Die Berliner Freunde der Völker Rußlands e.V. und die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. veranstalteten am 22. Juni 2011 mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V. und dem Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin
ein Kolloquium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.
Historiker aus Rußland, Belarus, USA und aus Deutschland haben auf der mit mehr als 130 Teilnehmern gut besuchten wissenschaftlichen Veranstaltung Referate gehalten.
Wir werden in loser Folge einen ausführlichen Tagungsbericht, die an die Veranstaltung gerichteten Grußworte und die Referate der Historiker auf unserer Website veröffentlichen. Außerdem werden wir jene Texte ins Netz stellen, die als Referate bei der Leitung des Kolloquiums eingereicht wurden, aber aus Zeitmangel nicht mehr vorgetragen werden konnten.


Werner G. Fischer: Zur Auseinandersetzung mit dem faschistischem deutschen Überfall auf die Sowjetunion seit 2001


Ich möchte mich bei der Darstellung der Erforschung, der Verbreitung und der Auswirkungen des faschistischen deutschen Überfalls auf die Sowjetunion auf die letzten 10 Jahre beschränken. Für die Zeit vorher verweise ich auf den Forschungsbericht von Rolf-Dieter Müller und Gerd R. Ueberschär „Hitlers Krieg im Osten 1941-1945“ aus dem Jahr 2000.1 Dieser Forschungsbericht kommt zwar zum Schluss, dass die Arbeiten der Historiker der Sowjetunion, der Osteuropäischen Länder bis 1990 und auch danach vor allem unter dem Einfluss des Marxismus-Leninismus „für die Erforschung der historischen Wahrheit wertlos“ seien. Im Einzelnen können die Autoren aber weder an den Quellenpublikationen noch an speziellen Forschungsergebnissen etwa der DDR-Historiker vorbeigehen. Eine weitere wichtige Veröffentlichung, die im Zuge der Auseinandersetzung mit der Wehrmachtsausstellung erschien, ist das Buch von Wolfram Wette „Die Wehrmacht“ aus dem Jahr 2002.2 Es enthält u.a. neben einer Darstellung der „Feindbilder Russland, Sowjetunion und Bolschewismus“ und über „Wehrmacht und Judenmorde“ eine tiefgreifende Darstellung über die Entstehung der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und der Auseinandersetzung mit ihr bis zum Jahr 2001.

Generell kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass der faschistische deutsche Überfall auf die Sowjetunion und der Krieg gegen die Sowjetunion in den letzten 10 Jahren keine bedeutende Rolle in der Wissenschaft und der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik mehr spielt, besonders seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts. Deutlich wird dies auch, dass es neben unserem Kolloquium nur noch zwei weitere kleine Konferenzen gab (Seelow und Köln). Die großen wissenschaftlichen Institutionen (Institut für Zeitgeschichte München, Militärgeschichtliches Forschungsamt und die von ihnen getragenen Forschungskommissionen) oder Universitäten übergehen das Datum mit Schweigen. In den bundesdeutschen Verlagen sind, soweit sich dies ermitteln ließ, in diesem Jahr lediglich zwei Neuerscheinungen3 und einige Neuauflagen aus dem vorhergehenden Jahrzehnt zu dem Thema erschienen bzw. werden erscheinen. Kaum eine der russischen Veröffentlichungen der letzten Jahre, darunter auch keiner der wichtigen Dokumentenbände, wurde übersetzt, bzw. von der Mehrheit der deutschen Wissenschaftlern und Publizisten überhaupt zur Kenntnis genommen. Der schon zitierte Rolf–Dieter Müller, Leiter der Abteilung „Zeitalter der Weltkriege“ im MGFA Potsdam, schreibt, dass die Öffnung der russischen Archive Anfang der neunziger Jahre viele Hoffnungen geweckt hätten. Sensationelle Entdeckungen blieben aus, die wichtigsten Enthüllungen seien nur eine Bestätigung des im Westen vorhandenen Wissens. Eine wirkliche Überraschung sei dagegen die Entwicklung einer nationalen Geschichtsforschung in den baltischen Staaten, Polens und der Ukraine. Man müsse sich fragen, ob „wir uns nicht allzu einseitige Betrachtung des deutsch-sowjetischen Krieges geleistet haben.“4 Es wird noch darauf zurückzukommen sein.

