Robert G. Waite(New York):"Das Beste, was passieren konnte"
Amerikanische Reaktionen auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion


"Der russisch-deutsche Krieg hat die international Lage in der ganzen Welt tiefgehend verändert", stellte die „New Republic", eine führende Wochenzeitschrift, am 30. Juni 1941 fest.1 Das liberale und gleichermaßen einflussreiche Magazin äußerte sich zur Bedeutung der Ausweitung des Krieges in Europa noch leicht untertreibend, aber im Großen und Ganzen doch recht zutreffend. Was sich am 22. Juni ereignet hatte, war, wie ein Journalist der „Washington Post" sich vernehmen ließ, "das Beste, was uns passieren konnte."2 Ab dem 22. Juni 1941 verbreitete sich in den USA eine intensive und zuweilen emotionale Debatte über die Frage einer militärischen Unterstützung Englands und nun auch der Sowjetunion, wie auch über die Rolle der Vereinigten Staaten im europäischen Krieg generell.

In den 30er Jahren herrschten in den USA fundamentale und gleichermaßen konträre Ansichten zu den internationalen Beziehungen, zu Staatsverträgen mit europäischen Mächten sowie zur Spaltung Europas in demokratische und diktatorische Staaten. Nach dem September 1939 verschärften sich die Debatten zwischen den sogenannten "isolationists und interventionists" spürbar.3 Mit der Ausbreitung des Krieges im Juni 1941 wurden diese Themen täglich in den Medien – in Radiosendungen, in der Presse und in Zeitschriften diskutiert.4 Der Anschlag auf die Sowjetunion verdeutlichte vielen Amerikanern die drohende ernsthafte Gefahr des NS-Militarismus für die Vereinigten Staaten.5

Die Reaktionen auf die Invasionen verliefen in den USA in zwei Richtungen: Zum Einen vertraten viele Politiker, Journalisten und normale Bürger die Ansicht, dass die Führer und Eliten beider diktatorischer Systeme bis zum bitteren Ende kämpfen sollten. Hitlers wie Stalins Imperien gegenüber empfanden die meisten Amerikaner gleichermaßen eine tiefe Ablehnung. Beide Diktatoren, in manchen Politikerkreisen als "Lucifer und der Teufel" bezeichnet, sollten ihren Krieg solange ausfechten, bis sie selbst und ihre aggressiven politischen Pläne zerstört seien. Der damalige Senator Harry Truman meinte denn auch, dass die USA das Land unterstützen sollten, das sonst wohl verlieren werde, dann, meinte er, „lassen sie töten so viele wie möglich." Ein Journalist der "Washington Post" äußerte dies in dem pragmatisch-lapidaren Satz, dies sei "das Beste, was passieren könnte."6

Zum Anderen wurde ab Ende 1941 für den Präsidenten der Vereinigten Staaten und seine Befürworter zunehmend deutlich, dass die Kriegsgefahr für die USA selbst enorm gestiegen war. Die Invasion der Sowjetunion bestätigte Franklin Roosevelts Befürchtung, dass Hitler mit diesem Schritt eindeutig nach der Weltherrschaft griff.7 Bis Ende Juni 1941 hatte FDR alles Mögliche getan, um Großbritannien soweit zu unterstützen, dass die USA selbst nicht direkt in die militärische Auseinandersetzung eingreifen mussten. Jetzt, angesichts des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, sicherte Roosevelt Stalin Rüstungsunterstützung zu.8 Jedoch war und blieb eine Belieferung des alten Erzfeindes Sowjetunion mit Kriegsmaterial für einen großen Teil der amerikanischen Bevölkerung eine hoch emotionale Frage, die in den Medien und im Kongress heftig diskutiert wurde.9

Schon ab 1939 wuchs die einflussgebende Rolle von Journalisten, Redakteuren, Politikern und Akademikern in der amerikanischen Gesellschaft erheblich.10 Die Mehrzahl der Bürger, die Auskunft über Fakten und Meinungen suchten, orientierten sich in den Medien, die sich mit Fragen der Außenpolitik und den internationalen Beziehungen befassten. Diese wiederum konfrontierten die amerikanischen Leser offen und direkt mit Fragen nach der Möglichkeit, ein kommunistisches Land militärisch zu unterstützen, sich zum zweiten Mal in einen europäischen Krieg einzumischen oder auch nur zuzulassen, in diesen hineingezogen zu werden.11

Diese beiden Reaktionsverläufe prägten auf entscheidende Weise die Debatten, die innerhalb der amerikanischen Öffentlichkeit zum Angriff auf die Sowjetunion geführt wurden. Im Folgenden soll, erstens veranschaulicht werden, wie diese Themen in den USA debattiert wurden und auf welchen Quellen die Informationen zu den Kriegsereignissen basierten. Dabei wird insbesondere die Rolle von Radio, Presse und des Kinos vorgestellt. Weiterhin werden die Haltung und Äußerungen von konfessionellen Führern, Kongressmitgliedern und des Präsidenten selbst besprochen. Ein zweites Thema, das in diesem Rahmen angesprochen werden soll, ist die Frage danach, wie die amerikanische öffentliche Meinung zu dem Angriff auf die Sowjetunion bewertet werden kann. Als dritter Punkt wird hinterfragt, welche Auswirkung die Invasion der Sowjetunion auf die öffentliche Meinung in den USA hatte und wie dies wiederum die US-Aussendpolitik beeinflusste.

