Hans Knopp: "Stimmt alle mit uns ein": Für den Frieden der Welt!




Vorbemerkung: "Stimmt alle mit uns ein" -so lautet der Titel eines Schulbuches aus dem Jahre 1985, eines Chorbuches für die Klassen 5 bis 8, erschienen im Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin. Es beginnt auf der Seite 8 mit einem Lied von Jewgeni Dolmatowski in der Nachdichtung von Kuba und der Musik von Dmitri Schostakowitsch: Für den Frieden der Welt! Das Buch gelangte in meinen Besitz, weil es als Schulbuch aussortiert worden war, nicht weil es zu alt und zu oft gebraucht worden wäre, sondern weil sich angeblich Zeiten geändert hatten. Haben sie es wirklich?

Wenn wir in wenigen Tagen des Beginns des Zweiten Weltkrieges in Europa gedenken, so gilt, in entsprechender Abwandlung, auch hier der Gedanke Horkheimers: Darum schweige vom 1. September 1939, wer vom 30. Januar 1933, also der Machtübertragung an den deutschen Faschismus und dem 8. Mai 1945, seiner definitiven, absoluten militärischen Niederlage, nicht reden will.
Der Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa nimmt seinen Anfang mit der uneingeschränkten Vorbereitung dieses Krieges nach der Übertragung der staatlichen Macht an jene Kräfte, die den reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Kräften des Finanzkapitals höchste Profite sichern sollten. Nach seiner Zerschlagung durch den konsequenten Kampf der friedliebenden Völker der Welt und die Armeen ihrer Staaten wurde jener Tag, an dem sich der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Europa jährt, der 1. September, zum Weltfriedenstag erklärt - nicht nur als Mahnung, sondern ebenso als Aufgabe der Überlebenden wie künftiger Generationen, nie wieder Krieg zuzulassen.
Generationen junger Deutscher in dem dieser Tradition verpflichteten Staat, der DDR, erinnern sich dieses Tages ebenso als Beginn eines ganz persönlich neuen Lebensabschnittes - alljährlich wurden am 1. September die "ABC-Schützen" eingeschult - und ebenso alljährlich wurde auch aus diesem Anlass an das schreckliche Geschehen erinnert, das im Jahr 1939 einen furchtbaren Höhepunkt markiert: Kriegsbeginn. In den heute "alte Länder" genannten Teilen unserer Bundesrepublik bedurfte es energischen gewerkschaftlichen Handelns, bevor auf dem Bundeskongress des DGB 1966 ein Antrag angenommen wurde "…alles Erdenkliche zu unternehmen, damit des 1. September in würdiger Form als eines Tages des Bekenntnisses für den Frieden und gegen den Krieg gedacht wird."

Nach der Machtübertragung 1933 richtete sich der Terror zuerst gegen die konsequentesten Gegner des neuen Regimes: gegen die organisierte Arbeiterbewegung, gegen ihre Parteien und Gewerkschaften. Das wird gegenwärtig in vielen Darstellungen über dieses Datum schlicht unterschlagen, gegen WEN sich diese ersten Aktionen richteten. Dieser Terror nach innen war zugleich das erste Zeichen des Staatsapparates an die Hintermänner, Versprochenes einzuhalten und rigoros umzusetzen. Wenn bereits am 14. September 1933 Carl Krauch in einer Denkschrift der IG Farben ein Produktionsprogramm für synthetische Treibstoffe vorlegte, so wird auch deutlich, was sich hinter dem Begriff "Hintermänner" - ja, zu diesem Zeitpunkt darf man wohl noch sagen: verbirgt.
In seinem Begleitschreiben an Erhard Milch, zu diesem Zeitpunkt bereits Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium Görings und Generalinspekteur der Luftwaffe, heißt es: "Um auf ein fest umrissenes Produktionsprogramm zu kommen, ist in der Abhandlung für die Ausweitung der Fabrikation ein 4-Jahresplan zugrunde gelegt. …Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dieser Abhandlung grundlegende Unterlagen für eine Ausweitung der deutschen Treibstoffwirtschaft gegeben habe."
