Am 28. August 2009 veranstalteten die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, die Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen und die Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Anlaß des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen ein Symposium. Dort hielt Prof. Dr. Kurt Pätzold folgenden Vortrag:

Kurt Pätzold

Die Deutschen am Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Stimmungen, Erwartungen und die Reaktion der Machthaber


Dieser 1. September 1939 steht mit blutigen Lettern in den deutschen, den europäischen und den Geschichtsbüchern zur Weltgeschichte. Wie die Völker aus dem Krieg, der an diesem Tage begann, herauskamen, das ist über die Zeitgenossen hinaus in Erinnerung geblieben. Keine Losung war populärer als diese eine „Nie wieder Krieg!“ Sie wurde Kampfruf einer weltumspannenden Friedensbewegung. Wie aber kamen Millionen Angehörige der europäischen Völker in diesen Krieg hinein? Wie stand es da um ihren Gedanken- und Gefühlshaushalt? Davon soll mit dem Blick auf die Deutschen die Rede sein, also auf damals nahezu 80 Millionen Menschen, die in jenem Staate lebten, von dem der Krieg in Europa ausging. Bis auf den heutigen Tag finden sich in der Geschichtspublizistik über diesen Gegenstand verwegene Behauptungen, so kürzlich die, derzufolge Hitlers „Untertanen“ den Beginn des Krieges bejubelt haben.1 Autoren solcher Thesen geben sich in der Regel als Vertreter eines besonders kritischen Umgangs mit der Geschichte der Deutschen. Doch die zeitgenössischen Quellen bezeugen solchen Jubel nicht. Sie sollen im Folgenden für unsere Analyse herangezogen werden, unter Verzicht auf jene Unmassen späterer, folglich rückblickender Schilderungen eigener Befindlichkeiten, die sich in gedruckten und archivierten Erinnerungen finden. Dabei soll die Antwort auf unsere Frage nicht mit der Schilderung der Stimmungen ihr bewenden haben. Der Focus wird auf die Reaktionen der Machthaber und ihre Taktik gerichtet, diese für ihre Zwecke und Ziele zu verändern.

Zu keinem anderen Tag – vielleicht mir der Ausnahme des 30. Januar 1933 - ist dieser 1. September 1939 so häufig in Beziehung gesetzt worden wie zu jenem im August 19142, an dem der Weltkrieg begann, der dann der erste hieß.3 Der Vergleich hat vor allem Unterschiede scharf hervortreten lassen. Damals Kundgebungen der Kriegsbegeisterung, ein Vierteljahrhundert später nichts davon. Damals der „Geist von 1914“, später nie die Erfindung oder Beschwörung eines Geistes von 1939. Damals das feierlich-unfromme Gerede und Geschreibsel vom reinigenden oder erweckenden Erlebnis und vom Stahlbad, 1939 – jedenfalls zunächst – das Schweigen selbst der dienstbarsten Geister des Dritten Reiches in den Bezirken der Dichtung und Wissenschaft. Die Differenz liegt auf der Hand, ohne dass Gemeinsamkeiten bestritten werden könnten: die Angst und die Tränen von Menschen, die Sorge schon um den morgigen Tag, die Furcht vor dem Verlust der Nächsten und auch die Ablehnung und Verachtung des Krieges durch an Zahl sehr verschieden große Minderheiten zwischen Saar und Memel.