Das heißt natürlich nicht, dass in den letzten 10 Jahren keine wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten über den Krieg gegen die Sowjetunion geführt wurden. Im Mittelpunkt stand weiterhin die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht, in Fortführung der Auseinandersetzung über die Wehrmachtsausstellung von 1995-1999 (900 000 Besucher) und deren Neukonzeption unter dem Titel „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“ vom 27. November 2001 bis zum 31. März 2004 in 11 Orten gezeigt (ca. 400 000 Besucher) und danach im Deutschen Historischen Museum Berlin eingelagert. Parallel zur zweiten Ausstellung gab es eine Vielzahl von Forschungsprojekten, darunter eines des Instituts für Zeitgeschichte München zur Wehrmacht. Man könnte den Spieß nun umdrehen und den Vorwurf erheben, dass diese Forschungen nichts wesentlich neues gebracht hätten, sondern die These vom „Raub- und Vernichtungskrieg“ eigentlich nur weiter illustriert hätten. Das soll hier nicht geschehen. In den Arbeiten, die sich mit dem Krieg gegen die Sowjetunion beschäftigen, wird herausgearbeitet, dass alle Institutionen des faschistischen Deutschlands, also Wehrmacht, SS, Polizei, zivile Besatzungsverwaltung und ihre Kollaborateure an der Vernichtung der Juden, am Mord an den sowjetischen Kriegsgefangenen und am Hungertod von Teilen der zivilen Bevölkerung im besetzten Teil der Sowjetunion beteiligt waren. Dies wird detailliert für die baltischen Gebiete, für Weißrussland und die Ukraine nachgewiesen.5 Spezielle Studien betreffen die führenden Militärs (Halder, Wagner), die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen, der Armeen und die Befehlshaber der rückwärtigen Heeresgebiete).6 Eine Arbeit von Jörg Ganzenmüller über das belagerte Leningrad, unterscheidet sich von den meisten anderen Studien dadurch, dass sie auch die sowjetische Seite, also Führung und Bevölkerung in Leningrad, in die Darstellung einbezieht.7 Als ein Hauptstreitpunkt hat sich in der Debatte herausgeschält, ob die verbrecherischen Maßnahmen von vornherein im Einsatz der Wehrmacht gegen die Sowjetunion intentiert sind (Intentionalisten) oder ob sich die Kriegführung und Besatzungsherrschaft unter dem Eindruck der Umstände radikalisiert habe (Situationisten). Für die letzte Annahme steht u.a. die Arbeit von Klaus Jochen Arnold.8 Die Berliner Gesellschaft hat sich mit Arnold dazu auseinandergesetzt (siehe Internetseite der Berliner Gesellschaft). Mit der Krim beschäftigen sich eine Studie über die deutsche Herrschaft dort und zwei Biographien Mansteins9. Besonders hervorgehoben werden soll eine Studie über den Kommissarbefehl. Der Autor Felix Römer argumentiert, dass der Kommissarbefehl zu einem Befehlskomplex gehörte, der bereits vor dem Überfall auf die Sowjetunion den bevorstehenden Krieg planmäßig in einen ideologisierten Vernichtungskampf transformierte.10 Römer weist akribisch nach, dass entgegen der immer wieder gebrauchten Legende, die Mehrheit der Kommandeure und Befehlshaber habe den Befehl ignoriert, mindestens 80 Prozent aller im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzten Divisionen den Befehl umgesetzt haben und ihm Tausende sowjetischer Soldaten und Zivilisten zum Opfer fielen. Römer kommt zum Schluss, dass etwa 10 000 Politkommissare von der Wehrmacht jeweils etwa zur Hälfte im Frontbereich und im rückwärtigem Heeresgebiet bzw. den Dulags exekutiert wurden. Er verweist auf ein Phänomen, dass mir bisher nicht bewusst war und m. E. verdient hervorgehoben zu werden: die relativ geringe Anzahl der 1941 in deutsche Gefangenschaft geratenen sowjetischen Offiziere. Bei den etwa 3, 5 Millionen Gefangenen bis Frühjahr 1942 habe es nur 16 000 Offiziere gegeben, ohne die Politoffiziere. Die Offiziere und Politkommissare hätten entweder bis zu ihrem Tode gekämpft oder sich der Gefangenschaft weitgehend entzogen.11

Die Auseinandersetzung um die Präventivkriegsthese wurde, wenn auch sehr verhalten, auch im letzten Jahrzehnt weitergeführt. Die überwiegende Mehrheit der bundesdeutschen Historiker lehnt sie, gestützt auf die quellengesättigten Forschungen, rigoros ab. Die Revisionisten und die offen rechtsradikalen Kreise halten zäh an ihnen fest und haben in der bundesdeutschen Öffentlichkeit und nicht nur über den Stammtischen, durch zahlreiche Neuauflagen der Bücher etwa von Viktor Suworow, von Werner Maser u.a. Revisionisten eine gewisse Hoheit. Vor allem in Internetforen gibt es eine nicht geringe Anhängerschar dieser These, offensichtlich vor allem unter Jugendlichen.

