Günter Wehner(Berlin): Antwort der deutschen Widerstandsbewegung auf den 22. Juni 1941


Mit dem Überfall auf die Sowjetunion veränderte sich objektiv sowie in der subjektiven Wahrnehmung der betroffenen Menschen endgültig der Charakter des Krieges, der jetzt unwiderruflich als Weltkrieg wahrgenommen werden musste. Für die deutsche Widerstandsbewegung, insbesondere für die deutschen Kommunisten, war der Überfall eine schwere Niederlage, aber gleichzeitig ein Befreiungsschlag in Bezug auf den Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion vom August 1939. Die deutsche Widerstandsbewegung stand vor der Aufgabe, ihr Ringen gegen das NS-Regime unter verschärften Überwachungsmethoden der NS-Repressivorgane zu verstärken und mit allen erdenklichen Mitteln die vom faschistischen Deutschland überfallenen und unterjochten Völker zu unterstützen. Im Kampf gegen den Hauptfeind im eigenen Land war die Sowjetunion ihr unmittelbarer Verbündeter. Bereits wenige Tage nach dem Einfall in die SU erschienen in Berlin, Braunschweig, Dresden, Halle, Hamburg, Kassel, Kattowitz, Kiel, Koblenz, Magdeburg, München, Münster, Nürnberg, Potsdam Regensburg, Stuttgart und Weimar Losungen an öffentlichen Gebäuden, Plakatsäulen Reklameschildern, Bekanntmachungstafeln sowie Hauseingängen, die zum Widerstand gegen den Krieg aufriefen.

Vor allem in den Rüstungsbetrieben brachten kleine illegale Widerstandszellen ihre Solidarität mit der Sowjetunion zum Ausdruck. Im Leunawerk bei Halle schrieben sie Handzettel "Nieder mit den Nazischweinen! Es lebe die Sowjetunion!" In Berlin und in den Randgebieten der faschistischen Reichshauptstadt bewiesen mutige Frauen, Männer und Jugendliche, dass es Widerstand gegen die Nazibarbarei gab. Allein im Monat Juli 1941 musste die Gestapo das Erscheinen von 30 verschiedenen illegalen Flugschriftentiteln und Klebezetteln in ihren Lageberichten eingestehen, die im großen Umfang verbreitet wurden.1 In den Schriften wurde aufgerufen, den Kampf der Sowjetunion gegen die Aggressoren zu unterstützen. Handgeschriebene Flugblätter die im Raum Hennigsdorf verbreitet wurden forderten die Arbeiter und Angestellten der dortigen Rüstungsbetriebe auf keine Überstunden zu leisten. In Potsdam fand man in einer Kaserne die Losung "Werdet Jungkommunisten Heil Moskau bildet Zellen". In einem Potsdamer Flugzeugwerk bemalten Antifaschisten ein Flugzeug mit dem Staatsemblem der Sowjetunion. Die Widerstehenden hörten aufmerksamer denn je die Sendungen des Moskauer Rundfunks und nutzten die abgehörten Informationen für ihre illegale Propagandaarbeit. Erfolgreich wandten die Illegalen die Methode der "langsam Arbeit" an, da ja Präzisionsergebnisse bei der Produktion von Rüstungsgütern erwartet wurden. Ferner wurden durch Überlastung von Werkzeugmaschinen und Schneidwerkzeugen sowie durch unsachgemäßes Handhaben der Messwerkzeuge kaum erkennbare Ungenauigkeiten verursacht, die eine Nacharbeit und damit eine Verzögerung des Produktionsablaufes bewirkten. Mehrmals gelang es Antifaschisten im Stahl- und Walzwerk in Hennigsdorf so, den Arbeitsfluss der Bomben- und Granatenherstellung zu behindern. Es kam ab Juni/Juli 1941 häufiger als sonst zu Qualitätsbeanstandungen.