Die Mehrheit der Amerikaner erfuhr das Gros der Informationen über den europäischen Krieg im Wesentlichen durch Radio und Presse, die Lageberichte und Äußerungen von Politikern, höheren Geistlichen und angesehener Journalisten veröffentlichten. Das Radio war dabei die Hauptquelle der Information und Unterhaltung. Amerika erfuhr zuerst durch das Radio von dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, das ihn als "das Ende des Liebesfestes" zwischen den beiden Diktatoren bezeichnete. Im Jahr 1940 besaßen fast 90% aller amerikanischen Haushalte mindestens ein Radio. Im Lauf des Sommers 1941 wurden täglich ca. 3-4 zusätzliche Sendungen über den Krieg ausgestrahlt. Infolge dessen war die Mehrheit der Amerikaner über den deutschen Angriff auf die Sowjet Union informiert.12

Bereits am 22. Juni 1941 wurden die Rede des deutschen Außenministers Ribbentrop sowie die entsprechende Bekanntmachung, das deutsche Streitkräfte die Grenzen der Sowjetunion überschritten hätten, von der American National Broadcasting Corporation in die englische Sprache übersetzt und in Radiosendungen im gesamten Land übertragen.13 Amerika erfuhr vom deutschen Angriff auf die Sowjetunion, den die Atlanta Constitution, eine Tageszeitung in Georgia, als "das Ende des Liebesfests" zwischen den beiden Diktatoren bezeichnete, zuerst über das Radio, die Hauptnachrichtenquelle der meisten Amerikaner.14 Ribbentrop hatte schon um zwei Uhr nachts die in Berlin akkreditierten Auslandskorrespondenten wecken lassen, damit sie sich für eine um sechs Uhr zu erwartende „wichtige(n) Mitteilung" im Außenministerium einfinden könnten. In Wirklichkeit hatte man sie aber erst gegen 6.20 Uhr informiert, dass deutsche Truppen in die Sowjetunion einmarschiert seien. Es war klar, was das bedeutete: eine gigantische, in dieser Form zumindest zu diesem Zeitpunkt völlig unerwartete Ausweitung des Krieges15

Über Associated Press bekamen dieses offizielle Statement der Reichsregierung natürlich umgehend auch alle dieser Agentur angeschlossenen Zeitungen in den USA, die, wie nicht anders zu erwarten, bereits in der nächsten Morgenausgabe mehr oder minder ausführlich darauf zurückkamen. Schon am 22. Juni hat, zum Beispiel, die Chicago Daily Tribune den vollen Text von Ribbentrops Erklärung auf ihrer Titelseite abgedruckt. Die Los Angeles Times brachte sie hingegen erst auf Seite fünf, maß ihr also offenbar einen deutlich geringeren Stellenwert bei. Die breite amerikanische Öffentlichkeit, nicht nur das offizielle Washington und die Chefredakteure vor allem in New York, sondern zum Beispiel auch Interessenverbände wie das „isolationistische" Komitee America First, das „pro-interventionistische" Committee to Defend America by Aiding the Allies und Fight for Freedom hörten die „News" also vermutlich zuerst im Radio.16

Neben diesen Tagesberichten zum Angriff wurde auch eine 20-minütige Rede des englischen Premierministers Winston Churchill zu den Ereignissen gesendet, die die amerikanischen Zuhörer stark beeindruckte. Churchill kam in seiner Rede unmittelbar zum Kernpunkt, nämlich der Schaffung einer großen Allianz gegen Hitler. Für Churchill stellte Hitlers neueste Aktion, der brutale Angriff auf die Sowjetunion, ein weiteres Beispiel seiner Doppelzüngigkeit dar, eines von vielen gebrochenen internationalen Abkommen. Er beschrieb Hitler als "bösartiges Monster mit einer unerfüllbaren Gier nach Blut und Beute". "Wir werden Russland alles geben, was wir geben können." "Russlands Gefahr ist unsere Gefahr und eine Gefahr für die Vereinigten Staaten."17 Die viel gelesene und einflussreiche Zeitschrift Time bemerkte, Hitler hat "seine Absichten klar gestellt [mit dem Angriff auf das Sowjet Union]...er hat Krieg gegen die Welt erklärt."18

In den darauffolgenden Wochen häuften sich in den Radiokommentaren die Meinungen, dass dieser Krieg auch die USA betreffe und somit Hilfe an Russland geleistet werden müsse. An einem Runden Tisch des Radios Chicago äußerten dies drei Experten. Sie meinten einhellig, Hitler habe die "rote Gefahr" übertrieben betont, um die "öffentliche Meinung in England und in den USA verzweifeln zu lassen, was jedoch nicht gelungen sei." Dieselben Experten vertraten auch die These, dass Hitler auf dem Weg über Russland versuche, den Suez-Kanal zu erreichen, um damit Druck auf die Vereinigten Staaten auszuüben.19

Durch Radiosendungen dieser Art, Expertenbesprechungen sowie mehrmals täglich gesendete Nachrichten wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit die steigende Gefahr durch ein NS-besetztes Europa wahrgenommen.20 Innerhalb einer Woche nach dem deutschen Angriff auf die Sowjet Union war ein starkes anti-nazistisches Ressentiment in der amerikanischen Gesellschaft gewachsen. Die gegenseitigen Kriegserklärungen und Rechtfertigungen vonseiten Molotovs und Ribbentrops klangen wie ein "Dialog aus der Hölle", wie eine Korrespondentin der New York Times die Ereignisse beschrieb.21

