Amok am antiken Heiligtum
Vor 70 Jahren verwüsteten deutsche Soldaten die griechische Gemeinde Distomo und töteten mehr als 200 Einwohner. Den Opfern wurde bis heute angemessene Sühne undEntschädigung verweigert. Von Martin Seckendorf


Am Abend des 14. Juni 1944 erreichte die in Athen tätige Vertretung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz(IKRK) die Nachricht, daß deutsche Soldaten vor einigen Tagen in der Gemeinde Distomo ein Massaker mit vielen Toten und Verwundeten verübt und das Dorf abgebrannt hätten. Das schwedische Ehepaar Clio und Sture Linnér, beide Mitarbeiter des IKRK, meldeten sich freiwillig für eine Erkundungsmission in das Dorf. Distomo liegt südöstlich des Parnassos-Gebirges und nur wenige Kilometer östlich desApollon- Orakelheiligtums in Delphi, das in der Antike als der "Nabel der Welt" galt.
Die beiden Schweden beluden ein Fahrzeug mit Kleidung, Verbandsmaterial und Medikamenten und brachen noch in der Nacht in die 170 Kilometer von Athen entfernte Ortschaft auf.
2001 schilderte Prof. Linnért dem Historiker Dieter Begemann die Eindrücke, die er und seine Frau bei der Fahrt nach Distomo am 15. Juni 1944 gewonnen hatten:
Kurz vor Erreichen der Gemeinde bemerkten sie, daß etwa 10 Leichen, "festgenagelt mit Bajonetten", wie Linnért sagte, an den Straßenbäumen hingen. "Über der ganzen Gegend lag ein fürchterlicher Gestank von Brand und Verwesung" ergänzte er. Auf dem Dorfplatz lagen "überall Tote." Sie meinten, es seien einige Hunderte gewesen. "Darunter", so Linnért, "waren Frauen, deren Bäuche aufgeschlitzt waren. Die Eingeweidequollen heraus. Einigen Frauen waren die Brüste abgeschnitten, Männern hatte man das Geschlechtsteil abgetrennt. Daneben lagen Kinder, deren Schädel zertreten waren."

Massenmord im Wochentakt
Linnért beschreibt in dem Interview die Folgen einer "Säuberungs- und Vergeltungsaktionen", die die deutschen Besatzer seit dem Somme 1943 in Griechenland fast im Wochentakt durchführten:
Am Morgen des 10. Juni 1944 machte sich die voll motorisierte 2. Kompanie des SS-Panzergrenadierregiments 7 mit ca. 100 Soldaten und einigen zwangsverpflichteten Griechen von der Bezirkshauptstadt Livadia aus auf den Weg in Richtung Westen. Die Einheit sollte die über Arachowa und Delphi an den Golf von Korinth führende Straße südlich des Parnassos im Abschnitt der Gemeinde Distomo von Partisanen "säubern" und den durch die Aufständischen gesperrten Verkehrsweg "öffnen".
Auf halbem Weg zwischen Livadia und Distomo bemerkten die Deutschen Erdhöhlen, die sie als Partisanenbunker deuteten. 18 junge unbewaffnete Männer, die Schafe hüteten, wurden umzingelt, sechs von ihnen "auf der Flucht" erschossen, ein vor allem seit 1933 in Deutschland gebräuchlicher Euphemismus für Mord an Gefangenen. Die andern 12 nahm man mit nach Distomo. Das Dorf wurde auftragsgemäß "überholt", d.h. durchsucht. Anzeichen für Verbindungen zu Partisanen gab es nicht. Der Kompaniechef, SS-Hauptsturmführer(Hauptmann) Fritz Lautenbach, verhört den Bürgermeister von Distomo und den zufällig im Ort anwesenden Pfarrer von Stiri, einem kleinem Dorf fünf Kilometer südöstlich von Distomo. Beide gaben an, daß sich am Vortag etwa 30 Partisanen in Distomo aufgehalten hatten, aber bald weiter nach Stiri gezogen seien. Lautenbach beschloß, mit Teilen seiner Kompaniedie Partisanen zu verfolgen. Wenige Hundert Meter vor Stiri geriet die Kolonne in einen Hinterhalt. Mit MG- und Gewehrfeuer und unter Einsatz eines Granatwerfers attackierten Partisanen die Nazis. Diese erlitten einige Verluste: Sieben Tote und zahlreiche Verwundeten. Nachdem Verstärkung für die SS-Kolonne eingetroffen war, zogen sich die Partisanen zurück. Gegen 17.30 Uhr traf die Die-Kompanie wieder in Distomo ein.
