Strategie des sowjetischen Gegenangriffs bei Stalingrad und
der politisch - moralische Zustand der Roten Armee

nach neuen Dokumenten des Generalstabes der Roten Arbeiter- und Bauernarmee und des Volkskommissariats des Inneren der UdSSR
(Beitrag auf dem Kolloquium am 30. Januar 2003 in Potsdam zum 60. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad)


Der Schlacht bei Stalingrad sind zahlreiche Publikationen gewidmet. Und doch erlaubt die Auswertung der heute zugänglich gewordenen russischen Archivalien, eine Reihe der Fragen neu einzuschätzen, die mit der Strategie und der moralisch-psychologischen Zustand der gegeneinander kämpfenden Seiten verbunden sind1. In der Schlacht an der Wolga haben sich diese zwei Komponenten besonders eng verflochten. In ihrer Kongruenz haben sie nicht nur die Lage an der Ostfront, sondern den ganzen Verlauf des zweiten Weltkrieges beeinflusst.
Nach der Niederlage in der Schlacht bei Moskau war die Wehrmacht schon nicht mehr imstande, eine strategische Offensive an der ganzen Ausdehnung der sowjetisch-deutschen Front im Sommer 1942 zu planen. Die südliche Richtung wurde für Hitler eine einzige Wahl: das Erdöl der Kaukasischen Region sicherte die Möglichkeit, einen globalen Krieg gegen die Koalition der westlichen Alliierten und der UdSSR fortzusetzen. Wie es Professor B. Wegner - seiner Meinung nach richtig - bemerkt, stand der Führer im Frühling 1942 vor einer konkreten Alternative: entweder den Krieg durch Verhandlungen zu beenden (aber diese Version durfte nicht einmal erwogen werden), oder möglichst schnell Voraussetzungen zu schaffen, um einen lang dauernden Krieg gegen die Koalition der Sowjetunion und der angelsächsischen Großmächte zu ertragen2. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Besitz der Naturschätze des Kaukasus zu einer Trumpfkarte für Deutschland bei den potentiellen bevorstehenden Friedensverhandlungen nicht nur mit der UdSSR sondern auch mit England und den USA werden konnte.
Für viele Generäle der Wehrmacht und vor allem für das Oberkommando des Heeres (OKH) blieb die Eroberung von Moskau nach wie vor das Hauptziel des Krieges. Erst nach der Besetzung dieser Stadt konnte vom strategischen Ende des Krieges die Rede sein. In dem Bewusstsein der meisten deutschen Soldaten wurde die Frist der Kapitulation der Sowjethauptstadt bloß für eine gewisse Zeit verschoben. Feldmarschall Paulus, der vielleicht besser als alle anderen die Bedeutung der Stalingrader Schlacht und des Untergangs der 6.Armee begriff, bezeugte nach dem Ende des Krieges: "Im Frühling 1942 blieb der Moskauer Frontabschnitt, unter dem operativem Gesichtswinkel betrachtet, nach wie vor die Hauptrichtung des Krieges. Aber für einen breit angelegten Angriff gegen Moskau gab es keine ökonomische Basis... Es waren gerade die ökonomischen Ziele, die uns zwangen, auf den Angriff gegen Moskau zeitweilig (Kursivschrift von uns eingeführt. - M.M.) zu verzichten, obwohl Moskau wie ehedem das operative Hauptziel bildete..."3.
Am 5.April 1942 unterzeichnete Hitler die OKH-Direktive Nr.4l, die anordnete, die Lage an dem Frontabschnitt Mitte aufrechtzuerhalten und dabei auch Leningrad zu erobern und einen Durchbruch am Südflügel in Richtung Kaukasus zu unternehmen 4. Etwas früher, am 28.März 1942, wurde in Moskau in der vereinigten Sitzung des Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers und des Staatskomitees für Verteidigung der Vorschlag des Generalstabes anlässlich des Übergangs zur strategischen Verteidigung angenommen, aber gleichzeitig traf Stalin die Anordnung, eine Serie lokaler Angriffsoperationen an der ganzen Front von Murmansk bis Sewastopol in nächster Zukunft durchzuführen. Stalin erlaubte Timoschenko, eine Operation im Süden zu unternehmen, aber sie sollte beschränkte Maßstäbe aufweisen und nur auf die Vernichtung der feindlichen Gruppierung um Charkow abgezielt sein. Außerdem glaubten Stalin und seine Umgebung, die Hauptereignisse könnten sich in Moskauer Richtung entfalten. Diese Vermutung fußte darauf, daß der Feind gerade im Zentrum der ganzen Front die größte Gruppierung seiner Kräfte - über 70 Divisionen - zusammengefasst hatte5.