Auf Streuzetteln, die mit einem Kinderdruckkasten angefertigt waren, hieß es: "Bomben! Hunger! Massenmord! Das ist Hitlers Krieg in Wirklichkeit. Fort mit Hitler! Jeder anständige Mensch ist gegen den Krieg! Langsamer arbeiten, keine Überstunden. Hitlers Krieg ist nicht Euer Krieg. Hitlers Niederlage ist Euer Sieg! Trotz Hitlers Terror die KPD lebt!" Das musste die Gestapo widerwillig zugeben. Sie registrierte in ihren monatlichen Lageberichten 1940 1266 verschiedene Flugschriften die im Land kursierten. Ab Juni 1941 erschienen 2166 unterschiedliche Flugblatttitel und 2396 Klebezettel.2 Das waren nur die illegalen Materialien, die von der Gestapo erfasst wurden. Noch mehr fürchtete das Terrorregime die mündliche Propaganda. In einem Gestapobericht hieß es dazu: "Gefährlicher, weil ausgedehnter, als die Mundpropaganda im Familien- oder Bekanntenkreis, ist die bewusste Erzeugung einer staatsfeindlichen Stimmung unter den Arbeitern an den Arbeitsstätten. Es ist klar, dass das Zusammentreffen von vielen, zum Teil von Tausenden von Arbeitern, in ein und demselben Betrieb diesen zum Objekt eines ausgedehnten agitatorischen Nachrichtenaustausches machen kann."3

Die Widerstehenden um Robert Uhrig; Harro Schulze-Boysen und Dr. Arvid Harnack sowie Herbert Baum nutzten nach besten Kräften die Schwachstellen des Regimes aus. Im zweiten Halbjahr 1941 konnten die Berliner Antifaschisten ihre Kontakte zu zahlreichen Betrieben ausbauen. Ihr Verbindungsnetz umfasste rund 90 Betriebe. So bestanden zum Beispiel in fast allen AEG Betrieben in Berlin und in Hennigsdorf kleine illegale Zellen, die konspirativ abgesichert waren. Auch in den Firmen des Siemenskonzernes, der Askaniawerke AG in Berlin-Marienfelde, bei den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken AG Berlin-Wittenau, den Osram-Werken in Berlin-Moabit und Berlin-Friedrichshain sowie dem Heinkel-Werk in Berlin-Johannisthal bildeten sich zu diesem Zeitpunkt illegale Betriebszellen. Neben der ideologischen Aufklärungstätigkeit, spielten Rüstungssabotage und die Solidarität mit den ausländischen Zwangsarbeitern eine große Rolle in der Tätigkeit der illegalen Betriebszellen.

In einer Reihe von Berliner Rüstungsbetrieben waren Mitglieder der von Herbert Baum geleiteten Widerstandsgruppe als Juden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Sie nutzten jede Möglichkeit zur Sabotage der Produktion. In der Spezialfirma des Dr. Klaus Gettwart in Berlin-Köpenick war Robert Uhrig als Werkzeugmacher tätig. Er konnte in Zusammenarbeit mit dem Meister Hermann Braun und dem Getriebefachmann Erwin Pawlowski sowie weiteren antifaschistisch gesinnten Arbeitern die Weiterentwicklung eines Maschinengewehrs und die Aufnahme der Produktion von Hubschraubern, die für den Einsatz gegen die Sowjetunion vorgesehen waren, verhindern Beim Probeflugversuch brachen die Hohlwellen. Die Hubschrauberkonstruktion wurde von der Luftwaffeninspektion für unbrauchbar erklärt. Im Feinmechanik-Betrieb W. Feiler, der Wettersonden für U-Boote und Flugzeuge produzierte, mussten zahlreiche Sonden wegen Qualitätsmängel zurückgewiesen werden. Diese mutigen Taten zeugen von dem hohen Verantwortungsbewusstsein und dem Heldenmut nicht weniger Antifaschisten, die trotz der sich ständig verschärfenden Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes keine Schwierigkeiten scheuten, um den Kampf der Sowjetunion gegen die faschistischen Eindringlinge zu unterstützen. Ihre Aktivitäten blieben aber Einzelaktionen und entwickelten sich nicht zu einer Massenbewegung.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kam es zu einem Anwachsen der Widerstandsaktivitäten in Berlin, Hamburg und den Industriegebieten des Landes. So organisierten Franz Jacob und Bernhard Bästlein ab Sommer 1941 in Zusammenarbeit mit Robert Abshagen in über 30 Hamburger Betrieben und Werften illegale Betriebszellen bzw. verknüpften sie die bereits vorhandenen illegalen Zellen zu einem weit gefächerten Netz mit engem Kontakt zu den Berliner Antifaschisten Wilhelm Guddorf einem Mitstreiter von Harro Schulze-Boysen und Dr. Arvid Harnack den leitenden Persönlichkeiten der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" in Berlin. Die Hamburger Antifaschisten gaben in Zusammenarbeit mit Wilhelm Guddorf, John Sieg und Martin Weise den mehrsprachigen Informationsdienst "Die innere Front" heraus, der in Hamburg und in Berlin verbreitet wurde. Diese Schrift gelang auch in die Hände der ausländischen Zwangsarbeiter und die französischen Kriegsgefangenen die auf den Werften arbeiten mussten. Über Wilhelm Guddorf bestand auch Kontakt zu der Widerstandsgruppe um Robert Uhrig, so dass von einer koordinierten illegalen Tätigkeit gesprochen werden kann.

