Am 28. August 2009 veranstalteten die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, die Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen und die Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Anlaß des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen ein Symposium. Dort hielt Prof. Dr. Dietrich Eichholtz folgenden Vortrag:

Dietrich Eichholtz

Kriegsvorbereitung und Kriegsentschluß (1938/39)


1933 stand Deutschland unter dem Versailler Diktat und war schwer von der Weltwirtschaftskrise getroffen. Weder Militär noch Wirtschaft, noch Innen- und Außenpolitik des Reiches waren auch nur entfernt kriegsfähig und kriegsbereit. Die "Wiederwehrhaftmachung", die die Hitler-Regierung auf ihre Fahnen geschrieben hatte, war ein gewaltiges Programm, das Jahre erforderte, was selbst die enragiertesten Verfechter des Regimes einsehen mussten.

Tempo und Umfang der Rüstung in den folgenden sechs Jahren waren weltweit aufsehenerregend und brachten Wirtschaft und Wirtschaftspolitik immer wieder in kritische Phasen. Die Wirtschaft wurde je länger, desto mehr auf Verschleiß gefahren. Es war der Krieg, auf den Politik und Wirtschaft hinsteuerten und zwar offensichtlich auf Krieg in bedeutender Größenordnung. Seine Ziele sein tiefstes Geheimnis - waren 1938/39 dem Volk, bis auf einen kleinen Kreis der Eingeweihten, unbekannt.

Als der deutsche Imperialismus 1939 erneut einen Krieg begann, von Anfang an Mächte herausfordernd, gegen die er schon im Ersten Weltkrieg verloren hatte, waren seine Ziele auf den ersten Blick denen von 1914 bis 1918 wieder sehr ähnlich. Ziele und Begriffe standen in seinen Plänen, die seit damals den herrschenden Kreisen geläufig waren:

  • "Weltmachtstellung"
  • Unterwerfung von Ländern, Auslöschung von Staaten in West und Ost
  • Verdrängung und "Aussiedlung" von großen Teilen ihrer Bevölkerung
  • Rassenkrieg ("Germanen gegen Slawen")
  • Orgien wirtschaftlicher Eigentumsnahme und Ausplünderung
  • Ausbeutung von Zwangsarbeitern.


Das müsste auch jenen bekannt sei, die bis heute penetrant nur von Hitlers Krieg und Hitlers Zielen reden.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten "Mitteleuropa"- und "Paneuropa"pläne Konjunktur: "von Petsamo bis Katanga" (Coudenhove-Kalergi), "von Bordeaux bis Odessa" (Carl Duisberg). Sie gründlicher zu studieren, hätte heute wieder einen aktuellen Bezug.

Unter der Nazidiktatur öffneten sich alle Schleusen für Anti-Versailles-Chauvinismus, nationalistischen Größenwahn, Weltmachtgeschwätz, Rassenhetze und pangermanischen Schwulst. Die ersten Ziele der neuen Wehrmacht, die Vereinnahmung Österreichs und die Zerschlagung der Tschechoslowakei, erreichte sie ohne Krieg, ohne Gegenwehr der Mächte. Erst der Einmarsch in Prag verschärfte die internationale Situation aufs Äußerste. Verzweifelt über Hitlers Raubzug in Europa, notierte Thomas Mann damals im amerikanischen Exil: "Die kapitalistische Welt wird durch ihr Hätschelkind, den Faschismus, zum Kriege gezwungen werden."

Wenn im folgenden die Endphase der Kriegsvorbereitung untersucht wird, dann beginnt diese Phase für mich bei der Gedankenbildung, die in Hitlers geheimer Rede vom 5. November 1937 vor den vier obersten Militärs und dem Reichsaußenminister ans Tageslicht kam. Unmißverständlich wurde hier der Entschluß kundgetan zum kurzfristig bevorstehenden gewaltsamen Überfall Österreichs und der Tschechoslowakei, möglicherweise auch Polens, unter dem Risiko des Eingreifens der Westmächte und der UdSSR. Das war der unmittelbare Weg zum Krieg, der Startschuß für die operative Planung: "Fall Grün" (Tschechoslowakei), ein Jahr später "Fall Weiß" (Polen).

Die Ereignisse, die rasch zum Kriege trieben, setzten sich nach dem 5. November 1937 fort in den grundlegenden Revirements in der Wehrmacht- und Wirtschaftsführung und im Auswärtigen Amt und realisierten sich in der quasikriegerischen Okkupation Österreichs und der Tschechei. Hitler unterschrieb am 11. April 1939 die eilig vorbereitete Weisung für den Überfall auf Polen.