Was zu dem Geist, der vor nunmehr 95 Jahren durch das Deutsche Reich geschwebt sein soll, und zu seinen Folgen zu sagen war, hat Kurt Tucholsky mehrfach beschrieben. 1920 in „Das Gesicht der Stadt“, einem Artikel, er sich mit den Wandlungen Berlins auseinandersetzt: und in der er den Beginn des Niedergangs der Stadt mit dem 1. August datiert: ... das begann damals, als die Gassen widerhallten vom Toben bedauernswerter Irrer, die auszogen, die Welt zu erobern und höchstens Brüsseler Spitzen, ein paar gestohlene Schweine und die Syphilis heimbrachten.“4 1924, am 10. Jahrestag des Kriegsbeginns, kehrt er zum Ereignis zurück: „Die Woge von Betrunkenheit, die heute vor zehn Jahren durchs Land ging, hat eine Schar Verkaterter hinterlassen, die kein andres Mittel gegen ihren Katzenjammer kennen, als sich noch einmal zu betrinken. Sie haben nichts gelernt.“5 Gewiss: Nationalismus in seiner Steigerungsform bis zum Nationalchauvinismus hat es damals nicht nur Deutschland gegeben. Und dennoch: existierten Differenzen von Land zu Land. Tucholsky hat sie mithilfe eines Zeitzeugenberichtes geschildert, gegeben von einem Deutschen, der die Tage des beginnenden Krieges zuerst jenseits und dann diesseits des Rheines erlebte. Von den Beobachtungen auf französischem Boden hieß es darin: „Durch Frankreich ging ein stummer Schrei. Keiner wollte es glauben. Die Leute hätten sich wie erstarrt angesehen, fuhr er fort – es kann ja nicht sein, es kann nicht sein, stand in den Gesichtern. Totenstill ging eine Nation ans Sterben. Dies war der Eindruck der allerersten Tage. Es ist selbstverständlich, dass, als der Apparat einsetzte, Spionenhetze, Tobsuchtsanfälle und Staatskoller genau so ausbrachen wie bei uns. Aber die Franzosen sagen das heute! Solange das Volk sprach, der kleine Mann, der einzelne, solange die große Kollektivität noch nicht richtig funktionierte – so lange sprach die Stimme der Menschlichkeit.“ Und in Deutschland? „Ich glaubte, ich sei auf ein Schützenfest geraten. Glockenläuten, Girlanden, Freibier, Juhu und Hurra – ein großer Rummelplatz war meine Heimat, und von dem Krieg, in den sie da ging, hatte sie nicht die leiseste Vorstellung.« Krieg ist, wenn die andern sterben. Helden – es waren nicht einmal Helden in dem Augenblick. Es waren die armen und rohen Geneppten einer Bauernkirchweih.“6 Zu diesen Bildern sind die von nationalistischen Geschichtsschreibern lange unterschlagenen hinzuzudenken, die uns Zehntausende von Kriegsgegnern, meist Arbeiter, Mitglieder und Anhänger der Sozialdemokratie, in den letzten Julitagen 1914 in und vor überfüllten Kundgebungsstätten und bei Demonstrationen zeigen, die auch, so z.B. in Stuttgart zu Zusammenstößen mit der Polizei führten.

Selbst wenn, wie jüngst zu recht geschehen, darauf verwiesen wird, dass das verbreitete Bild von den Deutschen7 bei Beginn des Weltkriegs absichtsvoll in grellen Farben gemalt wurde8 und der „Geist von 1914“ ein gehätscheltes Kind hurrapatriotischer Geschichtsschreiber der Weimarer Republik war, bleibt doch, dass Generationen, die im Kaiserreich mehr als vier Jahrzehnte im Frieden gelebt hatten oder in dieser Friedensperiode herangewachsen waren, den Kriegsbeginn 1914 anders aufnahmen, als es jene taten, die mit Erinnerungen an die folgenden vier Jahre lebten. Wer 35 Jahre und älter war, vermochte sich 1939 der Kriegseindrücke noch aus Eigenem zu erinnern. Die Jüngeren hatten Berichte in Familien gehört, von denen kaum eine ohne einen Kriegstoten oder -verwundeten war, sie hatten in Kirchen, Schulen und Betrieben auf ehrenden Tafeln die langen Namenreihen für die Gefallenen gelesen. Und zudem hatten Hitlers verlogene, Friedenswillen beteuernde Reden dazu beigetragen, den Widerwillen gegen den Krieg zu bestärken.

Über die Atmosphäre im Stadtzentrum Berlins am 1. August 1914 schrieb die „Frankfurter Zeitung“: "Unter den Linden und vor dem königlichen Schloss sammelten sich bald nach der Bekanntmachung der Mobilmachung viele Hunderttausende von Menschen. Jeder Wagenverkehr hörte auf. Der Lustgarten und der freie Platz vor dem Schloss waren dicht gefüllt von den Menschenmassen, die patriotische Lieder sangen. Gegen 1/2 7 Uhr erschien der Kaiser, von einem unbeschreiblich starken Jubel und von Hurrarufen begrüßt. Patriotische Lieder wurden angestimmt. Nach einiger Zeit trat in der Menge Ruhe ein. Unter tiefstem Schweigen sprach der Kaiser dann ungefähr: 'Wenn es zum Krieg kommen soll, hört jede Partei auf, wir sind nur noch deutsche Brüder. In Friedenszeiten hat mich zwar die eine oder andere Partei angegriffen, das verzeihe ich ihr aber jetzt von ganzem Herzen.' ... An diese Worte des Kaisers schloss sich ein Jubel, wie er wohl noch niemals in Berlin erklungen ist."9 Zuvor schon sollen nach einem anderen Bericht die versammelten Mordspatrioten, als sie gegen 17 Uhr von der Ablehnung des deutschen Ultimatums durch Russland unterrichtet worden waren, „Nun danket alle Gott“ angestimmt haben. Solchem Text muss Parteinahme und Absicht nicht entrissen werden, er trägt sie gleichsam wie eine Fahne vor sich her. Nur an der Tatsache, dass es solche vorwiegend von Kreisen des Bürgertums und Kleinbürgertums und der „patriotischen“, meist wohl studierenden Jugend gebildete Menschansammlungen gegeben hat, daran ist nicht zu zweifeln. Vergleichbares hat sich in Deutschland am 1. oder am 3. September 1939 nicht zugetragen.

