Die Berliner Freunde der Völker Rußlands e.V. und die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. veranstalteten am 22. Juni 2011 mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V. und dem Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin
ein Kolloquium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.
Historiker aus Rußland, Belarus, USA und aus Deutschland haben auf der mit mehr als 130 Teilnehmern gut besuchten wissenschaftlichen Veranstaltung Referate gehalten.
Wir werden in loser Folge einen ausführlichen Tagungsbericht, die an die Veranstaltung gerichteten Grußworte und die Referate der Historiker auf unserer Website veröffentlichen. Außerdem werden wir jene Texte ins Netz stellen, die als Referate bei der Leitung des Kolloquiums eingereicht wurden, aber aus Zeitmangel nicht mehr vorgetragen werden konnten.


Martin Seckendorf: Imperialistischer Eroberungskrieg. Gedanken zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion


Am 22. Juni 1941 zwischen 3.00 und 3.30 Uhr fiel Deutschland ohne Kriegserklärung und angesichts eines seit 1939 bestehenden Nichtangriffsvertrages wortbrüchig über die Sowjetunion her. An der riesigen Front zwischen Eismeer und Schwarzem Meer entbrannten in den folgenden Jahren die größten und blutigsten Schlachten des Krieges, entschied sich das Schicksal vieler Staaten und Völker.
Die Naziführung maß dem Überfall ebenfalls diese Bedeutung bei. Hitler betonte am 9. Januar 1941 in einem Gespräch mit der Generalität, wenn der Überfall beginne, werde „Europa den Atem anhalten.“1 Am 3. Februar 1941 meinte er gar, „ die Welt“ werde bei Beginn des Angriffs „den Atem anhalten“.2 Die in Berlin erscheinende „Zeitschrift für Politik“ bewertete im Dezember 1941 rückblickend den Entschluß zum Überfall auf die Sowjetunion als die „Zentralentscheidung“ des gesamtem Krieges.3
Für den Überfall formierte Deutschland die größte Streitmacht der Weltgeschichte. Es wurden mehr als 70 Prozent des deutschen Heeres, darunter 19 der 20 vorhandenen Panzer- und alle 14 motorisierten Divisionen aufgeboten. Insgesamt waren am 22. Juni 1941 mehr als 3 Millionen Soldaten, 600000 Kraftfahrzeuge, etwa 3600 Panzer, mehr als 3900 Flugzeuge und 620000 Pferde bereitgestellt.4 Den deutschen Verbänden folgten starke finnische, slowakische, ungarische und rumänische Militärkontingente im Umfang von mehr als 600 000 Soldaten.
Die Hauptkräfte des deutschen Heeres waren in drei strategische Großverbände, Heeresgruppen genannt, gegliedert. Die Heeresgruppe Nord sollte in Richtung baltische Sowjetrepubliken gegen Leningrad vorgehen. Der stärkste Verband, die Heeresgruppe Mitte, hatte den Auftrag, in Richtung Minsk-Smolensk mit dem Endziel Moskau anzugreifen. Gegen die Ukraine mit den Etappenzielen Kiev und Rostow, dem Tor zum kaukasischen Ölgebiet, wurde die Heeresgruppe Süd angesetzt.


I

Mit dem Überfall begann der deutsche Imperialismus mit der Verwirklichung der von maßgebenden Kräften innerhalb der deutschen Eliten seit langem, eigentlich seit dem Ersten Weltkrieg, verfolgten Pläne zur Schaffung eines deutschen Ostimperiums5 und zur Vernichtung der Sowjetunion als staatliche Basis der kommunistischen Weltbewegung, die als latente Bedrohung aller bürgerlichen Regime empfunden worden war. Als der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker von den Plänen für den Überfall erfuhr, meinte er am 28. April 1941, es sei verlockend, dem kommunistischen System den Todesstoß zu geben, warnte aber vor den Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens.6 Am 28.Juli 1940 legte der Chef der Operationsabteilung der Seekriegsleitung, Konteradmiral Kurt Fricke dem OKW eine Denkschrift mit dem Titel „Betrachtungen über Rußland“ vor. Darin schrieb er u.a. „der Geist des Bolschewismus“ bedrohe Europa und müsse „in Bälde so oder so“ beseitigt werden.7
Für die militärische Realisierung ihrer weit gespannten Ostpläne entwickelte die deutsche Führung spätestens seit der Unterwerfung der Tschechoslowakei im März 1939 recht konkrete Vorstellungen. Dabei beschäftigte sie sich hauptsächlich mit zwei Problemen. Einmal ging es darum, eine ausreichend lange gemeinsame Landgrenze mit der Sowjetunion zu erreichen als geografische Grundvoraussetzung eines großen Krieges gegen die UdSSR. Zum anderen wollte man einen Zweifrontenkrieg vermeiden. Deshalb mußte die deutsche Haltung zu Großbritannien und Frankreich, festgelegt werden. Zusammengefaßt wurden diese Probleme auf einer Beratung Hitlers mit der militärischen Führung am 23. Mai 1939 erörtert.8 Die Konferenz war zugleich das Ergebnis der sich seit Oktober 1938 abzeichnenden dramatischen Veränderungen im deutsch-polnischen Verhältnis. Bis dahin hatten die Nazis auf der Grundlage des Nichtangriffsvertrages von 1934 versucht, Polen als Verbündeten für einen Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Als sich Polen weigerte, als Juniorpartner des Hitlerregimes aufzutreten, beschlossen die deutschen Führer, das „Problem“ gewaltsam zu lösen. Durch die Unterwerfung Polens sollte nicht nur der „Lebensraum“ nach Osten ausgedehnt, sondern auch eine lange Landgrenze zur Sowjetunion erreicht werden.9 Deshalb sei Polen, heißt es im Protokoll der Beratung vom 23. Mai 1939 „bei erster passender Gelegenheit anzugreifen“. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass es nicht nur um Polen, sondern auch um die Unterwerfung der baltischen Staaten geht. Damit wäre die lange gemeinsame Landgrenze mit der UdSSR geschaffen. Die Wehrmacht stünde wenige Kilometer vor Leningrad. Außerdem wurde bekräftigt, Großbritannien und Frankreich bei dem Überfall auf Polen „aus dem Spiel“ zu halten. Sollte dies nicht gelingen, wollte man Polen und die Westgegner gleichzeitig angreifen. Frankreich sowie die neutralen Staaten Holland und Belgien sollten besetzt und Großbritannien vom Festland vertrieben werden. Damit, mit der „Besetzung der Gegenküsten“, wäre das vereinigte Königreich nicht in der Lage, auf dem Kontinent zu kämpfen, man hätte bei einer „Weiterentwicklung im Osten“, wie Hitler im Oktober 1939 den vorgesehenen Überfall auf die Sowjetunion umschrieb, keinen Zweifrontenkrieg zu befürchten. Mitte August 1939 bekräftigte Hitler in einem Gespräch mit dem italienischen Außenminister Galeazzo Ciano den militärischen Stufenplan. Deutschland werde den „alten Germanenweg“ nach Osten beschreiten. Zu den Expansionsopfern gehörten Polen, die Ostseeanrainer und dann die UdSSR. Der große Marsch gegen Sowjetunion beginne mit einem Sieg über Polen und danach über den Westen.10
Von erheblicher Bedeutung für den Zeitpunkt, an dem die konkrete Entscheidung, der militärische Entschluß zum Angriff auf die SU getroffen wurde, war die Lage im Juni 1940.11.In einer Denkschrift an den Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, und den Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, vom 9. Oktober 1939 hatte Hitler gefordert, die vorgesehenen Operationen gegen Westeuropa müßten die militärische Ausschaltung der Westgegner in einem Ausmaß bringen, dass sie sich einer möglichen deutschen „Weiterentwicklung“ nach Osten nicht mehr entgegenstellen könnten.12 Gegenüber Großbritannien genüge es nach Meinung der deutschen Führung, die „europäischen Gegenküsten“ zu besetzen und das vereinigte Königreich militärisch „unter Druck“ zu halten. Man spekulierte lange Zeit darauf, mit Großbritannien zu einem Übereinkommen zu gelangen. Hasso von Etzdorf, Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Oberkommando des Heeres, informierte Generalstabschef Franz Halder über die Pläne der deutschen Führung: Man suche Kontakt zu Großbritannien, um mit dem Vereinigten Königreich zu einem Übereinkommen „ auf der Basis Teilung der Welt“ zu kommen13 Sein Vorgesetzter, Staatssekretär Erst von Weizsäcker, meinte zwei Tage später,: „Es wird darauf hinauskommen, dass wir den Engländern anbieten werden, mit einem blauen Auge sich vom europäischen Festland definitiv zu entfernen und dies uns zu überlassen.“14 Am 30. Juni 1940, als die militärischen Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion angelaufen waren, Großbritannien aber „hartnäckig“ blieb, notierte Halder in seinem Tagebuch, das Land werde „voraussichtlich noch einer Demonstration unserer militärischen Gewalt bedürfen, ehe es nachgibt und uns den Rücken frei läßt für den Osten.“15
Zwischen April und Juni 1940 hatte die Wehrmacht Norwegen, Dänemark, die Benelux-Staaten und Frankreich unterworfen sowie die britischen Truppen vom Festland vertrieben. Der „Blitzsieg“ der Wehrmacht in Westeuropa hatte vielfältige Auswirkungen. Zwei für unser Thema wichtige Folgen sollen angesprochen werden.
Die deutsche Führung glaubte, dass sie nach den Siegen in Westeuropa den Rücken frei habe, um die seit langem anvisierten Ziele im Osten in Angriff nehmen zu können.16 Großbritannien, das sich bisher allen Drohungen und Lockungen widersetzt hatte und mit den USA im Rücken weiterkämpfen wollte, sei, so das Kalkül der deutschen Führung, für längere Zeit unfähig, auf dem Festland militärisch aktiv zu werden und die USA könnten frühestens 1942 in den Krieg eingreifen. Bis dahin sollte die UdSSR unterworfen sein. „Die Entscheidung über die europäische Hegemonie“, so Hitler am 5. Dezember 1940, falle nicht im Mittelmeer oder in der Auseinandersetzung mit Großbritannien, sondern „im Kampf gegen Rußland.“17 Am 17.Dezember 1940 sagte er dem Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht(OKW),Alfred Jodl, noch 1941 müßten „alle kontinentaleuropäischen Probleme“ gelöst sein, da ab 1942 die „USA in der Lage wären, einzugreifen.“18 Die Deutschen wollten im Osten angreifen nicht, wie oft dargestellt, weil Britannien nicht einknickte,19 sondern obwohl Churchill weiter kämpfte. Ein Sieg über die UdSSR werde auch Großbritannien zur Unterwerfung zwingen. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop telegrafierte am 28. Juni 1941 an die deutsche Botschaft in Tokio, die Eroberung der UdSSR werde „den Sieg auch über England zur unwiderruflichen Tatsache machen“20
Vor allem führte der unerwartet schnelle Sieg im Westen zu einer gravierenden Überbewertung der eigenen militärischen Kräfte. 1940 galt die französische Armee als die stärkste militärische Kraft des Kontinents. Deutschland hatte sie und zusätzlich ein nominell starkes britisches Expeditionsheer sowie die Armeen Belgiens und der Niederlande binnen weniger Wochen besiegt. Der „Völkische Beobachter“ tönte am 25. Juni 1940 auf der Titelseite, die Unterwerfung Frankreichs werde „in die Geschichte eingehen als der glorreichste Sieg aller Zeiten.“ Die Wehrmacht sei jedem Gegner gewachsen, so die allgemeine, durch eine frenetische Propaganda gestärkte Auffassung. In den Richtlinien des Oberbefehlshabers des Heeres für die Erziehung der Soldaten vom 21. Februar 1941 heißt es u.a., „Führer und Mann“ sollen durchdrungen sein „von dem Vertrauen auf die Überlegenheit des deutschen Soldaten über jeden Gegner und den unbeirrbaren Glauben an den endgültigen Sieg.“21