Zu dieser Zeit war bereits der mächtige Kriegsblock zwischen Nazispitze, Wehrmacht und Großwirtschaft zusammengewachsen. Seit der Münchner Krise war gerade ein halbes Jahr vergangen, und die maßgeblichen Kreise in Wehrmacht und Wirtschaft waren zum Krieg, auch zum großen Krieg, bereit. Vornan standen die hinter Göring versammelte Gruppe um Vierjahresplan/Reichswirtschaftsministerium/Reichsgruppe Industrie und die führenden Militärs in OKW und OKH, an der Spitze auch solche, die wie Generalstabschef Franz Halder und "Wehrwirtschafts"-General Georg Thomas oft noch heutzutage als eine Art Widerstandskämpfer gehandelt werden.

Görings Machtstellung als der erste Vertraute und Helfer Hitlers war damals unumstritten. Göring hatte den Österreich-Coup organisiert und befehligte die inzwischen hochgerüstete Luftwaffe. Hinter ihm stand der aggressive, dominierende Kern der Großindustrie, sein erster Gewährsmann war Carl Krauch aus der Spitze des IG-Farben-Konzerns.

Generalstabschef Halder, jetzt der erste Heeresmilitär an Hitlers Seite, ein Ehrgeizling und miserabler Charakter, begrüßte Ende April 1939, in den Tagen der Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrages (von 1934) durch Hitler, intern vor Offizieren die "hervorragende, ich möchte sagen, instinktsichere Politik des Führers", die nun die Bahn zum Krieg gegen Polen freigemacht habe. Polen sei jetzt zu "zermalmen", müsse "nicht nur geschlagen, sondern liquidiert werden". Er nannte die weiteren kriegerischen Pläne und Ziele: "Wir müssen in spätestens drei Wochen mit Polen fertig sein, ja möglichst schon in 14 Tagen. Dann wird es von den Russen abhängen, ob die Ostfront zum europäischen Schicksal wird oder nicht. In jedem Fall wird dann eine siegreiche Armee, erfüllt von dem Geist gewonnener Riesenschlachten, bereit stehen, um entweder dem Bolschewismus entgegenzutreten oder nach dem Westen geworfen werden."2

Seit der beschriebenen Konzentration der kriegswirtschaftlichen Regulierungsgewalt bei Görings Vierjahresplanklientel bildete sich eine enge Zusammenarbeit zwischen ihr und dem Wehrwirtschaftsstab des OKW heraus, an die vorher, unter den jetzt in die Wüste geschickten Ministern Blomberg und Schacht, nicht zu denken war. Es war Generalmajor Thomas, seit Frühjahr 1938 Hitler und Keitel unterstellt, der selbständig auf den neuen strategischen Kurs der kompromisslosen Kriegsvorbereitung einschwenkte. Er schloß sich mit seinem Stab eng an die Führungsgruppe unter Göring an, in eben der Zeit, in der der Überfall auf Polen kurzfristig vorbereitet wurde.

Im folgenden beziehe ich mich auf drei weitgehend unbekannte oder unterbewertete Dokumente der erwähnten Kontrahenten, in denen diese maßgeblichen und bestinformierten Regimevertreter sich nicht nur im Klartext über den strategischen Charakter und den Umfang des kommenden Krieges als Großkrieg, ja als über Europa hinausreichend verständigten; viel mehr noch, sie trugen darin als Unterlage für Hitler die Voraussetzungen und materiellen Erfordernisse eines solchen Krieges in nüchterner, aber höchst eindringlicher und bestimmter Weise vor.

Alle drei Dokumente datieren vom April 1939 oder sind zu dieser Zeit im Stadium der Vorbereitung, also nach dem Einmarsch in Prag und in der unmittelbaren Vorbereitung des Krieges gegen Polen.