Es ist nicht zu bezweifeln, daß das Oberkommando der Sowjetstreitkräfte die Stärke der Sowjettruppen im Frühling 1942 überschätzt und die Möglichkeiten des Gegners unterschätzt hat. Die weiteren Ereignisse bewiesen, daß der Entschluss des Obersten Befehlshabers, die Verteidigung mit lokalen Angriffen in Einklang zu bringen, keine erwarteten Ergebnisse brachte. Aber die Frage, ob der sowjetische Plan der Kriegsführung im Jahre 1942 strategischerweise im Ganzem fehlerhaft war, bleibt offen, und ich möchte mir die Freiheit nehmen, manche Überlegungen darüber darzubieten.
Erstens handelt es sich um die Konzentration der Aufmerksamkeit des Hauptquartiers auf der Moskauer Richtung. Es kommt eben darauf an, daß die Verteidigung Moskaus von dem sowjetischen Oberkommando als die vordringlichste Aufgabe betrachtet wurde - unabhängig von den Vorstellungen Stalins und seiner Umgebung bezüglich der feindlichen Hauptstossrichtung im Rahmen der Kampfhandlungen des Jahres 1942: die deutschen Truppen standen in der Nähe der Hauptstadt, und es war bei allen Umständen unzulässig, ein Risiko einzugehen. Nebenbei ist es auch zu merken, daß die vom deutschen Oberkommando in Gang gesetzte auf Irreführung gerichtete Information über den angeblich für den Juni 1942 geplanten Angriff gegen Moskau (der sog. "Kreml"-Plan) die Absichten des Oberkommandos der Roten Armee im Grunde genommen nicht ändern konnte.
Zweitens sind die vom sowjetischen Oberkommando Anfang 1942 erhaltenen Erkundungsangaben über den Zustand der deutschen Wehrmacht in Betracht zu ziehen. Stalin erhielt Berichte darüber, daß die Deutschen demoralisiert und daß drei Viertel aller deutschen Divisionen entkräftet sind. Es wurde auch gemeldet, daß die Wehrmacht für Angriffshandlungen unfähig ist, daß es ihr an Brennstoff mangelt u.a.m6. Es ist zu merken, daß laut der Ende März 1942 vom Generalstab der OKH zusammengestellten Beurteilung der Kampffähigkeit der deutschen Streitkräfte an der Ostfront, nur acht Heeresverbände geblieben waren, "die für die Erfüllung aller Kampfaufgaben geeignet wären"7.
Drittens ist die These kaum bestreitbar geworden, daß eine ungünstige Zersplitterung der Kräfte und Mittel der Roten Armee in Frühling 1942, die Erschöpfung ihrer Reserven für die von der Märzsitzung des Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers vorgesehenen Angriffsoperationen stattfand. Heute erscheinen uns solche Überlegungen völlig begründet. Aber wir beurteilen die Ereignisse jener Zeit vom Standpunkt der Gegenwart, d.h. unter dem Einfluss der umringenden Wirklichkeit. Doch wie musste der Oberste Befehlshaber z.B. unter den Umständen handeln, als sich die zweitgrößte Stadt des Staates - Leningrad - belagert war, als die wichtigste Industrieregion des Landes - Donbass - vom Feind besetzt wurde ? Im Frühling 1942 handelte es sich darum, wer über die Ressourcen für die Fortsetzung des Krieges verfügen wird. Der Kampf an der Ostfront erhielt ganz neue, sich von den Kriegshandlungen des Jahres 1941 unterscheidende kennzeichnende Merkmale. Der Krieg verwandelte sich in den Kampf um die Lebensfähigkeit. Und diese Tatsache wurde sowohl von Hitler als auch von Stalin völlig begriffen.
