Horst Schützler/Berlin: Kriegsstimmung 1914 in Russland und die aktuelle russische Historiographie zum Ersten Weltkrieg.
(Beitrag auf dem internationalen Kolloquium am 11.Juni 2014 zum Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren- Da der eingeladene russische Gast Solovlov aus schwerwiegenden persönlichen Gründen seine Teilnahme am Kolloquium absagen mußte, sprang Prof. Dr. Horst Schützler mit einem kurzfristig erarbeiteten Beitrag ein).


Kriegsstimmung in Böhmen
Über die Kriegsbegeisterung in Deutschland ist vielen Vieles bekannt; weniger über diese in anderen Ländern.
Anfang des Jahres verwies mich unser ältestes Vereinsmitglied, der 93-jährige Ferdinand Thun auf ein gerade erschienenes Buch des tschechischen Historikers Jan Galandauer zu seiner fürstlichen Familiengeschichte und zugleich habsburgisch/böhmisch/tschechischen Geschichte hin "Franz Fürst Thun. Statthalter des Königreiches Böhmen".
Ich kaufte zum Verschenken das im Böhlau Verlag in deutscher Sprache herausgegebene Buch. Ich las darin und entdeckte für unser Thema ein aufschlussreiches Kapitel "Der kaiserliche Statthalter im Großen Krieg", in dem den Auseinandersetzungen um das Verhalten der Tschechen in diesem Krieg nachgegangen wird.
Demnach erklärte Österreich-Ungarn am 28. Juli an Serbien den Krieg und erfolgte die Mobilmachung. Diese verlief in Böhmen ebenso glatt wie in anderen Teilen der Monarchie. Die Befürchtung, dass die tschechischen Soldaten die Mobilmachung sabotieren würden und es zum Ausbruch von Unruhen kommen werde, erwiesen sich als unbegründet.
In Prag fanden kriegsbegeisterte patriotische Umzüge statt, deren Hauptträger Angehörige der deutschen Minderheit waren. Doch waren auch viele Tschechen beteiligt; tschechische Rufe waren zu vernehmen, Redner sprachen ebenso tschechisch wie deutsch; die Presse berichtete über die "Verbrüderung von Tschechen und Deutschen". Dahinter stand die Absicht, die Prager Kundgebungen als Manifestation der Überwindung des deutsch-tschechischen nationalen Gegensatzes und des Abschlusses eines gewissen "Burgfriedens" darzustellen, geschlossen auf der Grundlage österreichischer Vaterlandsliebe und der österreichisch-deutschen "Waffenbrüderschaft".
Jedoch der Statthalter Fürst Thun setzte den patriotischen Umzügen in Prag ein Ende. Am 9. August wandte er sich "An meine lieben Prager Mitbürger tschechischer und deutscher Zunge". Er forderte sie auf, den Eindruck der Begeisterung durch tägliche Wiederholung nicht zu schwächen, "die Straßenzüge nicht zu wiederholen", sondern erst wieder zusammenzukommen, wenn Siege unserer Truppen neuerlich Anlass geben, "den heißgeliebten Kaiser und die glorreiche Armee hochleben zu lassen".
Dahinter verbargen sich Befürchtungen, dass es in Prag mit seinen unguten Erfahrungen an deutsch-tschechischen Konflikten zu nationalen Zusammenstößen kommen könnte, was zu Kriegsbeginn zu ungeahnten Auswirkungen hätte führen können.
Bald jedoch häuften sich Beschwerden vom Obersten Militärkommando über "unwürdiges Verhalten" tschechischer Soldaten, die der Statthalter zu entkräften suchte. Er verteidigte die tschechische Loyalität, musste aber zur Kenntnis nehmen, dass sich die ursprünglich "ausgezeichnete Stimmung" der loyalen Mehrheit der tschechischen Bevölkerung nach der Rückkehr von zahlreichen verletzten und erkrankten Soldaten sowie nach deren Erzählungen über die Entbehrungen und Schrecken des Krieges merklich verschlechtert hatte.
Die Auseinandersetzungen spitzten sich zu bis hin zur Forderung im Dezember 1914, "Fürst Thun solle von seinem Statthalteramt entfernt und an seine Stelle ein General gesetzt werden".