Neben dem Radio spielten für die meisten Amerikaner die Tageszeitungen als Informationsquellen eine tragende Rolle. Diverse Presseagenturen, die United Press und die New York Times verbreiteten gleichsam als informatives Netzwerk in ganz Amerika Hitlers Bekanntmachung, dass "in diesem Moment die deutsche Armee in den größten Feldzug eintritt, den die Welt je gesehen hat".22 Diese Nachricht erschien an vielen Orten der USA nur wenige Stunden nach dem tatsächlichen Ereignis auf den Titelseiten der Zeitungen. In den Wochen nach dem 22. Juni 1941 waren regelmäßig 72% der ersten Zeitungsseite dem Krieg gegen die Sowjetunion gewidmet. Dies war die Seite, die am meisten gelesen wurde.23

Bereits am 22. Juni 1941 erfuhren amerikanische Leser durch die Presse über die deutsche Erklärung Außenminister Ribbentrops nur wenige Stunden nach dem ersten Grenzübertritt der deutschen Truppen. Ribbentrop behauptete, dass die Sowjetunion, gemeinsam mit ihren Verbündeten England und die USA, bereit gewesen sei, "einen Dolchstoss in den Rücken Deutschlands" zu vollziehen. Dem habe Deutschland mit einer Invasion zuvor kommen müssen. Die Presseagentur Associated Press lies den Inhalt dieser Erklärung umgehend ins Englische übersetzen und an Hunderte Zeitungen in den USA verteilen, so dass sie in den darauffolgenden Tagen in den Tageszeitungen erscheinen konnte. Die Chicago Daily Tribune beispielsweise druckte den Text in voller Länge auf der ersten Seite des Blattes gleich am 22. Juni ab. Die Los Angeles Times brachte den Artikel auf Seite 5.24 In den Tagen nach dem 22. Juni 1941 berichteten sowohl Tageszeitungen als auch die meist gelesenen Wochenjournale über die Positionen führender amerikanischer Offiziere, die die Niederlage und den Untergang der UdSSR prophezeiten.25 "Wie lang für Russland?" fragte das Wochenblatt "Time". In der "Washington Post" lautete eine Schlagzeile "Sowjetische Niederlage ist sicher, so sagen die Militärs in D.C.". Das Scott Newspaper Syndicate berichtete von "Deutschlands ununterbrochenem Erfolg". Die "Washington Post" wusste am 22. Juni zu behaupten, die "Sowjetische Niederlage ist sicher", und einige Tage später folgte die New York Times als sie vom "beständigen Vorrücken" der deutschen Truppen berichtete. Die Chicago Daily Tribune schrieb sogar, "Amerikanische Experten sagen den Sieg der Nazis in 90 Tagen voraus".26

Die Tagespresse bot den Lesern jedoch auch Kommentare der Ereignisse. Für einen Journalisten des "Christian Science Monitor" war die Invasion der Sowjetunion ein "Griff nach Osten".27 Der einflussreiche Redakteur Walter Lippmann schrieb, ein Sieg der deutschen Truppen über das sowjetische Militär bedeute die deutsche Herrschaft über ganz Sibirien und dies sei nur wenige Kilometer von den USA entfernt. Lippmann schlussfolgerte, dass es weniger zu hoffen sei, dass beide Diktatoren ihre Länder zerstören würden, sondern vielmehr, dass die USA "ihre Politik nicht auf Wünsche, Ideologien oder Emotionen begründe, sondern auf die wesentliche Tatsache ihres Interesses in zwei Meeren". "Unsere Russland-Politik sollte die von erwachsenen Menschen sein und sollte die wesentlichen Interessen der Vereinigten Staaten unterstützen."28

In den Tagen nach der Invasion konzentrierte die amerikanische Tagespresse ihre Berichterstattung auf den stetigen und ungehinderten Vormarsch der deutschen Truppen sowie auf die Wortbrüchigkeit Hitlers und die Verlogenheit des NS-Systems. Einem Bericht der Zeitung "Atlanta Constitution" zufolge sei der "Angriff der Nazis gegen die Roten […] bereits im vorangegangenen Herbst geplant gewesen.", das heißt kurz nach dem Abschluss des Nichtangriffs-Pakts zwischen Stalin und Hitler. Die "New York Times" beschrieb den Angriff auf die Sowjetunion als einen "weiteren Vertragsbruch" von Hitlers Seite.29

Am 24. Juni 1941 berichtete die amerikanischen Medien über die Pressekonferenz Präsident Roosevelts und seine kurze Bemerkung darüber, dass seine Regierung ein Versprechen über Rüstungsbeihilfe an die UdSSR abgegeben habe.30 Berichten zufolge hatten FDR und seine Berater mit einem schnellen Zusammenbruch der sowjetischen Verteidigung gerechnet. Sie befürchteten auch, dass das von den USA gelieferte Rüstungsmaterial in die Hände der deutschen Truppen fallen könnte. Die öffentliche Unterstützungserklärung kam vom Präsidenten der Vereinigten Staaten selbst.31 Die versprochene Hilfe an die Sowjet Union zuschicken würde nicht leicht sein. Die Gründe waren die tief verwurzelte Ressentiments dem sowjetischen System gegenüber. Die Sowjetunion war immer der "Erbfeind" der USA gewesen. Für viele Amerikaner standen Nationalsozialismus und Bolschewismus selbstverständlich und unbestreitbar auf einem Niveau.32