Die Deutschen mutmaßten, die Einwohner hätten von dem Hinterhalt der Partisanen gewußt und führten eine"Strafaktion" durch. Zuerst wurden die 12 als Geiseln genommenen Schafhirten erschossen. Dann schwärmten die SS-Trupps aus und durchsuchten die Häuser. Die angetroffenen Bewohner beiderlei Geschlechts und jeden Alters wurden meist auf entsetzliche Weise umgebracht. Über Zweihundert Menschen starben. Das älteste Opfer war 85 Jahre, das jüngste zwei Monate alt. Ganze Familien wurden ausgelöscht. 32 mal ist der Familienname Sfonturis in die Stele der heutigen Gedenkstätte gemeißelt.
Nach einer Stunde brach die Dämmerung herein. Die Schlächter beendeten aus Furcht vor Partisanenangriffen ihre grausame Arbeit ab und kehrten in die befestigten Unterkünfte in Livadia zurück.

Im Prozeß gegen die Südostgenerale der Wehrmacht, dem sogenannten Geiselmordprozeß, urteilten amerikanische Richter 1948, der Mord in Distomo sei "das furchtbarste Massaker an wehrlosen, unschuldigen(helpless) Männern, Frauen und Kindern". Am 29 Dezember 1997 sagte Professor Hagen Fleischer, damals an der Universität Athen tätig,dem "Spiegel": "Es gab geradezu sadistische Exzesse." Der britische Historiker Mark Mazower beschreibt die Aktion der Deutschen als Amoklauf. Die Süddeutsche Zeitung faßte am 10. Juni 2010 zusammen, das Distomo-Massaker sei "eines der größten Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg" gewesen.

Alliierte Landung befürchtet
Bis heute wird über die Ursachen des Amoklaufs in Distomo diskutiert, zumal wenige Wochen zuvor eine Kampfgruppe des gleichen Verbandes unter persönlicher Führung des Regimentskommandeurs Karl Schümers ein ähnliches Massaker in dem Dorf Klissura in Nordgriechenland angerichtet hatte. Am 5. April 1944 wurden dort 215 Menschen meist Frauen und Kinder auf ebenso grausame Weise wie in Distomo umgebracht.
Ganz sicher waren bei beiden Massakern ideologisch aufgeheizte Sadisten am Werke. Auch die Tatsache, daß der Waffen- SS-Verband in der Nähe der Orte bei Gefechten mit Partisanen personelle Verluste erlitten hatte, wird für das unmenschliche Verhalten vieler Soldaten eine Rolle gespielt haben.
Entscheidend dürfte jedoch die erhebliche Verunsicherung, ja geradezu Frustrierung der deutschen Eroberer durch die Kriegslage und die entsprechende Propaganda der Offiziere in die "Truppe" gewesen sein. "Griechische, kommunistische Untermenschen" stoßen unter "Mißachtung aller Völkerrechtregeln" einen "Dolch in den Rücken der ehrenhaft kämpfenden Deutschen", so der Grundtenor der Propaganda
In gewaltigen Frühjahrsoffensiven konnte die Rote Armee 1944 im Norden der deutsch-sowjetischen Front den fast dreijährigen mörderischen Belagerungsring um Leningrad sprengen. Im Südteil der Front wurden der größte Teil der Ukraine und die Krim befreit. Die sowjetischen Streitkräfte drückten die Aggressoren bis an die Karpatenhänge zurück.
Am 4. Juni 1944 wurde Rom als erste europäische Hauptstadt befreit - ein für alle Widerstandskämpfer emotional wichtiges Ereignis. Am 6. Juni began mit der größten Landungsoperation der Weltgeschichte die alliierte Invasion in der Normandie und damit die Errichtung einer zweiten Front. In allen okkupierten Ländern, so auch in Griechenland, führten die militärischen Erfolge der Anti-Hitler-Koalition zu einem deutlichen Aufschwung des Widerstandskampfes. Das spiegelt sich auch in den Akten des SS-Panzergrenadier-Regiments 7 wieder. Am 11. Juni berichtete Regimentskommandeur Schümers dem vorgesetzten Generalkommando in Athen unter der Führung von General der Flieger Hellmuth Felmy über "vermehrte lebhafte Bandentätigkeit" im Bereich Livadia - Arachowa- Delphi. In nur einer Woche hätte das Regiment 20 Tote und 36 Verwundete an Verlusten hinnehmen müssen. Auch an der Bahnstrecke Lamia -Athen, der einzigen Nord-Süd-Verbindung auf der Schiene, von den Militärs als Nabelschnur für die südlich von Thessaloniki stehenden deutschen Verbände bezeichnet, sei eine "Zunahme von Sabotageakten" registriert worden, obwohl Schümers bereits in großem Umfang"Sicherungsmaßnahmen" durchgeführt hatte. So seien "Sperr- oder Todeszonen" parallel zu den Gleisen eingerichtet worden, in denen auf alles geschossen wurde, was sich bewegte. Außerdem habe das Regiment gemäß einer Weisung Felmys auch die neueste "Errungenschaft" der Eroberer, die Geiselwagen, eingesetzt. Bei Eisenbahnzügen wurde vor der Lokomotive ein offener Güterwagen mitgeführt. Darauf waren in einem Drahtkäfig Geiseln zusammengepfercht. Der Befehl lautete, bei einer Partisanenattacke auf den Zug, ob erfolgreich oder nicht, ist der Wagen samt Geiseln in die Luft zu sprengen.