Dem kam der Kaiser nicht nach, doch die Angriffe gegen den böhmischen Statthalter wurden verstärkt fortgesetzt.
Bedingt auch durch den sich verschlechternden Gesundheitszustand trat dieser Ende März 1915 von seinem Amt zurück. Nicht nur der Kaiser brachte sein Wohlwollen gegenüber Thun zum Ausdruck. Auch die tschechische Seite würdigte ihn mit seinen Bemühungen um einen deutsch-tschechischen Ausgleich.
Am 1. November 1916 starb Franz Fürst Thun.1

Kriegsstimmung in Russland
Der St. Petersburger Historiker Boris Kolonizki publizierte 2010 ein Buch unter den Titel "Tragische Erotik. Bilder der kaiserlichen Familie in den Jahren des Ersten Weltkrieges".
Im Kapitel "Heiligenbilder eines `majestätischen Führers`. Das Bild Nikolaus II. in den Jahren des Ersten Weltkrieges" gibt er eine ausführliche, beeindruckende Schilderung der Kriegsbegeisterung und der Selbstdarstellung des Zaren bei Kriegsausbruch.
Das kann hier nicht im Detail wiedergegeben werden, doch einige Akzente seien hervorgehoben.
Am Morgen des 20. Juli (2. August) 1914 strömten viele Einwohner der russischen Hauptstadt an die Newa. Ein großes Ereignis erwartete sie. Gegen Mittag traf der Zar mit seiner Familie aus Peterhof auf der Jacht "Aleksandria" in St. Petersburg ein, begrüßt mit Salutschüssen der zwei modernsten Kriegsschiffe der russischen Flotte "Gangut" und "Sewastopol". Ein Flussdampfer brachte die Zarenfamilie zum Winterpalast. Salven der Geschütze der Peter-Paul-Festung zeigten die Ankunft des Zaren in seiner Hauptresidenz an. Der Zar traf auf eine begeisterte Menschenmenge, viele knieten nieder, schrieen, sangen die Zarenhymne. Der Zar unterschrieb das Manifest über die Kriegserklärung an Deutschland, dieses wurde vor den versammelten Würdenträgern verlesen, ein kurzer Gottesdienst folgte. Der Zar hielt eine Rede, in der er versicherte, dass er keinen Frieden schließen werde, bevor nicht der letzte feindliche Soldat russischen Boden verlassen habe. Danach erschienen Zar und Zarin auf dem Balkon und wurden von Tausenden frenetisch umjubelt.
Das habe den Zaren zu Tränen gerührt.
Vorausgegangen waren diesem Zarenjubel seit dem 13. (26.) Juli Solidaritätskundgebungen mit Serbien. Nachrichten über die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, die Erklärung über die Mobilmachung in Russland und zuletzt am 19. Juli (1. August) die Kriegserklärung Deutschlands an Russland heizten die Stimmung an.
Die Demonstranten schrieen Losungen "Es lebe Serbien!", "Nieder mit Österreich!", "Nieder mit den Deutschen!"
Auch in anderen Städten Russlands fanden in diesen Tagen patriotische Kundgebungen statt – in Moskau, Kiew, Nishni Nowgorod, Odessa, Tiflis und weiteren Städten. (Doch in den Weiten der Provinz, in den Dörfern, herrschte oft eine andere, ängstliche Stimmung.)
Die große Anzahl erregter, ungezügelter Menschen auf den Straßen der Hauptstadt beunruhigte die Macht; die Polizei versuchte, Kundgebungen zu verhindern, besonders vor den Botschaften Deutschlands und Österreichs. Sie sperrte Straßen und Straßenbahnen, errichtete provisorische Barrikaden.
Jedoch am 22. Juli (4. August) gelang es Demonstranten, in die Deutsche Botschaft einzudringen und diese zu verwüsten. Ein Brand brach aus, ein deutscher Dolmetscher kam ums Leben. Die deutsche Propaganda nutzte die Botschaftsbesetzung, den östlichen Feind als wildes und barbarisches Land darzustellen. Die Polizei verhaftete bis zu Hundert Personen, doch ein nicht geringer Teil der öffentlichen Meinung nahm die Botschaftsbesetzung mit Zustimmung auf.