Schließlich möchte man folgendes merken: Obwohl es den Sowjettruppen im Frühling und Sommer 1942 nicht gelungen war, Leningrad von der Blockade zu befreien, die feindlichen Truppen um Rzhew und Wjaz'ma einzukesseln und Donbaas zurückzuerobern, haben sie dennoch mit ihren aktiven Handlungen erhebliche Kräfte der Wehrmacht an vielen Frontabschnitten gefesselt und dadurch den Angriff der deutschen Kräfte gegen den Kaukasus und gegen Stalingrad (Operation "Blau") verzögert. Mit anderen Worten halte ich es für nötig, mich der Überlegungen an die strategischen Fehlentscheidungen des Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers in der Kampagne 1942 zu enthalten, um dazu aufzurufen, die nicht nur vom Oberkommando der Streitkräfte sondern auch von der Leitung mancher Fronten, wie auch mancher Armeen zugelassenen Fehler operativer Art zu betrachten. Diese Fehler waren in einem besonderen Maße schuld daran, daß die Rote Armee im Mai und Juni 1942 unangemessen große Verluste erlitt und bald gezwungen wurde, dem Feind weite Räume im Süden des Staates abzutreten.
Nach der Einkesselung der Verbände der Südwestfront bei Charkow (Mai 1942) wurde die Lage der Sowjettruppen am Südflügel der sowjetisch-deutschen Front kritisch. Aber die scharfe Biegung des Donflusses ist nicht zur zweiten Wjaz'ma (Muster des Jahres 1941) geworden, obwohl das Gelände, wo die Schlachten verliefen, den deutschen Plänen einer breiten Umfassung der Sowjettruppen aufs beste entsprach.
Gleichzeitig mit den Kämpfen an den Fronten verlief im Hinterland der Roten Armee die Ausbildung der neuen Reserven. Das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte schenkte der Ausbildung von Reserven im Laufe des ganzen Krieges (seit dem Juli 1941) eine besondere Aufmerksamkeit. Es waren gerade die Truppenteile der Reserve, die letzten Endes das Schicksal der Schlacht um Moskau besiegelt haben. Ähnlich gestaltete sich die Lage im Jahre 1942. Unlängst wurde der Geheimhaltungsstatus eines einzigartigen Dokuments aufgehoben - es handelt sich um eine Verordnung des Staatskomitees für Verteidigung anlässlich des Aufbaus des Feldheeres vom 26.Juli 1942. Die Verordnung verpflichtete das Hinterland, 400 Tausend Soldaten und Offiziere für das Feldheer an Hand der Verringerung der zahlenmäßigen Bestände und der Umgliederung von Hinterlandseinheiten bis zum 1.September 1942 bereitzustellen. Und bis zum 25.August mußten noch 100 Tausend Kämpfer auf Kosten der Kriegsmarine ins Feld geschickt werden. Es wurde auch geplant, 650 Tausend im Jahre 1924 geborene Staatsbürger bis zum 25.August einzuberufen. Eine erhebliche Zahl - 185 Tausend - der Wehrpflichtige, die zuvor für verschiedene Volkskommissariate reserviert worden waren, wurden nun ins Heer versetzt. Außerdem wurde das Oberhaupt des Volkskommissariats des Inneren L.Berija beauftragt, 30 Tausend Männer für die Front bereitzustellen; das waren die für Sittenlosigkeit verurteilten Häftlinge, die vorfristig befreit werden mussten. Für die Ausbildung der Wehrpflichtigen des Geburtsjahres 1924 wurden 5 typisch gegliederte Reservebrigaden zusammengestellt8.