Schümers führte in dem Bericht an Felmy die gesteigerte Partisanentätigkeit auf die für Deutschland dramatisch verschlechterte Kriegslage zurück. Er forderte Verstärkung, da in nächster Zeit mit einer weiteren Zunahme der Partisanenangriffe zu rechnen sei. Im Zusammenhang mit der Entwicklung an den Hauptfronten verschärfte sich die seit längerer Zeit sichtbare Krise des Okkupationsregimes in Griechenlandrapide. Die deutschen Truppen kontrollierten nur noch die größeren Städte. Kurt von Graevenitz, Vertreter des Sonderbevollmächtigten für den Südosten, Hermann Neubacher, meldete aus Athen: "Wir beherrschen kein größeres zusammenhängendes Gebiet mehr. Andarten(Bezeichnung für Partisanen-M.S.) werden überall tätig."
Die Entwicklung schien den Deutschen auch deshalb so gefährlich, weil die Wehrmachtführung davon ausging, daß die Alliierten ihre inzwischen erreichte Stellung in Italien sowie ihre absolute See- und Luftherrschaft auch im östlichen Mittelmeer für eine Großlandung auf dem Balkan nutzen werden. Am 27. Juni 1943, schrieb der Oberbefehlshaber Südost, Alexander Löhr, dafür kämen, "in erster Linie …Süd- und Westpeloponnes sowie Westgriechenland als Angriffsziele in Betracht".
Der Balkan war politisch und wirtschaftlich für die deutsche Führung von großer Bedeutung. Die Halbinsel lieferte in bedeutenden Mengen Lebens- und Futtermittel sowie rüstungswirtschaftlich wichtigeRohstoffe wie Chrom, Kupfer, Mangan und den Aluminiumvorstoff Bauxit. Die wichtigsten Ölquellen des Nazireiches lagen im unterworfenen Rumänien, das bei einer alliierten Landung auf dem Balkan in den Aktionsbereich der anglo-amerikanischen Luftstreitkräfte geraten wäre. Rüstungsminister Albert Speer illustrierte am Beispiel des Stahlveredlers Chrom die enorme Bedeutung Südosteuropas für die deutsche Rüstung. In einer Denkschrift vom 12. November 1943 an Hitler schrieb er: Sollten bei der Beschaffung von Chrom "der Balkan und damit auch die Türkei" als Lieferanten ausfallen, sei nach etwa zehn Monaten "ein Auslaufen der verschiedenen wichtigsten Rüstungszweige (sämtliche Flugzeuge, Panzer, Kraftfahrzeuge, Panzergranaten, U-Boote, fast die gesamte Geschützfertigung)" unvermeidlich. Außerdem hätte eine Landung der Anglo-Amerikaner auf der Halbinsel die Türkei, die bisher gegenüber Nazi-Deutschland "wohlwollende" Neutralität übte, mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Seite der Anti-Hitler-Koalition gebracht.

Verbrecherische Befehle
Die, wie sich erweisen sollte, verfehlte Lagebeurteilung des Oberkommandos der Wehrmacht(OKW), die größte Gefahr für die deutsche Herrschaft auf dem Balkan drohe von einer angloamerikanischen Landung, führte zu einer Funktionsänderung Griechenlands in den deutschen strategischen Überlegungen mit fatalen Folgen für die Zivilbevölkerung.
Seit der Aggression im April 1941 galt das Land als Nachschubbasis für die deutschen Truppen in Nordafrika und als Stützpunkt für Operationen zur Beherrschung des östlichen Mittelmeeres. Seit der Vertreibung der Faschisten aus Nordafrika im Mai 1943 sah die Nazi-Führung Griechenland als eine Festung an. Diese sollte die für die Deutschen so wertvolle Balkanregion oder wie Churchill schrieb, den "weichen Unterleib der Achse", decken. Der Chef des OKW, Wilhelm Keitel, stufte Hellas als "Kriegsschauplatz erster Ordnung" ein. Die Mannschaftsstärke der Besatzungstruppen wurde verdoppelt. Ein riesiges Bauprogramm zur Errichtung von Befestigungen, Flugplätzen, Zufahrtsstraßen und Vorratslagern aufgelegt. Die Griechen mußten mehr Arbeits- und Transportleistungen für die Okkupanten erbringen, mehr Baumaterial, Lebensmittel sowie industrielle und handwerkliche Fertigungskapazitäten zur Verfügung stellen und die gewaltigen Kosten für den Unterhalt der Wehrmacht und den Festungsbau über explosionsartig gestiegene Besatzungskosten bezahlen. Die Folge war eine in der europäischen Finanzgeschichte einmalige Inflation.