Die Gefahren unkontrollierte Ausbrüche des Patriotismus und Monarchismus waren der Staatsmacht bewusst. Am 23. Juli (5. August) verbot sie Kundgebungen in der Hauptstadt und später auch im Gouvernement St. Petersburg.
Das Verbot völlig durchzusetzen, gelang nicht immer.
Hinter den Kundgebungen und Demonstrationen standen oft slawische Organisationen.
Waren auch in der Hauptstadt Straßenmanifestationen untersagt, so nutzte die Staatsmacht für die patriotische Mobilisierung gut organisierte offizielle Zeremonien wie am 26. Juli (8. August) die Zusammenkunft von Staatsrat und Staatsduma im Winterpalast als Demonstration des Zusammenschlusses der Repräsentanten des Reiches um den Zaren.
Nur die Bolschewiki widersetzten sich. Ihre Deputierten in der Duma weigerten sich, für die Bewilligung der Kriegskredite zu stimmen.
Sie gingen in die Fabriken und riefen die Arbeiter auf, gegen den Krieg aufzutreten.
Im September beschuldigte die Regierung die Bolschewiki des Staatsverrats.
Die Mitglieder der bolschewistischen Fraktion der Duma wurden verhaftet und in die Verbannung geschickt.
Am 17. (31. August) verfügte der Zar per Ukas die Umbenennung der Hauptstadt von "St. Petersburg" in "Petrograd". Er demonstrierte damit seinen endgültigen Bruch mit Deutschland und entsprach der antideutschen Stimmung.
In der russischen Gesellschaft lebte die Erinnerung an den Vaterländischen Krieg von 1812 wieder auf. Schon am 1. (14.) August war zu lesen: "Der derzeitige Krieg ist ein Krieg der Völker, doch für uns, die Russen, ist er ein solcher vaterländischer Krieg, wie es der Krieg von 1812 war". Schon im August tauchten die Benennungen "Großer vaterländische Krieg" und "Zweiter vaterländischer Krieg" auf, die dann zu einer offiziellen Namensgebung des Krieges wurde.
Bei all dem wurde mit der Repräsentation der kaiserlichen Macht zugleich die Einheit von Zar und Volk beschworen.
Und diese Einheit funktionierte in den ersten Monaten des Krieges.3

Zur Historiographie und zu Nikolaus II. (einem russischen "Schlafwandler" ?)
In den Jahren nach dem Zerfall der UdSSR ergaben sich im Rückblick sehr unterschiedliche Auffassungen zur russischen Historiographie des Ersten Weltkrieges. Es erschienen neue Publikationen mit neuem Material und neuen, oft umstrittenen Wertungen.
Ein Beispiel kann ich zu Nikolaus II. anbieten.
Dieser letzte Zar findet seine knappe Darstellung in der 1997 in Smolensk und Brjansk erschienenen zweibändigen Publikation "Geschichte Russlands in
Portraits", gedacht für Lehrer und Studenten, für alle, die mit Erziehungsarbeit zu tun haben, geschrieben von entsprechenden Lehrkräften.
Die Autoren wollen versuchen, auf neue Art die Rolle bekannter politischer Persönlichkeiten Russlands des 19. und 20. Jahrhunderts zu beleuchten.
So auch den letzten russischen Zaren, Nikolaus II..
Wie sehen sie ihn?
Den letzten Selbstherrscher Russlands könne man schwerlich in die Reihe hervorragender Persönlichkeiten der russischen Geschichte stellen. Doch wurde sehr viel über ihn im In- und Ausland geschrieben; man kann ihn nicht übergehen.
Zumeist wurde der Zar in den Bewertungen seiner Person und seines politischen Kurses als willensschwacher, nicht sehr kluger Mensch, der nicht erfasste, was vor sich ging, als Werkzeug in den Händen seiner Frau, der Zarin Alexandra Federowna, und ihres "Freundes" Grigori Rasputin, dargestellt.