Augenscheinlich hatte die UdSSR eine ganz solide Basis der Menschenreserven für die Fortsetzung der bewaffneten Kämpfe. Dabei verlief auch der Prozess der Professionalisierung des Personalbestandes der Roten Armee - Ausbildung der Soldaten und Offiziere zwecks der Erfüllung der schweren Aufgabe, dem Feinde gleich stark zu sein und ihn zu besiegen. Die Streitkräfte erhielten nach und nach die nötige Erfahrung. Das wurde auch im Rahmen der kämpfenden Truppen immer mehr wahrgenommen. Ein deutscher Flieger, dessen Flugzeug über einem den Sowjettruppen zur Verfügung stehenden Gelände abgeschossen wurde, erklärte beim Verhör, daß «gerade der Frühlingsangriff der Wehrmacht zum entscheidenden Faktor der Kampfführung wurde, als es zutage trat, daß der Krieg gegen die Sowjetunion langwierig geworden ist, und daß vom siegreichen Ende des Krieges im Jahre 1942 keine Rede sein kann; daß beide Gegner eine einzigartige Hartnäckigkeit bekunden und gleiche Kräfte besitzen"9 (Kursivschrift ist von uns eingeführt. - M.M.).
Im Jahre 1942 hat die sowjetische Militärökonomik erhebliche Erfolge erreicht. über 900 nach Osten - dem Ural, Sibirien, Mittelasien und anderen UdSSR-Regionen - verlagerte Industriewerke begannen ihre Produktion zu liefern. Schon im März 1942 hat die Industrie der Ostregionen so viel Militärproduktion verfertigt, wie es am Anfang des Krieges auf dem ganzen Territorium der UdSSR der Fall war10.
Wenn z.B. im letzten Viertel des Jahres 1941 3171 Flugzeuge aller Typen erzeugt wurden, so betrug diese Zahl im 1.Viertel 1942 schon 3740, im 2. Viertel 6004 und im 3. Viertel 7388 Stück. Seit dem Dezember 1941 begann auch die Produktion der Munition zu wachsen, und schon im Jahre 1942 haben die Werke des Volkskommissariats für Munition 1,7 Mal Produktionskapazität im Vergleich zum Juli 1941 erreicht. In der zweiten Hälfte des Jahres 1942 gelang es, den Abfall der Stromversorgung zu stoppen und deren Aufstieg im Vergleich zur ersten Jahreshälfte um 6,3 % zu sichern11.
Ein heftiger Umschwung fand in der Erzeugung von Maschinenpistolen statt (für das Jahr 1942 wurden 1,5 Millionen Stück produziert). Ein Vergleich zeugt, daß Deutschland für denselben Zeitraum nur 282 Tausend Maschinenpistolen hergestellt hat12. Für die Jahre 1942-1943 wurden fast um 150 Tausend Stück mehr Artilleriewaffen aller Typen und Kaliber als in Deutsehland hergestellt, einschließlich etwa 3,3 Tausend Raketenwaffen vom Typ "Katjuscha", eines mächtigen und effektiven Kampfmittels der Roten Armee13. 1942 wurden über 24 Tausend Panzer, darunter 12,5 Tausend T-34 und KW gebaut14.
Dennoch wage ich nicht zu behaupten, daß die Wehrmacht im Sommer und Herbst 1942 keine Chancen hatte, den Sieg im Osten zu erreichen. Beide Seiten setzten ihre Hoffnungen auf Stalingrad, indem die Entscheidung der Schlacht um diese Stadt völlig unvoraussehbar war. Und meiner Meinung nach hat Professor Jeffry Roberts recht, wenn er behauptet, das Ergebnis der Schlacht habe in bedeutendem Maße vom Spiel des Zufalls, von den konkreten Umständen und vor allem von der Rolle der Persönlichkeiten abgehängt. "Wir wissen, was in der Wirklichkeit geschehen ist, - schreibt er, - aber es ist uns auch bekannt, daß die Ereignisse auch einem ganz anderen Sujet folgen könnten"15. Wenn wir den Grund davon klären möchten, was dem Sowjetvolk und der Sowjetarmee geholfen hat, sich am Westufer der Wolga zu behaupten, so ist vor allem der moralische Faktor zu unterstreichen. Dabei ist es unmöglich, auf eine Analyse des Befehls des Volkskommissars für Verteidigung Nr. 227 vom 28.Juli 1942 zu verzichten, eines Dokuments das auch als "Kein Schritt zurück" bekannt ist. Die Historiker beziehen sich zu diesem Dokument bei weitem nicht einheitlich, mir scheint es aber, daß sein Wesen in der Forderung liegt, "die Rückzugstendenzen in den Truppen unbedingt zu beseitigen und mit eiserner Hand die Propaganda dafür zu unterbinden, daß wir uns angeblich auch weiter nach Osten zurückziehen können und müssen, daß so ein Rückzug angeblich keinen Schaden verursachen könnte"16. Ja, der Befehl forderte, die Disziplin in den Truppen auch mit brutalsten Mitteln zu unterhalten, er sah die Schaffung von Sperrabteilungen und Strafeinheiten vor, aber man darf nicht alle diese Entschlüsse separat von der sich damals an der Front gestalteten Lage betrachten: in die Okkupation gerieten mehr als 70 Millionen Menschen; die UdSSR verlor die jährliche Produktion von "800 Millionen Pud Brot und 10 Millionen Tonnen Metall"17. Der weitere Rückzug drohte den ganzen Staat in eine Katastrophe zu versetzen.