Schwerwiegend war die Auffassung der deutschen Führung, man könne die alliierten Landungsarmeen nur dann zurück ins Meer werfen, wenn die Nachschub- und Verbindungswege, der "Rücken", frei wären. In der Lagebeurteilung des Oberbefehlshabers Südost vom 01. November 1943 wurde deshalb gefordert, die Partisanenarmeen zu vernichten, bevor die Angelsachsen landen und "die eigenen Truppen in die Küstenverteidigung zurückgezogen werden müssen." Das OKW befahl: "Endgültige Befriedung des Hinterlandes und Vernichtung der Aufständischen und Banden aller Art." Man war darüber hinaus der Auffassung, daß die Mehrheit der Bevölkerung eine alliierte Landung unterstützen werde. Der Oberbefehlshaber Südost schätzte am 14. Juli 1943 ein: "Bei feindlichen Landungsangriffen ist mit weitestgehender Beteiligung aufsässiger Bevölkerungsteile auf Seiten des Feindes zu rechnen." Deshalb seien schon vor einer alliierten Invasion "schärfste Maßnahmen zu ergreifen". Jeder deutsche Soldat habe "die Pflicht, einen aktiven Widerstand seitens der Bevölkerung mit der Waffe sofort und unnachsichtig zu brechen." Soldaten, die nicht in der geforderten Brutalität gegen die Bevölkerung vorgingen, würden "zur Verantwortung gezogen."Der Kommandeur der in Westgriechenland und auf der Peloponnes stationierten 1. Panzerdivision befahl am 05. Juli 1943,nach Widerstandsaktionen sollten "rasche und durchgreifende Sühnemaßnahmen ergriffen werden, um die Bevölkerung abzuschrecken…Der Führer erwartet, daß diese Maßnahmen mit äußerster Tatkraft und in einer Weise zur Durchführung kommen, die ihre Wirkung auf weiteste Kreise der Bevölkerung nicht verfehlen." Schrankenloser Terror sollte nicht nur die Partisanen und ihre Unterstützer treffen, sondern die gesamte Bevölkerung derart einschüchtern, daß sie es nicht wage, sich im Invasionsfall gegen die Okkupanten zu erheben.

Brennpunkt Golf von Korinth
Die Spionageorganisation des Oberkommandos des Heeres, Fremde Heere West, notierte am 03. April 1944, der Balkan verdiene "erhöhte Aufmerksamkeit", eine Landung in Westgriechenland und auf der Peloponnes sei "wahrscheinlich". Am 21. Juni 1944 schrieb der Oberbefehlshaber Südost an das OKW, daß auch er trotz der alliierten Landung in der Normandie und der Bindung starker anglo-amerikanischer Kräfte in Italien Großlandungen der Westmächte an der Westküste Griechenlands für möglich halte. Als für die Deutschen "gefährlichste Stoßrichtung" einer alliierten Aktion wurde schon in einem Strategiepapier des Wehrmachtführungsstabes vom 10. Dezember 1942"die gegen…den Golf von Patras" bezeichnet. Eine solche Operation konnte, weiterentwickelt über den Isthmus von Korinth, direkt nach Athen oder an der Nordküste des Golfes entlang über Delphi-Livadia in Richtung Mittelgriechenland und Euböa führen. In beiden Fällen wären die deutschen Eroberer aus dem größten Teil Griechenlands vertrieben worden.
In diesem Zusammenhang erlangte die Straße von Livadia nach Distomo-Delphi und von dort in südlicher Richtung zur Hafenstadt Itea am Golf von Korinth herausgehobene militärische Bedeutung.Sie war die einzige Verbindungsstrecke, die Kfz-Verkehr und damit die schnelle Zuführung von Verstärkung und Nachschub gegen gelandete anglo-amerikanische Truppen am Nordufer des Golfs ermöglichte. Diese Straße führte im Bereich Livadia-Distomo nordöstlich des Helikon-Gebirges. Der Gebirgszugaber war Operationsbasis und Rückzugsgebiet des 34.Regimentsder Griechischen Volksbefreiungsarmee(ELAS), das zu der in Mittelgriechenland agierenden 13. ELAS-Division gehörte.Von dort konnte der für die Okkupanten so wichtige Verkehrsweg schnell unterbrochen werden.