Eine Stichprobe in den Berichterstattungen der amerikanischen Tageszeitungen verdeutlicht, dass diese Ansichten im Grossen und Ganzen eine ähnliche Haltung reflektierten.33 Hitler wurde als absolut unglaubwürdig betrachtet. Daraus folgten drei Konsequenzen für die USA: Zum einen müsste das Land schnell aufrüsten, um einen möglichen Angriff von seiten Nazi-Deutschlands oder dessen Verbündeten Japan abwehren zu können. Zweitens, müsste die Belieferung Englands mit Kriegsmaterial forciert werden. Drittens, müsse auch an die UdSSR Kriegsmaterial geliefert werden.34 Obgleich das Misstrauen und die Feindseligkeit gegenüber dem kommunistischen Russland weiterhin stark präsent blieben, schätzte man die von Nazi-Deutschland ausgehende Gefahr als weit größer ein. Im "Christian Science Monitor" meinte der Journalist Roscoe Drummond, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion hat die Politik Präsident Roosevelt der beständigen Ablehnung Hitler und NS Deutschland weitgehend bestärkt.35 Politiker haben das auch behauptet – das beste was Amerika nun machen könnte .wäre stark auszurüsten, seine Streitkräfte richtig verstärken, um eine Gefahr von Deutschland abzuwenden. Nach der Meinung eines hohen Beamten im Office of Production Management bliebe noch viel zutun. Er war der Meinung, wenn die deutsche Soldaten die Ukraine besetzten, "Nazi-Ausrüstung würde beschleunigt werden."36

Neben Radio und Presse war es auch das Kino, das vielen Amerikanern Auskunft über Nazi-Deutschland und den europäischen Krieg verschaffte. Bereits vor 1941 wurden Filme wie beispielsweise Chaplins "Great Dictator" (1940) oder der spannende Thriller "Confessions of a Nazi Spy" (1939) mit großem Interesse rezitiert.37 Ab dem 23. Juni gab es unter dem Titel "Nazis Invade Russia" regelmäßige Wochenschauberichte vor den Kinovorstellungen. Diese kurzen Dokumentationen zeigten Filmaufnahmen der erfolgreichen deutschen Truppen im Kampf gegen das "Rote Russland", den Kampf der "ehemaligen Verbrecherpartner, die nun um ihre Überleben kämpfen". Diese Kinovorführungen bestärkten das amerikanische Misstrauen gegenüber Nazi-Deutschland um ein Vielfaches.38

Die amerikanischen Medien publizierten auch Ansichten und Positionen führender geistlicher Persönlichkeiten, Politiker, Angehöriger von Interessenvereinen und Clubs sowie des Präsidenten selbst, um die Unterstützung der amerikanischen Bevölkerung für ihre Richtlinien in dem europäischen Krieg zu gewinnen. Sie waren gezielt auf eine breite Wählerschaft gerichtet und erzielten eine große Wirkung.

Die leitenden geistlichen Persönlichkeiten hatten einen großen Einfluss auf die amerikanische Bevölkerung und kamen insbesondere ab Sommer 1941 häufiger zu Wort. Eine Woche nach dem 22.Juni zum Beispiel verbreiteten einige Rabbiner aus New York, fast einhellig die Meinung, Russlands Verwicklung in den Krieg dürfe keine Lockerung der Hilfe für London nach sich ziehen. Bei aller Gegnerschaft gegen Moskau komme es doch vor allem auf die Zerschlagung des Hitlerismus und das Überleben der Demokratie an. Bei Friedensverhandlungen müsse sichergestellt sein, dass Russland keinen Vorteilaus dem Krieg ziehe. Eine weitere Ausbreitung des Kommunismus in Europa komme nicht in Frage.39 Die jüdische Presse, die ihre Haltung zunächst im August 1941 in einem Artikel der "Contemporary Jewish Record" zusammen fasste, war einhellig der Meinung, Hitlers Eidbrüchigkeit sei zu verdammen, und warnten vor der Gefahr für alle demokratischen Staaten. Die New Yorker "The Day", der "Wecker" und das "Morning Journal" beispielsweise befürworteten eine Unterstützung Russlands, jedoch nicht der kommunistischen Machthaber, die die Welt in das "gegenwärtige Unglück" gestürzt hätten.40

In der einflussreichen evangelischen Wochenzeitschrift "Christian Century" wurde der Kriegsausbruch analog wie in der Tagespresse beschrieben – Hitlers Angriff kam unerwartet und hat die international Lage vollständig verändert. Auch in dieser Zeitung wurde die Ansicht vertreten, dass auf jeden Fall militärische Unterstützung an England geliefert werden müsse, und auch der Sowjetunion müsse Hilfe angeboten werden. Jedoch betonte der Verfasser, soll Russland nicht mit zu großer Unterstützung bedacht werden: "Ein überwiegender russischer Sieg mit Stalin an der Spitze dieser kommunistischen Lawine würde letztlich eine fast ebenso große Gefahr bedeuten wie ein Sieg Hitlers und seiner Verbündeten."41

