Die Berliner Freunde der Völker Rußlands e.V. und die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. veranstalteten am 22. Juni 2011 mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V. und dem Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin
ein Kolloquium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.
Historiker aus Rußland, Belarus, USA und aus Deutschland haben auf der mit mehr als 130 Teilnehmern gut besuchten wissenschaftlichen Veranstaltung Referate gehalten.
Wir werden in loser Folge einen ausführlichen Tagungsbericht, die an die Veranstaltung gerichteten Grußworte und die Referate der Historiker auf unserer Website veröffentlichen. Außerdem werden wir jene Texte ins Netz stellen, die als Referate bei der Leitung des Kolloquiums eingereicht wurden, aber aus Zeitmangel nicht mehr vorgetragen werden konnten.


Horst Schützler, Der "Große Vaterländische Krieg" - Erinnerung in Russland1


Der Große Vaterländische Krieg von 1941 bis 1945 mit seiner Vorgeschichte war zweifellos das zentrale Thema der russischen Historiographie und historisierenden Publizistik der letzten beiden Jahrzehnte, in denen sich ein Paradigmenwechsel von der formationsgeschichtlichen zur zivilisationsgeschichtlichen Herangehensweise vollzog und mit der weitgehenden Übernahme der Totalitarismus-Doktrin eine negative Darstellung der Sowjetunion als "totalitärer" Staat, als "stalinistische Diktatur" in den Vordergrund trat.
Die Publikationen wurden zahlreicher, wenn auch zumeist nicht tiefgründiger, die Auseinandersetzungen härter, in der Polemik billiger, der Drang nach Sensationen und Geldverdienen maßloser.
Über diesen Paradigmenwechsel und die Situation in der Geschichtsschreibung und Publizistik hat Sergei Kudrjaschow hier in zurückhaltender Weise gesprochen. Die Wertungen in seinen Publikationen in Russland sind viel drastischer. Und wer - etwa in den Katalogen des Gelikon-Buchversands - die Titel von Publikationen und ihre Anpreisung durch die Verlage liest sowie entsprechende Bücher zur Hand nimmt, der stimmt ihm zu.
Sergei Kudrjaschow hat in seinem interessanten Beitrag vor allem auf den unmittelbaren Vorabend des Krieges und Stalin geschaut.
Ich erlaube mir, den Blick weiterzuführen und mit einer knappen Übersicht auf Schwerpunkte und Problemfelder der Darstellung und Debatte zum Großen Vaterländischen Krieg aufmerksam zu machen.
Ausgangspunkt ist die Feststellung: Das von Stalin geprägte Begriffsbild des "Großen Vaterländischen Krieges" - Synonym für einen umfassenden, gerechten Volkskrieg zur Verteidigung des "sozialistischen" Vaterlandes - blieb mit seinem Gehalt erhalten.
Es wird jedoch vielfach als "Mythos" interpretiert und "neuen Wahrheiten" über einen "anderen Krieg" der "totalitären, stalinistischen" Sowjetunion das Wort geredet.
Einen Schwerpunkt bildet der Vorabend des Krieges mit der Problematik des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom 23. August 1939 (dem sog. "Hitler-Stalin-Pakt" oder "Molotow-Ribbentrop-Pakt") und den damit verbundenen heftigen wissenschaftlichen und politischen Debatten über Politik und Moral, nationale Interessen und Völkerrecht.
Sie wurden besonders zu Jahrestagen sehr heftig ausgetragen, wie im Zusammenhang mit dem 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, des Überfalls Hitlerdeutschlands auf Polen am 1. September 1939. Einerseits wird dabei Stalin, der Sowjetunion, in Übereinstimmung mit Meinungen im Ausland, die Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zugewiesen, andererseits das nationale Interesse betont.
Aufschlussreich ist in dieser Auseinandersetzung der 2009 erschienene Sammelband "Partitur des Zweiten Weltkrieges. Wer und wann begann der Krieg?", für den Außenminister Sergei Lawrow das Vorwort schrieb.
