Günter Wehner: Der linke antifaschistische Widerstand in Schlesien 1933-1936 - Neue Dokumente zu einem lange unbearbeiteten Forschungsfeld. (Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. am 11. Juni 2013).


Vorbemerkung
In den Jahren 2002/2003 trat der Vorsitzende der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten(Bln. VVN-BdA) e.V., Fred Löwenberg, im Zusammenhang mit der Erarbeitung des Biographischen Lexikons - Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945 mit der Bitte an mich heran, nach Quellen, Fakten und Literatur zum antifaschistischen Widerstand in Schlesien, insbesondere in Breslau, zu suchen. Er war in Breslau bis zu seiner Verhaftung und Inhaftierung im KZ-Buchenwald wohnhaft und hoffte, bisher Verschollenes zur Thema antifaschistischer Widerstand in Schlesien zu erfahren. Es gelang mir, aus Publikationen und den Findbüchern im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde bisher kaum bekannte Fakten zu ermitteln, die dazu führten, dass auf Initiative von Fred Löwenberg bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin unter der Leitung von Dr. Cornelia Domaschke ein Projekt "Gegen Vergessen und Verdrängen. Zum antifaschistischen Widerstand und NS-Verfolgter in Schlesien 1933 bis 1945" entstand.
Im Ergebnis der Forschungsarbeit entstanden zwei Publikationen:

  • "Nationalsozialismus und antifaschistischer Widerstand in Schlesien". In Memoriam Fred Löwenberg, Berlin 2009 und
  • "Widerstand und Heimatverlust". Deutsche Antifaschisten in Schlesien, Berlin 2012


Unmittelbar nach der Machtübertragung von Reichspräsidenten Hindenburg an Hitler, den er zum Reichskanzler ernannte, kam es am 30. und 31. Januar 1933 zu umfangreichen Protestaktionen gegen das neue Regime unter Hitler, insbesondere in Breslau, Waldenburg und Liegnitz. Organisiert und geleitet wurden diese ersten antifaschistischen Aktionen durch den Politischen Leiter der KPD in Schlesien, Augustin Sandtner. Besonderen Anteil an den Widerstandsaktionen in Form von kurzen Protestmärschen, dem Verteilen von Flugblättern und Druckschriften(u.a. der "Roten Fahne") hatten Jungkommunisten im Bündnis mit jungen Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterpartei(SAP) sowie Angehörigen der Sozialistischen Arbeiterjugend(SAJ), die gegen den Willen des Parteivorstandes der SPD gemeinsam gegen die braune Diktatur wirkten.
Mit der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland kamen auf die antifaschistischen Kräfte vielfältige neue Aufgaben und Probleme zu. Eine vordringliche Maßnahme war, sich auf die Illegalität vorzubereiten, um die Mitglieder so gut wie möglich vor Verhaftungen zu schützen.
Unter Leitung von Augustin Sandtner bemühten sich die Breslauer Kommunisten bereits vorbereitete illegale Quartiere für die weitere politische Arbeit zu nutzen. Es wurden Dreiergruppen gebildet, die über Kuriere untereinander konspirativ tätig waren. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen fiel Augustin Sandtner bereits am 27. April 1933 in die Hände der Gestapo. Er wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Haftverbüßung wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und dort am 11. Oktober 1944 mit 23 Kampfgefährten erschossen.