Millionen fühlten sich in diesen Septembertagen geistig und mental gleichsam überrumpelt, manche bis zur Erstarrung. Freilich: nicht vollends und nicht ohne eigenes Verschulden. Vielerorts hatten sich die unmittelbar auf den Beginn eines Feldzugs gerichteten Kriegsvorbereitungen in den Augusttagen durch Augenschein wahrnehmen lassen. „Reservisten mit Rucksack und Papierkarton drängen sich in den Straßen, auf den Bahnsteigen, in den Wartesälen.“ Und „Die Truppen rollen gen Osten.“ So lauten Tagebuch-Eintragungen von Ruth Andreas.10 Selbst ein nur flüchtiger Blick in die Zeitungen machte schon Wochen vor dem Ausbruch der unmittelbaren Vorkriegskrise lesbar, dass die Forderungen an den polnischen Nachbarn deutscherseits beständig provokatorischer wurden. An Stammtischen fanden Erörterungen darüber statt, ob die Westmächte die Durchsetzung von Ansprüchen an den östlichen Nachbarn hinnehmen würden oder, geschähe das nicht, ob dann Deutschland sich mit Russland verbünden werde oder das die Westmächte tun würden. Doch das Fazit aller Beobachtungen Victor Klemperers hatte im Juni 1939 und auch später noch gelautet: „Aber das Volk glaubt wirklich an Frieden. Er wird Polen nehmen (oder aufteilen), die ‚Demokratien’ werden nicht einzugreifen wagen.“11 Das erwies sich als ein Irrtum.

Millionen Deutsche hatten an ihren Wunschtraum vom Frieden festgehalten. Sie erwiesen sich gegenüber dem Trommelfeuer der NS-Propaganda, die sie auf den Krieg einstellen und ihnen vom Kriege zugleich ein falsches, beruhigendes Bild geben wollte, als weitgehend unverletzlich. Das ist erstaunlich angesichts des Dauerbeschusses, den eine Auswahl von Überschriften verdeutlichen mag, die Zeitungslesern im Reich in der letzten Augustdekade vor Augen kamen: „Polnische Schreckensherrschaft in den Grenzgebieten“, „Volksdeutsche geschlagen und in die Gefängnisse geworfen“, Frauen und Kinder schwer misshandelt“, „Aus der polnischen Hölle entkommen.“, „Polen morden Säugling“12, „Der Polenterror überschreitet jedes Maß“13, „Deutsche in polnischen Kerkern grausam misshandelt“, „Flüchtlinge mit Hunden gehetzt“, „Auf der Flucht erschossen“14, „Raubgier feiert Orgien. Viehische Ausschreitungen“15, „Blutterror wächst“, „Massenmord an Wehrlosen“16. Die Texte entstammen Ausgaben des „Stuttgarter Neuen Tageblattes“ von fünf aufeinander folgenden Tagen und waren zumeist als Aufmacher platziert. Kommentare kennzeichneten den „wahren Charakter der Polen“ als brutal, grausam, hochmütig, eitel, hinterhältig, gemein17 und bezeichneten sie als „Untermenschen“. Die Politik der polnischen Regierung und das Hervortreten von Nationalisten im Lande wurden als hemmungslos aggressiv und kriegshysterisch dargestellt. Das Ziel bestehe in der Eroberung Ostpreußens, Danzigs und Schlesiens. Für deutsche Städte würden Beschriftungen von Bahnhöfen in polnischer Sprache vorbereitet. Breslau solle dann Wroclaw heißen.18 Auch ein Krieg gegen Litauen werde vorbereitet.