Die sogenannten Isolationisten wiederum zitierten einen Satz aus dem päpstlichen Rundschreiben "Divini Redemproris" vom 19. März 1937, wonach "der Kommunismus im Wesentlichen falsch sei und niemand, der die christliche Zivilisation retten wolle, mit den Kommunisten kollaborieren dürfe […]".42 Bereits in einer Radiosendung vom 21. Juni 1941 hatte sich Erzbischof Francis Beckman anlässlich einer Kundgebung des Vereins "American First" entschieden gegen die Außenpolitik Roosevelts ausgesprochen.43 Am 6. Juli 1941 äußerte Bischof John Hurley in einer Radiosendung des "Columbia Broadcasting System": "Wir haben allen Grund, stolz zu sein auf die Rolle, die unsere Regierung dahingehend […] spielte, ... ebenso wie beim heiligen See – danach zu streben, den Frieden in der Welt zu sichern. Zum Krieg ist es dennoch gekommen, und Deutschland ist für diesen Krieg verantwortlich. Dieser Krieg ist Ausdruck einer starken Aggression und wird im Sinne einer europäischen Weltherrschaft geführt." Weiterhin betonte der Bischof", verkörpern sowohl der Kongress als auch der Präsident der Vereinigten Staaten die Ideale und den Willen ihres Landes. Sie sind für den Frieden."44

Für die meisten Kongressabgeordneten war der Krieg im Osten Europas, wie es Senator Bennet Clark ausdrückte, "ein Fall von Hund frisst Hund". Senator Harry Truman schlug sogar vor, "lassen sie so viele wie möglich zu Tode kommen". Beide Äußerungen reflektieren einen weitgehenden Meinungskonsens in dieser Frage in den USA. Der führende Verein der "Isolationisten" – "America First" - gab am 23. Juni folgende Erklärung ab: "Ein Eintritt des kommunistischen Russland in den Krieg sollte die Debatte über jede Einmischung für immer beenden. Die kriegerische Partei kann die amerikanische Bevölkerung kaum bitten, unter der roten Fahne Stalins zu kämpfen." In diesen Kreisen wurde Stalin der "Blutige Joe" genannt.45

"America First" wie auch andere dieser Vereinigungen lehnten jeden Beitritt des Landes in Allianzen oder die Teilnahme an einem fremden Krieg kategorisch ab. Sie sendeten diese Plädoyers regelmäßig im Radio und machten sie so vielen Amerikanern zugänglich.46 Der ehemalige US- Präsident Herbert Hoover bezeichnete Stalins Sowjetrussland als "eine der blutigsten und terroristischsten Tyranneien der gesamten Menschheitsgeschichte". Er führte ca. ein halbes Dutzend Gründe an, die dafür sprachen, dass die USA dem europäischen Krieg fernzubleiben hätten.47 Der Abgeordnete Frank Osmers wiederum meinte: "Wenn es je einen guten Krieg gegeben hat, so ist es der zwischen Nazi-Deutschland und dem kommunistischen Russland." Osmers sah in der Ausweitung des europäischen Konflikts „die Gelegenheit und die Zeit für die USA gekommen, seine Aufrüstung zu beschleunigen, die militärische Unterstützung Großbritanniens auszubauen und allen Kommunisten in den USA klarzumachen, dass sie nach Russland zurückkehren sollten, um dort ihre Pflicht für das Vaterland abzuleisten, anstatt amerikanische Ideale zu sabotieren." Insbesondere betonte Osmers die unter den US-Abgeordneten weitverbreitete Ansicht, die Hauptziele der Vereinigten Staaten lägen darin, "Großbritannien zu helfen und die westliche Hemisphäre zu verteidigen"48 Am 26.Juni, meinte Senator Gerald P. Nye in einer Rundfunksendung "Isolationismus der richtigen Art hat Amerika so weitgebracht, dass es heute größer und glücklicher ist als alle anderen Völker."49

Ein weiterer einflussreicher Abgeordneter, der Senator Ohios Robert Taft, fasste die von den Abgeordneten vorgebrachten Argumente für eine Beteiligung an dem Krieg zusammen und wies sie alle zurück. Er wandte sich insbesondere gegen jede Form von Allianz mit Stalin und der Sowjetunion. Abgeordneter Fred Bradley hinterfragte: "Ist Russland plötzlich über Nacht zu einer Demokratie geworden, in der Roosevelts ‘4 Freiheiten’ herrschen?" Er bezog sich dabei auf die bekannte Rede FDR’s vom 6. Januar 1941.50 Einige Abgeordnete sprachen sich strikt gegen jede Form der Kriegsbeteiligung aus und lehnten insbesondere jede Hilfeleistung an die Sowjetunion ab. Abgeordneter Lawrence Smith aus Ohio behauptete beispielsweise: "Bei der Verteidigung Russlands zwingt der Präsident unsere Nation dazu, den Kommunismus zu verteidigen und damit auch alles, was dieser teuflische Kult seit seiner Gründung in Russland vor 24 Jahren angerichtet hat." Für ihn bedeute sowjetische Herrschaft das "Verhungern von zehn oder zwanzig Millionen Menschen, die Verschleppung von Millionen Menschen in Konzentrationslager, öffentlicher Mord an Allen, die versuchen, dieses Monster zu bekämpfen, das Abbrennen von Kirchen, Mord an Geistlichen und Vergewaltigung von Nonnen." Einige Tage später kam der Abgeordnete Smith nochmals auf dieses Thema zurück und äußerte: "Die von unserem Präsidenten bekannt gegebene politische Richtung, namentlich die Leistung militärischer Hilfe an Russland, ist eine vehemente Unterstützung der kommunistischen Kräfte in unserem eigenen Land." Er sprach damit die Ansicht manche US-Abgeordneter aus, wonach die USA selbst durch den Kommunismus stark gefährdet wären: "Dieser Akt unserer Regierung verstärkt die ernsthafte Gefahr. […] Es geht um die Weiterexistenz unseres "Way of Life".51 Senator Taft wiederholte in einer Radiosendung, dass der "Sieg des Kommunismus in der ganzen Welt weit mehr gefährlich für die Vereinigten Staaten sei als es der Sieg des Faschismus je sein könnte".52