In gegenwärtigen Darstellungen wird dieses Stereotyp in Abrede gestellt, doch wiederum sind einseitige Vorstellungen deutlich. Bemerkbar ist, dass einige Autoren, hauptsächlich russische Emigranten und ausländische Historiker, ein ausschließlich positives Bild des Zaren wiedererschaffen und dabei von seinen persönlichen Eigenschaften ausgehen.
Nikolaus wird ausschließlich als religiöser Mensch, guter Familienvater, milde im Umgang mit anderen, obwohl willenlos, doch nicht bösartig dargestellt.
Der Zar und seine Familie werden als unschuldige Opfer der Revolution gesehen,
die schließlich auf grausame Weise durch die Bolschewiken umgebracht wurden.
Es ist offensichtlich, so wurde 1997 geschlussfolgert, dass die Persönlichkeit des letzten russischen Zaren sowohl als Mensch als auch Staatsmann der objektiven Bewertung bedarf – ohne Karikierung und ohne Verherrlichung.4
Wie wird dieser berechtigten Forderung entsprochen?
Im vergangenen Jahr erschien das 6. Buch von Petr Multatuli (Jg. 1969) über Nikolaus II. "Die Außenpolitik Zar Nikolaus II. (1894 – 1917)". Er ist damit faktisch der Biograph dieses Zaren.
Der Herausgeber der Publikation, der Direktor des Russischen Instituts für strategische Forschungen in Moskau, Generalleutnant Reschetnikow, würdigt den Autor, der sich dem fast unerforschten Thema der Rolle Nikolaus II. in der Formierung und Verwirklichung der Außenpolitik des Russischen Reiches stellt, als verantwortungsvollen Forscher, dessen Leitmotiv es ist, die Gestalt und die Politik des Herrschers von Legenden und nicht selten bösartigen Lügen zu befreien, die faktisch das ganze 20. Jahrhundert hindurch in- und ausländische Wissenschaftler, Publizisten und Journalisten verbreiteten. Das Hauptziel solcher liberaler und sowjetischer "Aufträge" war es, über die Verleumdungen des letzten Zaren und seiner Herrschaft den Februar- und den Oktoberumsturz zu rechtfertigen und zudem das russisch System der Macht und die russische Zivilisation als Alternative zur westlichen zu diskreditieren.
Multatuli, so der Herausgeber, entlarvt die Erfindungen der sowjetischen Historiographie, die einige Publizisten und Journalisten noch heute verbreiten.
Der Leser könne auf der Grundlage reichen Materials gemeinsam mit dem Autor zu der unstrittigen Schlussfolgerung kommen: Nikolaus II. war der Schöpfer der außenpolitischen Strategie und Taktik des Russischen Reiches und strenger Kontrolleur aller internationalen Aktionen des Landes.
Priorität im außenpolitischen Wirken hatte unter allen Umständen die Sicherung der friedlichen Entwicklung des Staates unter strenger Beachtung seiner politischen, wirtschaftlichen und humanen Interessen. Große Anstrengungen unternahm der Zar, um zu verhindern, dass Russland in den Ersten Weltkrieg hineingezogen wird.
Es war nicht die Schuld des Zaren, dass das nicht gelang; alle waren auf der anderen Seite: Feinde als auch Freunde und Verbündete. Alle wollten Russland als das kämpfende und viele auch als das besiegte Russland sehen.
Wichtig sei es, einen Charakterzug des Zaren hervorzuheben, den keiner seiner Partner in der internationalen Arena besaß: die hohe Sittlichkeit und Moral beim Herangehen auch an die kompliziertesten internationalen Situationen. Das war die Position des rechtgläubigen orthodoxen Christen, die Nikolaus II. bis zur letzten Minute seines Lebens einnahm.5
Nach dieser doch aufschlussreichen Würdigung soll auch der Autor mit seiner Sicht noch thesenhaft zu Wort kommen.