Neben der antifaschistischen Aufklärungsarbeit bemühten sich die Widerstehenden in den Betrieben, die Rüstungsproduktion zu sabotieren. In den Holsalia-Werften in Hamburg-Altona führten Arbeiterinnen gegen die 53 Stunden Woche einen Kurzstreik durch, der den Betrieb zeitweilig lahmlegte. In den Howaldtswerken AG gab es 5 illegale Betriebsgruppen, die einen Streik gegen die Überstunden organisierten. Sie konnten ferner 50 Sauerstoffflaschen in die Elbe werfen und mehrere Elektroschweißmaschinen durch Einwurf von Sand außer Betrieb setzen sowie 40 000 Elektro-Schweißstäbe vernichten.

Im Sinne des Einheitsfrontgedanken waren die Angehörigen der Hamburger Bästleingruppe bemüht ihre Kontakte zu sozialdemokratischen Antifaschisten zu erweitern, um vor allem Solidaritätsaktionen für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zu organisieren.

Die Antifaschisten um Robert Abshagen, Bernhard Bästlein und Franz Jacob hatten nachweislich zu vier weiteren Hamburger Widerstandsgruppen Kontakte, so zu der Gruppe der "Weißen Rose", den Sportgruppen "Armin" und "Ring" und der KdF-Gruppe um Heinrich Schröder.

Um die Wirksamkeit des illegalen Ringens zu erhöhen bzw. zu verbreitern waren die Hamburger Antifaschisten bemüht, Verbindungen zu Gleichgesinnten in anderen Städten in Norddeutschland herzustellen sowie Kontakte zu bestehenden Widerstandsnetzen im Land aufzunehmen. Es gelang ihnen, mit Antifaschisten in Kiel, Lübeck, Flensburg; Bremen sowie in Rostock, Stralsund, Dortmund und Magdeburg Kontakte herzustellen. Diese Verbindungen liefen über Robert Abshagen, Bernhard Bästlein, Elisabeth und Gustav Bruhn sowie über Franz Jacob und Charlotte Gross. Der wichtigste Kontakt der Hamburger Antifaschisten bestand zu Wilhelm Guddorf, John Sieg und Martin Weise in Berlin. Gemeinsam gaben sie illegale Flugschriften heraus.4

Neben den vorgestellten Widerstandsgruppen gab es in Berlin eine breit gefächerte Gruppe junger Antifaschisten unter Leitung von Herbert Baum. Sie bestand überwiegend aus jungen Menschen die als Juden verfolgt wurden. Die Gruppe erarbeitete und verbreitete zahlreiche Antikriegsflugblätter. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion verstärkten sie das systematische Abhören des sowjetischen und englischen Rundfunks und bemühten sich die Wahrheit über den verbrecherischen Krieg zu verbreiten.