Nur wenig später, im Jahr 1934 formuliert Karl Becker, seinerzeit Entwicklungschef des Heereswaffenamtes: "Ein erheblicher wehrtechnischer Vorsprung kann eine entschlossene Staatsführung dazu bringen, einen an sich unvermeidlichen Kampf frühzeitig unter wehrtechnisch möglichst günstigen Bedingungen zu beginnen, statt zu warten, bis der Gegner den Vorsprung eingeholt hat." Die enge Verbindung der Chefs der IG Farben AG zu der Gruppe um Göring und Milch wie auch zu den unterschiedlichen anderen Gruppierungen der politischen Führung im faschistischen Deutschland zieht sich wie ein roter Faden durch die folgenden Jahre und ist sehr ausführlich in der historischen Literatur dokumentiert. Hier sei nur auf die grundlegenden Werke "Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft" von Dietrich Eichholtz sowie die dort angegebene umfangreiche andere Literatur, das "Wollheim-Memorial" (www.wollheim.memorial.de) oder das Werk von Adam Tooze "Ökonomie der Zerstörung" verwiesen. Sie alle belegen die absolute Übereinstimmung der Vertreter der großen Konzerne mit der militärischen Zielrichtung, über einen zu erarbeitenden "wehrtechnischen Vorsprung" die Voraussetzungen der Fähigkeiten eines Angriffskrieges zu schaffen und weitestmöglich auszubauen.
Hier können nur ein paar weitere Daten angeführt werden, die auf den angegebenen Quellen aufbauen: Ab 1935 steuerte Krauch als Leiter der "Vermittlungsstelle W[ehrmacht]" die Zusammenarbeit zwischen dem Konzern und den Reichsbehörden, ein Jahr später beauftragte ihn Göring mit der Leitung der "Abteilung für Forschung und Entwicklung im Amt für Deutsche Roh- und Werkstoffe". Krauch behielt neben dieser Tätigkeit alle seine I.G.-Ämter inne und wurde so zu einer "Schlüsselfigur der Verflechtung von NS-Staat und IG Farben".
1937 trat Carl Krauch der NSDAP bei und wurde Senator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. 1938 wurde er zum "Wehrwirtschaftsführer" und "Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung beim Beauftragten des Führers für den Vierjahresplan" (G.B.Chem.) ernannt.
In dieser Funktion trat Carl Krauch auch im vorpommerschen Peenemünde auf, das er im Sommer 1943 besuchte.
Überhaupt gaben sich im Jahr 1943 die führenden Repräsentanten des faschistischen Systems in Peenemünde buchstäblich die berühmte Klinke in die Hand. Vom 10. bis 12. März waren es die Vertreter des Sonderausschusses A 4 Direktor Degenkolb, auch bekannt als "Diktator der Lokindustrie", die Professoren Hettlage (seit 1938 im Vorstand der Commerzbank und Leiter der Finanz- und Wirtschaftsabteilung im Ministerium für Bewaffnung und Munition) und Petersen (Wehrwirtschaftsführer und seit 1928 Generaldirektor des AEG-Konzerns), Heinz Kunze als Stellvertreter Degenkolbs, die sich hier informierten. Zwei Monate später war es dann der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz und Gauleiter der NSDAP in Thüringen, Fritz Sauckel mit Gefolge, den u.a. ein Raketenversuch so beeindruckte, "daß er Unterstützung in der Personalfrage zusagte." In lakonischer Kürze heißt es dazu: " Der Bedarf wurde ihm angegeben."