Der Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation, Akademiemitglied A. O. Tschubarjan, verwies darauf, dass das Handeln der UdSSR im Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Paktes und den Ereignissen danach von einem ganzen Komplex von Gründen diktiert wurde, sowohl objektiven als auch subjektiven Charakters. Hier verschmolzen sowohl Aufgaben der Gewährleistung der Sicherheit des Landes als auch taktische Fehlrechnungen der politischen Führung bei ihrer Realisierung, Einbußen, die mit der Ablehnung des Vertrages mit dem faschistischen Regime durch die öffentliche Meinung in der Welt verbunden waren, das Einwirken des totalitären Stalinschen Systems der Macht auf die Außenpolitik, das unrechtsmäßige und amoralische Handeln in bezug zu Ländern, die in die sowjetische Interessensphäre eingeordnet wurden.
W. P. Smirnow, Professor an der Historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität, fasste seine nüchterne Sicht auf den Pakt so zusammen: Der Pakt vom 23. August 1939 und das Geheime Zusatzprotokoll, das die Normen internationalen Rechts und die Souveränität der Nachbarländer brach, entsprach unter geopolitischem Gesichtspunkt den Staatsinteressen der Sowjetunion als auch ihrem traditionellem Verständnis von Politik und Diplomatie.
Das Geheimprotokoll bedeutete, dass Deutschland und die Sowjetunion beschlossen, Polen zu teilen, das Gebiet Wilna Litauen zurückzugeben, Litauen unter Kontrolle Deutschlands und Finnland, Lettland, Estland und Bessarabien unter Kontrolle der Sowjetunion zu stellen.
Kontrovers waren Äußerungen von hochrangigen russischen Politikern.
Am 20. August 2009 äußerte der Stellv. Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma Julij Kwizinskij, Mitglied der kommunistischen Fraktion, ehemaliger Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland: "Der Pakt kam zur rechten Zeit, war nötig, und unter jenen Bedingungen durchaus legitim und vom Standpunkt der politischen Strategie sehr realistisch". Er war "ein Meisterstück Stalins, wodurch die Sowjetunion viele für sie vorteilhafte Ziele erreichen konnte. ... Wir brauchen nichts zu bereuen". Dem steht die Auffassung von Premierminister Wladimir Putin direkt entgegen. Er traf einen Tag vor seiner Teilnahme an der Gedenkveranstaltung auf der Westerplatte bei Gdansk am 1. September 2009 anlässlich des Kriegsbeginns vor 70 Jahren in einem Beitrag in der Zeitung "Gazeta Wyborcza" folgende Kernaussagen: "Ohne Zweifel kann man den im August 1939 abgeschlossenen Molotow-Ribbentrop-Pakt mit vollem Recht verurteilen. ... Heute verstehen wir, dass jede Form von Abkommen mit dem nazistischen Regime aus moralischer Sicht unannehmbar war und keinerlei Aussichten auf praktische Realisierung hatte. ... Im Rückblick auf die Vergangenheit sollten wir alle unbedingt daran denken, zu welchen Tragödien Kleinmut, Kabinettspolitik hinter den Kulissen und das Streben führen, Sicherheit und nationale Interessen auf Kosten anderer zu garantieren. Es kann keine vernünftige, verantwortungsvolle Politik außerhalb moralischer und rechtlicher Rahmen geben". Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung der Zeiger politischer Deutung geschichtlicher Ereignisse dauerhaft ausschlagen wird.