Bereits in den ersten Tagen der NS-Diktatur verlor die schlesische SAP ihren wichtigsten Funktionär, nämlich den prominenten Breslauer Arbeiterführer Dr. jur. Ernst Eckstein. Der beliebte Rechtsanwalt war Vorsitzender der SPD in Breslau und gehörte 1931 zu den Gründungsmitgliedern der SAP in Deutschland. Unter seiner Leitung als Vorsitzender der Bezirksleitung Mittelschlesien entwickelte sich die SAP in Schlesien zur zweitgrößten Bezirkseinheit nach der SAP in Sachsen. Der Breslauer Arbeiterfunktionär wurde bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes am 27./28. Februar 1933 verhaftet und starb nach unmenschlichen Misshandlungen am 8. Mai 1933. Die Ermordung Ecksteins blieb nicht ohne Folgen für die braunen Machthaber. In breit angelegten Flugblattaktionen wurden die Breslauer Bürger über den Mord informiert. Diese illegale Propagandaarbeit lenkte das Augenmerk der Gestapo auf die Akteure. Im Juli 1933 kam es zu umfangreichen Verhaftungen von SAP Mitgliedern, die den Nachfolger von Ernst Eckstein, August Enderle, zur Emigration zwangen. Durch seine Flucht entstand zwar eine weitere tiefe Lücke in den Reihen der Breslauer SAP, aber es kam nicht zu dem von der Gestapo erhofften Stillstand des antifaschistischen Widerstandes. Vorsichtig gingen die verbliebenen SAP Mitglieder daran, sich erneut illegal zu sammeln. Aus Sicherheitsgründen wurden nur die ehemaligen Parteimitglieder in die illegalen Dreiergruppen aufgenommen, die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt waren. Bekannte Funktionäre wurden in legalen Organisationen wie Sport- und Musikvereinen untergebracht, um dort nach Möglichkeit politisch tätig zu sein. Die illegale Arbeit wurde auf das Herstellen und Verbreiten von Druckschriften konzentriert. Die selbsthergestellten Flugschriften wurden vorwiegend in Breslau, Liegnitz und Brieg verbreitet. Unter Leitung des Funktionärs Walter Fabian konnten die Breslauer Antifaschisten aus der SAP auch die Verbindung zur illegalen Reichsleitung der SAP in Berlin erstellen und so noch intensiver tätig sein. Nach monatelangen Recherchen gelang es der Gestapo im August 1933 einen Teil der illegalen SAP Gruppe in Breslau aufzudecken und zu verhaften.
So gerieten Bernhard Kollei, Gerhard Schwarz, Walter Rosenstein, Karl Dachale, Emil Marquardt, Reinhold Schuler, Alfred Oder, Friedrich Simon, Walter Gerlach, Emilie Rollnik, Wilhelm Schäfer, Marie Hartig und Karl Kretschmer - alle aus Breslau - in die Hände der Gestapo.
Am 20. Dezember 1933 erhob der Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht in Breslau Anklage wegen Hochverrats. In der Anklageschrift heißt es:

"Gegenstand der Anklage im Allgemeinen.
Die Anklage beschäftigt sich mit dem Neuaufbau der SAP in Breslau in der Zeit von April bis August 1933. Die seit dem Jahr 1931 bestehende SAP wurde in Breslau von ihrem Mitbegründer Rechtsanwalt Eckstein geführt. Dieser wurde wegen seiner führenden Stellung in der Partei zusammen mit den weiteren Vorstandsmitgliedern Rausch und Kirstein am 28. Februar 1933 in Schutzhaft genommen.
Von diesem Tag an war die Partei in Breslau führerlos. Sie gab deshalb auch ihre Büroräume in der Holzgasse auf. Die Verhaftung der Führer und der Zerfall der Partei wurde ihren Mitgliedern durch die Tageszeitungen bekannt.
Allmählich lebte die SAP jedoch wieder auf. Neue Führer setzten sich an ihre Spitze und versuchten, die Partei wieder ins Leben zu rufen. Dabei handelte es sich aber nicht um Einzelaktionen noch interessierter Mitglieder, sondern um die Reorganisation der Partei im Auftrag und in Verbindung mit der Reichsleitung in Berlin, die dort ebenfalls zerschlagen worden war, aber wieder auflebte. In Breslau waren es die Angeschuldigten, die den Neuaufbau der SAP, führend betrieben.

"Gegenstand der Anklage im Allgemeinen.
Die Anklage beschäftigt sich mit dem Neuaufbau der SAP in Breslau in der Zeit von April bis August 1933. Die seit dem Jahr 1931 bestehende SAP wurde in Breslau von ihrem Mitbegründer Rechtsanwalt Eckstein geführt. Dieser wurde wegen seiner führenden Stellung in der Partei zusammen mit den weiteren Vorstandsmitgliedern Rausch und Kirstein am 28. Februar 1933 in Schutzhaft genommen.
Von diesem Tag an war die Partei in Breslau führerlos. Sie gab deshalb auch ihre Büroräume in der Holzgasse auf. Die Verhaftung der Führer und der Zerfall der Partei wurde ihren Mitgliedern durch die Tageszeitungen bekannt.