In seinem großen Bericht an den "Generalrat des Vierjahresplans"3 vom 20./21. April 1939 beschwor Krauch die Dringlichkeit einer umfassenden "Großraum"-Strategie angesichts des bevorstehenden Krieges. "Unser Wirtschaftsraum in Großdeutschland (ist) zu klein für eine volle Befriedigung der wehrwirtschaftlichen Mineralölansprüche". Die Einbeziehung Südosteuropas sei "die einzige und hoffnungsfreudige Möglichkeit", sich die fehlenden Rohstoffe, besonders Öl, "durch Einbeziehung eines wehrmachtsmäßig zu sichernden Raumes ... völlig zu sichern". Rumänien war das zentrale Objekt seiner Begierde, und er erörterte bereits den Materialbedarf für eine Pipeline über 2000 Kilometer von den Erdölfeldern von Ploiesti nach Regensburg. "Der einzige Weg, in den nächsten Jahren vor 1942/43 bereits eine laufende Deckung des neuen Mob.-(d.h. Kriegs- -D.E.)Bedarfes zu erzielen, ist (das) Freihalten des südosteuropäischen Wirtschaftsraumes für Deutschland."

Wenn die Forderung nach der Beherrschung Südosteuropas und in erster Linie Rumäniens als Öllieferanten für den Krieg in sämtlichen untersuchten Geheimdokumenten geradezu gebetsmühlenartig wiederkehrt, so kann man sich deutlich vorstellen, wie erpresserisch und gewaltsam später, während der Kriegsjahre, die deutsche wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung auf den rumänischen Erdölfeldern durchgesetzt wurde.

Die Denkschrift aus dem Wehrwirtschaftsstab mit dem Titel "Die Mineralölversorgung Deutschlands im Kriege"4, ebenfalls vom April 1939, bis vor kurzem in der Forschung genau so unbekannt wie die Rede Halders, entstand in enger Zusammenarbeit mit der Göring-Krauch-Gruppe war Thomas doch selbst Mitglied des "Generalrats des Vierjahresplans". Schon die von Krauch erwähnte Pipeline 2000 Kilometer quer durch Europa lag der Denkschrift als Kartenskizze bei, hier weitergeführt bis Minden/Hannover. Doch war der Ton militärisch deutlicher, die Sprache bestimmter. Im Blickfeld war von vornherein die Planung des bevorstehenden Angriffskrieges, in dem "die Feindschaft der Weststaaten und Sowjetrußlands und feindlich eingestellte Neutralität Belgiens, Hollands, Dänemarks, Norwegens und Polens" vorausgesetzt war. Eine Seeblockade sei unvermeidlich. Rumänien sei als indifferent einzuschätzen. In Rumänien liege aber die Lösung des Ölproblems. "Vordringliches Kriegsziel muß deshalb unabdingbar die Beherrschung der Deutschland nächstgelegenen und feindlichen Einwirkungen tunlichst entrückten Erdölgebiete sein."

Die "Forderungen an die Wehrmacht" lauteten entsprechend eindeutig: "1. Beherrschung der rumänischen Ölfelder und somit des gesamten Donauraums. 2. Durchführung der Besetzung unter Vorbedacht der Erhaltung und Betriebsfähigkeit der rumänischen Erdölindustrie. 3. Schutz der Transportwege, Erdölanlagen, Raffinerien und Tankläger." Der Gefahr einer womöglich noch gründlicheren Zerstörung als 1916 müsse dabei vorgebeugt werden. Sonst "brächen die angestellten Berechnungen in sich zusammen, und Rumänien würde für längere Zeit als Erdöllieferant ausfallen." Zu gut erinnerte sich die deutsche Militärführung noch der Lahmlegung der rumänischen Erdölförderung durch britische Ingenieure und Arbeiter, als des Kaisers deutsche Truppen des Erdöls wegen 1916 in Rumänien einfielen.

Siegesgewiß plante man aber diesmal nicht nur die Inbesitznahme der rumänischen Erdölquellen, sondern "erforderlichenfalls" schon den Einsatz des "militärischen Mittels" auch für die Besetzung der Förderstätten des estnischen Ölschiefers und des galizischen Erdöls (Polen). Das gleiche galt für "das größte und lohnendste Ziel ...: die Beherrschung des gewaltigsten Erdölgebietes Europas, Kaukasien." Schließlich war den Militärs der Vormarsch des kaiserlichen Generals Erich Ludendorff nach Georgien noch gut in Erinnerung und sein Plan vom Herbst 1918, das Öl von Baku zu erobern; ein Plan, der damals freilich rasch am allgemeinen deutschen Zusammenbruch scheiterte.