Die Anfangsetappe des Krieges, das Jahr 1941, ist absoluter Schwerpunkt der Publikation und wird mit konträren Meinungen als die "Große Vaterländische Katastrophe", so ein Buchtitel des Jahres 2009, erörtert. Verheerende militärische Niederlagen, ungeheure menschliche und materielle Verluste, Verhaltensweisen der militärischen und staatlichen Führung, vorhandener und erwachender hartnäckiger Widerstandswille mit ersten Erfolgen werden hier sehr unterschiedlich dargestellt und gedeutet. In der Diskussion wird dem subjektiven Faktor, der Führungsfähigkeit der sowjetischen Militär- und Staatsführung und ihrer Untergebenen - oft mit negativer Wertung -, große Bedeutung beigemessen, während früher das militärische Kräfteverhältnis, die Über- oder Unterlegenheit an Militärtechnik und in der Truppenstärke, im Vordergrund stand. In der überhitzten "Katastrophendebatte", wie sie in Russland zur Anfangsphase des Krieges geführt wird, sollte das sachliche Urteil des deutschen Militärhistorikers Gerd R. Ueberschär beruhigende Berücksichtigung finden. Er kommt beim "Unternehmen Barbarossa" zu dem Fazit: "Insgesamt zeigte sich, .... dass sich trotz siegreicher Anfangsoperationen (der Wehrmacht - H.S.) und großer Gefangenenzahlen sowie weitem Geländegewinn die Sowjetarmee hartnäckig und mit großem Geschick verteidigte, so dass intakte sowjetische Großverbände die beabsichtigte rasche Eroberung von Leningrad, Moskau und des Industriereviers im Donec-Becken verhindern konnten. Der sowjetische Kampfeswille war noch nicht gebrochen worden; es gelang nicht,
die gegenüberstehenden Kräfte der Roten Armee endgültig zu vernichten. Die Vorstellung von einem raschen inneren Zerfall oder Zusammenbruch der UdSSR erwies sich eindeutig als Fehlbeurteilung". (In: Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion "Unternehmen Barbarossa" 1941, Frankfurt am Main, 2011, S. 97)
Der weitere, für die Sowjetunion 1942 äußerst bedrohliche, nach Stalingrad 1943 und 1944 günstige Kriegsverlauf bis hin zur Schlacht um Berlin im April/Mai 1945 wird in zahlreichen Darstellungen mit unterschiedlichen Wertungen, Schuld- bzw. Erfolgszuweisungen verfolgt. Misserfolge und auch Gewalttätigkeiten im Umgang mit der deutschen Zivilbevölkerung gegen Kriegsende werden dabei nicht übergangen. Manche vielschreibenden Autoren, wie W. W. Beschanow, brachten es fertig, für jedes Jahr des Krieges ein Buch als Korrektur früherer sowjetischer Sichten herauszubringen. Dem stellten sich andere entgegen, wie der Historiker Martirosjan, der in einem fünfbändigen Projekt "200 Legenden über den Großen Vaterländischen Krieg" entgegentritt.
Alte und neue "Legenden" zu widerlegen, "Lügen" zu entlarven, "Geheimnisse" des Krieges zu enthüllen und "Rätsel" des Krieges zu lösen, ist für viele Publizisten zur offenbar lohnenden Beschäftigung geworden.
Blickt man über die Chronologie des Krieges mit den vielen militärgeschichtlichen Büchern hinaus auf die sachlichen Problemfelder, so ergibt sich für die letzten Jahre: Dem Wechselverhältnis von Krieg, Gesellschaft, Mensch und diktatorischer Macht wurde zunehmende Aufmerksamkeit gewidmet. Insbesondere wurde dem "Alltag" der "einfachen" Menschen und Soldaten, ihren Lebensverhältnissen, ihren Anstrengungen und ihrem Versagen, ihrer Psyche und Moral in den Tagen und Nächten des Krieges nachgegangen - allerdings noch zu wenig dem Leben und den Leistungen der Frauen im unspektakulären "Alltag des Krieges".
Die Teilnahme jüdischer Bürger am Krieg, ihre Leiden, ihre Ermordung unter faschistischer Okkupation - auch unter Mitwirkung von Kollaborateuren - erfuhren verstärkte Beachtung. Im Jahre 2009 erschien die monumentale Enzyklopädie "Der Holocaust auf dem Territorium der UdSSR". Sie bringt das Genozid an der jüdischen Bevölkerung auf dem von der deutschen Wehrmacht und ihren Hilfstruppen besetzten Territorium der UdSSR durch die Faschisten und ihre Helfer und den jüdischen Widerstand gegen diese Ausrottungspolitik mit unwiderlegbaren Tatsachen zur Darstellung.
Stark gewürdigt wurde die Hilfe der Verbündeten - Lend-lease - als das große Beispiel der Zusammenarbeit der Alliierten; problematisiert die späte Eröffnung der Zweiten Front.
