Manfred Weißbecker/Jena:Schlusswort auf dem internationalen Kolloquium am 11.Juni 2014 in Berlin zum Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.


Gern komme ich der Bitte der Veranstalter nach, am Ende unserer Tagung allen herzlich zu danken, die hier gesprochen und diskutiert haben, ebenso jenen, die den Gedankenaustausch vorbereiteten, organisierten, unterstützten, ihn also überhaupt erst ermöglichten. Besonderer Dank gilt Heinz Harms, der erkrankt ist. Ihm sollte ein herzlicher Gruß aller Teilnehmer der Tagung in die Klinik übermittelt werden.
Ungern hingegen erfülle ich die Aufgabe, wie angekündigt ein "Schlusswort" zu halten. Jeder spürt doch, dass es kein Ende geben kann des analytischen und kritischen Sich-Befassens mit dem Ersten Weltkrieg, mit dessen Ursachen und seinen bis in das neue Jahrhundert reichenden Folgen.Zu umfangreich und zu wirkungsmächtig erscheint doch der hier mehrfach verdeutlichte Trend einer Beschönigung jener gesellschaftlichen Verhältnisse, auf deren Boden Kriege entstanden,heute wieder geführt oder vorbereitet werden, leider ohne auf entscheidenden Widerstand zu stoßen. Zu bedrohlich und erschreckend erscheint die Gegenwärtigkeit des Vergangenen. Zu gefährlich für unsere Zukunft klingt alles, was Kriegen Naturhaftigkeit und Alternativlosigkeit unterstellt.
Dem gilt es entgegenzuwirken. Gerade darin sah ich den Sinn unserer Beratung. Gleichsam als letzter Redner kann ich - statt einer bilanzierenden Ergebnisrückschau- meine Eindrückeund Empfindungen formulieren. Dies allerdings in der Hoffnung, dass nicht nur ich, sondern auch viele andere meinen, heute auseinandergehen zu können in der Gewissheit, wieder etwas erfahren zu haben, erneut an Wissen ebenso wie an Nachdenklichkeit bereichert worden zu sein. Jeder wird selbst überlegen, inwieweit das eigene Bild vom Ersten Weltkrieg sowie das von den 100 Jahren danach bestätigt undvertieft oder gar korrigiert werden konnte.
Im Vordergrund stand - wie konnte es anders sein - der heutige "geschichts-offizielle" Umgang, genauer: das Umgehen-Wollen aller Fragen nach Kriegsursachen und Kriegszielen. Die Kritik daran erhellt, dass und wie sowohl mit aufgewärmten als auch mit neuen Thesen alte sowie neuerlich erkennbare Vorherrschafts-Ambitionen in mildes Licht getaucht werden sollen. Im Grunde geht es dabei nur scheinbar um den Krieg von 1914/18. Wird dessen Ausbruch gleichsam als Ergebnis zufälliger Umstände, ja als eine Art Betriebsunfall gewertet, dann können geschönte Bilder einer angeblich für Kriege unzuständigen Gesellschaft gemalt werden. Dann lässt sich von beiden Weltkriegen und anderen Kriegen als einer bloßen Unterbrechung obsiegender Kontinuität demokratisch-kapitalistischer Verhältnisse reden. Neuerliche Katastrophenpolitik sieht sich so ausgenommen von einer ansonsten angeblich erfolgreichen Geschichte westlichen Demokratie-Verständnisses. Zur moralischen Verworfenheit derjenigen, die mit militärischer Gewalt drohen und/oder solche - zumeist skrupellos - nutzen, tritt mit der Verschleierung der für 1914 verantwortlichen Profitinteressen, Großmachtbestrebungen und geopolitischen Strategien eine verlogene Beschönigung heutiger Verhältnisse und neuer kriegerischer Politik hinzu.
Aus meiner Sicht trägt dazu auch eine Geschichtsschreibung bei, in deren Selbstverständnis sich die Frage nach dem "Warum?" immer mehr hin zu der nach dem "Wie?" verschiebt, also vom Erklären hin zum bloßen Erzählen, von einer Erhellung der Interessen und dem von den Mächtigen getragenen "Zeitgeist" hin zur Betonung angeblich vorrangig wirkender Ängste, Mentalitäten, Zufälle, Missgeschicke usw. usf.
Ich denke, es gilt am Ende unserer Tagung demgegenüber zu fragen, wie in die öffentlichen Debatten - auch über den 100. Jahrestag des Kriegsbeginns von 1914 hinaus - mehr eingebracht werden kann an Kritik derdie Kriege befördernden gesellschaftlichen Verhältnisse, mehran Kritik des rücksichtslosen Profitstrebens, desmenschenverachtenden Konkurrenzkampfes und geostrategischer Weltmachtgelüste.Im Jahre 1905, in seinem Schlusswort zum Jenaer SPD-Parteitag, forderte August Bebel, dass politische Bildung weiter entwickelt werden müsse, und zwar "in ganz anderer Weise als bisher". Und er verlangte - ich zitiere: " ... dass mit der jämmerlichen Verbreitung, die heute unsere wissenschaftliche Literatur erfährt, ein Ende gemacht wird, dass endlich wieder einmal studiert wird, dass man in der täglichen Kleinarbeit nicht vergisst, sich aufzuklären an der Quelle der sozialistischen Literatur". Und Bebel setzte den Gedankengang noch mit den Worten fort: "... wenn diese Debatte die Anregungen dazu gegeben haben, dass in ungleich höherem Grade als bisher auf allen diesen Gebieten gearbeitet wird, so können wir getrost unseren Gegnern gegenüber sagen: Wollen sie den Kampf, wir sind bereit!"
Aus meiner Sicht bieten sich für die notwendigen weiteren Debatten, zu organisieren u.a. von den Vereinen, die unsere heutige Veranstaltung vorbereiteten und durchführten, viele Fragen an. Ohne auf eine Rangfolge zu achten seien erwähnt:
Historiker sollten sich bereits jetzt fragen, was künftig von jener Geschichtsschreibung zu erwarten ist, die während der Tagung im Fokus überwiegend kritischer Beiträge stand? Welchen Bestand und welche Folgen wird die "geschichtspolitische Wende" haben, von der mit Recht gesprochen worden ist. Auf keinen Fall sollte z.B. gewartet werden, bis der 100. Jahrestag der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges ansteht.
Zu fragen wäre auch gnerellnach Inhalt und Wirkung jener gegenwärtig wieder zunehmenden Versuche, den Krieg als solchen zu rechtfertigen oder gar zu beschönigen, ihn am Beispiel 1914/18 als den geschichtlich Fortschritt befördernd zu bewerten, als Beschleuniger von Wissenschaft und Technik oder auch als Ausgangspunkt siegreicher Demokratie und des westlichen Parlamentarismus-Modells.
Fragen will ich ebenso nach Notwendigkeit und Gegenstand historischer Friedensforschung. Überhaupt: Sollte diese nicht generell stärker betrieben, betont und aller Kriegsforschung entgegengesetzt werden? Die Erinnerung an das Liebknechtsche Nein zu den Kriegskrediten vom 2. Dezember 1914 sowie an das spätere Flugblatt "Der Hauptfeind steht im eigenen Land" könnte sowohl der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung als auch der Rosa-Luxemburg-Stiftung und anderen Vereinen sinnvollen Anlass bieten, weiter zu debattieren, dabei auch über Wege und Möglichkeiten, vom schlimmen Gegeneinander vieler Friedenskräfte zu deren sinnvollem Miteinander gelangen zu können.
Mein Wunsch wäre es zudem, mit dem Blick auf die Geschichte der Arbeiter- und Friedensbewegungvor allem jene Diskussion fortzusetzen, die über die notwendige Behandlung einzelner Ereignisse hinaus, jedoch auf deren Grundlage,Kausalität und Komplexität der gesamtenJahrhundertgeschichte, oder mehr noch die der Kapitalismusgeschichte in den Blick nimmt. Oder sollte ich, da aus Jena kommend, mit Friedrich Schiller von notwendiger"Universalgeschichte" reden? Davon, dass der "Brotgelehrte" abzulehnen sei, dass vom Historiker als philosophischem Kopf verlangt ist, "das Problem der Weltordnung zu lösen"? Darstellung und Deutung von Ereignissen und Erscheinungen, das Bestimmen deren Orte in der Geschichte, Ursachenbestimmung und Prozesshaftigkeit, Kontinuität und Wandel - das wären Aspekte, die in unserer Veranstaltung spürbar waren und die eingehend zu behandelnhelfen könnte, zu einem in sich stimmigen umfassenden Geschichtsbild führen können.
Alles in allem: Fragen über Fragen! Dennoch: Mit ihnen im Kopf jetzt auseinandergehen zu können, das lohnte allemal den heutigen Tag.