Am 26. Mai kamen dann Reichsminister Speer, Feldmarschall Milch, Generaloberst Fromm, Großadmiral Dönitz "und zahlreiche Begleitung", die anlässlich der von Prof. Petersen (AEG) geleiteten "Kommission Fernschießen" in Peenemünde weilten. Zum Ablauf heißt es: "Besichtigung von Prüfstand 7, Vorführung eines Ofenbrennversuches. Abschuß eines A4-Gerätes, der programmgemäß verlief, aber nicht gut zu beobachten war. Vorträge im Kasino durch Oberst Dornberger über Einsatz und Dr. v. Braun über die Konstruktion des Gerätes A4 und des neuen Projektes Wasserfall." Walter Dornberger als Gastgeber schildert seine Gespräche mit Speer wie eine Begegnung mit dessen Stellvertreter Saur, der sich vom Peenemünder Projekt außerordentlich begeistert zeigte: "'Das habe ich gar nicht gewußt und geahnt, daß sie schon so weit sind. Ich sehe ein, daß das Gerät nun doch zum Einsatz kommen wird. Sie haben mich überzeugt. Von nun an haben sie mich hundertprozentig hinter sich. Ich werde Ihnen helfen, wo ich kann. Kommen Sie mit Ihren Wünschen zu mir, allein oder mit Degenkolb. ' Und Saur hielt tatsächlich Wort."
Am 24.6. 1943 vermerkte der Verantwortliche Leiter für den Bau des "Versuchsserienwerkes"
Ministerialrat Godomar Schubert in seinem Kriegstagebuch: "Besuch des HAP (damals "Heimatartilleriepark Peenemünde" als militärischer Tarnname) durch Staatssekretär Körner, Prof. Krauch, Prof. Müller (Krupp) u.a. VW/L (G. Schubert-H.K) war nicht beteiligt. Besichtigt wurden beim V[ersuchs][Serien]W[erk] nur JW und F1".
Doch es gibt Dokumente, die Aufschluss über die Ergebnisse des Besuches geben.
So verfasste Krauch kurz nach seinem Aufenthalt drei wichtige Aktennotizen, in denen er sich sehr deutlich über den militärischen Nutzen der Großrakete Aggregat 4, die später als Vergeltungswaffe bezeichnet wurde, äußerte. Nach einem Gespräch mit Staatssekretär Schieber, Chef des Rüstungslieferungsamtes im Rüstungsministerium, am 29.6.43 notierte er: "Der allgemeine Eindruck ist, daß z.Zt. bei der Raketenentwicklung die Schaffung eines kriegsentscheidenden Angriffsmittels im Vordergrund steht. Angesichts der derzeitigen Lufteinwirkung der Gegner auf die Verbündeten drängt sich die Frage auf, ob man mit diesem Vorwärtstreiben der Angriffsraketenentwicklung auf dem richtigen Weg ist. Der Luftkrieg gegen unsere Bevölkerungszentren ist z.Zt. das einzig wirksame Kriegsmittel der Gegner. Es wird an moralischer und materieller Wirkung weiter zunehmen, denn die bisherigen Luftabwehrmittel sind offenkundig unzureichend. Die Verfechter der raschen Entwicklung der Luftangriffsmittel, d.h. also des Gegenterrors gehen nun davon aus, daß der Angriff die wirksamste Verteidigung sei und daß unsere Gegenwirkung mit der Rakete in England zu einer Verminderung der Luftangriffe gegen das Reich führen müsse. Selbst unter der Voraussetzung, die bisher nicht erfüllt ist, daß die Großfernrakete in unbegrenztem Maße eingesetzt werden könnte und dann wirklich Zerstörungen größten Ausmaßes ermöglicht würden, erscheint dieser Schluß nach den bisherigen Erfahrungen abwegig. Im Gegenteil, selbst die bisherigen Gegner des Luftterrors gegen die deutsche Bevölkerung in England werden nach unseren Raketenangriffen, die ohne Opfer und Risiko ihre Städte verwüsten, den britischen Terror, der immerhin mit einigem persönlichen Einsatz erkauft ist, als die weniger unfaire Form des Krieges betrachten und daher werden gerade die von ihrer Regierung eine äußerste Steigerung des Luftterrors gegen unsere Bevölkerungszentren fordern, dem wir nach wie vor fast schutzlos preisgegeben sind." Das Dokument ist schon von Dietrich Eichholtz ausgewertet worden, hier nur eine Bemerkung dazu: Diese Einschätzung Krauchs über die Wirksamkeit der "Vergeltungswaffe" erfolgt mehr als ein Jahr VOR ihrem ersten militärischen Einsatz am 8. September 1944 gegen London!