Endlich wurde auch "Katyn", die Ermordung Tausender polnischer Offiziere durch NKWD-Einheiten im April/Mai 1940 öffentlich. Doch eine Belastung für die polnisch-russischen Beziehungen bleibt - auch nach Konsensbemühungen nach dem furchtbaren Flugzeugunglück am 10. April 2010 mit dem Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und vieler Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Polen.
Der "Tragödie" der Kriegsgefangenschaft in Deutschland und in der Sowjetunion, dem schweren Schicksal der mehr als 3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen und ca. 4,5 Millionen Zwangsarbeiter - auch nach Rückkehr der ca. 5,5 Millionen Überlebenden in die Heimat - und auch der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion - nach sowjetischen Angaben ca. 2,4 Millionen, von denen 356.687 verstarben - wurde nachgegangen.
Große Beachtung fand das "Leben unter faschistischer Okkupation" - über 60 Millionen Sowjetbürger waren betroffen - mit den Komponenten deutsche Besatzungspolitik, Partisanenbewegung und Kollaboration. Letztere wurde in ihren beträchtlichen Ausmaßen hinsichtlich ihrer diffizilen Ursachen - Ablehnung der Sowjetmacht, Annahme der Okkupanten als Befreier, Zwang zum Überleben u. a. - und ihrer Erscheinungsformen - zivile, nationale, militärische - sehr differenziert, aber widersprüchlich - auch verständnisvoll - erfasst. Dabei wird auch die "taktische Kollaboration" erörtert, die als eine notwendige, zeitweilige Zusammenarbeit mit der deutschen Okkupationsmacht zur Erreichung eigener nationaler Ziele, als eine "bestimmte Form der Widerstandsbewegung" (im Baltikum) gedeutet wird, wo es sich doch um die mörderische Mitwirkung an den Verbrechen der Okkupationsmacht handelt, für die kein "nationales Interesse" gelten kann. In der viel diskutierten Fragestellung: "Antistalinistischer Patriot" oder "Verräter der Heimat" findet dieser "Patriot" in der Bevölkerung wenig Verständnis - zu Recht.
Immer wieder nachgedacht und gestritten wurde und wird im Fazit des Krieges über die Quellen, den Preis und die Früchte des Sieges, die Folgen und Lehren des Krieges. Während die einen den großen Sieg würdigen und den hohen Preis für notwendig halten, sehen andere zwar die Bedeutung des Sieges, erachten aber die Opfer als zu hoch und dem stalinistischen System geschuldet, das durch den Sieg gestärkt wurde.
Der Krieg wird vielfach aus der Perspektive des Sieges rückerinnert.
Die überragende Leistung, die zum Sieg führte, dessen weltgeschichtliche Bedeutung und die dafür erbrachten Opfer werden zu Recht gewürdigt, wie das auch zu Sowjetzeiten geschah. Doch ist angesichts dessen die Gefahr latent, offensichtliche militärische Misserfolge, Fehlleistungen und Niederlagen, hohe Verluste an Menschen und Material und Stalinsche Brutalitäten verblassen zu lassen.
Manche üben sich heute im Gegenzug in der Hochrechnung solcher Misserfolge und Verluste, schreiben sie dem stalinistischen System zu und behaupten, der Sieg sei ein "Pyrrhussieg" gewesen, der aber den Stalinismus gestärkt, den Zusammenbruch des Kommunismus hinausgeschoben und so "regressive" Bedeutung besitze, das Begriffsbild "Großer Vaterländische Krieg" habe sich überlebt. Das ist Geschichtsklitterung.
Die Sicht auf den Sieg schließt den Blick auf die Sieger, die Millionen Sowjetsoldaten und ihre Befehlshaber, die Partisanen, sowie die Leistungen der Bevölkerung des Hinterlandes mit ein.
Zu Recht ist die große Mehrheit der Bevölkerung, darunter auch Historiker, stolz auf den Sieg und die Leistungen der Sieger im Großen Vaterländischen Krieg. Doch einige Historiker und Publizisten mit öffentlicher Resonanz missdeuten die Millionenzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen, die große Zahl der Desertierten und die beträchtliche Zahl der Kollaborateure als fehlende Kampfmoral, als Unwillen für die Sowjetmacht, für das Stalinsche System unter unfähigen Befehlshabern zu kämpfen und zu sterben, als Antisowjetismus. Kriegsveteranen - und nicht nur sie - sind empört.
