrgang, 2014/III (September 2014), S. 152-157.

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])