Einige Abgeordnete hingegen sprachen sich sofort nach Beginn des deutschen Überfalls auf die UdSSR für eine unverzügliche Unterstützung der Sowjetunion und für die Lieferung von Kriegsmaterial aus und unterstützten somit Roosevelts Linie. Beispielsweise äußerte Senator Claude Pepper, dass "der Präsident heute morgen erklärt hätte, Russland würde unter dem Leih- und Pachtgesetz Hilfe erhalten".53 Die Presseagentur "Associated Press" veröffentlichte am 23. Juni 1941 einen Artikel mit der Schlagzeile "Die USA erwägt Leih- und Pachthilfe für die Sowjets". In diesem Artikel wurden höhere Stellen des Außenministeriums zitiert, die die deutsche Invasion als Zeichen dafür ansehen, dass Adolf Hitlers Pläne auf die Weltherrschaft gerichtet seien – ein Argument, das die Linie der Regierung Roosevelt unterstützte.54

FDR verfolgte während seiner Amtszeit die öffentliche Meinung Amerikas intensive und nutzte unterschiedlichste Quellen, um seine Beobachtungen auszuwerten.55 Er nahm täglich alle Zeitungen zur Kenntnis und las insbesondere deren Leitartikel. Sein Fokus lag dabei auf den einflussreichen Gruppierungen und Persönlichkeiten des Landes. Auch unterhielt er persönliche telephonische Kontakte mit zahlreichen Journalisten, Abgeordneten und anderen prominenten Persönlichkeiten oder traf sie regelmäßig. Er las tatsächlich viele der tausenden Briefe und Zusammenfassungen von Berichten, die täglich im Weißen Haus eintrafen. Weiterhin befasste er sich mit den Ergebnissen von Meinungsumfragen – zur damaligen Zeit eine junge Wissenschaft - , die von George Gallup’s American Institute of Public Opinion sowie Elmo Roper im "Fortune Magazine" aufbereitet und veröffentlicht wurden.56

Als die ersten Berichte über die deutsche Invasion der Sowjetunion Washington erreichten, waren "die Regierungsbehörden auf ein Geschehen dieser Tragweite nicht vorbereitet", berichtete die „Chicago Daily Tribune". Präsident Roosevelt hatte sich am Abend zuvor zeitig zurückgezogen und "war mit diesen Nachrichten nicht geweckt worden". 57

Roosevelt war sich auch der Tatsache bewusst, dass die USA in den kommenden Wochen und Monaten lediglich zu geringen wirtschaftlichen und militärischen Lieferungen an die UdSSR imstande waren. Die amerikanische Wirtschaft und die Industrie waren noch zu stark auf ihre Friedensaufgaben fixiert. Das bedeutete, dass die Vereinigten Staaten bei weitem nicht in der Lage waren, soviel Munition und Waffen an die Sowjetunion zu liefern, wie benötigt wurde, obwohl das Leih- und Pachtgesetz vom 11. März 1941 den Präsidenten ermächtigte, "jeder Nation, deren Verteidigung er für die Interessen der Vereinigten Staaten für lebenswichtig halte, jede Art von Waffen zu verkaufen, zu vermieten oder zu verschenken". 58

Schon im Januar 1939 hatte FDR vor dem Senate Military Affairs Committee geäußert, dass es das Endziel Hitlers sei, die Weltherrschaft zu erlangen. Als Vertreter seines Kabinetts kam im Juni 1941 der stellvertretende Außenminister und enge Berater des Präsidenten, Sumner Welles, zu Wort. "Stoppt Hitler", forderte er. Dies sei nun die vordringlichste Aufgabe. "Alle Diktaturen stehen im Widerspruch zum "American Way of Life", wie er betonte. Obwohl die Sowjetunion viele grundlegende Menschenrechte abgeschafft hatte, sei nun "die Grundfrage {…} ob der Plan zur Weltherrschaft, zur grausamen und brutalen Versklavung aller Völker und zur Vernichtung der letzten freien Demokratien durch Hitler erfolgreich sein würde oder gestoppt und zerschlagen werden könnte. Heute sind Hitlers Armeen die größte Gefahr für Amerika", war Welles Schlussfolgerung.59 Walter Lippmann schrieb in einem vielfach nachgedruckten Kommentar: „Wenn der Krieg in Europa verloren ist, werden wir ganz allein dastehen, eingekreist in einer Welt, in der es sonst nur noch bis an die Zähne bewaffnete antikapitalistisch und antidemokratisch orientierte Länder gibt."60

Wie wurden die Reaktionen der amerikanischen Bevölkerung, deren Haltung sowie die öffentliche Meinung im Jahr 1941 beurteilt, gemessen und ausgewertet?61 Das American Institute of Public Opinion existierte erst seit einigen Jahren und hatte in diesem kurzen Zeitraum die Umfragen der wissenschaftlich auszuwerten begonnen. Die Meinungsumfragen bestätigten generell, dass seit Ausbruch des europäischen Krieges in der amerikanischen Bevölkerung eine tiefe Abneigung gegen Nazi-Deutschland vorherrschte. Im Oktober 1939 ergab eine zuverlässige Meinungsumfrage der seriösen Zeitschrift "Fortune", dass sich von den befragten Amerikanern 83% für einen Sieg der Alliierten aussprachen, während nur 1% einen Sieg der Nazis befürworteten. Die entschiedene Mehrheit der befragten Personen glaubte, dass der Grund für den Ausbruch und die Ausweitung des Krieges in "Hitlers Gier nach Land und Lust auf Macht" lag.62