Hinzu kam, dass die deutsche Generalität die sowjetischen Streitkräfte u.a wegen der Stalin´schen Säuberungen und der desaströsen Vorstellung der Roten Armee im finnisch-sowjetischen Winterkrieg1939/40 nicht ernst nahm. Die Rote Armee galt den Nazi-Führern als „tönerner Koloss ohne Kopf“. Sie verfüge „über keine Führer“ und sei „schlecht gerüstet“, so Hitler am 9. Januar 1941 vor der Generalität.22 „Die russische Wehrmacht“, erläuterte er am 5. Dezember 1940 vor den Generalen, „sei der deutschen rüstungsmäßig und personell, besonders in der Führung, unterlegen.“23 Immer wieder flossen in die militärischen Beurteilungen rassistische Wertungen über „die Slawen“ ein. Der „russische Mensch“ sei „unterwertig“, meinte Hitler in der o.g. Beratung am 5. Dezember 1940,24 die „Germanen“ ihm kulturell-zivilisatorisch und hinsichtlich der technisch-organisatorischen Fähigkeiten überlegen, so die allgemeine Auffassung im Offizierskorps. Diese geradezu „irrationale Unterschätzung der Sowjetunion und ihrer Menschen“25 war spätestens seit Ende 1937 gewissermaßen „Weisungslage“ im deutschen Militär. So sollte nach den Weisungen von Ende 1937 die CSR auch dann überfallen werden, wenn die UdSSR an Ihre Seite treten würde.26 Auch die Tuchacewski-Affäre und die großflächigen „Säuberungen“ in den sowjetischen Streitkräften hatten großen Einfluß auf die Beurteilung der Kampfkraft der Roten Armee. In der deutschen Führung entstand der Eindruck, die Rote Armee sei auf viele Jahre praktisch kampfunfähig gemacht worden.27
Gegen den Überfall auf die Sowjetunion gab es im Gegensatz zum Überfall auf Polen oder beim Krieg gegen Frankreich bei den sogenannten alten Eliten, vor allem im Militär, keine Opposition, sondern breite Zustimmung. Hermann Graml konstatierte, bei „Barbarossa“ blieben „selbst schwächliche und papierene Proteste der obersten (Militär-)Führung aus, mit Ausnahme von Admiral Canaris.“28 Manfred Messerschmidt stellte bei der deutschen Militärführung „das völlige Fehlen von Bedenken in der Vorbereitungsphase des Angriffs auf die Sowjetunion“ fest.29 Quellenmäßig kann die Position mancher Historiker nicht belegt werden, dass Widerspruch aus „Feigheit“ ausblieb. So meinte Kurt Pätzold über die Haltung der deutschen Militärs bei „Barbarossa“ in einer Rezension: „Da zeigt sich eine Generalität mit einem bornierten Bild von »Russland«, dem Regime, dem Land und den Leuten sowie der Roten Armee. Deutlich wird, wie feige oder einflussarm ihre Befehlshaber waren, um dem tödlichen und verbrecherischen Abenteuer zu widersprechen.“30 Die Quellen besagen, es gab bei den Absichten und Planungen für den Eroberungs- und antikommunistischen Vernichtungskrieg im deutschen höheren Offizierskorps nicht nur keine Opposition, sondern dienstbeflissene Mitwirkung aus Überzeugung. Und „einflußarm“ waren die Militärführer nicht. Gerade bei der Eroberung des Ostimperiums bis zum Ural und bei der Auslöschung des Kommunismus gab es seit den zwanziger Jahren die größte „Schnittmenge“. Jürgen Förster resümierte, die Wehrmacht habe die ideologischen Dogmen und die Pläne für einen Raubkrieg sowie für einen antikommunistischen und rassistischen Vernichtungskrieg in verbindliche Befehle umgesetzt.31 Rolf-Dieter Müller, dessen jüngste Arbeit32 Pätzold bespricht, benennt Ursachen der breiten Zustimmung. Bei den „traditionellen Führungseliten“, in Wirtschaft , Politik und Militär sah er eine „globale Übereinstimmung in der Frage des deutschen Ostimperiums und der Vernichtung des Bolschewismus“ mit der Politik der Nazi-Führung.33 In einem früheren Aufsatz betonte Müller, dass „die Grundprinzipien eines künftigen deutschen Ostimperiums“ bei allen Machtträgern in Deutschland „unumstritten waren“.34
Zusammenfassen kann man feststellen: Die führenden deutschen Militärs waren, übereinstimmend der Meinung, die Zerschlagung der Sowjetunion sei nicht nur notwendig, sondern im Moment, im Jahr 1940/41, auch günstig und in kurzer Frist lösbar. Zudem glaubte man nicht, aus einer strategischen Zwangslage heraus zu handeln. Es schien der günstigste Zeitpunkt für die Realisierung der lange verfolgten Pläne für ein deutsches Ostimperium zu sein. Die deutsche Führung wähnte sich militärisch auf dem Höchststand. Am 5. Dezember 1940 erklärte Hitler vor den Generalen: „Wir haben im Frühjahr einen sichtlichen Höchststand in Führung, Material Truppe, die Russen einen unverkennbaren Tiefstand. Wenn diese russische Armee einmal geschlagen ist, dann ist das Desaster unaufhaltsam.“35 Durch die „Westfeldzüge“ und gemäß der Auffassung, dass die USA erst 1942 militärisch in den Krieg eingreifen könnten, glaubte man den Rücken frei zu haben für einen Krieg gegen die Sowjetunion, der in wenigen Wochen siegreich beendet sein könnte. Eine solche Konstellation wollte man unbedingt nutzen.


II

Die Reflexion des Überfalls in der deutschen Literatur ist vielfältig.36 Allerdings sind seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts nicht mehr so viele Arbeiten zu grundsätzlichen Fragen der deutschen Aggression erschienen.37
Dabei ist ein Erkenntnisgewinn gerade bei den kontrovers diskutierten Grundsatzfragen des 22. Juni 1941 notwendig. Im Gefolge der Wehrmachts-Ausstellung sind zwar viele Einzelstudien entstanden. Sie wenden sich aber vermehrt der Organisations- und Täterforschung zu. Das sind sicher wichtige Anliegen auch für die lange als Desiderat geltende Widerspiegelung des Krieges aus der Perspektive der mittleren und unteren Ebenen und der einfachen Menschen, doch besteht die Gefahr, dass hinter den meist außerordentlich materialreichen, detaillierten Untersuchungen die Grundfragen des deutschen Überfalls, das Warum und die Frage nach den Haupttriebkräften - die wohl wichtigsten Anliegen unserer Zunft - zurücktreten.