Zum Problem der Kontinuität des deutschen Nationalismus möchte ich zwei Zitate für sich sprechen lassen. Eines stammt aus einer Rede vom 17. September 1914 mit dem Titel "Von der Weltkultur zum Weltkrieg", das andere vom März 2014.
Ludwig Volkmann, ein an und für sich liberaler Mann, der dem Deutschen Buchgewerbeverein vorstand, und 1914 Präsident der Leipziger Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik war:

    "Hoffen wir [...], dass dieses blutige Ringen der Völker Europas zu einer Einigung unter deutscher Vorherrschaft führen möge, wie einst der Kampf um Preußens Vormachtstellung zur Einigung Deutschlands führte. Wohl haben wir erkannt, dass es mit dem vielgerühmten europäischen Gleichgewicht nichts war, dass vielmehr gerade in dieser Gleichheit der Kräfte eine ständige Gefahr lag. Ein geeintes Europa unter unbestritten germanischer Führung aber wird die stärkste Gewähr für dauernden sicheren Frieden bieten und die Gewähr für eine neue Weltkultur, die eine vorwiegend germanische sein soll und wird, nicht nur in Wirklichkeit, wie es schon vordem längst war, sondern auch im klaren Bewusstsein und in der neidlosen Anerkennung der Anderen."1

Bernd Neumann (CDU und ehemaliger Kulturstaatsminister erklärte im März 2014 in einem Interview für "Bild:
    "Wir Deutsche definieren uns über die Kultur. Deutschland ist die Kulturnation Nummer eins!"2


1914 klangen die Worte anders, doch im Grunde trifft das Wort von den gleichen Brüdern mit gleichen Kappen zu


Den Teilnehmern dieser anregenden Tagung wünschen wir zunächst einen guten Heimweg, weiteres erfolgreiches Nachdenken sowie neue Gelegenheiten, unsere Gedanken produktiv auszutauschen.



Anmerkungen
  1. Ludwig Volkmann: Von der Weltkultur zum Weltkrieg. Rede, gehalten am Vaterländischen Abend in der Leipziger Alberthalle am 17.9.1914, S. 20.
  2. Zit. nach junge Welt, 19.03.2014.

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