Eine neue Variante der alten Diskussionen bietet der Deutsch-Pole Bogdan Musial in seinem Buch „Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen“12. Musial, einer der heftigsten Gegner der ersten Wehrmachtsausstellung, breitet eine besondere Variante der Totalitarismus-Doktrin aus, indem er behauptet, dass die „bolschewistische Führung“ der Sowjetunion bereits in den zwanziger Jahren, aber verstärkt in den dreißiger Jahren den Angriff auf Deutschland und auf Polen vorbereitet habe und zwar als „Vernichtungskrieg“. 1940 und 1941 habe es konkrete Kriegsvorbereitungen Stalins und der sowjetischen Führung gegen Deutschland gegeben, einen Termin für einen geplanten sowjetischen Angriff will er nicht nennen. Da aber Hitler diese Kriegsvorbereitungen nicht erkannt habe, sei der deutsche Angriff auf die Sowjetunion eben kein Präventivkrieg. Das Hauptanliegen Musials ist aber, die sowjetische Politik gegenüber Polen, dem Baltikum, der Ukraine und auch gegenüber Deutschland sowohl vor 1941 als auch ab 1944 als Okkupationspolitik zu denunzieren, die praktisch bis zum Ende der Sowjetunion andauerte. Wenn ihm auch viele Mainstream-Historiker der Bundesrepublik in seiner Argumentation zum immer geplanten Angriffskrieg der Sowjetunion auf Deutschland nicht folgen wollen (das ist manchen doch zu abstrus), so treffen sie sich doch in der Totalitarismus-Doktrin. Daher sind seine Studien zum Partisanenkrieg im Gebiet des heutigen westlichen Belarus und im Gebiet Bialystok sehr willkommen.13 Der sowjetische Partisanenkrieg ist ein Gebiet, auf dem man die Totalitarismus-Doktrin gut anwenden kann, nachdem einerseits die sowjetischen Partisanen nicht mehr einfach als kriminelle Banden dargestellt werden können, wie es jahrzehntelang in der Bundesrepublik geschah. Andererseits wollen einige bundesdeutsche Historiker das weiterhin in Russland, in Belarus und auch z.T. in der Ukraine vorhandene Gedächtnis an die Partisanen als Teil des „Volkskrieges gegen die Okkupanten“ erschüttern. Dies erklärt Bogdan Musial in seinem Buch „Sowjetische Partisanen 1941-1944.Mythos und Wirklichkeit“ ausdrücklich als sein Ziel.14 Ähnliche Anliegen verfolgten u.a. Bernhard Chiari und Alexander Brakel.15

Ein weiterer Schwerpunkt, bei dem sich unterschiedliche Zielsetzungen zeigen, ist das Thema „Kollaboration mit den Besatzern“. Über die Ursachen der umfangreichen Kollaboration besonders im Baltikum und in der Ukraine, z.T. auf der Krim und unter turkstämmigen Völkern in der Sowjetunion gibt es sehr unterschiedliche Annahmen. Einerseits wird für die Gebiete, die erst seit 1939 der Sowjetunion eingegliedert wurden, ein „nationaler Kampf gegen sowjetische Besatzung“ konstatiert. Auf der anderen Seite wird insbesondere bei den Kriegsgefangenen, die ohne Zweifel die Masse der „Hilfswilligen“ bzw. der „Ostverbände“ in der Wehrmacht bildeten, deren verzweifelte Lage im Winter 1941/42 durch Erschießungen, Hunger und Krankheiten, als wesentliche Ursache eingeräumt. Das Thema, welches gegenwärtig in der Debatte in Russland eine große Rolle spielt, kann hier nicht weiter verfolgt werden, es bedarf einer eigenen Untersuchung.