Die bedeutendste Denkfabrik Hitlers und Görings auf kriegswirtschaftlichem Gebiet war die erwähnte, von industriellen Experten dominierte Vierjahresplangruppe unter Carl Krauch. Seit April/Mai stellte diese Gruppe die dritte hier behandelte Ausarbeitung zusammen, die ebenso wenig bekannte, sensationelle Untersuchung über "Möglichkeiten einer Großraumwehrwirtschaft unter deutscher Führung"5 die weitaus wichtigste Unterlage für die NS-Spitze. Sie war 70 Seiten stark und trug das Datum vom Juli/August 1939.

Die Autoren hatten es sich zur Aufgabe gemacht, "Blockadesicherheit" für den zu erwartenden "in den nächsten Jahren eintretenden" größeren Krieg von langer Dauer zu schaffen. In dem ausführlichen Anlagenteil wurden die Aussichten zur Beschaffung von 30 Produkten untersucht, von Eisenerz bis zu Phosphaten, sämtlich "industrielle Rohstoffe, soweit sie von entscheidender wehrwirtschaftlicher Bedeutung sind."

20 Staaten sollten hiernach binnen drei bis vier Jahren "unter deutscher Führung", in entsprechender politischer, militärischer und organisatorischer Abhängigkeit, ihre Kräfte planmäßig (Muster: deutscher Vierjahresplan) in einer "Großraumwehrwirtschaft" vereinen. So könne Deutschland, nach Krauch, im kommenden Krieg "den Anstrengungen fast der ganzen übrigen Welt" gewachsen sein. Man brauche für diese Art von "friedlicher" Kooperation alle Länder, von Finnland bis zur Türkei, von Bulgarien bis Portugal; ausdrücklicher Wert wurde auf den "Nordraum" (Skandinavien) und auf die Rohstoffe Russlands ("uns freundschaftlich") gelegt.

Diese Länder sollten von einer "Zentralstelle" aus, nachgebildet der Vierjahresplanbehörde, unter maßgeblicher Beteiligung deutscher Industrieller in "produktionstechnische" und "lieferungsmäßige" Abhängigkeit gebracht werden. Ein frappierendes Beispiel bot der Abschnitt über "Mineralöl": Für den "Großraum" müssten im "Mob-Fall" 23,85 Millionen Tonnen jährlich zur Verfügung stehen eine vergleichsweise großzügige Schätzung, besonders begründet mit den "steigenden Forderungen der deutschen und den hohen Anforderungen der italienischen Kriegsmarine". Die deutsche Erzeugung auf synthetischer Basis würde, wie planmäßig eingeleitet, auf das Zweieinhalbfache gesteigert werden. Vor allem aber müsse Rumänien als einzig erreichbarer großer Ölproduzent seine Gesamtförderung an Erdöl auf das Doppelte (!) gegenüber 1938 bringen; sein gesamter Ölexport müsse mittels einzurichtender Pipeline-, Schiffs- und Bahntransporte ausschließlich nach Deutschland fließen. Das bedeutete für Rumänien: Drosselung des eigenen Friedensbedarfs an Erdöl und Sperrung der Ölausfuhr zum Weltmarkt; Mehrerzeugung von sechs bis sieben Millionen Tonnen Erdöl und ein ausgedehntes Bohrprogramm (im ganzen Südostraum); volle Inbetriebnahme der Erdölverarbeitungskapazitäten; Bau von Pipelines nach Deutschland und Italien. Trotzdem müssten in Deutschland zur Überbrückung von einem "Mob-Jahr" acht Millionen Tonnen Treibstoff rechtzeitig eingelagert werden, was allein 385 Millionen Reichsmark erfordere von insgesamt rund 900 Millionen Reichsmark für alle zu bevorratenden Rohstoffe im ersten Jahr.

Für Rumänien bedeutete dieser Plan eine halbkoloniale Zukunft auf unabsehbare Zeit. Kein Rumäne hatte selbstverständlich auch nur die geringste Ahnung von dem Schicksal, das seinem Land hiernach vorbestimmt war.

Sollten sich die betroffenen Länder der "deutschen Führung" nicht ohne Gewalt unterwerfen, etwa wenn eine "militärische Auseinandersetzung mit Russland bzw. Polen" nötig sei, auch bei Ausfall des "Nordraums", so empfehle sich "eine dem Maß des Lieferausfalls entsprechende Verlagerung des Schwerpunkts der Kriegführung auf den chemischen Krieg, besonders aus der Luft."