Allmählich lebte die SAP jedoch wieder auf. Neue Führer setzten sich an ihre Spitze und versuchten, die Partei wieder ins Leben zu rufen. Dabei handelte es sich aber nicht um Einzelaktionen noch interessierter Mitglieder, sondern um die Reorganisation der Partei im Auftrag und in Verbindung mit der Reichsleitung in Berlin, die dort ebenfalls zerschlagen worden war, aber wieder auflebte. In Breslau waren es die Angeschuldigten, die den Neuaufbau der SAP, führend betrieben.

Die politische Zugehörigkeit der Angeschuldigten.
Die Angeschuldigten sind sämtlich Mitglieder der SAP. Der Angeschuldigte Kollei gehörte ihr seit der Gründung im Jahr 1931 an, desgleichen die Angeschuldigte Hartig. Rosenstein war vom Jahr 1927 bis 1928 Mitglied der KPD und vom April 1932 an Mitglied der SAP. Als kaufmännischer Angestellter der Firma Leinenhaus Bielschowski in Breslau war er dort Vorsitzender des Betriebsrats und bekleidete außerdem das Amt eines Arbeitsrichters in der Angestelltenkammer des Arbeitsgerichts in Breslau. Der Angeschuldigte Dachale gehörte vom Jahr 1930 bis 1931 der SPD an und ging dann bei der Gründung der SAP zu dieser über. Schwarz war bereits seit 1923 Mitglied der SPD, trat 1931 bei der SAP ein und wurde als ihr Vertreter Stadtverordneter im Breslauer Stadtparlament. Auch die Angeschuldigten Marquardt, Reinhold und Oder gingen 1931 zur SAP über, nachdem sie vorher seit dem Jahr 1925 eingetragene Sozialisten gewesen waren. Georg Schuler war sogar schon im Jahr 1897 Mitglied der SPD und blieb es bis zu seiner Eintragung in die Listen der SAP bei deren Gründung. Simon war vom Jahr 1920, Gerlach von 1922 ab Mitglied der SPD, worauf sie im Jahr 1931 ebenfalls zur SAP übertraten. Die Angeschuldigte Rollnik gehörte der SPD seit dem Jahr 1928 an und erklärte ihren Eintritt in die SAP ebenfalls bei der Gründung, dort war sie stellvertretende Frauenschaftsleiterin. Wilhelm Schöfer war von 1909 bis 1931 eingetragener Sozialdemokrat und wurde dann nach seiner Eintragung in die SAP noch kurz vor der Auflösung dieser Partei Kassierer. Schließlich war Kretschmer von 1927 bis 1930 Mitglied der SPD und gehörte vom September 1932 ab der SAP an.

Die hochverräterischen Bestrebungen der SAP.
Die im Oktober 1931 nach einer Spaltung der SPD gegründete SAP setzte sich in ihrem Mitgliederbestand aus Personen zusammen, die sich infolge ihrer kritischen Einstellung einerseits der SPD, andererseits gegenüber der KPD, die sich den Parteien nicht oder nicht mehr anschließen wollten. Tatsächlich näherte sich die SAP in ihrer Tendenz vollkommen den Zielen der KPD. Sie erstrebt, wie jene, die Diktatur des Proletariats und die Errichtung einer Räterepublik nach russischem Muster und betreibt die Bildung einer einheitlichen proletarischen Klassenfront unter ihrer Führung, um auf dem Weg des außerparlamentarischen Kampfes schließlich durch Gewalt zum Sturz der gegenwärtig bestehenden verfassungsgemäßen Staatsform zu gelangen. Während die SAP bei ihrem parlamentarischen Bestehen bis Anfang März 1933 eine kaum nennenswerte Stimmzahl auf sich zu vereinigen mochte, hält sie nunmehr ihre Zeit für eine umso stärkere illegale Agitationstätigkeit für gekommen, um sich zum Sammelbecken aller marxistischen Elemente zu machen die insbesondere der SPD und KPD nach der nationalen Revolution den Rücken gekehrt haben. Sie ist sich zwar bewusst, das Zurzeit noch für sie mit einer raschen Verwirklichung ihrer Ziele nicht zu rechnen ist. Sie hofft aber, das früher oder später Krisen über die jetzige Regierung hereinbrechen werden, für die es