Wichtig erscheint mir aber, dass Krauch am 29. Juni auch zugleich eine andere Lösung parat hatte: "Wird dagegen zunächst unsere Luftverteidigung durch die Luftraketenentwicklung wirksam verbessert, so wird zweierlei auf einmal erreicht:
1.) der feindliche Terror wird seiner Wirkung auf einen Schlag beraubt. Der Gegner wird gezwungen, wenn er eine Kriegsentscheidung herbeiführen will, uns zu Lande anzugreifen,
2.) der eigene Luftterror (ohne Risiko!) wird gegen die feindliche Lufteinwirkung abgeschirmt und gesichert. Seine moralische Wirkung umsomehr erhöht, je weniger der Gegner Vergeltung üben kann. Damit erhält der eigene Luftterror vielleicht dann doch eine kriegsentscheidende Bedeutung, weil die sicher im Anschluß an unseren ersten Einsatz kurzfristig auch von dem Gegner entwickelte Angriffsraketenwaffe von England aus das Reich und von Afrika aus Italien eben nicht erreichen kann.
Diese Überlegungen sprechen für ein weiteres starkes Forcieren der gesamten Raketenentwicklung, insonderheit und vorweg jedoch der Luftabwehrmittel, des Gerätes C 2 ‚Wasserfall': Ihr Einsatz muß schlagartig in größten Massen erfolgen, die Wirkung muß so vernichtend und lähmend sein, daß auch die konzentrierten Angriffe auf die Produktionsstätten der Raketenwaffen (die im übrigen im Osten aufzubauen und sehr stark zu dislocieren sind) den Einsatz dieses Kriegsmittels nicht mehr wesentlich beeinträchtigen können." Dazu ist festzustellen, dass die Fla-Rakete "Wasserfall" eine Entwicklung der Luftwaffe war, also unter der Ägide Görings und wohl vor allem seines Staatssekretärs Milch stand, während die Rakete A4 eine Heeresentwicklung war. Doch beide Entwicklungen vollzogen sich in Peenemünde unter der Regie Wernher von Brauns. Bei genauerem Lesen fällt dann noch auf, wie völlig ungeniert hier über den Charakter der Waffen als Terrorinstrumente gegen die Zivilbevölkerung geschrieben wird - das sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die in Peenemünde noch immer eine "Wiege der Weltraumfahrt" sehen (wollen). Und Krauch macht sich auch sofort Gedanken über die Lösung der Treibstofffrage für dieses Gerät. Am gleichen Tag heißt es: "Die kriegsentscheidende Bedeutung der R-Geräte, insbesondere der Flakrakete C 2 verlangt eine straffe und einheitliche Führung des gesamten R-Programms in Zielsetzung, Entwicklung, industrieller Fertigung der Geräte, Bereitstellung der Rohstoffe bzw. Treibmittel mit dem Ziel, baldigst zu einem Massenausstoß besonders an C 2 zu kommen." Dazu gehöre die Vergabe der höchsten Dringlichkeitsstufe DE für das Programm bzw. Programmteile. Weiter schlägt Krauch vor: "Treibmittel und sonstige chemische Rohstoff-Fragen GB-Chemie, der auf Zusammenarbeit mit OKW-Rohstoffabteilung angewiesen wird." Mit nur "ganz geringen Investierungen" ließen sich die Produktionskapazitäten für Visole, die neben Hokosäure als Treibstoff benötigt wurden, in Ludwigshafen errichten, "die Restmengen von rd. 2 200 moto müssen z.B. in Auschwitz neu erstellt werden. Die Entwicklung auf Ersatz der Visole durch andere organische vorhandene Verbindungen muß vorangetrieben werden."