Die "Befriedung" der Region wurde von den Besatzern als wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Abwehr alliierter Landungen im Bereich des Golfs von Korinth angesehen.
In dem Gebiet um Distomo war das Schümers-Regiment für die "Pazifizierung" zuständig. Die "Befriedung" der als "bandenverseucht" ausgewiesenen Regionen sollte nicht nur vermeintliche oder tatsächliche Partisanen und deren "Helfer", sondern die gesamte Bevölkerung, auch Frauen und Kinder treffen.So rechtfertigte Regimentskommandeur Schümers am 21. Juli in einem Bericht an General Felmy die massenhafte Tötung von Frauen und Kinder am 10. Juni in Distomo mit der Behauptung, die Partisanen gingen "allgemein dazu über", nicht nur bewaffnete Einheiten aus Frauen aufzustellen, "sondern auch…Frauen und Kinder zu Spionagezwecken, zur Nachrichtenübermittlung, zu Sabotageakten und zum Werfen von Bomben abzurichten."
Anfang Juni erhielt das SS-Regiment von dem Wehrmachtgeneralkommando in Athen den Auftrag, in Vorbereitung der Abwehr einer möglichen alliierten Landung eine große Operation gegen das 34. ELAS-Regiment im Helikon-Gebirge durchzuführen. Als ein Sammelpunkt der für diese Operation unter der Deckbezeichnung "Sommergewitter" vorgesehenen deutschen Einheiten war das Gebiet um Distomo vorgesehen. Wesentlicher Teil der zur Vorbereitung von "Sommergewitter" befohlenen "Befriedungsmaßnahmen" war nach Angaben eines an der Aktion am 10. Juni beteiligten Angehörigen der Geheimen Feldpolizei die "Freikämpfung" der durch Partisanen gesperrten Straße westlich Livadia und ein Erkundungsvorstoß nach Distomo sowie "Überholung", d.h. Durchsuchung des Ortes nach Hinweisen auf Verbindungen der Einwohner zu Partisanen.

Griechen geschockt
In Griechenland verbreitete sich die Nachricht über das Distomo-Massaker wie ein Lauffeuer. Am 13. Juni hatte der von den Okkupanten eingesetzte Verwaltungschef(Nomarch) der Provinz Böotienden Innenminister der Athener Kollaborationsverwaltung über die Schandtat informiert. Diese und weitere Nachrichten wurden sehr bald den alliierten Stellen im Nahen Osten zugespielt und über deren Propagandaeinrichtungen, vor allem über den auch in griechischer Sprache arbeitenden Sender Kairo, weit verbreitet. Am 10. Juli informierte der Vertreter des Auswärtigen Amtes in Griechenland, Karl von Zeileissen, den Sonderbevollmächtigten Neubacher über "in ganz Athen umlaufende Gerüchte über angebliche Sühneaktion SS-Regiments gegen Ort Distomo". Er erwähnte, daß der Sender Kairo " die Angelegenheit" aufgegriffen" habe. In einem Bericht des Spionageoffiziers beim Oberbefehlshaber Südost, Franz von Harling, vom 16. Juli an das Oberkommando der Wehrmacht über das Massaker in Distomo wurde darauf hingewiesen, daß auch der amerikanische Außenminister Cordell Hull " auf Pressekonferenz zu VorgängenStellung genommen" habe.
Die umlaufenden Nachrichten über das Massaker führten dazu, daß sich selbst kollaborationsbereite Griechen von den Okkupanten abzuwenden begannen. In einem Bericht des Neubacher-Vertreters in Athen, Kurt von Graevenitz, vom 26. Juli, heißt es, die Meldung über die "Vernichtung Dorf Distomo" habe in Hinblick auf die Stimmung in der griechischen Oberschicht geradezu "vergiftend gewirkt."
Wegen der hohen Wellen, die die Nachrichten über das Massaker im okkupierten Griechenland sowie im "feindlichen" und im neutralen Ausland schlugen, forderten die deutschen politischen und militärischen Spitzenbehörden - der Oberbefehlshaber Südost, der Militärbefehlshaber Griechenland und der Sonderbevollmächtigte Neubacher - Informationen über den Einsatz in Distomo. Auch der Wehrmachtführungsstab im Oberkommando der Wehrmacht erhielt Informationen. Dabei stellte sich heraus, daß es zwei "Gefechtsberichte" mit völlig entgegengesetzten Darstellungen der Ereignisse gab.