Die Dokumente des Föderativen Sicherheitsdienstes, die unlängst der Geheimhaltung enthoben wurden, bezeugen, daß dieser Befehl von den Truppen im ganzen positiv wahrgenommen war, obwohl es auch negative (defätistische) Äußerungen vorkamen, die durch Sonderabteilungen der Stalingrader Front fixiert worden sind. So, laut der Mitteilung der Sonderabteilung der Stalingrader Front vom 14.August 1942, hat die überwiegende Mehrheit der Mannschaften und Kommandeure der Front den Befehl "mit großer Begeisterung als eine lebenswichtige Maßnahme zum Stoppen und Vernichten des Feindes entgegengenommen. Der Befehl steigerte den Kampfgeist des Personalbestandes der Truppen, er stärkte den Glauben an den Sieg ...". Es ist merkwürdig, daß viele Armeeangehörige die Meinung ausdrückten, so einen Befehl wäre es nötig schon früher zu erteilen: "Der Befehl von Genossen Stalin erschien rechtzeitig, wäre er aber noch im Juni gegeben, so könnte es nicht zur heutigen Lage kommen..." (Leutnant Tkatsehenko, Artillerieregiment 46 der 21.Armee). Neben den positiven Äußerungen gab es auch Beispiele der negativen Wahrnehmung des Dokuments (damals wurden sie als "Zeugnisse der ausgesprochen konterrevolutionären defätistischen Erscheinungen" bezeichnet): "der Befehl des Hauptquartiers ist ein Schrei der Verzweiflung", "die nur mit Gewehren ausgerüsteten Kämpfer werden den Druck der deutschen Maschinenpistolen und Granatwerfer nicht ertragen", "So wie wir bis jetzt zurücktraten, werden wir auch weiter zurückweichen", "zu spät sind wir erwacht", "Strafbataillone sind nicht schlecht, aber ... im Laufe von einem Monat wird das ganze Offizierspersonal in diese Strafeinheiten geraten, und es wird keine Leute geben, die den Krieg weiterführen könnten" usw. 18
Im Großen und Ganzen hat der Befehl Nr. 227 meiner Meinung nach eine große positive Rolle gespielt. Es ist auch nicht zu vergessen, daß Stalin, als er diesen Befehl erließ, die Erfahrung des Feindes in bedeutendem Maße berücksichtigte. Bekanntlich hat Hitler schon am 16.Dezember 1941 während der kritischen Lage der deutschen Truppen bei Moskau seinen Befehlshabern verboten, die Verteidigungslinien eigenwillig zu verlassen (es handelt sich um den so genannten "Sich standhaft halten"-Befehl). Ebenso handelte im Juni 1942 auch Stalin, der die Forderung stellte, "die Armeeoberbefehlshaber, die den eigenwilligen Rücktritt der Truppen von den besetzten Stellungen ohne die Anordnung des Frontoberbefehlshabers zugelassen haben, unbedingt von ihren Posten zu entlassen und zum Hauptquartier zwecks kriegsgerichtlicher Verfolgung abzusenden"19. Aber die nach ihrem Inhalt ähnlichen Befehle übten verschiedenen Einfluss auf das Benehmen der Offizierskorps der entgegenkämpfenden Seiten in der langfristigen Aussicht: während die deutschen Heerführer nach dem "Sichhaltenbefehl" begannen, die ihnen eigene Initiative auf dem Gefechtsfeld allmählich zu verlieren, so fingen die sowjetischen Feldherren umgekehrt an, diese Eigenschaft zu erwerben - so sonderbar es auch erscheinen mag. Natürlich haben dabei auch objektive Umstände ihre Rolle gespielt: als die Kampfhandlungen an die Wolga und in das Kaukasusvorland hinüberrollten, nahmen sie hauptsächlich stellungsmässigen Charakter an, obwohl ihre erbitterte Natur nach wie vor bestehen blieb. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß das Institut der Kriegskommissare in der Roten Armee im Oktober 1942 aufgehoben wurde. Dann wurden die Militärkommandeure allein für den Zustand der ihnen anvertrauten Truppenteile verantwortlich, indem sie das exklusive Recht besaßen, das Personal zu leiten. Die Gliederung der Armee begann den modernen Anforderungen zu entsprechen, was sich unverzüglich auf die Qualität der Truppenführung und die Bekundung der vernünftigen Initiative durch die Kommandeure auswirkte.