jetzt schon zu rüsten gilt, um sie im gegebenen Augenblick ausnutzen zu können. In Flugblättern und ähnlichen Schriften sucht die SAP durch ständige Verbreitung von Gräuelnachrichten die Staatsautorität zu untergraben, um mit der gleichzeitigen Aufforderung zum Zusammenschluss aller Kräfte für den revolutionären Klassenkampf den Boden zu bereiten und die Masse der Arbeiterschaft zur Mitwirkung am gewaltsamen Vorgehen aufzuwiegeln und zu gewinnen. Dieses alles ist bereits in einem Urteil des Oberlandesgerichts in Stuttgart vom 27. Juli 1933 in der Strafsache gegen Schneider und Genossen festgestellt worden und findet in vorliegenden Fällen seine erneute Bestätigung." 1

Ungewollt schildert der Breslauer Generalstaatsanwalt, dass es der SAP gelungen war, sich bereits im Februar 1933 wieder zu organisieren und eine wirksame illegale Arbeit zu leisteten. Sichtbar wird auch an Hand der Anklageschrift, daß junge und alte Antifaschisten zusammenstanden, die aus den unterschiedlichsten Berufen kamen und sich im illegalen Wirken sinnvoll ergänzten. Man spürt den Zorn des Anklägers in Bezug auf die Ziele der Widerstehenden, nämlich den Sturz des diktatorischen Regimes und die Errichtung einer Volksregierung. Hervorgehoben wurde in der Anklageschrift, das im illegal verbreiteten Aktionsprogramm der SAP das Hauptziel in der Errichtung einer Räterepublik bestehe und dieses Ziel nur durch den Sturz des Hitlerregimes und des Sturzes der Kapitalistenklasse zu erreichen sei. Als besonders verwerflich wurde hervorgehoben, dass die SAP es als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansah, die Sowjetunion zu verteidigen und ihren sozialistischen Aufbau zu fördern. Im Abschnitt "Aufbau der illegalen SAP von April bis August 1933" listet die Anklageschrift auf, dass die SAP in Breslau untergliedert war in den Stadteilen Mitte, Nord, Süd, Südost, Südwest und Ohlauertor. Die Leitung des Stadtteils Mitte lag in den Händen der Antifaschisten Walter Rosenstein und Emilie Rollnik und Karl Dachale. Leiter des Stadtteils Ohlauertor war Reinhold Schuler. Zur SAP in Breslau gehörten ferner 2 Untergruppen in Brieg und Liegnitz. Hauptkassierer der SAP in Breslau war Gerhard Schwarz. Die Gesamtstärke der SAP in Breslau belief sich laut Anklageschrift auf etwa 500 zahlende Mitglieder, die auch illegal wirksam wurden. Über die anderen genannten Gruppen in den verschiedenen Breslauer Stadtteilen konnte dank der guten konspirativen Arbeit der Illegalen nichts ermittelt werden. 2 So wirkte unabhängig von der SAP Widerstandsgruppe um Bernhard Kollei eine umfangreiche SAP-Gruppe um den Bankangestellten Herbert Tulatz, der auch die nicht Verhafteten sowie den wegen Mangel an Beweisen im Prozess gegen Bernhard Kollei freigesprochenen Breslauer Stadtverordneten Elektromonteur Gerhard Schwarz in die von ihm geleitete Gruppe integrierte.
In der Anklageschrift des Generalstaatsanwaltes beim Oberlandgericht in Breslau vom 18. November 1936 gegen Herbert Tulatz und 24 Mitstreiter wurde von diesem hervorgehoben, dass sich die SAP in Breslau trotz rigoroser Verfolgung erneut sammeln und im größeren Umfang ihre illegale Tätigkeit fortsetzen konnte. Nach der Flucht von August Enderle übernahmen der Funktionär Zimpel und der Schriftsetzer Willi Kalinke die Gesamtleitung der illegalen SAP in Breslau und den umliegenden Ortschaften. Gegen die beiden führenden Antifaschisten Zimpel, Willi Kalinke sowie den Stellmacher Fritz Sommer und den flüchtigen jüdischen Studenten Martin Kaliski wurde Anklage vom Reichsanwalt beim Volksgerichtshof erhoben.