Der Kompaniechef Lautenbach berichtete am 11. Juni dem SS-Regiment 7 und den vorgesetzten Wehrmachtsstellen, dem in Athen ansässigen Armeekorps,auf der Fahrt von Livadia in Richtung Distomo habe man in Erdbunkern Zivilisten beobachtet, die sofort das Feuer auf die SS-Einheit eröffnet hätten. In dem anschließenden Gefecht seien 18 "Männer jüngeren Alters auf der Flucht erschossen" worden. Bei Annäherung an das Dorf hätte die Einheit Feuer aus"Granatwerfern, Maschinengewehren und Gewehren…aus Richtung Distomo" erhalten, wobei die Kompanie personelle Verluste erlitt. Daraufhin sei die Ortschaft "mit allen zur Verfügung stehenden Waffen" beschossen und anschließend "gesäubert" worden. Dabei "wurden insgesamt 250-300 tote Bandenverdächtige und Bandenangehörige gezählt". Die Häuser habe man dann "niedergebrannt".
Einen Tag später verfaßte der bei der "Aktion" anwesende Unteroffizier Georg Koch von der Geheimen Feldpolizei(GFP) ebenfalls einen Bericht für seine vorgesetzte Stelle, die zuständige Oberfeldkommandantur, der den Einsatz anders beschrieb. In Distomo hätte es zu keinerZeit "Feindberührung" mit Partisanen gegeben. Die Morde an der Zivilbevölkerung seien erst nach der Rückkehr von dem am späten Nachmittag erfolgten Kampf mit Partisanen, 5 Kilometer östlich von Distomo, verübt worden. Die Darstellung des GFP-Angehörigen gilt in der historischen Forschung als weitgehend dem Ablauf des Einsatzes in Distomo entsprechend.
Besonders empört über den gefälschten Bericht der SS-Kompanie zeigte sich der Kommandierende General des LXVIII. Armeekorps in Athen, Felmy, dem der Waffen-SS-Verband unterstand. Am 4. Juli schrieb er, der "Gefechtsbericht" der SS-Kompanie "und die damit erstattete dienstliche Meldung ist wissentlich falsch."-Ein im preußisch-deutschen Militärapparat ungeheuerlicher Vorgang- wenn er bekannt wird. Vor allem, so hob Felmy hervor, sei die auf der Grundlage des gefälschten Berichts von ihm " eingeleitete Gegenpropaganda…entwertet". Er fuhr fort, "ich habe infolgedessen auch keine Handhabe mehr, gegen den Bezirkschef von Lewadia einzuschreiten", der die Informationen über das Massaker an die Kollaborationsregierung in Athen geliefert hatte. Der Kommandierende General war öffentlich desavouiert.
Wegen der durch das Auftauchen der unterschiedlichen "Gefechtsberichte" bei den deutschen Behörden erzeugten Unsicherheit und, wie der Neubacher-Vertreter in Athen, Zeileissen, schrieb, eines Kompetenzgerangelszwischen den beiden Säulen der Wehrmacht in Griechenland-der Militärverwaltung, die den Bericht des GFP-Unteroffiziers Koch erhielt und der taktischen Truppensäule, dem Generalkommando Felmy, an das der gefälschte Bericht der SS-Kompanie auf dem üblichen Dienstweg gegangen war - kam es bei der deutschen "Gegenpropaganda" zu einer Verzögerung von mehreren Wochen. Die deutsche Rechtfertigungspropaganda war dadurch völlig wirkungslos geblieben.
Neben der Fälschung kritisierte Felmy die Erschießung der durch die Kompanie am Morgen gefangenen 12 Hirten in Distomo. Damit sei gegen einen "Führerbefehl" zur "Gewinnung" von Arbeitskräften verstoßen worden. Um die prekäre Arbeitskräftesituation in Deutschland zu mildern, hatte Hitler am 27. Juli 1943 befohlen, gefangene Partisanen nicht mehr wie bislang üblich, zu töten, sondern als militärische Zwangsarbeiter ins "Reich" zu deportieren. Das Massaker an den Bewohnern spielte in der Beschwerde Felmys keine Rolle. Er kritisierte nur, daß Lautenbach nicht vor den "Sühnemaßnahmen" das Einverständnis des Divisionskommandeurs eingeholt hatte, wie dies eine Weisung des Oberbefehlshabers Südost vom 22. Dezember 1943 forderte.Zweck dieser Anordnung war es, undifferenzierte Massentötungen und flächendeckendes Zerstören einzuschränken, da das den Zulauf zu den Partisanen verstärke.Vor allem durchkreuzten solche Maßnahmen die Pläne der Besatzer, in großem Umfang Kollaborateure auch für den Dienst in den bewaffneten Formationen der Okkupanten zu gewinnen. Deshalb sollten zukünftig Terrormaßnahmen"chirurgisch feinen Schnitten" gleich, nur noch die Partisanen und ihre Unterstützer treffen. Kollaborationsbereite Griechen und deren Angehörige sollten von den politisch undifferenzierten "Sühnemaßnahmen" ausgenommen werden. Der Generalstabschef der in Griechenland führenden Heeresgruppe E, August Winter, erläuterte am 10. Dezember 1943 den Stabsoffizieren der Verbände die "neue" Linie: Es gehe "leider(sic!) nicht an, alle Leute zu köpfen" und "völlig unbeteiligte Ortschaften dem Erdboden gleich zu machen", da dies nur zur Vermehrung des Bandenwesens" führe. Man brauche nicht zwingend weniger, aber die richtigen Griechen, "die wahrhaft Schuldigen" töten. Nach der Grundsatzweisung vom Dezember 1943 waren die "wahrhaft Schuldigen" jene Griechen, "die sich zum Kommunismus bekennen."Es wurde bestimmt, "nicht zu Sühnezwecken zu verwenden sind…Feinde des Kommunismus". Eine vorherige politische Selektion der möglichen Opfer von Massenmordaktionen wurde angestrebt.