Die Masse der Deutschen verhielt sich in diesem zur Neige gehenden Sommer, den viele wie üblich genossen, als Verdrängungskünstler, denn deren Fähigkeit war nötig, um angesichts allein schon der offiziellen Nachrichten, Kommentare und Berichte sich zu beruhigen. So erschienen in Zeitungen Artikel über den „ehernen Westwall“, das in Eile errichtete System von Verteidigungsanlagen an der Grenze zu Frankreich, das als „das gewaltigste Verteidigungssystem aller Zeiten“ beschrieben wurde. So stellte ihn auch ein in den Kinos zu sehender Dokumentarfilm dar. Ein Report über die „Luftverteidigungszone West“, mit dem der vor allem im Zusammenhang mit den intensivierten Luftschutzübungen sich ausbreitenden Furcht vor einem Bombenkrieg begegnet werden sollte, erschien unter der Überschrift „Hier kommt kein Angreifer durch“. In diese Propaganda reihte sich ein Interview des Landwirtschaftsministers, der versicherte, dass sich Hungerzustände wie die im Weltkrieg nicht wiederholen könnten. Doch gab es auch Erscheinungen von Unruhe und Vorsorge. Davon zeugte beispielsweise ein Aufruf an Eltern, die in diesen Tagen der Ungewissheit ihre Kinder um sich haben und sie daher aus Dörfern von ihren Einsätzen zur Ernte zurückriefen, sie bei ihrer Arbeit zu belassen, damit die erwarteten Erträge geborgen werden könnten. Solche und ähnliche Beobachtungen kommentierte der später durch seine Bücher, vor allem durch „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“, weithin Berühmtheit erlangende US-amerikanische Rundfunkkorrespondent William L. Shirer mit dem Bemerken, das deutsche Volk ist „noch nicht wirksam auf einen Krieg vorbereitet worden“ und es lasse sich „unter den Massen keinerlei Kriegsbegeisterung registrieren“. Nachdem am Morgen des 27. August Rundfunk und Zeitungen die Rationierung von Nahrungsmitteln und weiteren Waren des täglichen Bedarfs bekannt gemacht hatten, notierte er: „Der Durchschnittsdeutsche macht heute einen entmutigten Eindruck.“19

Diese Ablehnung des Krieges und vor allem die Furcht, dass er wieder Jahre dauern könne, waren den Faschisten an der Staatsspitze bewusst. Ein Blick aus den Fenstern der Reichskanzlei auf den Wilhelmplatz konnte ihnen das am 3. September 1939 bestätigen. Dort – das wäre die vergleichbare Szene zu der vor dem Schloss im August 1914 - hatten sich nur etwa 250 Personen um Lautsprecher versammelt und hörten die Mitteilung von Großbritanniens Kriegserklärung. „Nach Beendigung der Durchsage gab es nicht einmal ein Murmeln. Sie standen unverändert dort. Betäubt. Die Leute können es noch nicht fassen, dass Hitler sie in den Weltkrieg geführt hat.“20 So wieder der Augenzeuge William L. Shirer, der auch seine Beobachtungen mit Berichten vom August 1914 verglich: „Heute: keine Begeisterung, kein Hurrageschrei, keine Hochrufe, kein Blumenstreuen, kein Kriegsfieber, keine Kriegshysterie. Nicht einmal Hass auf Franzosen und Briten ...“.21 Und die Analyse in den SOPADE-Berichten besagte, dass bei weitem nicht alle „verrückt“ wären. „O nein, Begeisterung gibt es überhaupt nirgends.“22 Die verbreitete Ablehnung des Krieges hatten auch ganz unterschiedlich gesonnene britische Besucher im Reich festgestellt.23

Diese Volksstimmung konnten die Machthaber als Beweis für das Scheitern der Absicht ansehen, die Hitler den Spezialisten der NS-Presse vor knapper Jahresfrist in München am 10. November 1938 auseinandergesetzt hatte: dem Volke „die Vorgänge“ so darzustellen, dass dessen Seele schließlich nach Gewalt rufe. Nun suchten sie im Kriege nachzuholen, was ihnen im Vorkrieg nicht gelungen war. Dabei reagierten sie nicht überstürzt, mit Geschick und Raffinesse und brauchten im Kern Neues nichts zu erfinden. Sie griffen zu der 1914 von der kaiserlichen Regierung benutzten Formel vom „uns aufgezwungenen Krieg“.24 Besonderer Wert wurde auf die Beteuerung gelegt „Der Führer hat diesen Krieg nicht gewollt.“25 Englands angeblich von Juden gelenkte Regierung wurde, unter Aussparung des französischen Gegners26, als der alleinige Kriegsinteressent hingestellt. Diese Version besaß freilich den Nachteil, dass ihr stillschweigend ein Bedauern über den verlorenen Frieden beigemischt war, eine Stimmung, die, jedenfalls wenn sie dauerte, dem Ziel der Machthaber, die Bevölkerung zu äußersten Kriegsanstrengungen zu mobilisieren, nicht förderlich sein konnte. Doch ließ sich darauf vertrauen, dass militärische Siege, zumal wenn sie ohne große Opfer gegen den hoffnungslos unterlegenen polnischen Gegner erreicht waren, die Stimmung wandeln und - nolens volens - eine Gewöhnung an das einschneidend veränderte Leben eintreten werde. Einmal im Krieg, würden die Deutschen ihn vor allem nicht verlieren wollen. Bei diesem Wunsch ließen sich die Massen packen und von der Führung gleichsam sicher an den Haken nehmen.