Das Bild der Besuche in Peenemünde rundet sich dann passend ab: Ende Juni traf Heinrich Himmler zu einer zweitägigen Visite ein. " Es wurden 2 Abschüsse vorgeführt", heißt es dazu im Kriegstagebuch von Godomar Schubert, gemeint waren zwei Versuchsstarts der Rakete, was aus diesem Anlass wohl ergänzt werden sollte.

Doch noch einen kurzen Blick zurück auf den Besuch des G.B. Chem. Krauch, der Nachwirkungen zeigte.
Das Dokument mit der Archivnummer 110/12 g des HAP Peenemünde als Laborsonderbericht vom 17.2.1944 ist über das Internet bei http://www.fischer-tropsch.org zugänglich. Dort wird auf die direkte Verbindung eines Chemielabors einer militärischen Einrichtung (des Heeres) zum IG Farben-Konzern wie auf den Besuch Krauchs in Peenemünde Bezug genommen:
"Der Übergang von Hokosäure auf 10% ige Mischsäure (M-Stoff 10) als Sauerstoffträger beim Gerät ‚Wasserfall' machte es nötig, neue Brennstoffgemische zu entwickeln, da die bisher gegen Hokosäure benützten Gemische von Visolen + Anilin gegen M-Stoff nicht befriedigend zündeten. Im Juli v.J. wurde von Seiten des G.B. Chem auf das sogenannte Brenzöl hingewiesen, das sich voraussichtlich zur Erhöhung der Zündwilligkeit von Visolstoffen gut eignen würde und in ausreichender Menge zur Verfügung stünde. In einem Brief des Herrn Prof. Lutz an Herrn Dir. Dr. Reppe von der I.G. Farbenindustrie Ludwigshafen (Bb. Nr. E 1087/43 g K) wurden einige Vorversuche mit reinem Brenzkatechin, dem Hauptbestandteil des Brenzöles, im Gemisch mit Visol und Spiritus mitgeteilt und die Vereinbarung festgehalten, daß die Bearbeitung dieser Brennstoffe dem HAP 11 vorbehalten ist. Die Versuche beim HAP 11, TD 3931 Chemielabor, laufen seit dem 1.8.1943."
Weitere Dokumente zeigen die Zusammenarbeit von Peenemünde und Ludwigshafen bei - von Krauch geforderten - Entwicklungen zum Ersatz von Visolen. Kopien der als "Geheime Kommandosache" deklarierten Dokumentationen vom 20.10 1943 über "den Ersatz des Visol 6 roh durch andere Brennstoffe" gingen an die Peenemünder Chemiker des Entwicklungswerkes.
Ziel dieser von Krauch deutlich überschätzten Waffenentwicklung war, wie er festgehalten hatte,
die Sicherung der Lufthoheit, damit die Vermeidung von Produktionsverlagerungen. Doch die Rakete "Wasserfall" war noch weit weg von ihrer Einsatzfähigkeit, kam letzten Endes nicht über das Erprobungsstadium hinaus.

Das Jahr 1943 brachte für Peenemünde nach der Operation "Hydra", der Bombardierung in der Nacht vom 17. zum 18. August, die Verlagerung der Produktion in die unterirdischen Stollen der WiFo-Anlage im Kohnsteinmassiv. Hier wuchs zusammen, was zusammen gehörte: Industrielle Herstellung neuester Waffen und anderer Kriegsmaterialien ließen Profite explodieren für eine brutale Unterdrückung anderer Völker, produziert durch Sklavenarbeiter vieler Nationen. Hier wurde - nach der Befreiung - die Spitze jenes Eisberges sichtbar, der bis in die Büros der IG Farben, an den Strand von Peenemünde, in die zentralen Entscheidungsstellen in Berlin und anderswo reichte, hier zeigte der Faschismus sein wahres Gesicht - und es offenbarten sich zugleich die dahinter stehenden Strukturen. Das alles ist amtlich dokumentiert: In den Materialien Nürnberger Prozesse, sowohl gegen die Hauptkriegsverbrecher wie vor allem auch in den sog. Nachfolgeprozessen.