Eine solche Grundfrage ist, welche Ziele mit dem Überfall verfolgt wurden und damit, welchen Charakter der deutsche Angriff trug. War er ein „rassenideologischer Vernichtungskrieg", wie Hillgrubers Beschreibung von 196538 lautete, die bis heute in einflussreichen Medien fortlebt, u.a. in der großen digitalen Dokumentenedition der Bayerischen Staatsbibliothek?39 Selbst in der Neuausgabe des Sammelbandes von Ueberschär und Wette mit dem Titel „Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion“ wird die Aggression als ein „von rasseideologischen und machtpolitischen Motiven gleichermaßen geprägter Vernichtungskrieg“ gewertet.40 Oder begann damals nicht in erster Linie jener von einer breiten Fronde der deutschen Macht- und Einflusseliten seit der Niederlage im Ersten Weltkrieg jenseits aller tagespolitischen Wendungen ersehnter imperialistische Eroberungskrieg zur Zerschlagung der USSR, zur Schaffung eines deutschen Ostimperiums und zur Vernichtung des die bürgerliche Gesellschaft bedrohenden Kommunismus?
In diesem Zusammenhang geht es auch um den Begriff „Vernichtungskrieg“. Waren die im ersten Halbjahr 1941 entwickelten Pläne für den millionenfachen Mord an Sowjetbürgern ausschließlich dem Antimarxismus, der Rassenideologie und dem Sozialdarwinismus der Nazis zuzuschreiben und das treibende Motiv für den Überfall? Oder ging es dabei nicht hauptsächlich um die langfristige Sicherung der Beute gegen jeden Widerstand, um den Versuch, das Gebiet westlich des Urals politisch wie „rassisch“ zu säubern und bevölkerungspolitisch völlig neu zu ordnen? Stand hinter den Vernichtungsplänen nicht auch der Plan, „unnützer Esser“ zu beseitigen, damit die Invasoren mehr Lebensmittel zur Verfügung hatten, und die Absicht, die Bevölkerung zu dezimieren, um, wie Rosenberg am 2. April 1941 schrieb, Land für „die Ansiedlung einer mengenmäßig bedeutenden“ deutschen Bevölkerung41 zu erhalten? Hermann Graml weist darauf hin, dass diese Seite des Dezimierungskonzepts weit verbreitet war. Mit den Worten, „im Hinblick auf die zu erwartende Siedlungs- und Germanisierungspolitik müsse die Bevölkerung des Ostraums ohnehin reduziert werden“ beschreibt er das seiner Meinung nach bei allen Machtträgern tief verwurzelten „Dezimierungspläne“.42 Einige Dokumente aus der Zeit vor dem 22.Juni lassen den Schluss zu, dass die „Weite des Ostens“ und die abschottende Kriegssituation genutzt werden sollten, die „europäische Judenfrage“ radikal durch Massenmord zu lösen.43 War aber der grundlegende Zusammenhang nicht so, um den Titel einer verdienstvollen sowjetischen Dokumentenedition aus dem Jahr 1963 zu variieren,44 dass die geradezu ungeheuerlichen, die verbrecherischen Ziele zwangsläufig auch die massenhafte Anwendung verbrecherischer Mittel erforderten oder wie der General zbV im OKH Eugen Müller Mitte Juni 1941 vor Abwehr- und Gerichtsoffizieren der für den Überfall bereitgestellten Großverbände den Zusammenhang zwischen Kriegszielen und Menschenvernichtung euphemistisch umschrieb, „Rechtsempfinden“ habe „u.U. hinter Kriegsnotwendigkeit zu treten“?45
Prägenden Einfluß auf die Geschichtsschreibung und die Massenmedien in Deutschland hat nach wie vor die die Totalitarismusdoktrin, die „Bolschewismus“ und Faschismus im Grunde gleichsetzt.
Eine eigenwillige und zeitlich und räumlich sehr weitgehende Variante dieser Doktrin kreiert der eher als „SED-Forscher“ bekannt gewordenen Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin. In der zusammen mit Peter März herausgegebenen Buchreihe „Berlin und München“ publizierte er eine Dissertation über das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete.46 Im Vorwort behaupten Schroeder und März, die zivile Okkupationsverwaltung der Nazis in der Sowjetunion sei an sich selbst und am totalitären Wesen des NS-Regimes gescheitert. Das sei zugleich ein Beleg für die „weitgehende(n) Unfähigkeit moderner Diktaturen, Bürokratien effizient arbeiten zu lassen und vorhandene Ressourcen wirksam einzusetzen“ Dies wäre „zugleich ein generelles Strukturdefizit totalitärer Regime“. Nicht zuletzt darin unterschieden sich die „repressiven und freiheitlichen Ordnungssysteme(n) mit den jeweiligen ökonomischen, politischen und geistigen Konsequenzen“.47
Im letzten Jahrzehnt gewinnt die hitlerzentristische Betrachtungsweise des deutschen Überfalls, oft in Kombination mit der Totalitarismusdoktrin, zunehmenden Einfluß. In einem Spiegel-Interview von 2008 meinte Rolf-Dieter Müller, Leitender Wissenschaftlicher Direktor am MGFA und Professor an der Humboldt-Universität, als Fazit des Geschichtswerks „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, insbesondere der Angriff auf die Sowjetunion, sei Hitlers Krieg gewesen. „Die Perspektive auf Hitler als Person, als Motor des Ganzen, ist deutlicher und intensiver geworden. Sämtliche Erklärungen, die versucht haben, seine Rolle zu relativieren, sind widerlegt. Der Weltkrieg…wurde von Hitler zielgerichtet ab 1933 vorbereitet.“48 Damit stellt er sich dezidiert gegen andere ausgewiesene Historiker. Gerd R. Ueberschär z. B. meint in einer neuen Publikation, es sei „verfehlt, die Frage , wie es zu diesem Aggressionsakt (dem 22.6.1941- M.S.) kommen konnte, allein als biografisches Problem der Person Hitler zu sehen. Es ist deshalb notwendig, auf die Einbindung der Hitlerschen Vorstellungen in parallel verlaufende Überlegungen deutscher Führungseliten seit dem Ersten Weltkrieg hinzuweisen“.49 Dabei ist anzumerken, dass Müller in Arbeiten aus den 80er Jahren, gestützt auf eine breite Quellenbasis, die hitlerzentristische Betrachtungsweise des Krieges gegen die Sowjetunion zurückgewiesen, die breite Zustimmung der Macht- und Einflusseliten zu den „Grundprinzipien eines künftigen deutschen Ostimperiums“ hervorgehoben und die Kontinuität der „Ostraumpläne“ seit dem Ersten Weltkrieg unterstrichen hatte.50
Trotz einer kaum noch überschaubaren Fülle von Arbeiten, die die Angriffsabsicht der deutschen Führung belegen, lebt die schon totgeglaubte Präventivkriegsthese vor allem in revisionistischen und politisch einflussreichen militaristischen und politisch rechten Kreisen fort.