Das Thema „Ziele, Planung und Durchführung des Krieges Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion“ spielte im vergangenen Jahrzehnt nur eine nachgeordnete Rolle in der Geschichtsschreibung und in der öffentlichen Wahrnehmung. Es sei daran erinnert, dass der spezielle Band 4 zum Angriff auf die Sowjetunion in dem vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr herausgegebenen Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ bereits 1983 herausgekommen ist (1996 unverändert als Fischer-Taschenbuch erneut erschienen). Im letzten Jahrzehnt ist keine selbständige Arbeit über den Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945 erschienen. Dieser Krieg wurde nur in übergreifenden Werken zum Zweiten Weltkrieg insgesamt und in den weitgehend von der Totalitarismus-Doktrin geprägten Vergleichen zwischen Hitler und Stalin thematisiert. Eine sehr wichtige Rolle dabei spielt ohne Zweifel der Leitende Wissenschaftliche Direktor und Abteilungsleiter „Zeitalter der Weltkriege“ im MGFA Potsdam, Rolf-Dieter Müller, nebenamtlich Professor an der Humboldt-Universität. Müller war bereits 1983 bei der Erarbeitung des schon erwähnten Bandes 4 „Der Angriff auf die Sowjetunion“ dabei. Er leitete die Herausgabe der letzen drei Bände (eigentlich 5 mit 5210 Seiten insgesamt) der Reihe „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, die zwischen 2004 und 2008 herauskamen. Es kann hier keine ins Einzelne gehende Kritik an diesem als „Jahrhundertwerk“ gepriesenen Opus geübt werden, an dem zahlreiche Autoren beteiligt waren, aber auch zahlreiche Autoren aus unterschiedlichen Gründen ausschieden.16 Rolf-Dieter Müller hat auf dieser Grundlage die in der wissenschaftlichen Forschung als grundlegend angesehenen Zusammenfassungen „Der letzte deutsche Krieg 1939-1945“ und für die 10. Auflage von „Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte“ den Band 21 „Der Zweite Weltkrieg 1939- 1945“ verfasst.17 Aus diesen und den bereits früher genannten Werken und aus eigenen Worten in der Öffentlichkeit wird deutlich, dass Müller das Thema Krieg des faschistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion im wesentlichem für abgeschlossen hält. In einem Interview mit dem Spiegel (Heft 15/2008 vom 07.04.2008) erklärt er Hitler zur zentralen Figur, der die Entscheidungen weitgehend allein traf und seit 1933 den Krieg vorbereitete: „Die Perspektive auf Hitler als Person, als Motor des Ganzen, ist deutlicher und intensiver geworden. Sämtliche Erklärungen, die versucht haben, seine Rolle zu relativieren, sind widerlegt.“ Verbreitet sei auch eine bis in die Mitte der westdeutschen Gesellschaft reichende marxistische Deutung gewesen, die hinter Hitler den deutschen Imperialismus, das Großkapital als die eigentlichen Triebkräfte zu erkennen glaubte. Das sei nun eindeutig widerlegt. Hitlers Interventionen als Feldherr seien noch dilettantischer und seine strategischen Visionen noch abenteuerlicher gewesen als bislang angenommen gewesen. Er habe es aber geschafft, die deutsche Militärmaschine bis Mai 1945 am Laufen zu halten, obwohl ihm seit Dezember 1941 bewusst war, dass er den Krieg nicht gewinnen würde. In seinen Überblickswerken zum Zweiten Weltkrieg hatte Müller bereits den Krieg gegen die Sowjetunion zu „Hitlers eigentlichem Krieg“ mit seinen verbrecherischen Mitteln und Zielen erklärt. Niemand habe Hitler zu diesem Krieg gedrängt, es sei seine alleinige Entscheidung gewesen.18 Müller kommt zwar nicht umhin festzustellen, der deutsch-sowjetische Krieg habe im Zentrum des Zweiten Weltkrieges gestanden, „hier erstritt die Wehrmacht ihre größten Siege und erlitt ihre verheerendsten Niederlagen. Hier verlor die Wehrmacht ihren kurzen Ruhm und ihre Mitverantwortung für Massenmord und Vernichtungskrieg wurden am deutlichsten erkennbar“. Der Krieg gegen die Sowjetunion sei kein Präventivkrieg, sondern ein verbrecherischer Raub- und Eroberungskrieg gewesen.19 Obwohl Müller fordert, dass nach dem Ende der Sowjetunion die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Rußland als Nationalgeschichte nach wissenschaftlichen Standards neu geschrieben werden müsse, nimmt er von neuen Ergebnissen kaum Kenntnis, sondern verbreitet alte Legenden (so etwa von der Kenntnis Stalins von den Plänen des deutschen Überfalls, die er aber nicht berücksichtigt habe, oder von dem zeitweiligen Rückzug Stalins nach dem deutschen Überfall von der Führung). Er stellt fest, dass die Blitzkriegsstrategie bereits im Sommer 1941durch den heftigen Widerstand der Roten Armee in Frage gestellt war. Dann stellt er aber die Frage: Habe nicht die „erfolgreiche Strategie Großbritanniens den Verlauf des Krieges stärker beeinflusst als die perfide Politik Stalins?“20. Während er die Zahl der Opfer der Sowjetunion auf die totalitäre Politik Stalins und der Kommunisten und deren Verbrechen zurückführt, könne man sich jetzt aber auch unbefangener der deutschen Opferperspektive zuwenden.21 Müller spricht sich gegen Rücksichten auf nationalen Befindlichkeiten (offensichtlich in Russland) und für ein „Ende der Ära des Gedenkens und der kultivierten Geschichtsvermarktung“ als der notwendigen Voraussetzung für neue Chancen in der wissenschaftlichen Arbeit aus.22