Zunächst verzichteten die deutsche Führung in den ersten Septembertagen auf jede Kriegsbegeisterung demonstrierende Massenkundgebung ihrer Anhänger, die Goebbels in seiner Eigenschaft als Berliner NSDAP-Gauleiter in der für derlei Spektakel mehrfach genutzten Sporthalle leicht hätte inszenieren können. Doch wären sie mit einer derartigen Kundgebung nur Gefahr gelaufen, die Partei von der Bevölkerungsmasse zu isolieren. Das war noch nicht die Stunde des Propagandaministers, über dessen fehlende Wortmeldung sich Victor Klemperer wunderte, der am 10. Tag des Krieges in sein Tagebuch schrieb: „Wo ist Goebbels? Er schweigt seit Kriegsausbruch, nein, schon seit Russenbund.“27 Die Töne wurden auf Moll gestimmt: die Deutschen wüssten um die Schwere des Krieges, sie gingen in ihn ernst wie in ein Gebet.

Zur Demagogie vom unschuldig verlorenen Frieden gehörte die Befolgung der Devise: Im Hause des Henkers spricht man nicht vom Strick. Die Propaganda vermied allein schon das Schreckwort Krieg, jedenfalls sofern vom eigenen Haus gesprochen wurde. Die Vorgabe hatte Hitlers Rede am Tage des deutschen Einfalls in Polen geliefert.28 Nicht, dass dem Nachbarstaat, der angeblich den Krieg wollte, deutscherseits Krieg erklärt wurde. Vielmehr wurde nun „zurückgeschossen“, „Gewalt gegen Gewalt“ gesetzt, dem Gegner „mit dem Schwert entgegengetreten“, der „Schutz des Reiches gewährleistet“ und ein „Abwehrkampf“ geführt. Dem ersten Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht zufolge hatten „Kampfhandlungen“ begonnen. Deutschland befand sich „im Kampf“, seine Bevölkerung lebte nun „in Zeiten des Kampfes“. So auch die Wortwahl im Aufruf des katholischen Feldbischofs Franz Justus Rarkowski, der von einer „Feuerprobe der Bewährung“, dem „Kampf um Lebensrechte“, vom „Schutz des Lebens der Nation“ und von „Sturmestagen“ sprach.29

Das Wort Krieg wurde nur im Hinblick auf die Politik der Gegner benutzt, so in der These „Polen zwingt und den Krieg auf“.30 Als die Regierung in London am dritten Septembertag erklärte, Großbritannien befinde sich mit dem Deutschen Reich in Kriegszustand und aus Paris die entsprechende Nachricht in Frankreichs Namen einging, hieß es in der NS-Presse „Die Westmächte brechen den Frieden“.31 Britische Machtpolitiker hätten das eigene Volk in den Krieg getrieben und wollten das deutsche in ihn hineinziehen.32 Auf des Gegners Seite hatte eine „Kriegspartei“ gesiegt und war „Kriegshysterie“ entfacht worden, dort tagte ein „Kriegskabinett“ und agierten „Kriegshetzer“, dort wurden Kriegskredite“ aufgelegt und ein „Kriegshaushalt“ beschlossen, dort lag die „Kriegsschuld“ und existierten Kriegsgründe“. Großbritannien führe einen „Wirtschaftskrieg“, einen „Piratenkrieg“ und „Kaperkrieg“ zur See und den „Hungerkrieg gegen die Welt“.