Am 11. März 1997 behauptete der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner, im Bonner „Generalanzeiger“, es „dürfte heute bewiesen sein, dass der Krieg gegen die Sowjetunion - anders als die Umerziehungspropaganda behauptet - in erster Linie ein nur schweren Herzens begonnener, aufgezwungener Präventivkrieg war.“ Trettner, im Zweiten Weltkrieg u.a. Staffelkapitän der Legion Kondor, ab 1943 Generalmajor, lieferte in der gleichen Zeitung auch eine abenteuerliche Erklärung für die im Krieg gegen die Sowjetunion verübten Verbrechen. In dem der Wehrmacht aufgezwungenen Präventivkrieg sei es, so räumt er ein, zu „unmenschliche(n) Formen vom ersten Tag an“ gekommen. Diese seien ausschließlich „von den aufgeheizten sowjetischen Soldaten“, die deutsche Gefangene ermordet hätten, „in die Auseinandersetzung hineingetragen worden". Die Verbrechen der Deutschen, so Trettner, seien nur eine Reaktion auf die angeblich völkerrechtswidrige Kampfesweise und den hartnäckigen Widerstand der „aufgeheizten sowjetischen Soldaten“ gewesen.51
Die These des ehemals höchsten Soldaten der Bundeswehr wird von Klaus Jochen Arnold vor allem in seiner Dissertation untermauert.52 Er bedauert die unleugbaren Verbrechen, führt sie aber auf einen sich reziprok brutalisierenden und radikalisierenden Krieg zurück. Der sowjetische Widerstand hätte die Deutschen zu einer verbrecherischen Kriegsführung und Besatzungspolitik, die vor allem die Wehrmacht so nicht gewollt und innerlich abgelehnt habe, provoziert. Arnold erhielt für seine Dissertation 2004 den vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung gestifteten Werner-Hahlweg-Preis.53


III


Angesichts der oft weit auseinanderliegenden Einschätzungen ist es ratsam, einen Blick auf die deutschen Dokumente zu werfen, die vor dem 22.Juni 1941 entstanden sind. Darin erscheinen die deutschen Absichten unabhängig von späteren, durch die Zwänge des Krieges und des Besatzungsalltags erfolgten Modifikationen, gewissermaßen in Laborform.

Die konkreten Vorbereitungen auf einen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion begannen im Juni 1940 durch das Heer, was oft übersehen wird, ohne Auftrag Hitlers, des Obersten Befehlshabers. Der Chef des Generalstabs des Heeres, Halder wollte in einem Blitzkrieg noch 1940 die baltischen Staaten, Bjelorußland und die Ukraine aus der Sowjetunion „herausschneiden“.54 Der seit Ende Juni 1941 von den Oberkommandos selbständig vorbereitete „Blitzkrieg“ gegen die SU war ein deutlicher Beleg für die gemeinsame Auffassung der „alten“ Eliten, insbesondere der Militärs mit jener der faschistischen Führung über einen Krieg gegen die Sowjetunion zur Schaffung eines deutschen Ostimperiums und zur Vernichtung des Kommunismus. Ueberschär wertet die „selbständigen Operationsplanungen der höheren Militärs“ als Ausdruck „eine(r) weitgehende(n) Ziele- und Interessengleichheit für ein grundsätzliches Ausgreifen nach Osten“. 55
In der entscheidenden Besprechung der Spitzenmilitärs mit Hitler am 31.Juli.1940 wurde festgelegt, die SU erst im Frühjahr 1941 anzugreifen, dann aber den gesamten sowjetischen „Staat in einem Zug schwer(zu) zerschlagen.“56 Die Hauptkräfte der Roten Armee vermutete man westlich der Dwina-Dnjepr-Linie. Sie sollten durch blitzartige Panzervorstöße vernichtet werden. Bis zum Einbruch des Winters 1941 habe die Wehrmacht die allgemeine Linie Kaspisches Meer - Archangelsk zu erreichen.57 Damit wäre die Sowjetunion bis zu den Westausläufern des Ural unter deutsche Herrschaft geraten und ihr endgültiger Zusammenbruch besiegelt. Nach Alfred Rosenberg wäre auch ein deutsches Vorgehen gegen „russisch Mittelasien“ notwendig. Das Gebiet sei „die Baumwollkammer Rußlands“. Es böten sich darüber hinaus „ungeheure“ Möglichkeiten in Richtung „Iran und Afghanistan“ sowie „gegen Indien“.58
Die Eroberung eines Ostimperiums war zwar der zentrale Punkt in den deutschen Kriegsplanungen, sie wurde aber immer unter gesamteuropäischen und global-strategischen Gesichtspunkten gesehen. „Die Entscheidung über die europäische Hegemonie“, so Hitler am 5. Dezember 1940 vor der Generalität, falle „im Kampf gegen Rußland“.59 Erst die Unterwerfung und Ausbeutung der UdSSR und ihrer Bewohner gewährleiste die Herrschaft über den Kontinent, sichere die Unabhängigkeit von überseeischen Einfuhren, schaffe eine Landverbindung nach Mittel- und Ostasien und biete somit die Möglichkeiten für den Kampf gegen andere Weltreiche, so die gängige Auffassung. Am 9.Januar 1941 sagte Hitler nach einer Eintragung Im Kriegstagebuch des OKW: „Deutschland würde nach der Zerschlagung Rußlands unangreifbar sein. Der russische Riesenraum berge unermeßliche Reichtümer…Damit verfüge es(Deutschland-M.S.) über alle Möglichkeiten, auch in Zukunft den Kampf gegen Kontinente zu führen.“60 Gegenüber dem Danziger Senatspräsidenten Hermann Rauschning sagte Hitler schon vor dem Krieg, ein Sieg über die UdSSR werde „uns die Pforte zur dauernden Herrschaft über die Welt aufstoßen.“61
Der Kampf um „die Herrschaft über die Welt“ war nach Meinung der Nazis nur dann erfolgreich zu führen, wenn die Lebensmittel- und Rohstoffressourcen der UdSSR vollständig in die Verfügungsgewalt der Deutschen gerieten. Noch 1941 sollte das fast 4 Millionen Mann zählende Invasionsheer sowie der voluminöse Besatzungsapparat „aus dem Lande“ versorgt und zusätzlich große Mengen an Lebensmitteln und Rohstoffen nach Deutschland gebracht werden. Ein Besprechung am 2. Mai 1941 stellte fest, der Krieg sei nur weiterzuführen, wenn noch 1941 die gesamte Wehrmacht „aus Rußland ernährt wird.“ 62 Reichsaußenminister von Ribbentrop telegrafierte am 28. Juni1941 an die deutsche Botschaft in Tokio, der bald zu erwartende Zusammenbruch der UdSSR bringe Deutschland in den „Besitz der russischen Ölquellen und Getreidefelder“. Damit und mit der durch den Sieg hergestellten „unmittelbare(n) Landverbindung nach Ostasien“ wären eine britische Blockade unmöglich und „alle Voraussetzungen gegeben“ die faschistische „Neuordnung des europäischen Raumes“ durchzuführen.63