Im Prozess gegen Herbert Tulatz und dessen Kampfgefährten wird sichtbar, dass die Widerstehenden in gekonnter Konspiration in 8 Stadtteilen in Breslau illegale Gruppen errichten konnten, die, mit Decknamen relativ gut getarnt, bis zum Juli 1936 illegal wirken konnten. Sie zahlten Beiträge zum Ausbau der illegalen Organisation, sammelten Geld für Angehörige politischer Gefangener und verbreiteten illegale Schriften. Das illegale Druckmaterial erhielten die Breslauer Antifaschisten weitgehend von der Reichsleitung der SAP aus Berlin und bis zum November 1935 aus Prag von der dortigen Leitung der SAP. Aus Prag erhielten sie die illegale Druckschrift "Das Banner der revolutionären Einheit". Ferner stellten sie eigenständig mit der Schreibmaschine angefertigte Schriften her und verbreiteten sie.
Im November 1935 wurde der Kurier Herbert Grämel an der tschechoslowakischen Grenze verhaftet. Bei der Festnahme fand die Gestapo umfangreiches Schriftmaterial, das er nach Breslau bringen wollte.
Allen Angeklagten wurde vorgeworfen, dass sie nach Errichtung des NS-Regimes ihre marxistische Denk- und Handlungsweise nicht abgelegt, sondern die SAP in Breslau erneut im größeren Umfang illegal reorganisiert hatten und auch nach Strehlen Kontakte knüpfen konnten sowie durch Eugen Brehm, Kurier der SAP Reichsleitung in Berlin, eine feste Verbindung zur Reichsleitung besaßen. Der Generalstaatsanwalt beim Oberlandgericht in Breslau hob in der Anklageschrift hervor, das trotz der Verhaftung von Herbert Grämel seine Mitstreiter ihr illegales Wirken nicht einstellten, sondern intensiv weiterhin selbst gefertigte Flugschriften verbreiteten und zu Pfingsten 1936 in Prag ein Treffen mit einem Mitglied der SAP Leitung hatten. Bei dem Treffen wurde über die weitere illegale Arbeit beraten und Schulungsmaterial übermittelt. Der Angeklagten Ilse Hacks wirft er als besonders verwerflich vor, dass sie ein zweites Treffen auf tschechoslowakischem Gebiet organisierte, auf dem vor allem über die Betriebsarbeit der SAP beraten wurde. Die Reichsleitung orientierte auf umfassende Stimmungsberichte aus den Betrieben.
Zusammenfassend resümierte der Anklagevertreter: "Die illegale SAP will die gewaltsame Beseitigung der gegenwärtigen Regierung und die Errichtung der von ihr erstrebten Diktatur des Proletariats. Die Angeschuldigten haben diese hochverräterischen Absichten der SAP durch ihr Handeln bewusst gefördert und zwar in der Mehrzahl dadurch, dass sie als Gruppenleiter den organisatorischen Zusammenhalt aufrecht erhalten, an der Herstellung illegaler Schriften mitgewirkt, derartige Schriften verbreitet, für die illegale SAP Beiträge gezahlt und einkassiert, an illegalen Besprechungen teilgenommen und ihre Wohnungen dazu zur Verfügung gestellt haben. Insoweit haben schon diejenigen Angeschuldigten den Tatbestand der Vorbereitung zum Hochverrat erfüllt. Aus den genannten Umständen ergibt sich das dies nur zu dem Zweck geschehen sein kann, dadurch ihre hochverräterische Gesinnung zu stärken. Ferner haben sich die Angeschuldigten auch dadurch strafbar gemacht, dass sie in der Mehrzahl die illegalen Schriften nachdem sie sie gelesen hatten zurückgegeben haben. Dadurch haben sie bewusst ermöglicht, dass durch dieselben Schriften auch andere Personen in ihrer hochverräterischen Absicht gestärkt worden sind. Auf Grund dieses Sachverhaltes klage ich die Angeschuldigten an:
In den Jahren 1934 bis 1936 in Breslau und anderen Orten fortgesetzt und zum Teil gemeinschaftlich handelnd ein hochverräterisches Unternehmen vorbereitet zu haben, wobei die Tat
a) sämtlicher Angeschuldigter darauf gerichtet war, zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen und aufrecht zu erhalten,
b) sämtlicher Angeschuldigten mit Ausnahme des Angeschuldigten Schwarz auf Beeinflussung der Massen durch Herstellung oder Verbreitung von Schriften gerichtet war,
c) der Angeschuldigten Tulatz, Danziger und Hacks auch im Ausland und dadurch begangen worden ist, dass sie es unternommen haben, Schriften zum Zweck der Verbreitung im Innland aus dem Ausland einführten"3
Am 24. März 1937 verurteilte der erste Strafsenat des Oberlandesgerichts in Breslau Herbert Tulatz als führenden Funktionär zu drei Jahren und 6 Monaten Zuchthaus. Er erhielt in dem Prozess die Höchststrafe. Insgesamt sprach das Gericht gegen die Mitangeklagten Kampfgefährten 17 Jahre Haft aus. Dank des festen Zusammenhalts der Widerstehenden, die jede Möglichkeit des leugnen illegaler Aktivitäten ausnutzten kam es zu zehn Freisprüchen, die trotz des Einspruchs des damaligen Reichsministers der Justiz nicht revidiert wurden. Der Einspruch gegen das Urteil wurde folgendermaßen begründet: "Der Neuaufbau einer so großen und zielbewusst aufgebauten Organisation, wie es die illegale SAP in Breslau und in Schlesien war, stellte namentlich unter der tatkräftigen Leitung des Zeugen Kalinke ein für den Staat überaus gefährliches Unternehmen dar. Die Gefahr war umso größer als die Organisation sich nicht nur örtlich, sondern Beziehungen zu der illegalen Reichsleitung und sogar zu der Auslands-SAP aufnahm. Zu welchen gefährlichen Bedrohungen der Sicherheit des Staates dieses Unternehmen führte, zeigte sich besonders in dem Vorschlag des Vertreters der illegalen Reichsleitung bei der Besprechung in Breslau, man solle im Ernstfall Sabotage in den kriegswichtigen Betrieben herbeiführen, indem man rechtzeitig Einfluss auf die Arbeiterschaft gewinne. Erschwerend muss auch wirken, dass trotz des Verfahrens gegen Kollei und andere die illegale Arbeit der SAP nicht ins Stocken geraten, sondern sofort wieder eine neue Organisation aufgezogen worden ist. Sogar nach der Verhaftung Kalinkes haben die in Freiheit gebliebenen SAP-Freunde sofort wieder versucht, eine neue Ersatzorganisation aufzubauen und sogar zu dieser Zeit noch Verbindungen mit dem Ausland unterhalten. "4
Zeitgleich wirkte in Breslau unter Leitung des KJVO Mitgliedes Robert Bialek eine umfangreiche konspirativ gut organisierte Jugendgruppe zusammengesetzt aus Angehörigen der illegalen KJVO, des KJVD und der SAJ, die umfangreiche illegale Agitationsarbeit in mehreren Stadtteilen Breslaus leisteten - circa 60 Jugendliche im Alter von 18 bis 24 Jahren unterteilt in Vierergruppen. Sie verbreiteten selbst gefertigte Flugschriften und illegal beschaffte Druckschriften wie "Die Klassenfront" und der "Junge Prolet". Ferner wurden Klebezettel hergestellt mit antifaschistischen Losungen wie "Der Faschismus muss sterben, wenn das Volk leben will." Robert Bialek berichtete, dass die Jugendlichen mit ihren Klebezetteln Taxis, Telefonzellen und Häuser beklebten. Mit einem speziell dazu hergerichteten Fahrrad wurden auch antifaschistische Parolen auf die Straßen in verschiedenen Stadtteilen aufgedruckt, die schwer zu entfernen waren.