Am 8. Mai 1942 hatte das NS-Regime im Berliner Lustgarten mit einer Großausstellung eine Lügen- und Hetzkampagne gegen die Sowjetunion gestartet. Das Ziel der Propagandaschau war, den Antisowjetismus im deutschen Volk hoch zupeitschen und um von den militärischen Misserfolgen an der Ostfront, die seit der Schlacht um Moskau im Dezember 1941 sichtbar wurden, abzulenken. Die Widerständler in Berlin unternahmen vielfältige Versuche die Lügen des NS-Regimes zu entlarven. Mitstreiter um Harro Schulze-Boysen verbreiteten von ihm abgesichert Klebezettel mit der Losung "Ständige Ausstellung das Nazi Paradies Krieg Hunger Lüge Gestapo Wie lange noch?"

Joachim Franke, Werner Steinbrink und Arthur Ilgen Angehörige der Baumgruppe malten in einer Nachtaktion an die Außenwand der Kabel- und Akkumulatorenfabrik der AEG in Berlin-Oberschöneweide die Losung "Hitler abtreten" in großen roten Buchstaben.

In der Zwangsarbeiterabteilung für Juden im Elmo Werk in dem Herbert Baum und Ilse Haak Fronarbeit leisten mussten organisierten sie kleine Sabotageakte, um die Rüstungsproduktion zu stören. Die Antifaschisten um Herbert Baum bemühten sich insbesondere, um die Entlarvung der NS-Hetzausstellung im Berliner Lustgarten. Nach langer und heftiger Diskussionen entschlossen sie sich die Ausstellung in Brand zusetzen, um ein sichtbares Zeichen des Widerstandes gegen die Hetzschau zu setzen. In kurzer Zeit gelang es Werner Steinbrink der als Chemotechniker im Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin tätig war und dort dank seiner außerordentlichen Fähigkeiten Ansehen und Vertrauen genoss, Chemikalien für die Anfertigung von Sprengsätzen zu besorgen. Er war es auch, der die Herstellung der Sprengladungen, die klein aber dennoch wirksam sein sollten übernahm. Ihm halfen Erika und Joachim Franke, Hilde Jadamowitz und Walter Bernecker.

Abends am 18. Mai 1942 führten zwölf Angehörige der Widerstandsgruppe die Aktion aus. Zu ihnen gehörten Marianne und Herbert Baum, Heinz Birnbaum, Sala Kochmann, Gerhard Meyer, Werner Steinbrink, Irene Walther und Suzanne Wesse. Es gelang den Antifaschisten, die Hetzausstellung in Brand zusetzen und beachtliche Schäden zu verursachen. Elf Besucher erlitten leichte Verletzungen. 5Obwohl die zuständigen Berliner NS-Dienststellen ein strenges Verbot jeglicher Berichterstattung über den erfolgten Anschlag untersagten verbreitete sich das Ereignis schnell unter den Berlinern und erregte erhebliches Aufsehen. Die Berliner Behörden veranlassten noch in der gleichen Nacht die Beseitigung aller Schäden, sodass am 19. Mai 1942 die Ausstellung wie vorher aussah.

Vier Tage nach dem Brandanschlag spürte eine umgehend gebildete Sonderkommission der Gestapo Marianne und Herbert Baum an ihrem Arbeitsplatz auf. In den Tagen vom 1. Juni bis 15. Juli 1942 gerieten weitere elf Angehörige der Widerstandsgruppe in die Fänge der Gestapo. Herbert Baum kam bei einem verschärften Verhör um. Am 18. August des Jahres wurden zehn Mitstreiter im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.