Seit Anfang 1941 planten das OKW, die Vierjahresplanbehörden und das Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium für die zu besetzenden Gebieten eine ausgesprochene Raub- und Ausschlachtungsstrategie.64 Der später mit dem Aufbau einer staatsmonopolistischen Organisation zur Ausnutzung der sowjetischen „Reichtümer“ beauftragte Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im OKW, General der Infanterie Georg Thomas, hatte schon im Februar 1941 gegenüber Hitler und Göring darauf aufmerksam gemacht, dass die ernährungspolitischen Ziel der deutschen Faschisten in der Sowjetunion nur dann erreicht werden könnten, wenn der „Eigenverbrauch“ der sowjetischen Bevölkerung drastisch gekürzt, in manchen Gebieten ganz gestrichen werde. Die Ausführungen des Repräsentanten der deutschen Wirtschaft in der Wehrmacht zur Einführung eines kriminellen Versorgungsprinzips gegen die sowjetische Bevölkerung war gültige Richtlinie für alle Besatzungsbehörden bis 1944.65„Soviel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen“ sei „das Hauptziel der Aktion“. Es gehe „um die sofortige und höchstmögliche Ausnutzung“ heißt es in den wirtschaftlichen Richtlinien für die Invasoren.66 Über die Konsequenzen für die sowjetische Bevölkerung waren sich Initiatoren und Vollstrecker dieser Strategie im Klaren. Zig Millionen Menschen würden „verhungern“.67 Das „Absterben…eines großen Teils der Menschen“ in den Industriestädten wie Moskau und Leningrad sowie in der gesamten Waldzone wird in den Dokumenten als Folge der Ausbeutungsstrategie geplant.68 Der millionenfache Hungertod der Sowjetbürger war ein kühl kalkulierter Effekt. Unnütze Esser sollten verschwinden, um mehr Lebensmittel nach Deutschland bringen zu können. Andererseits dezimierte man so die Bevölkerung und es entstanden „menschenverdünnte“ Zonen zur Besiedlung mit „Germanen“. Zwei Tage vor Beginn ders Angriffs erläuterte der zukünftige Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg“ den Spitzen des Nazi-Reiches die geplante Ausbeutungs- und Hungerstrategie und deren Folgen für die sowjetische Bevölkerung. Oberster Grundsatz sei, „möglichst viel aus diesen Gebieten herauszuziehen“, um „die deutsche Ernährung und Kriegswirtschaft zu sichern“. Wegen er Hungerpolitik und den „sehr umfangreiche(n) Evakuierung(en), so Rosenberg weiter, werden „dem Russentum…sicher sehr schwere Jahre bevorstehen“.69 Den Dezimierungsaspekt des Raubkrieges betonte der „zweite Mann“ in der Nazi-Hierarchie, Hermann Göring. Gegenüber dem italienischen Außenminister Galeazzo Ciano bemerkte er im November 1941: „In diesem Jahr werden in Rußland zwischen 20 und 30 Millionen Menschen verhungern. Und vielleicht ist das gut so, denn gewisse Völker müssen dezimiert werden.“70 Noch heute negieren revisionistische Historiker die Existenz solcher Hungerstrategien. Klaus Jochen Arnold schrieb in seiner preisgekrönten Dissertation, von einer gezielten Massenvernichtung durch wirtschaftliche Ausbeutung und von einem Hungerplan könne nicht die Rede sein.71 In einem Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.am 10. Oktober 2006 behauptete er: „Einen allgemeingültigen Hungerplan gegenüber der Zivilbevölkerung oder den Kriegsgefangenen gab es nicht.“72
Der geplante Hunger-Genocid, darauf wies Adam Tooze hin, war neben den terroristischen Plänen von Wehrmacht SS und Polizei zum Massenmord an der sowjetischen Bevölkerung gewissermaßen ein zweites Völkermordprogramm. Dieser Genozid war lange vor dem Überfall Arbeits- und Diskussionsgegenstand in vielen zivilen Behörden und der Wehrmacht. Er war, so die Schlussfolgerung von Tooze, weit weniger geheim als die zunächst in nur kleinen SS- und Wehrmachtszirkeln diskutierten Maßnahmen zur massenhaften Tötung sogn. rassisch und politisch Unerwünschter.73
Mit der Raubstrategie wollte man außerdem grundlegende Fakten der zukünftigen volkswirtschaftlichen Grundstruktur schaffen. Die Sowjetunion sollte wirtschaftlich gesehen eine deutsche Kolonie, ein „Ergänzungsraum“ im Rahmen der faschistischen „Neuordnung“ Europas werden. Sie hätte Nahrungsmittel, Rohstoffe und billige Arbeitskräfte zu liefern sowie als Anlageplatz für deutsches Kapital und als Absatzmarkt für deutsche Industrieprodukte zu dienen. Die Fertigwarenindustrie war, soweit sie nicht für den Truppenbedarf arbeite, zu beseitigen. Ausschließlich als Betriebe der ersten Verarbeitungsstufe und auf Mangelgebieten bzw. als „verlängerte Werkbank“ deutscher Konzerne sei Industrie zu gestatten.74 Auf dem besetzten Gebiet wollte man die nach der Revolution durchgeführte sozialistische Industrialisierung rückgängig machen und die feudal-agrarisch geprägte volkswirtschaftliche Struktur Rußlands von 1900/1902 wieder herstellen.75
Um den „riesenhaften Kuchen“, so Hitler am 16. Juli 1941, beherrschen und effektiv ausbeuten zu können,76 plante man, die europäische Sowjetunion in Anlehnung an die im Ersten Weltkrieg entstandenen, von der 3. Obersten Heeresleitung unter von Hindenburg und Ludendorff zeitweise auch umgesetzten Dekompositionskonzepte in vier Reichskommissariate zu zerschlagen.77