Dieser verweist darauf, dass in den zahlreichen Arbeiten zur Außenpolitik Russlands die Rolle des Zaren Nikolaus II. gänzlich fehlt oder, wenn man an ihn erinnert, dies im besten Fall im neutralen, doch zumeist kritischen, herabwürdigenden Kontext geschieht. Solch ein Herangehen war von Anfang an der liberalen Emigrantenpublizistik und den Erinnerungen früherer zaristischer Würdenträger eigen, die aus diesen oder jenen Gründen dem Herrscher nicht zugetan waren. Hinter ihren bewussten Verleumdungen und der Entstellung der Wahrheit verbargen sich Versuche der Selbstrechtfertigung und Selbstbestätigung.
In der sowjetischen Historiographie war die negative Bewertung Nikolaus II. die einzig mögliche. Im besten Falle wurde an ihn nicht erinnert oder die wichtigsten Ereignisse seiner Herrschaft mit den Namen von Ministern und Staatsmännern verbunden.
Doch die Außenpolitik war in Russland immer das Vorrecht ausschließlich des Monarchen. Alle hohen Staatsbeamten waren Ausführende der Entscheidungen des Zaren, die nicht selten entstellt und sabotiert wurden.
Zar Nikolaus II. war nicht nur ein gebildeter, sondern auch ein kluger Mensch.
Gott und Russland zu dienen, waren bestimmend für sein Verhalten.
Grundlage seiner Politik waren die christlichen Prinzipien der Barmherzigkeit und Friedfertigkeit, der moralische Imperativ.
Multatuli gliedert die Außenpolitik Nikolaus II. in drei Perioden. Die dritte erfasst den Weltkrieg 1914 bis Februar 1917. Hauptaufgabe des Zaren war es, diesen Krieg, den er nicht wollte, zu gewinnen und einen würdigen Platz inmitten der Siegermächte einzunehmen. Das gelang nicht, weil der Zar schwach und Russlands Feinde stärker waren, sondern weil die russische Gesellschaft in ihrer Mehrheit schon nicht an Gott glaubte und nicht wünschte, weder den Zaren noch Russland zu dienen.
Die zaristische Macht konnte den Sieg im Krieg nicht mit einer kranken russischen Gesellschaft erringen.
Russland unter Nikolaus II. verfolgte vor und im Krieg keine imperialistischen Ziele, wie es die sowjetische Propaganda behauptete, betont der Autor.
Seit er den Thron bestieg, bemühte sich Nikolaus II. um eine Politik des Friedens. Daran habe die Sowjetunion faktisch angeknüpft und auch das heutige Russland könne darauf bauen.6
Nach diesen hier wiedergegebenen Ausführungen ist die Denkrichtung des Autors und des Russischen Instituts für strategische Forschungen deutlich, Nikolaus II. für die patriotische vaterländische Geschichte aufzuwerten und ihn in diese einzubinden. Russische Historiker haben schon früher darauf hingewiesen, dass Äußerungen über die Friedensliebe des zaristischen Russlands und selbst des Zaren Nikolaus II. den Boden schaffen für die Rechtfertigung der Selbstherrschaft. Dies führt zur falschen Bewertung sowohl der Tätigkeit Nikolaus II. als auch des Krieges.
Tatsachen der Geschichte belegen, dass es keine Grundlage für die Idealisierung des Zarismus gibt.

Einige bescheidene Einblicke in die russische Historiographie zum Ersten Weltkrieg wie sie einige russische Historiker sehen.
Im Zusammenhang mit den Umgestaltungen der 90er Jahre in Russland richtete sich der Blick zurück in der russischen Historiographie auch auf die sowjetische Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg und Russlands Stellung in diesem Krieg.
Eine zunächst sich stark herausbildende Richtung war die militärgeschichtliche.
Sie wurde geprägt von Militärs, die am Krieg teilgenommen hatten und danach in der Heimat blieben. Sie schrieben ihre Memoiren, veröffentlichten Dokumente und Arbeitergebnisse ihrer Forschungen und zogen junge Kader zur Arbeit heran.
Auch die emigrierten Militärs waren militärgeschichtlich sehr aktiv.
Zusammen mit der Militärgeschichte prägte sich die starke Beschäftigung mit der Außenpolitik und den internationalen Beziehungen aus. Ausdruck dessen war die Erarbeitung und Herausgabe einer vielbändigen Dokumentenreihe
"Die internationalen Beziehungen in der Epoche des Imperialismus. Dokumente aus Archiven der zaristischen und Provisorischen Regierung 1878 – 1917".