Es gibt Auskünfte, da? 13,5 Tausend Mann während der Stalingrader Schlacht wegen "Kleinmut und Panikmacherei" gerichtlich verurteilt wurden. Die Hauptwelle der Verhaftungen und Erschießungen wälzte sich während der Anfangsphase der Schlacht heran. Später wurde die Zahl der Repressalien geringer. Nach den Angaben der Sonderabteilung der Donfront wurden z.B. für den Zeitabschnitt vom 1.Oktober 1942 bis zum 1.Februar 1943 203 Feigen und Panikmacher in den Truppenteilen verhaftet. 49 davon wurden erschossen, 139 in die Strafkompanien und -bataillone versetzt; und noch 120 "Feigen und Panikmacher" wurden, so heißt es im Dokument, "vor den in Reih' und Glied stehenden Truppen laut der Verordnung der Sonderkörperschaften" erschossen20.
Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß Stalingrad eine Art Magnetfeld für die deutschen Heeresverbände wurde. Man muss auch folgendes unterstreichen: da Moskau und ein großer Teil der Zentralregion Europäischen Rußlands von den deutschen Truppen nicht besetzt wurden, war es dem deutschen Oberkommando nicht gelungen, einen zuverlässigen Schutz des linken Flügels der Armeegruppe "B" im Sommer und Herbst 1942 zu sichern. Im Laufe des Vordringens der von Paulus befehligten Truppen zur Wolga dehnte sich dieser Flügel immer mehr aus. Unstabil war auch die Lage am rechten Flügel der Gruppe. Das heißt, daß die von Paulus befehligten Truppen immer tiefer in einen operativen Kessel hineingezogen wurden. Deswegen war das Oberkommando der Wehrmacht gezwungen, den Schutz der Flügel der Stalingrader Gruppierung den unzuverlässigen rumänischen und italienischen Verbänden anzuvertrauen. Der Generalstab der Roten Armee versuchte augenscheinlich noch Ende August 1942, den besten Ausweg aus der entstandenen Situation zu finden und die Lage an der Front grundlegend zu ändern. Es gibt manche spärliche Auskunft darüber, dass Wassilewskij schon damals die Offiziere des Generalstabes A.A.Gryzlow, S.I. Teteschkin, N.I.Bojkow und andere beauftragte, die Möglichkeit der Einkreisung der von Paulus befehligten Armee vom Norden und Süden zu untersuchen. Und gerade dank diesen Untersuchungen waren Zhukow und Wassilewskij imstande, schon am 13.September den Plan des Gegenangriffs dem Obersten Befehlshaber Stalin vorzulegen21.