Wahrlich hoch war der viel diskutierte "Preis des Sieges", der "mit viel Blut" errungen wurde, nicht immer mit militärischen Notwendigkeiten zu erklären und manchen zu niedrig angesetzt ist. Dabei wird übergangen, dass Millionen Sowjetbürger, Kriegsgefangene und Zivilisten in den okkupierten Gebieten, von deutscher Seite umgebracht wurden, und nicht bedacht, um wie viel höher der "Preis der Niederlage" gewesen wäre.
Nach Feststellungen Ende der 80er Jahre, die auch heute gelten, aber wohl nicht endgültig sind (siehe Kudrjaschow), verlor die Sowjetunion ein Drittel ihrer materiellen Werte und mehr als 27 Millionen Menschen, darunter 8.668.400 Militärangehörige, - etwa 12 Prozent der Bevölkerung. Das bleibt bis in jede Familie hinein in Russland unvergessen.
Über die militärischen Fähigkeiten des "Obersten Befehlshabers" Stalin und seinen Anteil am Sieg wird seit Jahren polar gestritten - zuletzt 2010 im Zusammenhang mit 65. Jahrestag des Sieges.
Die eine Seite brachte der Publizist Leonid Mletschin zum Ausdruck: "Den Krieg gewann nicht Stalin. Die Wehrmacht zerschlugen solche Feldherren wie Shukow, Wassilewski, Rokossowski, Konew, Gorbatow. ... Und wenn man es noch genauer sagt, so gewannen den Krieg die Kämpfer und Kommandeure, die die Wehrmacht aufhielten und dann zurück jagten. Sie kämpften nicht für Stalin, sondern für ihr Land und ihre Familie. Und wenn an der Spitze des Landes ein anderer Mensch gestanden hätte, so hätte es den Sieg nicht für solch einen teuren Preis gegeben."
Die andere Seite wird schon aus Buchtitel deutlich: "Der Große Krieg Stalins. Triumph des Obersten Befehlshabers", "Feldherr Stalin", Stalin - Biographie des Feldherrn", "J. W. Stalin - Führer einer verleumdeten Epoche" und anderen.
Stalin ist für viele - auch durch den jahrzehntelangen Kult um seine Person - im Vergleich zu heutigen Situation - in Konzedierung seiner Verbrechen - der Partei- und Staatsführer, der die Sowjetunion/Russland zu Macht, Aufblühen und Ansehen brachte und unter dessen Führung das Volk den welthistorischen Sieg errang. Die Hinwendung zu ihm in rehabilitierenden Publikationen und Medienbeiträgen als "effektiven Manager" impliziert den Wunsch nach Stabilität und einer "starken Hand", die von vielen in Wladimir Putin gesehen wird, und die Sehnsucht nach imperialer Größe Russlands. Historiker und andere sehen darin eine Wiederbelebung, eine "Renaissance des Stalinismus". Dem hat Präsident Dmitri Medwedjew am Vorabend des 65. Jahrestages des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, am 7. Mai 2010, energisch widersprochen.
Einer Wiederbelebung des Stalinismus soll - nicht zuletzt - mit der Verwirklichung eines auf zunächst einhundert Bände umfassenden Projekts "Geschichte des Stalinismus" begegnet werden. Mehr als 60 Bände - darunter eine beachtliche Zahl von ausländischen, auch deutschen Autoren - waren bereits Mitte 2010 erschienen und kostenlos in viele Bibliotheken gegangen. Viele sind dem stalinistischen Terror gewidmet. Diese eklektizistisch anmutende "Geschichte des Stalinismus" dürfte eine ausgewogene neue Gesamtsicht auf eine "Geschichte der Sowjetunion" verstellen.
Die Versuche der Verfälschung der Geschichte wurden in letzter Zeit im In- und Ausland heftiger, bösartiger, aggressiver und unerträglicher bis hin, dass man sagt: "Es reicht!"