Die Auswahl der Dokumente entsprach der Tendenz, dem imperialistischen Russland die erstrangige Schuld bei der Entfesselung des Krieges aufzubürden.
Dies entsprach den Intensionen von Akademik Michail Pokrowski, dem Leiter des riesigen Projekts, und seiner Konzeption, die gewissermaßen von der "Schule Pokrowski" verfolgt wurde.
Er machte sich nicht die Leninsche Imperialismustheorie zu eigen, sondern schuf seine Theorie des "Handelskapitalismus", und erklärte die Selbstherrschaft zur "politischen Organisation" dieses Kapitalismus, der den Kampf um Handelswege, besonders im Schwarzen Meer, führte. Pokrowski nannte das zaristische Russland als "Hauptschuldigen des Krieges", sah den Hauptantagonismus zwischen England und Deutschland, das den Beginn des Krieges zu "fürchten" hatte.
Nach Pokrowskis Tod im Jahre 1932 und einem Feldzug gegen die "Pokrowski-Schule"1934 änderten sich die Umstände und wurden andere Konzepte bestimmend.
Immer stärker beeinflusste Stalin, der sich selbst kaum zum Ersten Weltkrieg äußerte, mit seinen generellen Sichten, wie sie im Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU niedergelegt wurden, und sein Verhalten die Szene. Der Schatten des Personenkults legte sich auch auf die Historiographie des Ersten Weltkrieges.
Stalin legte in der Imperialismustheorie Lenins besonderen Wert auf den Imperialismus als letztes Stadium des Kapitalismus und Vorabend der sozialistischen Revolution. Er erklärte den Eintritt Russlands in den Krieg hauptsächlich aus dessen Abhängigkeit von England und Frankreich als "Halbkolonie". Im Ganzen bewertete Stalin die Rolle und Bedeutung Russlands im Krieg negativ.
Manches ließe sich noch zur Sicht auf die russische Historiographie zum Ersten Weltkrieg im so genannten "Poststalinismus" anführen. Doch es fehlt die Zeit und der Einblick.

Ein Fazit:
In einer Übersicht über die russische Historiographie zu Ersten Weltkrieg wurde "kühn" festgestellt, dass sich in der UdSSR zu den 90er Jahren eine seriöse, vielfältige Historiographie des Ersten Weltkrieges herausgebildet hatte.
Doch der Krieg verlor mehr und mehr seine Bedeutung als eigenständige Erscheinung und verwandelte sich in einen "Katalysator", in eine "Dienerin der Revolution". Der globale Konflikt geriet in den "Schatten der Oktoberrevolution", wurde "unaktuell".
Das einseitige Herangehen an die Geschichte des Ersten Weltkrieges hat der russischen Geschichtsschreibung großen Schaden zugefügt.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und ihrer Ideologie begann ein Angriff auf die sowjetische Historiographie mit einer Umwertung der alten Postulate, der Abkehr von schematischen Vorstellungen.
In der schrittweisen Überwindung des Klassenansatzes beim Herangehen an die Geschichte des Ersten Weltkrieges als notwendige Voraussetzung ihres allseitigen, wissenschaftlich objektiven Studiums besteht das grundlegende Ergebnis der Forschungsanstrengungen der letzten Jahre. Diese müssen fortgeführt werden.
In die Diskussion gerieten Entstehung, Gründe und Charakter des Krieges, seine weltgeschichtlichen Folgen, die Frage seiner Unausweichlichkeit und Alternativen. Heftig wurden Fragen der Teilnahme des Russischen Imperiums am Krieg und die Rolle der Selbstherrschaft diskutiert. Erneut, aber von anderen Positionen, wurden die Probleme der Verbindung und Wechselwirkung von Krieg und Revolution in Russland im Jahre 1917, besonders der Oktoberrevolution, erörtert.