Heute sind wir in der Lage, die Grundidee der Operation zwecks der Einkesselung der von Paulus befehligten 6.Armee (Operation "Uran") im allgemeinen Kontext der Angriffspläne des Sowjetkommandos an anderen Abschnitten der gewaltigen sowjet-deutschen Front zu betrachten. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Analyse des Plans des .Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers bezüglich der Zerschmetterung der deutschen Kräfte im Winter 1942/43 nicht nur bei Stalingrad und im Kaukasus, sondern auch bei Leningrad und besonders im Laufe der "Mars"-Operation (so hieß die Einkreisung der 9. deutschen Armee im Raum Rzhew und Belyj). Die Historiker setzen ihre Polemik darüber fort, ob die "Mars"-0peration (November und Dezember 1942) ablenkender Natur war oder ob sie zu einem Kettenglied der Reihe glänzender Siege der Roten Armee in der Winterkampagne 1942/43 werden sollte, die dazu bestimmt wäre, vielleicht schon im Jahre 1943 die Frage über den Abschluss der Zerschmetterung Deutschlands im Krieg gegen die Sowjetunion stellen zu können. Mit anderen Worten: Ist der "Mars" eine erfolgreiche Erfüllung des beabsichtigten Plans geworden oder war es "die größte Niederlage Marschalls Zhukow" (D.Glantz)22.
Zum ersten Mal haben die russischen Historiker der letzten Jahre die Möglichkeit erhalten, das Studium des Gegenangriffs bei Stalingrad in organischer Verbindung mit der "Mars"-0peration der West- und Kalininfront zu unternehmen. Auch ich möchte einige Überlegungen darüber äußern.
Es kommt darauf an, daß Stalin schon am 19.August 1942 einen Aufklärungsbericht erhielt, wo ein vom japanischen Botschafter in Berlin H. Osima unternommener Besuch der sowjetisch-deutschen Front vom 1. bis zum 7.August 1942 beschrieben wurde. Das Dokument spiegelte allgemeine Eindrücke des Botschafters von der Reise wider und enthielt Angaben über die deutschen Angriffspläne, die dem Botschafter von den Vertretern des deutschen Kommandos mitgeteilt wurden. Bemerkenswert sind folgende Worte Osimas über die Absichten des Wehrmachtsoberkommandos: "Eroberung des Kaukasus, die höchstens einen Monat erfordern kann...Eroberung Stalingrad...Je nach dem Verlauf dieser Operationen ist ein Angriff auf Moskau in Gang Armee zu setzen". Darüber hinaus wurde vor der Armeegruppe Mitte folgende Aufgabe gestellt: "Die Sowjetarmee ist zu fesseln, und wenn große Kräfte der Roten Armee vom Zentrum nach Süden verschoben werden sollten, ist ein Angriff gegen Moskau zu unternehmen"23.
Was sollte Stalin selbst nach dieser Mitteilung denken? Die vertraulichen Angaben stammten von einer zuverlässigen Quelle, und es blieb nichts anderes, als alle nötigen Maßnahmen zur Bannung der Gefahr für den westlichen (zentralen) Frontabschnitt zu unternehmen. Augenscheinlich geschah es schon damals, Ende August 1942, daß der sowjetischen Militärverwaltung der Plan einer Operation westlich von Moskau aufkam, die eine zweiseitige Aufgabe erfüllen sollte: die Verlegung der deutschen Kräfte nach Stalingrad unmöglich zu machen und einem unerwarteten Angriff der deutschen Armee gegen die Hauptstadt vorzubeugen. Das Sowjetoberkommando hatte kein Recht, Moskau einem Risiko auszusetzen, denn kein Sieg im Süden wäre in der Lage, den Verlust dieses Schlüsselpunktes des Staates auszugleichen.
Die Dokumente der sowjetischen Großverbände, darunter der Stäbe der Westfront und der Kalininfront, bestätigen die Tatsache, daß der Angriff gegen die 9.Armee der Wehrmacht sorgfältigst ausgearbeitet wurde. Schon am 1.Oktober 1942 erhielten die Fronten den Befehl, die Operation durchzuführen. Die Frist der Bereitschaft zu diesem Unternehmen wurde anfänglich mit dem 12.Oktober bezeichnet. Aber die genaue Zeitbestimmung wurde dann bis auf eine Sonderanordnung verschoben24.