Ein aus Berlin nach Breslau gesandter Kurier des KJVD mit dem Decknamen "Willy" suchte und fand Kontakt zu Robert Bialek. Er übermittelte ihm ein Rundschreiben des ZK der KPD, das aufforderte eine breite antifaschistische Front aller Hitlergegner zu schaffen. Gemeinsam berieten sie im Frühjahr 1934, einen antifaschistischen Aktionsausschuss zu bilden, der alle in Breslau vorhandenen illegalen Gruppen umfassen sollte. Selbst Jugendliche die noch Schüler waren und oppositionell eingestellt waren sollten in die illegale Arbeit einbezogen werden. Im Bestreben, eine breite illegale Einheitsfront der Widerstehenden zu schaffen gelang es Robert Bialek auch Kontakt zu Gerhard Heidenreich herzustellen, der von 1933 bis zu seiner 1934 erfolgten Verhaftung eine KJVD Gruppe in Breslau leitete.5
Die Breslauer Gestapo suchte fieberhaft nach den Verbreitern der illegalen Schriften. Eines dieser Flugblätter erhielt auch ein Betriebsarbeiter von einem Lehrling der gemeinsamen Arbeitsstätte, der nicht ahnen konnte, dass der Arbeiter Mitglied der SA war, der sofort die Gestapo über das Flugblatt informierte. Der umgehend verhaftete Lehrling beschrieb nach brutalem Verhör durch den zuständigen Kriminalsekretär Kluske den Flugblattverteiler. So gelang es der Gestapo den Antifaschisten Georg Brückner zu verhaften. Er gab nach mehreren verschärften Vernehmungen durch Kluske die Namen von Mitstreitern preis. Auf Grund der Aussagen von Georg Brückner wurde am 11. November 1934 auch Robert Bialek verhaftet. Er führte bei seinen Vernehmungen durch den Gestapobeamten Kluske diesen auf falsche Spuren, um seine Mitstreiter soweit als möglich zu schützen. Auf Grund seiner Lungentuberkulose erhielt er eine Einzelzelle während seiner Untersuchungshaft. Robert Bialek versuchte einen Fluchtversuch vorzubereiten, um in das Ausland zu entkommen. Er nahm über einen Mithäftling, der aber ein Gestapospitzel war Kontakt zu seiner Mutter auf um Helfer für die Flucht zu gewinnen. Der Kassiber an die Mutter wurde durch den Spitzel der Gestapo übermittelt, die ihn an die Mutter weiterleitete. Durch die sofortige Überwachung der Mutter und der Schwester von Robert Bialek, die ebenfalls in die Fluchtabsicht eingeweiht war scheiterte das geplante Fluchtunternehmen.
Robert Bialek schrieb in seinem Bericht über seine illegale Tätigkeit nach der Befreiung im Jahr 1945 " Durch den Fluchtversuch wurde mein Verfahren von dem anderen Prozess der unter dem Titel Bialek und Genossen lief abgetrennt und gegen mich extra durchgeführt mit dem Genossen Ostrowski, der eigentlich mit mir fliehen wollte. Jedenfalls wurde ich nach 1 Jahren Untersuchungshaft im Juni 1936 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt."6
Der Grund für das harte Urteil wird im zusammenfassenden Berichte des Kriminalsekretärs Kluske von der Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Breslau vom 26. Mai 1935 sichtbar. Er berichtet von beabsichtigten Mordanschlägen gegen ihn und weitere Gestapomitarbeiter sowie von der Fluchtvorbereitung aus der Untersuchungshaft durch Robert Bialek. Kluske hebt in seinem Bericht hervor, das 1934 durch drei verschiedene illegale Organisationen bestehend aus der kommunistischen Jugendopposition KJO, dem KJVD und der KPD eine umfangreiche illegale Flugblatt- und Druckschriftenagitation betrieben worden sowie der Zusammenschluss zu einer antifaschistischen Einheitsfront erfolgt sei. Erst nach monatelangen Ermittlungen wurden im Herbst 1934 90 Antifaschisten verhaftet und in mehreren Prozessen abgeurteilt.
Bedingt durch die Verhaftungswellen in den Jahren 1934 bis 1936 kam es in Breslau zu einer Stagnation des Widerstandes gegen das NS-Regime. Es gelang aber der Gestapo nicht, alle illegalen Kontakte aufzuspüren. Zum Beispiel gelang es nicht, den Reichskurier des KJVD "Willy" zu ermitteln, sodass dieser illegal weiterwirken konnte.7

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])