Einigen Gebieten war ein besonderes Schicksal zugedacht. So war vorgesehen, der Ukraine in ferner Zukunft den Status eines Satellitenstaates zu verleihen. Sehr schnell sollten das Baltikum, Galizien, das Gebiet der Wolgadeutschen und die Krim mit riesigem Hinterland germanisiert und staatsrechtlich Bestandteile Deutschlands wie Thüringen werden. Besonders gravierende Folgen für die sowjetische Bevökerung in diesen Gebieten hatte die Auffassung der Nazi-Führer, dass die „Eindetschung“ dieser Landesteile durch „Germanisierung des Bodens“, wie der SS-Terminus lautete, erfolgen sollte. Nur ein geringer Teil der ursprünglichen Bewohner galt als „eindeutschungsfähig“, die überwiegende Mehrheit, auf der Krim mit „Hinterland“ die gesamte Einwohnerschaft, hatte zu „verschwinden“.78
Den Nazi-Führern war klar, dass diese Ziele auch nach einem Sieg über die Rote Armee Aufruhr provozieren mussten. Als Organisatoren und Hauptkräfte des Widerstandes sah man die sowjetischen Kommunisten. Im Februar 1941 sagte Hitler zu Göring, zur Befriedung des besetzten Gebietes und zur Gewährleistung einer maximalen Ausnutzung müsse man den Kommunismus durch Beseitigung aller politischen Führer „ausrotten“.79 Goebbels notierte am 16.Juni 1941 in seinem Tagebuch: „Wogegen wir unser ganzes Leben gekämpft haben, das vernichten wir jetzt.“80 Angesichts der verbrecherischen Ziele und besonders wegen des Gegners, des „jüdischen Bolschewismus“ wie die zusammenfassende Feind- und Tötungsformel lautete, wies die deutsche Führung darauf hin, dass die kommende Aggression kein Feldzug wie die vorangegangenen werde. In Richtlinien für das OKW legte Hitler am.3. März 1941 fest: „Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen. Um diesen Krieg zu beenden, genügt es bei der Weite des Raumes nicht, die feindliche Wehrmacht zu schlagen…die jüdisch-bolschewistische Intelligenz…muß vernichtet werden.“81 Der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, wies auf „die Notwendigkeit, alle Bolschewistenhäuptlinge und Kommissare sofort unschädlich zu machen“ hin.82 Es müßten, so die allgemeine Auffassung, in großem Umfang völkerrechtswidrige Mittel angewandt werden. So sollten nach der grundsätzlichen Richtlinie des OKW vom 13. März 1941(„Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr. 21(Fall Barbarossa)“) besondere, von der bisherigen Praxis abweichende Regelungen für „das Verhalten der Truppe gegenüber der Bevölkerung“ und für „die Aufgaben der Wehrmachtgerichte“ erlassen werden.83 In dieser für den Kampf gegen die Sowjetunion und das spätere Okkupationsregime entscheidenden Richtlinie heißt es, der besondere Charakter des kommenden Krieges ergebe „sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme.“84 Darunter verstand man einmal die Vernichtung der Sowjetunion als staatliche Basis der kommunistischen Weltbewegung und eines zum Kapitalismus alternativen Gesellschaftsmodells, das wegen seiner internationalen Ausstrahlung als latente Gefahr für alle imperialistischen Regime empfunden wurde und zum anderen die Tötung eines neuartigen Gegners nazistischer Eroberungs- und Versklavungspolitik. In einer Generalsversammlung am 30. März 1941 erläuterte Hitler, was er unter dem „Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander“ verstand. Nach dem Kriegstagebuch Halders sagte er: „Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. …Wir führen nicht Krieg, um den Feind zu konservieren…Kampf gegen Rußland: Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz….Der Kampf muß geführt werden gegen das Gift der Zersetzung.“85 Diese Diktion wurde von nachgeordneten Dienststellen und Einheiten fast wörtlich übernommen. Die Sowjetunion sei zu zerschlagen und die „Träger des Systems“ physisch zu liquidieren. Deshalb, so das OKW in der genannten Richtlinie vom 13. März, erhalte auch der Reichsführer SS „Sonderaufgaben“ im gesamten besetzten Gebiet.86 Jeder höhere Offizier und Beamte wußte angesichts des Massenmords an Zivilisten solcher SS-Einheiten vor allem in Polen und der allgemeinen Befehlslage, was den Sowjetbürgern bevorstand. Für die Unterstützung der Tätigkeit solcher „Killing Units, wie die Briten die Einsatzgruppen nannten, durch das Heer, verhandelte der Generalquartiermeister Eduard Wagner seit dem 13. März mit dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich.,87 Die Verhandlungen führten am 26. März zu einem am 28. April in Kraft gesetzten Befehl des Oberbefehlshabers des Heeres, Walther von Brauchitsch, mit dem Titel „Regelung des Einsatzes der Sicherheitspolizei und des SD im Verbande des Heere“. 88
In den Terrorbefehlen für die Wehrmacht,89 SS und Polizei90 ging es vorrangig um die Vernichtung der „Träger“ des Sowjetsystems. So wurde in dem Befehl zur „Kampfführung“ vom 2. Mai 1941 des Befehlshabers der Panzergruppe 4, Erich Hoepner, angewiesen, es dürfe „keine Schonung für die Träger des heutigen russisch-bolschewistischen Systems“ geben.91 Zu den „Trägern des Systems“ zählten alle Kommunisten, die Angestellten des sowjetischen Staates vom Minister bis zur Kindergärtnerin, Angehörige der Intelligenz und leitendes Wirtschaftspersonal. Eine Kaskade entsprechender, teils nur mündlicher Weisungen, Befehle und Anordnungen zur Vernichtung dieser „Träger des Systems“ erging ab März 1941. Am 10. Und 11. Juni 1941 instruiert der General zbV. Im OKH, Eugen Müller die Abwehroffiziere und Heeresrichter der für den Überfall bereitgestellten Großverbände über die Vernichtungsbefehle. Vor diesem, für die Terrorpolitik in den eroberten Gebieten entscheidenden Personenkreis sagte er, die oben zitierten Ausführungen Hitlers am 30. März fast wörtlich zu wiederholend, den kommunistischen Feind, die »Träger der feindlichen Einstellung« dürfe man »nicht konservieren, sondern erledigen«. Es sollten auch »Hetzer, Flugblattverteiler, Saboteure« sowie all jene Sowjetbürger, die deutsche Anordnungen nicht befolgen, ermordet werden.92