In den letzten Jahren hat sich in der deutschen Geschichtswissenschaft und in der damit zusammenhängenden Publizistik die Tendenz verstärkt, der sowjetischen Seite, auch und gerade den Nachfolgestaaten Russland und der Republik Belarus den Begriff des „Großen Vaterländischen Krieges“ abzusprechen. Die Ziele und Mittel der Sowjetunion unter der Führung Stalins und der Kommunisten im Krieg 1941-1945 seien den faschistischen deutschen Zielen ähnlich gewesen, es sei um Herrschaft und um Expansion gegangen, von einem „vaterländischen“ Krieg könne keine Rede sein. Es scheint, als ob damit vor allem die Erinnerung an den Sieg in diesem Krieg getroffen werden soll.23 So kritisiert auch der Direktor des „Deutsch-russischen Museums“ in Karlshorst, Jörg Morré, dass insbesondere der russische Staat und die staatsnahe Öffentlichkeit sich mehr dem Sieg über das faschistische Deutschland widmen (so 2005 und 2010), als sich mit dem Beginn des Krieges 1941 und den individuellen Opfern zu beschäftigen.24 Morré kommt zum Schluss, dass eine Übereinstimmung beim Gedenken zwischen Russland und Deutschland nicht möglich sei, da über unterschiedliches gedacht werde. Höchstens ein „gemeinsames Gedenken über Gräbern“ sei möglich.

Die Individualisierung sowohl der Opfer als auch der Täter nimmt bei den Darstellungen über den Krieg gegen die Sowjetunion und im Besonderen beim Gedenken zu. Die Personen und ihr Handeln werden zunehmend aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgelöst. Das kommt dem Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen zu gute, aber gleichzeitig werden sie und die deutschen Kriegsgefangenen als Opfer des Totalitarismus auf die gleiche Ebene gehoben.

Von bundesdeutscher Seite wird sowohl Russland als auch den baltischen Ländern und der Ukraine beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg häufig der Vorwurf gemacht, dass nicht des Holocaust gedacht werde, also des spezifischen Gedenkens an die Ermordung der Juden. Bei den baltischen Staaten wird für die „nationalen Geschichtsschreibung“ nach 1990 dagegen zum Beispiel hervorgehoben, dass sie an der Seite der Wehrmacht durchaus einen nationalen Selbstbehauptungskampf geführt habe, doch müsse sie auch die Ermordung der Juden anerkennen. Eine ähnliche Strategie wird von den bundesdeutschen Vertretern auch in den Internationalen Historikerkommissionen in Lettland, Litauen und Estland verfolgt.25

Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Überfall des faschistischen Deutschen Reiches am 22. Juni 21941 und der Krieg gegen die Sowjetunion in der Überzahl der Darstellungen in der Bundesrepublik unter dem Gesichtspunkt der Totalitarismus-Doktrin behandelt wird. Damit werden Deutschland und die Sowjetunion im wesentlichen auf die gleiche Ebene gestellt und die Niederlage Deutschlands 1945 und das Ende der Sowjetunion gleichermaßen in der Geschichte gerechtfertigt angesehen.

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