In der Weisung war auch festgelegt, daß "Sühnemaßnahmen" nur Offiziere im Range eines Divisionskommandeurs anordnen dürfen. Doch selbst die führenden Militärs hielten sich nicht an die "neue" Linie, zumal die Grundsatzweisung vom Dezember 1943 sogar eine Hintertür offen ließ. Dort war bestimmt, in von den Spionageoffizieren festgelegten "Kampfzonen", das waren alle Gebiete mit erhöhter Partisanenaktivität, gelten "die alten Vorschriften". Für die maßgebenden Offiziere war im Hinblick auf eine mögliche Landung alliierter Truppen die "Befriedung" des Hinterlandes wichtiger als ein politisches Manöver zur Gewinnung von griechischen Kollaborateuren. Im April 1944 erhielt Oberstleutnant Konrad Warnstorff, als "Feindlagebearbeiter"(Ic/AO) der für die Partisanenbekämpfung in Griechenland wichtigste Offizier im Stab der Heeresgruppe E eine Expertise. Darin war festgestellt worden, daß die "Sühnemaßnahmen" gegen die Zivilbevölkerung, die Partisanen kaum schwächen würden und nutzlos wären. Warnstorff schrieb an den Rand des Papiers, daß die Massenmorde aber unerläßlich seien. "Es gibt keine andere Lösung", meinte er.


Maria Pantiska ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Das Foto im Hintergrund wurde 1944 kurze Zeit nach dem Massaker in Distomo von amerikanischen Kriegsberichterstattern aufgenommen. Es zeigt Maria als 18-Jährige an den Gräbern ihrer Angehörigen. Das Gesamtfoto wurde 1998 in ihrer Wohnung in Distomo gemacht.


Sühne und Entschädigung verweigert
Nach der von Felmy wegen des gefälschten Berichts angeordneten Untersuchung schlug die 4. SS-Polizei-Panzergrenadierdivision vor, die Sache disziplinarisch zu erledigen. Felmy war damit einverstanden. Kompaniechef Lautenbach kam, wie man heutesagen würde, mit einer Abmahnung davon.
Nach 1945 nahmen sich die Alliierten der strafrechtlichen Aufarbeitung des Distomo-Massakers an. Im Prozeß gegen die Südostgenerale, einem Nachfolgeverfahren des Internationalen Militärgerichtshofs gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher waren die Morde in Distomo und Klissura Verhandlungsgegenstand. General Felmy wurde 1948 auch wegen dieser von einer ihm unterstellten Einheit begangenen Verbrechen zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Da die Westmächteim beginnenden Kalten Krieg einen "Wehrbeitrag" Westdeutschlands im Kampf gegen den Kommunismus erwarteten und in der entstehenden Bundeswehr massenhaft Wehrmachtsoffiziere Verwendung fanden, schien eine Stigmatisierung "deutscher Soldaten" als Kriegsverbrecher nicht opportun. Felmy wurde wie viele andere Kriegsverbrecher sehr bald begnadigt. Am 15. Dezember 1951 verließ er das Gefängnis Landsberg als freier Mann.
Von der deutschen Justiz wurde keiner der Mörder verurteilt. Ein beim Landgericht München I anhängiges Verfahren wurde 1972 wegen Verjährung der Tat eingestellt.
Nicht nur die strafrechtliche Sühne des Verbrechens durch die deutsche Justiz blieb aus, den Opfern und ihren Nachfahren wurde bis heute auch die Entschädigung für das erlittene Leid und die großen materiellen Schäden verweigert.
