Die Schlacht um Woronesh
(Beitrag auf dem Kolloquium am 30. Januar 2003 in Potsdam zum 60. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad)


In der sowjetischen Geschichtsschreibung blieben Militärhandlungen der Roten Armee vom Sommer 1942 in Woronesher Richtung lange Zeit unerforscht. Diese Periode der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges wurde als Woronesher-Woroshilovgrader strategische Operation bekannt. Sie war mit schweren Kämpfen, Niederlagen, misslungenen Offensiven und ungeheuren menschlichen Verlusten verbunden. Der Mangel der sowjetischen Geschichtsschreibung besteht auch in der schwachen Logik und Unvollständigkeit der Beschreibung der Ereignisse des Sommers 1942 auf jedem Abschnitt der sowjetisch-deutschen Front. Anstatt der strategischen Offensive wurde die Rote Armee seit dem 28.Juni 1942 gezwungen, Verteidigungskämpfe zu führen. Die Militärhandlungen in der Nähe von Woronesh und am Don waren die wichtigsten Ereignisse dieser Zeit. Die erste Etappe der deutschen Offensive gemäß dem Plan "Blau" sah einen Durchbruch nach Woronesh vor. Der Beginn der Operation "Blau" war für die Deutschen erfolgreich. Trotz der hartnäckigen Verteidigungskämpfe mussten sich Truppenteile der Brjansker und später der Süd-Westlichen Front zurückziehen.1
In der russischen Geschichtsschreibung ist auch der Abzug der Truppenteile der Brjansker und der Süd-Westlichen Kampfabschnitte vom Juli 1942 mangelhaft erforscht worden. Das hängt mit dem Mangel an vorhandenen Archivalien zusammen, die während der Kämpfe vernichtet oder vom Gegner erbeutet wurden. Es bestehen auch Ungenauigkeiten in der deutschen Literatur. So gerieten nicht, wie angenommen, beide Armeen der Brjansker Front in einen Kessel2, sondern nur die sich an der linken Flanke befundenen Truppenteile der 40. Armee drei Schützendivisionen (45,62,212), die Panzer-und Schützenbrigade.3 Die Leichtigkeit und die Schnelligkeit des deutschen Vorrückens des deutschen Vorrückens sind übertrieben.4 Die Verteidigungskämpfe im Gebiet zwischen Ologman uns Kshenja waren auf dem Wege des schnellen deutschen Vorrückens bis zum Gegenangriff der 5. Panzerarmee von General Lisükow.
Bis zum 7.Juli 1942 war der größte Teil von Woronesh besetzt. Am 10.Juli 1942 nahmen die deutschen Truppen das gesamte rechte Donufer im Woronesher Gebiet ein. Damit wurde ein erheblicher Teil von "Blau-I" erfüllt, wenn es auch nicht gelang, die sowjetischen Truppen der Woronesher Richtung vollständig zu vernichten. Seit dem 8.Juli 1942 führten die Truppenteile der Süd-Westlichen Front die Verteidigungskämpfe weiter; die Truppenteile der Brjansker und der Woronesher Front versuchten die verlorenen Stellungen wiederherzustellen oder führten Vorausvorstöße im Zusammenhang mit den möglichen Handlungen des Gegners durch. Das Oberste Hauptquartier befahl den Truppenteilen der Woronesher Front: "...um jeden Preis muß man das östliche Donufer vom Gegner befreien und sich auf diesem Ufer innerhalb der Grenzen der ganzen Frontlinie für die Verteidigung zuverlässig festhalten."5
Die Offensive begann am 12.Juli 1942. Es gelang aber nur den Stadtrand von Woronesh zu befreien. Panzer- und motorisierte Einheiten der vorrückenden faschistischen Wehrmacht wurden in langwierige Kämpfe verwickelt. Wegen der Verzögerung bei der Truppenverlegung wurde Generaloberst von bock aus der Leitung der Armee-Gruppe B entlassen. Die eingeplanten Fristen der Offensive konnten nicht eingehalten werden. Das erlaubte Stalin, die Reserven zu konzentrieren und damit die Verteidigungskräfte in Stalingrad zu stärken.6
Vom 15-20.Juli 1942, als sich die Kämpfe im äußeren Vorfeld von Stalingrad entwickelten, unternahmen die Brjansker und Woronesher Kampfabschnitte Angriffsversuche, welche aber misslangen. Die 6.Armee erzielte einen Erfolg. Am 20.Juli 1942 wurde die Aufmarschbasis auf dem östlichen Donufer im Gebiet Petropawlowka liquidiert. Ohne Erfolg blieb auch der Angriffsversuch am 24.Juli 1942. Das Vorrücken der sowjetischen Truppen war unbedeutend. Die Aktivität der sowjetischen Truppen zwang jedoch die Deutschen, ihre Truppen bei Woronesh zu unterhalten und sie nicht bei Stalingrad einzusetzen. Im Verlauf der Woronesher-Woroshilovgrader Verteidigungsoperation (28.6,1942-24.7.1942) waren 586 347 sowjetische Soldaten und Offiziere gefallen. Im Durchschnitt fielen täglich 21 050 Mann.