Man möchte unterstreichen, daß die entscheidensten Ziele der Operation an die Westfront und die Kalininfront gestellt wurden. Dies zeugt davon, daß der bevorstehende Angriff von dem Oberkommando der Roten Armee nicht nur als eine Ablenkungsoperation, sondern als ein Unternehmen mit wichtigeren Aufgaben betrachtet wurde. Im Oktober und November 1942 wurden die Armeen der Sowjetstreitkräfte durch neues Personal, sowie durch neue Artillerie und Panzer aufgefüllt25. Am erwähnten Abschnitt hatten die Sowjettruppen 5 mobile Korps, sie waren im Ganzen 362 Tausend Mann stark und verfügten über 1300 Panzer26. Heute ist aber uns noch etwas anderes bekannt: um die Verlegung der Verbände der Armeegruppe Mitte nach Süden mit einer größeren Sicherheit auszuschließen, hat das Sowjetische Oberkommando dem Oberkommando des Gegners eine auf Irreführung abgezielte Information (durch den Doppelgänger "Max", d.h. A.Dem'janow) zugeschoben, laut der der Schwerpunkt der russischen Winterkampagne 1942/1943 nicht bei Stalingrad, sondern bei Rzhew liegen und der Angriff am 15.November stattfinden sollte. Mit Rücksicht auf diese Information hat das deutsche Oberkommando bis zum 25.November, d.h. zum Anfang der "Mars"-Operation, die Verteidigung der 9.Armee erheblich verstärkt. Die Sowjettruppen erlitten große Verluste (etwa 70 Tausend Gefallene, spurlos Verschwundene und Gefangene) und waren gezwungen, zu den Ausgangsstellungen zurückzutreten27.
Es ist bekannt, daß es dem Oberkommando der Roten Armee im Laufe der Operation gelang, die deutschen Kräfte in der Mitte der sowjet-deutschen Front zu fesseln. Dadurch wurde dem sowjetischen Gegenangriff bei Stalingrad Unterstützung geleistet. Aber die Historiker streiten nach wie vor darüber, ob so große Opfer für das Erreichen des einzigen erwähnten Ziels berechtigt waren. Viele Einschätzungen könnten wesentlich korrigiert werden, wenn uns eine zuverlässige Information darüber zugänglich wäre, daß das deutsche Oberkommando einen jähen Schlag in Richtung Moskau im Herbst und Winter 1942 vorbereitete.
Schon 1942 wurde Stalingrad zum Symbol der Standhaftigkeit der Roten Armee. Dem Bewusstsein der meisten Sowjetleute wurde die Überzeugung eigen, daß der Ausgang des ganzen Krieges vom Ausgang der Stalingrader Schlacht abhänge. So geschah es auch in der Wirklichkeit: nach dieser Schlacht gab es schon keine Zweifel darüber, wer den Krieg gewinnt; nur ein Problem blieb noch nicht entschieden: wann und um welchen Preis dies geschehen wird. Dasselbe Bild kann auch im Rahmen der öffentlichem Meinung in den Staaten der westlichen Alliierten beobachtet werden. Nichtsdestoweniger hat der Verlauf der Kampfhandlungen an der sowjetisch-deutschen Front während der Winterkampagne 1942/43 gezeigt, daß das sowjetische Oberkommando mit keinem schnellen Zusammenbruch Deutschlands rechnen durfte. Die Gegenschläge der Wehrmacht zwangen die Rote Armee, auf die Pläne der Einkesselung der deutschen Kräfte im Kaukasus zu verzichten. Noch mehr: im März 1943 verließen die sowjetischen Streitkräfte die kurz zuvor befreite Stadt Charkow. Nicht entschieden blieb die Frage über die Eröffnung durch die Alliierten der zweiten Front in Frankreich. Der Umbruch im Verlauf des Krieges wurde im Ergebnis der Stalingrader Operation vollbracht, und es gab schon wenige Leute, die daran zweifelten. Es standen aber noch äußerst schwere Kampfhandlungen bevor, die über weitere zwei Jahre dauerten.

Liste der Anmerkungen

M. Ju. Mjagkow
Kandidat der historischen Wisssenschaften
Institut für Allgemeine Geschichte
bei der Russischen Akademie
der Wissenschaften, Moskau

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