Charakterisierte die deutsche Propaganda die eigene Politik, war und blieb Krieg zunächst ein Tabuwort. Einzig die deutsche Bürokratie vermochte sich weder in der Wehrmacht noch in Wirtschaft und Justiz dem anzuschließen. Dort existierten die „Kriegsrangliste“ und der „Kriegsstammrolle“. In der „Kriegswirtschaftsverordnung“33, erlassen vom Ministerrat für die Reichsverteidigung gab es „Kriegsbeiträge“, „Kriegszuschläge“, „Kriegslöhne“ und „Kriegspreise“ und auch „kriegsschädliches Verhalten“. Im Versicherungsgewerbe ließen sich Bezeichnungen wie „Kriegsschäden“ infolge von „Kriegshandlungen“ nicht umgehen. Auch nicht zur Bestimmung weiterer Straftatbestände in der „Verordnung über das Sonderstrafrecht im Kriege“34, die den Machthabern und ihren Richtern zusätzliche Instrumente zur Erzwingung von Gehorsam und Disziplin bot. Eine der ersten Verlautbarungen, die ihnen einen Wandel im Sprachgebrauch der Propaganda anzeigte, kam aus der Adjutantur des Führers, der wissen ließ, er wünsche nicht, auf seinen Reisen Blumen überreicht zu bekommen – während der unbestimmten „Dauer des Krieges“.35

Als Polen besiegt war, fielen diese Rücksichten mehr und mehr. Der Oberkommandierende der Kriegsmarine, Großadmiral Erich Raeder, gab einem holländischen Journalisten ein Interview, in dem er das Festhalten am internationalen Seekriegsrechts glaubhaft zu machen suchte. Es erschien unter der Überschrift „Deutschlands U-Bootkrieg“36. Herausgehoben wurde die Mehrung der eigenen „kriegswirtschaftlichen Kraft“ durch den Zugriff auf Polens Schwerindustrie, gefeiert die „unübersehbare Kriegsbeute“. Ein Leitartikel war überschrieben „Kriegsziel erreicht“.37 Das war für diesen Moment, den 20. September 1939 die größte aller Lügen. Denn die Ziele in diesem sich zum Zweiten Weltkrieg ausweitenden Eroberungszug des deutschen Imperialismus erschöpften sich weder in Danzig noch mit der Liquidierung des Nachbarstaates. Das verbarg die Behauptung vom erreichten Kriegsziel. Indessen gewann der Krieg, der nach dem kurzen Feldzug in Polen praktisch nicht stattfand, unter den Deutschen eine begrenzte Popularität, zumal er ganz anders zu verlaufen schien, als der zwei Jahrzehnte zuvor verlorene.

Diesen Wandel beschrieb mit einem treffenden Bild aus geringem zeitlichen Abstand der US-Amerikaner Howard K. Smith, der seinen Posten als Rundfunkreporter in Deutschland, den er erst 1940 übernommen hatte, rechtzeitig verließ und in der Schweiz Zuflucht fand, so: „Im Grunde hängen sie (die Deutschen K.P.) an den Nazis dran, wie ein Mann, der die überraschende Entdeckung gemacht hat, dass er den Schwanz eines Löwen in den Händen hält, und der sich einfach weiter daran festhält- nicht weil er die Nähe des Löwen so toll findet, sondern weil er unsagbare Angst davor hat, was wohl passiert, wenn er los lässt.... Der Hauptgrund, weshalb sich die Deutschen am Schwanz des Löwen festklammern, ist folgende quälende Frage, die ihnen wie ein Alptraum im Nacken sitzt: Wie wird es ihnen ergehen, wenn sie den Krieg nicht gewinnen.“38 Und diese Furcht, wie Smith ebenfalls bemerkte, nahm mit jeder Untat und jedem an anderen Völkern begangenen Verbrechen zu. Zur Abwendung einer erneuten Kriegsniederlage mobilisierten Millionen ihre Willenskräfte, denen sie, von der faschistischen Propaganda missleitet, ohnehin eine übermäßigen Anteil an Erfolgen oder Misserfolgen zumaß. Als die Dänin Karen Blixen Deutschland im März 1940, von Beauftragten des Propagandaministeriums geleitet, Deutschland besuchte, stieß sie auf diese Erscheinung, die sie so beschrieb: „So beherrscht den Fremden in Berlin überall der Eindruck einer ungeheuren Willensanspannung. Die Willenskraft ist die Leistung des Dritten Reiches ... und je nachdem, ob man an die Macht des Willens glaubt, kann man an dessen Evangelium glauben.“39