In den Monaten vom Sommer 1941 bis zum Sommer 1942 wuchs durch vielfältige Anstrengungen der Widerstand gegen das NS-Regime an. Abzulesen ist das unter anderem an Hand der monatlichen Lageberichte der Gestapo über antifaschistische Aktivitäten und Fahndungsmaßnahmen. So wurden für den Monat Juni 1941 377 illegale Schriften gemeldet bzw. erfasst. Im Monat Oktober 1941 wurden 10227 unterschiedliche Schriftentitel im Innland gemeldet. Fieberhaft suchten die Einsatzkräfte der Gestapo nach den mutigen Widerstehenden im Land. Nach langwierigen Beobachtungen und Suchaktionen und durch die Einschleusung von zwei Spitzeln gelang es den Häschern am 4. Februar 1942 Robert Uhrig, Franz Mett Leo Tomschik und weitere leitende Mitstreiter der Gruppe zu verhaften. Die Verhaftungswelle erstreckte sich bis zum Juli 1942. In Berlin wurden etwa 150, in München über 60 und in Tirol 50 Antifaschisten die mit Robert Uhrig gegen die NS-Diktatur gewirkt hatten festgenommen. In 21 Prozessen vor dem Volksgerichtshof gegen 105 Angeklagte darunter 15 Frauen wurden 40 Todesurteile gefällt. Vier Antifaschisten erhielten lebenslängliche Zuchthausstrafen. Insgesamt wurden Freiheitsstrafen in Höhe von 220 Jahren ausgesprochen.6 Trotz dieser Verhaftungswelle kam der Widerstand im Land nicht zum Erliegen. So bemühten sich die Mitstreiter um Dr. Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen ihre illegale Agitationstätigkeit fortzusetzen und kriegswichtige Fakten für die Sowjetunion zu sammeln und zu übermitteln. So übernahm Ina Lautenschläger den Auftrag, als Vorführdame im Modesalon Heise bei einer Modenschau in Brüssel militärisches Faktenmaterial an dortige Widerständler zu übergeben, die von diesen nach Moskau weitergeleitet wurden. Bedingt durch konspirative Fehler sowjetischer Kundschafter und die verstärkte Suchtätigkeit der Gestapo erfolgte ab 30. August 1942 bis zum Jahresanfang 1943 Verhaftungen der Mitstreiter der "Roten Kapelle". In mehreren Prozessen vor dem Reichsgericht wurden 52 Todesurteile gefällt darunter befanden sich 18 Frauen. Hitler und Göring nahmen persönlichen Einfluss auf die Untersuchungen und die Urteile. Auf Weisung Hitlers wurde das Urteil auf sechs Jahre Zuchthaus gegen Dr. Mildred Harnack nicht bestätigt, sondern im erneuten Prozess das gewünschte Todesurteil ausgesprochen und am 13. Januar 1943 vollstreckt. Die Terrorwelle des NS-Regimes gegen die Antifaschisten führte nicht zu dem gewünschten Ziel den Widerstand zu brechen. In einem zusammenfassenden Gestapo-Lagebericht heißt es: " Dass der Beginn der Kampfhandlungen im Osten in kommunistischen Kreisen eine starke Reaktion auslösen würde war zu erwarten; handelt es sich doch um den Endkampf zweier diametraler Weltanschauungen, der nur mit dem Untergang der einen enden kann. "7 In dem Bericht wird hervorgehoben, dass vorwiegend durch Mundpropaganda aufklärend über den Krieg und dessen Folgen agitiert wurde. Ferner konzentriert sich laut Gestapo-Ausage die ganze illegale Breitenarbeit auf die Groß- und Rüstungsbetriebe, weil in diesen ein großer Menschenkreis unbemerkt erfasst und antifaschistisch beeinflusst werden konnte. Der Lagebericht enthält Hinweise auf erhebliche Sabotageakte. So wurden am 29. November 1942 in Frankfurt am Main 10 Diversionsversuche an den städtischen Straßenbahnlinien genannt. In Eckernförde kam es zu erheblichem Produktionsausfall, weil 200 Torpedos fehlerhaft waren. Im Dezember des gleichen Jahres wurde gemeldet, daß in den Schweriner Heinkel-Werken mehrere Maschinen unbrauchbar waren durch schadhafte Brennstoff- und Sauerstoffzuleitungen. Im Hennigsdorfer Stahlwerk verursachte der Schmelzmeister Robert Becker durch Verlassen seines Arbeitsplatzes an einem Siemensmartin-Ofen einen beträchtlichen Produktionsausfall. Für den gleichen Zeitraum gibt es eine Meldung, dass der Bergmann Karl Reinhard zusammen mit einem Berglehrling durch einen bewusst angelegten Grubenbrand einen 7 wöchigen Produktionsausfall von 3200 Tonnen Kalisalzen organisierten. Bei den Siemens-Plania Werken in Berlin-Lichtenberg gelang es, 70.000 Infantriegeschosse durch Übersäuerung unbrauchbar zu machen. Die genannten Beispiele zeugen davon, dass es in den unterschiedlichsten Orten zu erheblichen antifaschistischen Aktionen kam.