In einer Meinungsumfrage von Anfang Juli 1941 stellte das American Institute of Public Opinion einer ausgewählten Gruppe von durchschnittlichen Amerikanern folgende Frage: "Welcher Seite wünschen Sie in dem gegenwärtigen Krieg zwischen Deutschland und Russland den Sieg?" 72% der Befragten optierte für den Wunsch, dass die Sowjetunion siege, während 4% Deutschland den Sieg wünschten; 7% der Befragten enthielten sich einer Meinung. Eine typische Antwort auf die gestellte Frage war: "Russland ist nicht imperialistisch, Deutschland ist es. Selbst wenn Russland den Krieg gewinnt, würde es nie die USA angreifen, ein Angriff von Seiten Deutschlands hingegen ist sehr wahrscheinlich."63 Während dieser Wochen stieg die Popularität Roosevelts auf einen Höchstwert von 72%. Gallup selbst bezeichnete dies als "eine Vertrauensabstimmung an den Präsidenten". Das Institute of Public Opinion ging in seinen Umfragen einer weiteren brennenden Frage auf den Grund: die der Haltung der Amerikaner zu einer Beteiligung der USA am Krieg. Die Umfrage wurde "von Küste zu Küste" durchgeführt und hatte zum Ergebnis, dass sich 24% der Wähler Amerikas für einen Eintritt des Landes in den Krieg aussprachen. Wie Gallup schlussfolgerte, war jedoch die "überwiegende Mehrheit jetzt dagegen".64

Ein anonymer Journalist befragte in einer informellen Aktion an einer Straßenecke in Baltimore einfache Bürger nach ihrer Meinung zum europäischen Krieg. "Unter den befragten Bürgern stimmten die Ansichten fast genau überein. Sie waren der Ansicht, dass der dramatische Verlauf der neuesten Ereignisse und die Ausweitung des Krieges auf Osteuropa positive für England und die Vereinigten Staaten sind." , wie dieser Journalist hinsichtlich seiner Auswertungen in der Zeitung „Baltimore Sun" zu berichten wusste.65 Die geäußerten Ansichten der Bewohner dieser mittelgroßen Stadt an der Ostküste reflektierten die öffentlich weit verbreitete Meinung, wonach England und die USA lediglich hinreichend Zeit benötigten, um die Wirtschaft und Industrie der Länder auf militärische Aufrüstung umzustellen. Der durchschnittliche amerikanische Bürger betrachtete das nationalsozialistische Deutschland als eine größere Gefahr als die kommunistische Sowjetunion. Dies, so bestätigte ein Taxifahrer, hätten die meisten seiner Kunden vom Vortag geäußert. Den deutschen Überfall betrachteten sie als die "beste Nachricht seit Ausbruch des Krieges".66

Ab Juli und August 1941 machte sich eine verstärkte Zustimmung vieler Amerikaner zu einer weitgehenden Unterstützung der Sowjetunion bemerkbar. Eine Umfrage von George Gallup vom 5. August erwies, dass 70% der befragten Personen den Verkauf von Kriegsmaterial an die Sowjetunion befürworteten. Eine weitere Umfrage vom September 1941 hatte zum Ergebnis, dass 49% der Befragten einer Erweiterung von Krediten zustimmten.67 Die Stimmung war zwar gegen Hitler gerichtet, bedeutete aber nicht zwangsläufig eine Hinwendung zur UdSSR. Die Mehrzahl der Amerikaner hatte bis zum Spätsommer die Ernsthaftigkeit der Gefahr Hitlers für die USA erkannt und war bereit, Vieles zu unternehmen, um den Diktator bei seinem Griff nach der Weltmacht zu stoppen.68 Einer Umfrage der Fortune Magazin zufolge glaubten 72% der US- Bürger, dass Hitler nur dann befriedigt sei, wenn er tatsächlich alles erobert hätte, einschließlich Amerika". Mit einer solchen öffentlichen Meinung konnte sich FDR sicher sein, dass die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung seine Bestrebungen und Politik, die Sowjetunion als Bollwerk gegen Hitlers Streitmacht und als Schlüsselmacht im Kampf um die Herrschaft in Europa zu nutzen, befürworten würde.69 Trotz dieser breiten Unterstützung hielt sich Roosevelt mit einer Ausweitung der Lieferungen von Kriegsmaterial an die Sowjetunion unter dem Leih- und Pakt-Gesetz bis zum 9. November 1941 zurück.70

Welche Auswirkungen hatte die öffentliche Meinung über den deutschen Angriff auf die UdSSR? Trotz der Ergebnisse der Umfragen, wonach die Mehrheit der Amerikaner Nazi-Deutschland ablehnten, erkannte FDR, dass die meisten US- Bürger im Sommer 1941 noch gegen eine aktive Beteiligung an dem Krieg waren und dass sie vor allem der Sowjetunion gegenüber äußerst misstrauisch eingestellt blieben. Er musste sehr vorsichtig agieren und seine Politik entsprechend ausrichten. Roosevelt besaß die außergewöhnliche Gabe, dass er seinen Handlungsspielraum mit unglaublicher Geduld schrittweise erweiterte, ohne die Dinge zu überstürzen. Als Präsident hatte er zwar das Recht, mit dem Leih- und Paktgesetz eine Unterstützung der Sowjetunion durchzusetzen, er erkannte aber, dass die Mehrzahl der Amerikaner im Sommer 1941 noch strikt dagegen war. Im Lauf dieses Sommers ließ er weitere meinungsbildende Personen in die Debatte eingreifen und die Diskussion damit intensivieren. Er ließ die Idee, in den Krieg direkt einzugreifen, allmählich und langsam in der Bevölkerung reifen. Dabei halfen ihm die Medien – Presse, Radio und Kino – tatkräftig.