Da war sie, die deutlich ausgesprochene Absicht, unbotmäßige Länder mit Giftgas zur Räson zu bringen! Seit einem Jahr lagen in den Geheimschränken Krauchs und der Giftgasexperten der IG Farben schon ein ganzes Bündel von ausführlichen Ausarbeitungen über die großen Möglichkeiten und Vorteile des Gaskrieges6, für den die erfahrene deutsche Großchemie dem Reich eine sichere und überlegene Kampfkraft zu gewährleisten sich erbot.

Es ist nicht leicht abzuwägen, ob in dem hochgeheimen, fachmännisch erarbeiteten Dokument der Größenwahn der revanchedürstenden und expansionswütigen Kräfte des deutschen Imperialismus überwog oder ihre Unsicherheit wegen des ungeheuren Risikos, das sie einzugehen entschlossen waren.

Hitler hat fraglos über Göring vom Inhalt, von den Forderungen und Problemen der untersuchten Dokumente, besonders der beiden Denkschriften, erfahren. Er hat sich zu dieser Zeit, in der er zum Krieg entschlossen war, intensiv auch mit dem Stand der wirtschaftlichen Kriegsbereitschaft befasst und wusste, dass die Gegenseite begonnen hatte, entschieden aufzurüsten. Das war der Fall vor allem seit 1938 in Großbritannien (Royal-Navy-Programm; Luftwaffen-"Scheme L"), in Frankreich (Verdoppelung des Militärhaushalts) und auch in den USA, in denen seit der Pogromnacht vom 8./9. November 1938 die öffentliche Meinung sich mehr und mehr dem Antinazikurs Roosevelts anschloß. Die deutsche Rüstung hingegen hatte 1937 zum ersten Mal stagniert. Devisennot und Rohstoffknappheit mussten, wenn die Rüstung nach wie vor mit Riesenprogrammen beschäftigt war, massiv auf die zivile Wirtschaft durchschlagen (Einstellung des privaten Wohnungsbaus; Stahlmangel; Investitionsnot der Reichsbahn; Arbeitskräftemangel).

Hitler verfolgte dennoch den "Fall Weiß" strikt und löste schließlich am 1. September den Krieg aus, obwohl er diesmal mit einer sofortigen militärischen Reaktion Großbritanniens und Frankreich rechnen musste und auch rechnete. Einem Wettrüsten, an dem sich früher oder später auch die USA beteiligen würden, war die deutsche Wirtschaft nicht lange mehr gewachsen. Vor allem zählte er darauf, dass vorläufig Deutschlands Armee und Luftwaffe in Europa die stärksten waren.

Das Dilemma war, wie er mehrfach betonte, sowieso nur mit "Bluteinsatz" zu lösen. Er versuchte, Mussolini seinen Entschluß vom frühen "Losschlagen" plausibel zu machen; er habe es, erklärte er (8. März 1940), wegen der in Gang befindlichen Rüstungen der Westmächte vorgezogen, "den vom Westen beabsichtigten Krieg zwei oder drei Jahre früher auszulösen", um nicht in West und Ost ins Hintertreffen zu geraten.7

So oder so: Den Krieg zu beginnen, barg ein ungeheures Risiko, war ein Va-banque-Spiel der faschistischen Koalition; ungleich aussichtsloser noch als 1914 angesichts der neuen Konstanten der Welt von 1939: der überwältigenden Wirtschaftsmacht der USA, der im Osten heranwachsenden sozialistischen Weltmacht UdSSR und des weltweiten Widerstands gegen die faschistische Barbarei. Die verbrecherischen Ziele des neuen Krieges und die neue Stufe der Unmenschlichkeit bei ihrer Verwirklichung zu schildern, ist ein anderes Thema.


Anmerkungen:
  1. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Bd. 25, Nürnberg 1947, S. 402 ff., Dok. PS-386.
  2. Rede Halders vom April 1939. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1997, S. 480 ff.
  3. Krauch-Bericht vor dem "Generalrat des Vierjahresplan", 20./21. 4. 1939. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1969, Teil II, S. 83 ff. (S. 98).
  4. Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg, Wi/I.37.
  5. Bundesarchiv Berlin, R 3112/53. Gedruckt in: Bulletin des Arbeitskreises "Zweiter Weltkrieg", H. 1-4/1986, S. 70 ff.
  6. Ebenda, R 3112/133.
  7. Akten der deutschen auswärtigen Politik, Serie D, Bd. VIII, Dok. 663, Hitler an Mussolini, 8. 3. 1940.

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