Der Kreis der zu ermordenden Sowjetbürger wurde dadurch erheblich ausgeweitet, dass die Weisungen Menschenverachtung und extreme Gewaltbereitschaft mit militantem Antikommunismus und rabiaten biologischem Rassismus, insbesondere mit Antislawismus und Antisemitismus verbanden. Am 26. März 1941 beauftragte Göring den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, für die Wehrmacht eine „ganz kurze, 3–4seitige Unterrichtung“ vorzubereiten, „damit die Truppe wisse, wen sie praktisch an die Wand zu stellen“ habe. Insbesondere müsse darin auf „die Gefährlichkeit“ der sowjetischen Sicherheitsbehörden, der „Politkommissare, Juden usw.“ hingewiesen werden. Außerdem legte Heydrich mit Blick auf den bevorstehenden Überfall einen Plan zur „Lösung der Judenfrage“ vor.93 Die gängigen ideologischen Schlagwörter waren: Slawen seien Untermenschen und ebenso wie die Juden gefährliche Feinde der „Germanen“. In dem schon zitierten Befehl der Panzergruppe 4 zur „Kampfführung“ vom 2. Mai 1941 heißt es: „Der Krieg gegen Rußland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen Rußland zum Ziele haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden. Jede Kampfhandlung muß in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein.“94 In Ideologie und Propaganda der Nazis waren Judentum und Bolschewismus eine symbiotische Verbindung zur Beherrschung der Welt eingegangen. Die sowjetische kommunistische Partei sei vom Judentum dominiert. Das Ostjudentum galt als biologische Grundlage, als ständig sprudelnder Quell des Bolschewismus. Daher wäre jeder Jude ein potentieller „Träger der feindlichen Einstellung“. Die Sowjetfunktionäre galten als vom Judentum gefördert und begünstigten ihrerseits die Juden. 95
Die krude Nazi-Ideologie verschmolz mit den uferlosen Eroberungszielen zur Fokussierung auf den Hauptgegner und zur Rechtfertigung der geplanten Massenverbrechen und war Grundlage einer hysterischen Haßpropaganda in die Truppe“. Sie sollte die Soldaten zu willigen Exekutoren der verbrecherischen Befehle machen. So heißt es im 1. Juni-Heft 1941 der „Mitteilungen für die Truppe“: „Was Bolschewiken sind, das weiß jeder, der einmal einen Blick in das Gesicht eines Roten Kommissars geworfen hat…Es hieße Tiere beleidigen, wollte man dieser zu einem hohen Prozentsatz jüdischen Menschenschinder tierisch nennen…In der Gestalt dieser Kommissare erleben wir den Aufstand der Untermenschen gegen edles Blut.“96
Bei den vor der Aggression ergangenen Tötungsanweisungen für die seit März entstehenden speziellen Mordapparate und die normalen Polizei- und Wehrmachtseinheiten fallen drei Punkte ins Auge:

  1. Nur durch vorauseilenden massenhaften und permanenten Terror, so die Meinung der deutschen Führung, sei die sowjetische Bevölkerung zur Duldung der Okkupation, der Ausbeutung und zur Arbeit für die Deutschen zu bewegen. Politische Maßnahmen zur „Gewinnung“ der Sowjetbürger waren kaum und nur im agitatorischen Bereich vorgesehen. So formuliere Hitler am 9. Mai 1941 gegenüber dem designierten Reichsminister für die zu besetzenden sowjetischen Gebiete, Alfred Rosenberg, gewissermaßen als Grundsatz für die künftige Okkupationspolitik, die unterworfenen Einwohner der besetzten Gebiete bräuchten die Okkupanten nicht zu lieben, sie „sollen uns…fürchten.“97 Der Terror wurde vor allem als Vorbeugung gegen Widerstand geplant. Durch drakonische Maßnahmen sollte lähmendes Entsetzen erzeugt werden, um die Sowjetbürger gefügig zu machen – ein extrem völkerrechtswidriges Verfahren. So sagte Hitler am 17. März vor der Heeresführung: Im großrussischen Raum sei „die Anwendung brutalster Gewalt notwendig.“98
  2. Der exzessive Charakter der Terroranweisungen wurde dadurch verstärkt, dass Soldaten, SS-Männern und Polizisten für Handlungen gegen die Bevölkerung weitgehend Straffreiheit gewährt wurde. Im Erlaß des OKW „Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet „Barbarossa“ vom 13. Mai 1941 heißt es: „Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist.“99
  3. Um die Mordmaschinerie nicht einzuengen waren die Anweisungen unscharf gehalten. Die Mörder sollten ja nicht nur potentielle oder tatsächliche Feinde der Invasoren töten, sondern auch an der Dezimierung der Bevölkerung mitwirken, um „unnütze“ Esser zu beseitigen und menschenfreies Land für deutsche Siedler zu erhalten. Der Terror als Instrument der Machtsicherung war von Anfang an auch ein Mittel des Genocids, Beide Elemente waren von Anfang an als Einheit angelegt.

In der Literatur findet man allenthalben die Feststellung, dass der 22.Juni 1941 ein Schicksalstag gewesen sei. So richtig diese Bemerkung ist, wenn nicht nur Deutschland und die Deutschen gemeint sind, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass dieser Tag vor allem der Beginn einer bis heute kaum fassbaren Katastrophe für die sowjetische Bevölkerung war. Etwa 27 Millionen Sowjetbürger verloren durch Aggression und Besatzung ihr Leben, darunter mehr als 3 Millionen der etwa 5,3 Millionen Rotarmisten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren - das neben der am 22. Juni 1941 begonnenen Aggression wohl größte Verbrechen des deutschen Imperialismus an den Bewohnern der Sowjetunion.

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