Nachdem alle Bundesregierungenselbst Gespräche mit den Opfern über dieses Thema abgelehnt hatten, blieb nur der schwierige, unsichere und teure Rechtsweg. 1997 verurteilte das Landgericht in Livadia die Bundesrepublik zur Zahlung von ca. 28. Millionen Euro an die Opfer von Distomo. Die Berliner Regierung legte Revision ein. Sie vertritt bis heute den Standpunkt, daß gemäß dem Völkerrechtssatz von der Staatenimmunität Privatpersonen einen fremden Staat nicht vor einheimischen Gerichten verklagen können. Die Richter am höchsten griechischen Gerichtshof, dem Areopag, sahen das anders. In Übereinstimmung mit neuen Tendenzen in der Entwicklung des Völkerrechts, urteilten sie, daß bei Menschenrechtsverletzungen die Staatenimmunität nicht gewährt werden kann und bestätigten das Urteil von Livadia. Da die Bundesregierung das höchstrichterliche Urteil nicht anerkannte, gingen die Opfer dazu über, Eigentum des deutschen Staates in Griechenland, u.a. das Athener Goethe-Institut, zu pfänden. Eine Anordnung der griechischen Regierung untersagte die Pfändung. Einige Opfer aus Distomo klagten daraufhin vor deutschen Gerichten. Diese Klagen gingen durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht und wurden jeweils abgewiesen. Tenor aller Entscheidungen deutscher Gerichte war: Das Massaker sei eine "Kriegshandlung" gewesen. Daraus folge, daß Klagen von Privatpersonen gegen Deutschland unzulässig seien. Nur auf dem Wege bilateraler Verhandlungen auf Regierungsebene könnten die Entschädigungsforderungen geklärt werden. Reparationsverhandlungen seien dies aber nicht-wegen der "Gefahr" eines Präzedenzfalles. Die Reparationsfrage hätte sich mit dem 2+4-Vertrag von 1990 rechtlich erledigt -ein Argument, das die deutsche Regierungbis heute verwendet. Die juristische Lage der griechischen Kläger wurde noch dadurch verschlechtert, daß ein Sondergerichtshof des Areopags vor der Bundesrepublik einknickte und erklärte, der Grundsatz der Staatenimmunität gelte auch fürgriechische Gerichte.Mehr als 60000 Klagen von Opfern deutschen Besatzungsterrors waren damit vom Tisch, bereits ergangene Urteile gegenstandslos.
In dieser Situation erhielten die griechischen Opfer Hilfe von der italienischen Justiz. Letztinstanzliche Gerichte auf der Apenninenhalbinsel hatten entschieden, daß bei Verbrechen gegen die Menschenrechte die Staatenimmunität nicht gilt. Außerdem wurde den Opfern von Distomo ein Entschädigungsanspruch gegen Deutschland bestätigt und mit dem Recht verbunden, die rechtsstaatlich erworbenen Rechtstitel auch in Italien vollstrecken zu lassen.
Berlin holte im Dezember 2008 zum Gegenschlag aus. Die Regierung Merkel/Steinmeier klagte vor dem Internationalen Gerichtshof. Im März 2012 entschied das Gericht, daß das Prinzip der Staatenimmunität gelte, daher alle Privatklagen gegen Deutschland wegen faschistischer Verbrechen abzuweisen und schon ergangene Urteile aufzuheben seien. Das Gericht wies aber die Bundesregierung darauf hin, zur Lösung des als"dringend" bezeichneten Problems der Entschädigung endlich mit den Opfern und den betroffenen Ländern über dieses Problem zu verhandeln. Bisher gibt es dafür von der deutschen Seite noch keine Signale.
Nach 70 Jahren wird es aber, biologisch gesehen, Zeit, endlich die Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen regierungsamtlich anzuerkennen undtätige Reue zu zeigen. Am 7. März 2014 besuchte Bundespräsident Gauck die Opfergemeinde Lingiades, wo eine Einheit der 1. Gebirgsdivision am 3. Oktober 1943 das Dorf in Nordwestgriechenland niederbrannte und 83 Zivilisten, meist Frauen und Kinder, auf gräßliche Art umbrachte. Gauckfand telegen salbungsvolle Worte des Bedauerns, wies aber alle Entschädigungsansprüche zurück. Der letzte Überlebende des Massakers sagte der "Berliner Zeitung": "Das waren nur Worte, die bedeuten nichts. Ich will Gerechtigkeit, das heißt Wiedergutmachung."Die Bundesregierung bleibt unversöhnlich. Am 10.März 2014 verkündete Regierungssprecher Steffen Seibert zu den Wiedergutmachungsforderungen der Griechen, es bleibe beim Nein! Er fuhr fort: An der deutschen Haltung und der rechtlichen Bewertung durch die Bundesregierung habe sich "nichts geändert".

Der Text wurde für einen Reader zur Konferenz zum 70. Jahrestag des Massakers in Distomo am 14.Juni 2014 ab 17.00 Uhr im DGB-Haus in der Keithstraße 1/3 in 10787 Berlin geschrieben.

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])