Der Krieg von 1914 bis 1918 wird in der Welt der "Große" genannt; in Russland hat man ungerechtfertigt zu wenig über ihn gesprochen und geschrieben. Die Erinnerung an ihn war mit dem ständigen Attribut "imperialistisch" verbunden. Die russische Wissenschaft befand sich im Banne der Leninschen Definition des Krieges als "imperialistischer Krieg".
Es steht außer Zweifel: die imperialistische Komponente spielte ein bedeutende Rolle. Es sei nur auf entsprechende Pläne in Deutschland vor und während des Krieges verwiesen. Doch in das Pokrustebett einer Konzeption des "imperialistischen Krieges" lassen sich solche Erscheinungen wie die Wiedererlangung der Staatlichkeit einiger Völker nach jahrhundertlanger Unterbrechung und das Entstehen neuer Staaten bei anderen Nationen, die Geburt des skandinavischen Modells des Sozialismus, die Formel des US-Präsidenten Woodrow Wilson "Frieden ohne Sieger", die Versuche, ein globales System der kollektiven Sicherheit zu schaffen, und viele andere nicht zwängen.
Überlebt hat sich die Legende vom Defätismus in den oberen Etagen der Macht,
des "Verrats" der deutschen Zarin und eines Strebens in Palastkreisen nach einem Komplott mit dem Gegner.
Im Umbruch ist die These von der zweitrangigen, untergeordneten Rolle Russlands in der antideutschen Koalition mit der Hervorhebung der gegenseitigen Abhängigkeit der Partner.
Intensiver wird der Zustand der russischen Armee untersucht, deren materielle Lage sich 1916/17 mit Erfolgsaussichten an der Front besserte. Doch die harte Wahrheit bleibt, dass in Russland zwei Revolutionen mit dem Auseinanderbrechen der Armee jegliche Hoffnung auf einen militärischen Erfolg begruben. Über einen "verlorenen Sieg" ließe sich nachdenken und streiten.
Im Verlaufe der Diskussionen und in Publikationen gab es scharfe Kritik an der sowjetischen Geschichtsschreibung, ihren Schematismus und Dogmatismus.
Doch es meldeten sich auch besorgte Stimmen. Verwiesen wurde auf die Leistungen solcher "Koryphäen der Wissenschaft" wie E. W. Tarl`e und W. M. Chwostow, auf nicht wenige wertvolle wissenschaftlich Arbeiten und Dokumentenbände.
Gewarnt wurde bei der Hinwendung zur westlichen Historiographie auch vor Übertreibungen hinsichtlich der Gewissenhaftigkeit ausländischer Autoren.
"Auch die westliche Historiographie ist bei all ihrer Verschiedenartigkeit längst nicht frei von Einseitigkeit und Anpassung" wurde gesagt.
Dies trifft generell zu; wir erleben es!



Anmerkungen
  1. Siehe ausführlicher bei Jan Galandauer: Franz Fürst Thun. Statthalter des Königreiches Böhmen.
  2. Böhlau Verlag Wien Köln Weimar 2014, S. 305 – 334.
  3. Siehe zu diesem kursorischen Einblick ausführlicher: B. D. Kozenko: Ote?estvennaja istoriografija
  4. P7ervoj mirovoj vojny. In: Novaja i novejšaja istorija, 2001, Nr. 3, S. 3 – 27; V. N. Vinogradov: Eš?e raz o novych podchodach k istorii Pervoj mirovoj vojny. In: Ebenda, 1995, Nr. 5, S. 62 – 74.
  5. Die Darlegungen beruhen auf: Boris Kolonickij: “Tragi?eskaja ?rotika“. Obrazy imperatorskoj sem’i v
  6. gody pervoj mirovoj vojny. Moskau 2010, S. 72 – 85.
  7. Siehe Poslednij Possijskij imperator (Nikolaj II). In: Istorija Rossii v portretach,Tom pervyj. Smolensk
  8. und Brjansk 1997, S. 409 – 424.
  9. Siehe Petr Mul’tatuli : Vnešnaja politika Imperatora Nikolaja II (1894 – 1917). Moskau 2013, S. 5 – 8.
  10. Siehe Petr Mul’tatuli :Vnesnaja politika, S. 9 – 23.

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