Dabei befand sich der zunächst schweigende Goebbels gleichsam auf dem Sprung, die Deutschen mit den schrillen Tönen der Kriegsfanfaren anzufallen Er werde sorgen, warf er sich schon am 4. Kriegstag in seinen Tagebuchaufzeichnungen in die Brust, , dass „das Volk halten wird“. Es sei „ruhig und gefasst“ und „voll einer erbitterten Entschlossenheit“.40 Der Feldzug gen Osten dauerte noch keine zehn Tage, da notierte auch er, die „Volksgenossen“ würden noch nicht glauben, „dass es zum großen Krach kommt“.41 Als die Kriegshandlungen im Osten nahezu beendet waren, befand er die Stimmung im Lande zwar als ausgezeichnet, gestand sich aber doch ein. „Alles ist abwartend“ und „Man hofft wohl insgeheim auf einen Frieden mit Frankreich.“42 So sahen das auch die Informanten des Exilvorstands der Sozialdemokratie, wie ein aus Bayern stammender Bericht besagte: „Ein wesentlicher Teil der Bevölkerung hofft noch immer, dass die Franzosen doch nicht mitmachen werden und die Sache deshalb bald zu Ende gehe.“43 Das Bild, wonach die Deutschen in einer Mischung von Loyalität, Vertrauen und Liebe zu ihrem bewunderten Führer, bangend zwar, in den Krieg gefolgt seien und seinen Krieg zu dem ihren gemacht hätten,44 geht an der Tatsache vorbei, dass sie sich einer Wahlmöglichkeit längst begeben hatten. Sie mussten sich mit den Schritten ihrer Führung abfinden. Der Kriegsbeginn schuf keine Beziehungskrise zwischen den Massen und den Machthabern, geschweige, dass er Menschen gegen das Regime in Bewegung gesetzt hätte. Darauf hofften Sozialdemokraten, sich auf die Erfahrungen von 1917/1918 stützend erst nach einem gründlichen Wandel der Situation: „Erst wenn er Hunger noch mehr anklopft und die Nerven zermürbt hat und vor allen Dingen, wenn es den Westmächten gelingen würde, im Westen Erfolge zu erzielen und deutschen Boden in größerem Umfange zu besetzen, dürfte die Zeit zu einem Umsturz heranreifen.“45

Als ein Teil der Truppen aus Polen wieder in ihre Garnisonen zurückkehrte und sie Einwohner mit Blumen empfingen, modifizierte sich jedoch das Bild. Vieler bemächtigte sich ein „Taumel über die Vernichtung Polens.“46 Das waren auch Zeugnisse der Erleichterung, denn „es“ war so glimpflich abgegangen. Diese Feiern verbanden sich zudem mit falschen Hoffnungen. Der Krieg sei vielleicht gerade erst am Anfang, notierte William L. Shirer am 21. September, „wenn auch die Deutschen nach der Einnahme Polens ihn gern am Ende sähen“.47 Und diesen Eindruck bestätigend, schrieb er am 5. Oktober 1939: „Die Menschen hier wollen gewiss Frieden.“48 Dieser Stimmung trug das Zentralblatt der NSDAP Rechnung, als es nach dem Polenfeldzug schrieb: „Ganz Europa wartet auf das Wort des Friedens aus London. Wehe denen, die es verweigern. Sie werden eines Tages von ihrem eigenen Volk gesteinigt werden.“49

Die als Feldzug der 18 Tage gefeierte Niederwerfung Polens erzeugte in der Bevölkerung keinen Appetit auf mehr. Am 20. September notierte William L. Shirer: „Alle Deutschen, mit denen ich heute sprach, gehen felsenfest davon aus, dass wir innerhalb eines Monats Frieden haben werden.“50 Wie Informationen des Sicherheitsdienstes besagten, rechneten viele mit einem Abbruch des Krieges und darauf, dass sich die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs mit den geschaffenen Tatsachen abfinden würden. Dazu trug eine Rede Hitlers bei, die er am 6. Oktober vor dem Reichstag hielt51 und in der er den Westmächten ein Friedensangebot zu Bedingungen unterbreitete, die deren Kapitulation gleichkamen. Dennoch verstärkte sie, „den Glauben an ein Nachgeben Großbritanniens und Frankreichs“, wie die nun regelmäßig erscheinenden SD-Berichte über die innenpolitische Lage am 9. Oktober vermerkten.52 Drei Tage später tauchte „fast schlagartig in allen Teilen des Reiches das Gerücht auf, die englische Regierung und der englische König hätten abgedankt und es sei ein Waffenstillstand abgeschlossen worden.“ Diese Nachricht – der Wunsch war der Vater des Gedanken – sei in allen Volkskreisen freudig und mancherorts mit Begeisterung aufgenommen worden, in Betrieben, auf Märkten, in der Berliner Universität. Auf dem Bahnhof Heinersdorf nahe Berlin wurde Soldaten, die den Ort mit einem Zug passierten, zugerufen: „Ihr könnt nach Hause fahren, der Krieg ist aus!“ Als sich die deutsche Seite darauf zu einem Dementi veranlasst sah, habe sich unter denen, die der Nachricht geglaubt hatten, „eine tiefe Niedergeschlagenheit“ verbreitet.53