Diese Dokumente zeigen in aller Eindringlichkeit wie Schrecklichkeit, welch eine Befreiung auch des deutschen Volkes es tatsächlich war, die sich im Jahre 1945 nach der bedingungslosen Kapitulation des deutschen Faschismus tatsächlich vollzog. Über die Schwierigkeiten und die sehr differenzierten Wahrnehmungen dieser Befreiung und wie schwer es vielen Menschen lange fiel, Befreiung in den Kontext des 8. Mai 1945 mitzudenken hat sich u.a. Kurt Pätzold ausführlich geäußert. Doch entschieden zu lange dauerte es, bis das Staatsoberhaupt Bundespräsident Richard von Weizsäcker erst 1985 dieses Ende des Zweiten Weltkrieges als Befreiung bezeichnete - und selbst dieses späte Wort blieb nicht ohne stimmgewaltige Entrüstung.
Für eine Vielzahl anders sozialisierter Bürger der nun existierenden Bundesrepublik war diese Form des Bekenntnisses gegen Faschismus und Krieg, für Frieden und Völkerverständigung - und hier schließt sich der Bogen - ein fester Bestandteil ihrer Erziehung. Das Recht auf Frieden und seine Verteidigung als grundlegendes Menschenrecht zu begreifen, war Anliegen dieser Erziehung. Sie begann, so war es festgelegt, in einem einheitlichen Bildungssystem, in dem Eltern, Schule und alle Einrichtungen gemeinsam Verantwortung trugen. Der Friedensgedanke war integrativer Bestandteil aller Lebensbereiche - seinen Beginn hatte er im antifaschistischen Kampf - und der schloss den Kampf gegen Monopolherrschaft mit ein. Die Erkenntnis, dass sich solch Mördertum nie wieder etablieren können darf, trug die Maßnahmen, die der Zerstörung seiner ökonomischen Grundlagen dienten, es entstand Volkseigentum, dessen sich dann wieder alte Besitzer erneut bemächtigen durften - mehr als 40 Jahre später. Nur wenn er seiner ökonomischen Basis verlustig ging, konnte dem Faschismus seine Existenzgrundlagen genommen werden. Frieden erforderte die Zerschlagung dieser Basis - und die war, jetzt komme ich abschließend auf Horkheimer zurück, in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen begründet. Wer vom Kapitalismus nicht reden will, solle vom Faschismus schweigen. Darum oben die so eng mit dem Weltfriedenstag verbundenen Darlegungen über die IG Farben, über Peenemünde und seine damaligen Besucher.
Heute kommt es darauf an, dieses Wissen zu erhalten, zu vertiefen und vor allem - zu verbreiten. Historisches Interesse, obwohl so oft geschmäht, ist vorhanden, und es wird bedient, wie die "Quoten" der Sendungen von Guido Knopp ja nachweisen. Solchen Leuten nicht das Feld zu überlassen, bleibt momentan eine wichtige Aufgabe - das Ringen um die Deutungshoheit wird wohl noch viele Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Gerade in diesen Zeiten ist es darum so enorm wichtig, symbolhafte Tage besonders herauszustellen und zu würdigen: Der Weltfriedenstag gehört zweifelsfrei zu ihnen.

Anmerkung: Der Artikel entstand auf Grundlage von Hinweisen, aber auch der Überlassung wichtiger Dokumente durch Dr. Janis Schmelzer. Ihm sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

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