Im August 1942 begann die neue Etappe der Schlacht um Stalingrad. Die Verteidigungskämpfe wurden im inneren Vorfeld der Stadt geführt. Die neue Offensive bei Woronesh (5.8.-17.8.1942) begann mit dem Einsatz von vier Armeen der Woronesher und Brjansker Front. Das Ziel der Operation war die Befreiung von Woronesh, die Eroberung des linken Donufers, die Verhinderung der Verlegung der deutschen Reserven nach Stalingrad. Diese Offensive blieb auch unvollendet.
Die Truppenteile der 60., 40. und 6. Armee der Woronesher Front und der 38.Armee der Brjansker Front nahmen 1942 an den Kampfhandlungen teil. Es gelang der 6. Armee die Storoshewskoi-und Tshukinskij-Aufmarschbasen zu erobern und zu behaupten. Die 40.Armee behauptete sich am Stadtrand des rechten Ufers von Woronesh - auf der Aufmarschbasis Tshizhowskij und im Gebiet des Dorfes Junewka. Am 15.September 1942 begann eine neue Offensive der Truppen der Woronesher Front. Sie hatte auch keinen Erfolg. Aber eines der Ziele dieser unvollendeten Offensiven wurde trotzdem erreicht. Die deutsche Militärleitung musste eine große Truppengruppierung bei Woronesh unterhalten. Das verstanden auch die sowjetischen Soldaten. In einem der Lieder, die von den Soldaten der 40.Armee der Woronesher Front im September 1942 gesungen wurden, hieß es: "Wir kämpfen um Tshizhowka (ein Stadtrandgebiet von Woronesh) und wissen, dass wir um Stalingrad kämpfen!" Aus vielen Quellen ist bekannt, dass Hitler schon am 1. Juli 1942 empfahl, an Woronesh vorbeizugehen, ohne sich in die Straßenkämpfe verwickeln zu lassen. Als er über die Ursachen der Niederlage bei Stalingrad zurückdachte, anerkannte er: "Die Sache ginge besser voran, wenn wir uns nicht so lange bei woronesh aufhalten ließen. Da wäre es wohl möglich gewesen, schon beim ersten Mal durchzukommen." (Übersetzung erscheint ungenau). Vom Maßstab der Kampfhandlungen bei Woronesh zeugen einige Zahlen der Gefechtsverluste. Vom 12.Juli bis 20.Juli 1942 verlor die 60.Armee der Woronesher Front 26 906 Menschen.7 Die Gesamtzahl des Personalbestandes der Armee betrug 94 989 Menschen. Die Gesamtverluste der 38.Armee betrugen in den Kampfhandlungen vom 12.-15. August 1942 15 567 Menschen.8 Drei Panzerkorps (1,11,17) verloren vom 8. bis zum 18.August 1942 mehr als die Hälfte der Panzer.9 Vom 15.September bis zum 3.Oktober 1942 verlor die 40.Armee der Woronesher Front in den Offensiv-Kampfhandlungen 17 078 Menschen.10 Die 38.Armee verlor vom 20. bis 24. September an Gefallenen und Verwundeten 4 800 Menschen.
Andererseits darf die Bedeutung der Kämpfe um Woronesh im Sommer und Herbst 1942 nicht überschätzt werden. Zur gleichen Zeit wurden aktive Offensiven auch in den Nord-Westlichen und Westlichen Richtungen unternommen. Es galt die Blockade um Leningrad zu durchbrechen. Endgültig wurde dem Aggressor der Weg an die Wolga und den Kaukasus versperrt. Anfang Oktober 1942 gab es bei Woronesh keine aktiven Kampfhandlungen. Am 16.Dezember 1942 begann im Rahmen der Schlacht um Stalingrad die Mitteldon-Offensive der sowjetischen Truppen. Die Verbände der Woronesher Front zerschlugen vier Divisionen des Feindes. Es wurden 11 000 feindliche Soldaten und Offiziere vernichtet, 9000 wurden gefangen genommen. Zwei große Offensiven Ostrogozhsk-Rossosh-und Woronesh-Kastornoje wurden fortgesetzt und verstärkten die Erfolge der sowjetischen Truppen in der Schlacht um Stalingrad. Die Ostrogozhsker-Rossoshe Offensive der Woronesher Front (13.1.-27.1.1943) wurde von sowjetischen Militärhistorikern als "Stalingrad am Oberen Don" bezeichnet. Die Bilanz der Operation war die Vernichtung von fünfzehn feindlichen Divisionen und die Gefangennahme von 86 000 deutschen, ungarischen und italienischen Soldaten und Offizieren. Im Verlaufe der Woronesh-Kastornojer Offensive wurden die Hauptstreitkräfte der 2. deutschen Armee, neun Infanteriedivisionen und zwei ungarische Divisionen zerschlagen. Es waren 17 000 Mann gefallen und 17000 gefangen genommen. Am 25.1.1943 wurde die Stadt Woronesh befreit.
Stalingrad und Woronesh gehören nicht nur geografisch zusammen. Die zweite "Generaloffensive" des Gegners begann bei Woronesh und erlitt bei Stalingrad ihre Niederlage. Die Kämpfe um die Errichtung der Woronesher und Stalingrader Front begannen fast zur gleichen Zeit. Die aktiven Militärhandlungen in der Schlacht um Woronesh verhinderten die Verlegung von feindlichen Truppen nach Stalingrad. Die Erfolge bei Stalingrad im Winter 1942 waren die Voraussetzungen für den Sieg der Ostrogozhsker-Rossosher und Woronesh-Kastornojer Offensiven in der Woronesher Richtung.

Liste der Anmerkungen

Dr. Svetlana Vasiljevna Markova
Woronesher Gebietsmuseum für Landeskunde
Abteilung >Schlacht um Woronesh
394074 Woronesh,Ulica Plechanowskaja 29

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