Deutlicher als durch diese Episode konnte unter den Bedingungen sofort erlassener Kriegsgesetze und der verschärften Überwachung der Bevölkerung deren Haltung kaum erkennbar werden. Noch Tage später galt die Aufnahme des Gerüchts Sicherheitsexperten als Beweis dafür, „wie stark in der Allgemeinheit der Wunsch zum Frieden ist“, eine Feststellung, der beruhigend hinzugefügt wurde, dass von „einer ausgesprochenen Kriegsmüdigkeit (in der 6. Woche seit Kriegsbeginn! K.P.) nicht gesprochen werden“ könne.54 Noch in der Meldung vom 16. Oktober, als die Zurückweisung von Hitlers „Friedensangebot“ durch die Regierungen in London und Paris nicht zu bezweifeln war, hieß es im Bericht zur innenpolitischen Lage: „Vollständig sind allerdings die Hoffnungen auf einen baldigen Frieden noch nicht geschwunden.“55 Illusionen nährte auch die Tatsache, dass nach dem Feldzug in Polen Bauern aus der Wehrmacht entlassen wurden, um die Einbringung der Herbsternte zu sichern.

Erst in seiner Rede am 9. November 1939 in München sprach Hitler Klartext und sagte den „Volksgenossen“, worauf sie sich einzurichten hätten und begegnete damit den Hoffnungen vieler, dass der „richtige“ Krieg vielleicht doch gar nicht stattfinden werde.56 Doch ging diese Ausrichtung der Massen auf einen Krieg von unbestimmter Dauer propagandistisch - nächst der Ablehnung jeder deutschen Schuld am Kriege und der Verleugnung aller eigenen Kriegsziele – weiter mit dem Bestreben einher, den Deutschen zu versichern, dass dies ein ganz anderer Krieg sein werde als der von 1914 bis 1918 geführte. Vor allem könne er nur mit dem Sieg des Reiches enden. Welche Naivität in den ersten Kriegswochen in den Massen genährt wurde, das bezeugen unter anderem „10 Gebote für die Heimatfront“, deren erstes lautete „Ruhe bewahren und in deren weiteren gefordert wurde, jede Arbeit anzunehmen, die ausstehenden Rechnungen zu bezahlen, besonders die alten, um sich Freundlichkeit und Freudigkeit zu verbreiten und insgesamt sparsam zu sein und sich in seinen Ansprüchen der neuen Situation anzupassen.57

Unruhe schufen jedoch die ersten Kriegswirtschaftsverordnungen, die mit ihrer Schärfe die Stimmung unter der Arbeiterschaft so negativ beeinflussten, dass sie schon nach wenigen Wochen zurück genommen wurden. Was den Massen zugemutet werden müsste und sollte, blieb in der Führung mehrfach umstritten und in kaum jemandem lebte die Erinnerung an den Zerfall der Kriegsgefolgschaft aus den Jahren 1917 und 1918 warnender als in Hitler. Er war der entschiedene Verfechter des Prinzips, die Kriegslasten auf „die Anderen“ abzuwälzen, sie schuften, bluten und sterben zu lassen und im Reich den Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten, u. a. durch die Fortsetzung des Betriebs von Kinos, Theatern, Varietes, Tanzveranstaltungen, Kunstausstellungen und Sportwettkämpfen, vor allem aber auch durch hinreichende Lebensmittelrationen und im ersten Kriegswinter durch warme Wohnungen. Bei letzterem gab es die ersten schmerzlichen Einbrüche, welche die Vernachlässigung der Entwicklung des Transportwesens anzeigten.

Die Mehrheit der Deutschen, mit Ausnahme einer freilich nicht zu marginalisierenden Minderheit von fanatischen Faschisten, Militärs, ahnungslosen Heranwachsenden58 und unbelehrten Weltkrieg-I-Kämpfern, hatte den Krieg nicht gewollt, aber sie wurde an ihn gewöhnt und konnte sich dennoch nicht entraten, bei jeder Veränderung und nach jedem Sieg zu fragen, ob sein Ende nicht in Sicht wäre. So wieder geschehen nach dem Sieg im Westfeldzug, als sich erneut eine die Machthaber beunruhigende Friedenserwartung ausbreitete.

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