Der Historiker Richard Steel hat diese Situation so bewertet, dass FDR im Juni 1941 selbst noch nicht davon überzeugt war, dass die USA direkt oder indirekt mittels Waffenlieferungen an Hitlers Gegner in den Krieg eintreten sollten. Roosevelt schützte sich durch keinerlei Bekanntmachungen vor den negativen Reaktionen in der Presse und von seiten seiner Wähler. Gleichsam gewann er jedoch dadurch Spielraum für außenpolitischen Handlungen. Im Lauf dieser Wochen steuerte er die öffentlichen Medien mittels seiner Vertreter, seines Pressesekretärs, der Mitglieder seines Kabinetts sowie durch seine eigenen Ansprachen. Sein Ziel war es, den Amerikanern zu beweisen, wie ernsthaft die Krise in Europa tatsächlich war und gleichermaßen zu zeigen, dass er und seine Regierung die Lage bereits im Griff hätten.71

In den Tageszeitungen erschienen vermehrt Artikel über Hilfelieferungen unter dem Leih- und Pachtgesetz an Russland. Der stellvertretende Außenminister Sumner Welles wurde häufig zitiert und fungierte als Sprachrohr für den Präsidenten. Falls der Protest der US- Bürger gegen eine solche Hilfe an die Sowjetunion zu stark sein würde, könnte Roosevelt das Projekt ohne größere eigene Konsequenzen einstellen.72

Die intensive Debatte, die in den Zeitungen sowie unter den Abgeordneten darüber geführt wurde, ob und wie viel militärische Unterstützung die USA an die Sowjetunion leisten sollte, zog sich über den gesamten Sommer 1941. Sie wurde zum Hauptthema in den amerikanischen Medien. Die amerikanische Bevölkerung verfolgte die Diskussion. Meinungsumfragen zeigten, dass im Lauf der Monate Juli und August 1941 die Befürwortung der Hilfe für die Sowjetunion erheblich stärker geworden war.

Die heftige Debatte über die Ausweitung der Bewilligung von Kriegs- und Rüstungsgüter an die Sowjetunion unter dem Dach des Leih- und Pachtgesetzes wurde im Lauf des Sommers 1941 in den Medien und im Kongress weitergeführt. Vor allem wurden folgende Fragen diskutiert: Welche Kriegsergebnisse waren zu erwarten? Welche Bedeutung hatte eine amerikanische Hilfe im Krieg gegen den Nationalsozialismus? Weiterhin: der stetige Ausbau der amerikanischen militärischen Kräfte; die systematisch wachsende Anerkennung der Tatsache, daß eine Unterstützung Russland notwendig war, das Argument, dass nicht dem sowjetischen Staat, sondern in erster Linie dem russischen Volk damit geholfen werde. Vermehrte positive Reaktionen von US-Abgeordneten auf Präsident Roosevelts Vorschlag, das Leih- und Pachtgesetz auf die Sowjetunion anzuwenden, würden letztlich dazu führen, dass der Kongress zustimmen werde. Eine Befragung im Kongress am 27. September, ob die "Republikanische Partei die Außenpolitik der Regierung unterstützte", erbrachte, dass 60% der Befragten zustimmten.73 John P. Lewis, Redakteur der New Yorker Tageszeitung PM drückte die allgemeine Haltung am 30. September folgendermaßen aus: "Sie müssen nicht die Kommunisten lieben, um Russland dabei zu helfen, die Nazis zu stoppen."74 Am gleichen Tag gab FDR offiziell bekannt, dass die USA Kriegsmaterial an die Sowjetunion liefern würden.75

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der deutsche Angriff auf die Sowjetunion Amerika, und das heißt, seine führenden Politiker, außenpolitischen Experten, Journalisten und die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung völlig überraschte. Vom Beginn der Ereignisse an wurde die amerikanische Öffentlichkeit über den Krieg gut informiert. Der Streit um die Rolle der USA in dem eskalierenden Krieg wurde in den Medien öffentlich geführt. FDR war ein außergewöhnlich begabter und realistisch denkender Politiker. Er führte sein Land nur widerwillig in diesen Krieg. Obgleich er Hitlers Deutschland seit langem misstraute, war es offensichtlich, dass die USA im Sommer 1941 für eine sofortige direkte Beteiligung am Krieg schlicht nicht vorbereitet waren. Dem Realist FDR war klar, dass Amerika mindestens ein Jahr benötigte, um sich hinreichend zu rüsten. Er erkannte auch, dass die amerikanische Öffentlichkeit auf einen solchen Krieg mental noch nicht vorbereitet war. Er legte nach und nach die erforderlichen Grundlagen und steuerte die öffentliche Meinung in die Richtung, die erforderlich war, um als Land einen Beitrag dafür zu leisten, dass die freien und demokratischen Länder der Welt den Krieg überleben würden.

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