Am 15. Mai 2009 berief Präsident Dmitri Medwedjew eine Kommission mit 28 Mitgliedern, darunter zwei bekannte Historiker. Sie soll "Verfälschungen der Geschichte zum Nachteil der Interessen Russlands" feststellen, prüfen und Maßnahmen zu ihrer Ahndung ihm vorschlagen.
Zum Erlass wurden zustimmende als auch besorgte und ablehnende Stimmen laut. Die Gefahr einer Zensur und die Schwierigkeiten seiner Verwirklichung wurden angesprochen. Der Erlass richtet sich offensichtlich sowohl gegen von außen kommende als auch im Lande vorhandene Tendenzen und Absichten, insbesondere zum Großen Vaterländischen Krieg. Seine Verwirklichung wird, wie mir scheint, eine komplizierte, wohl mit staatlichen Mitteln schwer zu lösende Aufgabe. Dazu gehört, wie bereits geschehen, die Unterstützung von Veranstaltungen, Konferenzen, Publikationen und Projekten, die der Auseinandersetzung mit Verfälschungen der Geschichte dienen.
Der Erlass korrespondiert mit dem staatlichen Bestreben, zur Konsolidierung der Gesellschaft und Festigung des Staates die patriotische Erziehung der Staatsbürger, insbesondere der Jugend, zu intensivieren. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ist wichtiges Identifikationssymbol und wesentliche Stütze für das nationale Selbstbewusstsein der Gesellschaft, das mit dem Ende der Sowjetunion sehr gelitten hat. So spielen Maßnahmen zur Darstellung dieses Krieges als patriotisches Element eine bedeutende Rolle. Dazu gehören "stabile Lehrbücher für ein stabiles Russland", um deren Inhalt und Gestaltung sehr gestritten wird.
Deutlich ist: Russland ist in seiner Erinnerung an den Krieg, in seiner Wahrnehmung des Großen Vaterländischen Krieges gespalten. Es florieren unterschiedliche Sichten, Entstellungen und Wertungen geschichtlicher Vorgänge, die nicht der Wahrheit entsprechen. Sie erfassen auch die Massenmedien. Und dies nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland und auch in Deutschland.
Doch bei all den Problemen, Schwierigkeiten, Niederlagen und Erfolgen, die in der Geschichtsschreibung, Publizistik und Volksmeinung angesprochen und diskutiert werden, sind in der Gesamtsicht des Krieges in vielfacher Übereinstimmung für den Sieg folgende Aspekte deutlich:
Bestimmend war auf sowjetischer Seite der Wille der großen Mehrheit der Bevölkerung, die Heimat - gleichwohl ob "sozialistisch" oder "national-vaterländisch" erfasst - aufopferungsvoll gegen den Aggressor, der nicht als "Befreier" umzuwerten war, zu verteidigen, diesen für seine Untaten büßen zu lassen und zu vernichten.
Dazu kam die wachsende Fähigkeit der sowjetischen Führungsorgane, das Land und seine Bevölkerung - nicht zuletzt mit der Symbolfigur Stalin - für die Kriegführung umfassend zu mobilisieren. Die Einbeziehung der Kirche mit ihren Gläubigen war dabei ein wirksamer moralischer Faktor.
Auch die Unterstützung der Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition war ein wichtiger Beitrag.
Unübersehbar ist zudem das Element des Zwanges und der Gewalt, das in jedem Krieg zur Anwendung kommt, das aber dem stalinistischen System eigen war und nun wirkungsvoll für die Ziele des Krieges eingesetzt wurde.
Übereinstimmung herrscht in Russland, dass - bei aller materiellen Not und dem Leiden vieler - die Opfer des Krieges nicht umsonst gebracht wurden, und alles getan werden muss, um einen neuen großen Krieg zu verhindern.


1 Der Beitrag hat die Broschüre des Autors "Der Große Vaterländische Krieg. Neue Sichten und Einsichten in Russland und seiner Geschichtsschreibung". Pankower Vorträge, Heft 143, "Helle Panke" e. V., Berlin 2010, 67 S. sowie nachfolgende Literatur zur Grundlage. Im Beitrag wurde auf Anmerkungen verzichtet, entsprechende Hinweise und Ausführungen finden sich zumeist in der Broschüre.

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