Die barbarische und zugleich abenteuerliche Kriegsführung des NS-Regimes sowie der verschärfte Terror gegen jede Form von Widerstand gegen das Terrorregime trugen wesentlich dazu bei, dass evangelische und katholische Christen und politisch nicht gebundene Menschen immer stärker in Widerspruch zur Naziherrschaft gerieten. Sie wirkten auf sich allein gestellt gegen das NS-Regime oder schlossen sich zu kleinen Gruppen zusammen. Ihr Widerstehen erfolgte in den unterschiedlichsten Formen und war davon bestimmt, gegen die Verbrechen der Faschisten etwas zu unternehmen, auch wenn das eigene Leben dadurch bedroht war. Mehr als 1000 Exemplare kirchlicher Streitschriften kursierten in Deutschland darunter die Predigten des Bischofs von Münster sowie eine Rede des Erzbischofs von Freiburg in der er gegen das Euthanasiegesetz protestierte. Walter Klingenbeck, gelernter Schaltmechaniker, scharrte eine Gruppe katholischer Jugendlicher in München um sich, die Nachrichten ausländischer Sender abhörten und mit schwarzer Ölfarbe das "V" an Häuserwände und Bürgersteige schrieb. Die Jugendlichen bauten einen Kurzwellensender, mit dem sie ihre Aufklärungsarbeit verstärken wollten. In der Stadt wirkten auch die Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell gegen das Regime. Sie entschlossen sich dazu geprägt durch ihre Erlebnisse an der Ostfront. Im Sommer 1942 erschienen ihre ersten Flugschriften mit der Überschrift "Flugblätter der Weißen Rose". Sie fanden Mitstreiter, die in Wien, Frankfurt am Main, Salzburg, Freiburg, Hamburg und im Ruhrgebiet die Antikriegsflugblätter verbreiteten.

Die politischen und militärischen Ereignisse der Jahre 1941, 1942 und 1943 führten auch dazu, dass Oppositionsgruppen, bestehend aus höheren Beamten, Geistlichen beider Kirchen, patriotisch gesinnten Offizieren und Sozialdemokraten, um Helmut James Graf von Moltke sich häufig in Kreisau, seinem Wohnsitz, trafen und berieten, wie nach dem vorauszusehenden Zusammenbruch der NS-Diktatur ein demokratisches Deutschland zu gestalten sei.

Trotz der Verhaftungswelle der Gestapo versuchten Anton Saefkow und Franz Jacob, unterstützt durch Judith Auer, Erich Fähling, Fritz Goltz, Wilhelm Moll, Max Sauer, Grete Schöneck, Gustav Wegener und Julius Wordelmann und gestützt auf vorhandene Kontakte von Paul Hinze, einem engen Vertrauten von Robert Uhrig, der nicht in die Hände der Häscher geriet, erneut illegale Betriebszellen in Berlin zu organisieren. Es gelang vom Herbst 1942 bis zu Frühsommer 1943 erneut, in über 70 Berliner Betrieben antifaschistische Zellen zu bilden. Durch Bernhard Bästleins Flucht aus dem Strafgefängnis Berlin-Plötzensee bei einem Luftangriff alliierter Bomber erhielt die Widerstandsgruppe bedeutsame Verstärkung. Der erfahrene Antifaschist, übernahm umgehend mit Anton Saefkow und Franz Jacob die Leitung der Gruppe. Im Mittelpunkt der illegalen Tätigkeit stand wiederum die politische Aufklärungsarbeit unter den Arbeitskollegen in den Betrieben sowie die Behinderung der Rüstungsproduktion und wenn möglich den Transport der Rüstungsgüter.

Besonderes Aufsehen erregten heftige Explosionen, die sich Ende April 1943 in der Nähe von Erkner ereigneten. Angehörige der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe gelang es, in wochenlanger Beobachtung die Fahrzeit der Munitionstransporte zu erkunden, die durch den Berliner Vorort regelmäßig an die Ostfront rollten. Sorgfältig prüften und berieten die Leitungsmitglieder der Gruppe wie der Nachschub auf dieser Strecke behindert werden könnte. Die Aktion sollte nicht nur Schaden anrichten, sondern auch den Anwohnern zeigen, dass es Widerstand gab, dass Kräfte vorhanden waren die alles daransetzten, dem Völkermorden ein Ende zu bereiten. Willi Krüger übernahm den Auftrag, mit den sowjetischen Zwangsarbeitern Andrej Tschernjajew und Michail Kunitzki die Sprengung des Schienenweges zu organisieren. Sie hatten Erfolg. Ein Munitionstransport explodierte.

Vom Januar1943 bis Juni 1944 verfassten und verbreiteten die Angehörigen der illegalen Gruppe 34 verschiedene Flugschriften, die in zahlreichen Exemplaren die NS-Lügenpropaganda entlarvten und die Berliner zum Widerstand aufriefen. Ab Frühjahr 1943 gelang es, die bestehenden illegalen Gruppen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zu vernetzen. Anton Saefkow und Franz Jacob trafen sich mehrmals mit Dr. Theodor Neubauer aus Thüringen in Berlin. Feste Kontakte bestanden zu Georg Schumann in Leipzig und zu Martin Schwantes in Magdeburg, die dort die illegale Arbeit organisierten.

Maßgeblich beeinflusst wurde der Widerstand im Land durch die Erfolge der Roten Armee in der Schlacht bei Kursk im Juli/August 1943. Anfang Juli 1943 erhielten die Berliner Antifaschisten erste Informationen über die Bildung des Nationalkomitees "Freies Deutschland" (NKFD). Um den Berliner Illegalen eine einheitliche politische Orientierung im Sinne des NKFD zu geben, arbeiteten Franz Jacob und Anton Saefkow Informationsmaterialien aus. In dem Schulungsmaterial vom Sommer 1943 betonten sie: Wir Kommunisten sind bereit. im Sinne des NKFD mit allen politischen, religiösen und militärischen Gruppen sowie den beruflichen Interessenvertretern des Mittelstandes und der werktätigen Landbevölkerung zusammenzuarbeiten, soweit sie für die Beseitigung des Hitlerregimes eintreten. Die Beendigung des Krieges und der Abschluss eines Friedens, der die politische und wirtschaftliche Selbstständigkeit garantiert, ist neben der restlosen Beseitigung aller faschistischen Staats- und Polizeieinrichtungen das Ziel dieser Zusammenarbeit.

Das NS-Regime versuchte durch gesteigerte Repressalien den wachsenden Widerstand einzudämmen. Von Juli bis September 1943 wurden im Land circa 146 000 deutsche und ausländische Antifaschisten verhaftet. Trotzdem gelang es den Berliner Widerstandsgruppe um Anton Saefkow, ihren Einfluss auszudehnen. Da die Zahl der illegal in Berlin lebenden Widerständler wuchs, wurden Mitstreiter speziell für die Beschaffung von Ausweisen, Lebensmittelkarten und Quartieren eingesetzt. Unter ihnen waren viele Frauen im Einsatz.

Bei dem sich erweiternden Netz illegaler Verbindungen war es erforderlich, erfahrene Widerständler zu gewinnen. Durch eine kühne Aktion gelang es Elisabeth Walter, Fritz Reuter und Herbert Tschäpe die Flucht aus dem KZ-Außenlager Berlin-Lichtenrade zu ermöglichen.

Ein wesentlicher Bereich des illegalen Wirkens der Widerstandsgruppe war die Arbeit unter den Wehrmachtsangehörigen. Cäsar Horn Feldwebel einer in Spandau stationierten Einheit übernahm mit Gerhard Kaun und Helmut Wagener, die desertiert waren, unterstützt durch Erwin Reisler, diese gefahrvolle Aufgabe.8 Im Frühjahr begannen einzelne Zellen der Gruppe sich intensiv auf bewaffnete Aktionen vorzubereiten. In einem illegalen Quartier in Berlin-Niederschönhausen wurden ausgewählte Widerständler im Gebrauch von Schusswaffen und Handgranaten unterwiesen. Die Waffen beschaffte der Sanitätsoberfeldwebel Fritz Oberdoerster aus einem Lazarett in Frankfurt/Oder.

Im Sinne eine breite antifaschistische Bewegung zu schaffen trafen sich am 22. Juni 1944 mit Wissen des Grafen Stauffenberg die Sozialdemokraten Julius Leber, Wilhelm Leuschner und Adolf Reichwein zu einer Aussprache mit Anton Saefkow und Franz Jacob in der Arztpraxis von Dr. Schmidt in der Köpenicker Str. 76. in Berlin. Die Gesprächspartner einigten sich darauf, eine antifaschistische Einheitsfront zu bilden. Am 4. Juli 1944 sollten die Gespräche fortgesetzt werden. Als Treff war die Wohnung von Lena Pechel in Berlin-Charlottenburg vorgesehen. Die Gestapo war durch den Spitzel Rambow über das Treffen informiert und verhaftete unmittelbar nach dem Treffen Anton Saefkow und Franz Jacob. Seit Dezember 1943 fahndete die Gestapo mit der gebildeten Sonderkommission "Nationalkomitee Freies Deutschland" nach den Widerständlern in Berlin. Trotz umfassender Suchaktionen gelang es ihr erst durch den Spitzel Rambow, in das Netz der Berliner Widerstandsgruppe einzudringen. Vom Juli 1944 bis Anfang 1945 dauerte die Verfolgungsjagd nach den Widerstandskämpfern. Über 300 Frauen und Männer wurden festgenommen und zwar in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hannover, an der Ost- und Westfront, in Thüringen und in Sachsen. In mehr als 76 Prozessen vor dem Volksgericht wurden 200 Angeklagte verurteilt davon 62 zum Tode und hingerichtet.9

Über 100 Frauen und Männer der Widerstandsgruppe gelang es sich der Festnahme zu entziehen. Die steckbrieflich Gesuchten mussten in tiefster Illegalität bis zur Befreiung am 8. Mai 1945 leben. Andere, die nicht erkannt und nicht verhaftet worden waren, nutzten vorhandene Möglichkeiten, den Widerstand fortzusetzen Durch Erich Fähling erhielt Hugo Pfeiffer in Greifswald den lakonischen Bescheid "nicht schreiben, alles geplatzt." Hugo Pfeiffer hat nicht nur illegal unter den Angehörigen der Luftwaffe in Ladebow bei Greifswald gewirkt, sondern auch mit seiner Frau Paula mit größeren Geldzuwendungen und dem Beschaffen von Lebensmittelmarken wertvolle Hilfe geleistet. Auf sich gestellt schuf er mit dem Pastor Holz in Wieck und dem Amtsgerichtsrat Lachmund aus Greifswald ab Juli 1944 eine NKFD Gruppe. Sie organisierten am 26. April 1945 unabhängig vom Kampfkommandanten Rudolf Petershagen die Stadt kampflos an die Rote Armee zu übergeben. Sie organisierten die Aktion "weiße Fahnen hießen". Ganz Greifswald und der Ortsteil Wieck waren weiß beflaggt beim Einmarsch der sowjetischen Truppen. Hugo Pfeiffer wurde am 8. Mai 1945 für seinen Einsatz zum Bürgermeister der Stadt Greifswald ernannt.10

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