"Rasse, Volk und Arbeit": Politische und rassische Selektionskriterien der Einwandererzentralstelle der SS - Vortragsveranstaltung der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung mit Andreas Strippel am 21. April 2009.


Die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung im Monat April 2009 (21. 4.) fand im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin statt. Sie war die Auftaktveranstaltung für eine Reihe publizistischer und anderer Projekte der Berliner Gesellschaft in Vorbereitung auf den 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September. Als Vortragender eingeladen war der Historiker Andreas Strippel (Universität Hamburg). Schon in seiner Dissertation hat er sich mit den politischen und rassistischen Segregationskriterien der deutschen Okkupationsbehörden, namentlich der Einwandererzentralstelle beschäftigt. In dem großen "Handbuch der völkischen Wissenschaft", das von Ingo Haar und Michael Fahlbusch herausgegeben worden ist(München 2008), hat er das Stichwort "Einwandererzentralstelle Litzmannstadt", bearbeitet. Andreas Strippel ist 1. Vorsitzender der Hamburger Kampagne "Laut gegen Nazis".

Zusammengefasst führte Andreas Strippel in seinem Vortrag das Folgende aus:
Am 11. Oktober 1939 gab der Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich die Einrichtung der Einwandererzentralstelle (EWZ) bekannt, wenige Tage nachdem Heinrich Himmler mit der Festigung deutschen Volkstums beauftragt worden war. Sie war Teil des Apparates, den Himmler als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (RKF) errichtete. Diesem Apparat gehörten das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die Deutsche Umsiedler Treuhand GmbH (DUT), das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS (RuSHA), die Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi) sowie die Dienststelle Greifelt (ab Sommer 41 Stabshauptamt des RKF) an. Organisatorisch war die EWZ dem RSHA zugeordnet.1 Wie ihre Mutterbehörde war sie eine Mischung aus staatlichen und SS-Dienststellen.
Innerhalb des RSHA war die EWZ dem Sicherheitsdienst der SS (SD) im Amt III B zugeordnet. Dieses Amt "Volkstum und Volksgesundheit" wurde von SS-Obersturmbannführer Hans Ehlich geführt, eine der zentralen Figuren der SS-Volkstumspolitik. Unter seiner Führung wurde auch der Generalplan Ost des RSHA entwickelt, der die Vertreibung von 30 Millionen Menschen in Osteuropa vorsah. Damit sollte Platz geschaffen werden für deutsche Siedler. Die Vertreibungen von Polen und Juden wurden von Ehlich zusammen mit Adolf Eichmann (Amt VI B des RSHA) geplant und von den Umwandererzentralstellen (UWZ) durchgeführt.2 Im Laufe des Krieges nahm der Einfluss des SD auf die Volkstumspolitik des "Dritten Reiches" zu, indem er unter anderem die Kontrolle über Forschungseinrichtungen ausbaute, die zu "volkstumspolitischen Themen" arbeiteten und damit die Volkstumspolitik unterstützten.3 Ehlich vertrat auch die EWZ-Belange bei Konferenzen der Hauptämter und wachte darüber, dass die EWZ nicht zu selbständig agierte.4 Neben dem SD waren in der EWZ u. a. Angehörige des Innenministeriums, des RuSHA und des Arbeitsministerium tätig. Fachlich unterstanden diese weiter ihren Herkunftsdienststellen, waren jedoch an die Weisungen des EWZ-Leiter gebunden. Der SD dominierte somit die Arbeit der EWZ.
Innerhalb der NS-Volkstumspolitik hatte die EWZ eine zentrale Rolle. Als Selektionsbehörde für die umgesiedelten Volksdeutschen aus Osteuropa, war sie maßgeblich daran beteiligt, die Vision einer "rassereinen Siedlergesellschaft" in konkretes Verwaltungshandeln zu überführen. Die EWZ als neuer, genuiner NS-Verwaltungstypus war letztlich einer der wichtigen Akteure, die die Rassenvorstellungen der SS erst verwaltungs- und politikfähig machten.
Die zentralen Kategorien der rassenpolitischen Selektion der EWZ setzten sich aus mehreren Faktoren zusammensetzte: aus rassenanthropologischen, eugenischen, kulturellen, politischen und ökonomische Faktoren. Die rassenanthropologischen und eugenischen Kriterien bildeten in der Selektionslogik der EWZ den Grundstock für die Kategorie Rasse. Aus den kulturellen und politischen Faktoren leitete sich maßgeblich die Kategorie Volk ab. Das heißt: Die EWZ sortierte die Menschen nach den Kategorien Rasse (Anthropologie und Erbbiologie), Volk (Kultur und Politik) und Arbeit. Dabei bilden diese drei Kategorien ein dynamisches Bezugssystem. Dies war die Basis, auf der die EWZ das Konstrukt Rasse als verwaltungstechnische und politische Kategorie verankerte, also Rassenpolitik machte.
Die EWZ musterte die Menschen auf den Grad ihres "Deutschseins", ihrer Arbeitsfähigkeit und ihres "Rassewertes" hin, um sie einzubürgern und anzusiedeln. Sie selektierte deutsche Minderheiten aus dem Baltikum, dem sowjetischen annektierten Ostpolen und Rumänien, die 1939/40 als Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes in den annektierten westpolnischen Gebieten angesiedelt werden sollten, sowie deutsche Minderheiten aus Serbien, Slowenien, der Slowakei, Bosnien, Bulgarien, Frankreich, Belgien und Griechenland. Darüber hinaus war die EWZ an der Zwangsgermanisierung beteiligt wie an der so genannten "Wiedereindeutschung" von Slowenen und an der Suche nach so genannten "Deutschstämmigen" im Generalgouvernement, ab 1943 an der Einbürgerung von "Deutschstämmigen" in der Wehrmacht, Waffen-SS, Polizei und SD, Organisation Todt und im Reichsarbeitsdienst. Insgesamt selektierte die Einwanderzentralstelle ungefähr eine Million Menschen. 5
Die Selektion, die so genannte "Schleusung", führten mobile Dienststellen, so genannte "Fliegende Kommissionen", in den Sammellagern der VoMi durch, in denen die Volksdeutschen vor ihrer Ansiedlung untergebracht waren. Dieses Verfahren blieb von 1939 bis 1945 in seiner Grundstruktur gleich. Die Umsiedler durchliefen nacheinander die Melde- und Ausweisstelle, die Lichtbild-, die Gesundheits-, die Vermögensausgleich-, die Staatsangehörigkeits- und zum Abschluss die Berufseinsatzstelle. So sollte innerhalb kurzer Zeit über Einbürgerung und Ansiedlung entschieden werden. Der so genannte Ansatzentscheid bestimmte, wo die Umsiedler angesiedelt werden sollten: "O" stand für die eingegliederten Ostgebiete, A für das Altreich und S für "Sonderfall", den abgelehnten Fall. Während der ersten Umsiedlungen bedeutete "Sonderfall" eine Rückkehr in das Ausreisegebiet oder Abschiebung ins Generalgouvernement.6 Bereits ab Frühjahr 1941 wurden S-Fälle als "Fremdarbeiter" zwangsrekrutiert, was später gängige Praxis wurde. 7
Im Laufe ihres Bestehens veränderten sich die Selektionskriterien der EWZ. Bei der Einbürgerung wurde die deutsche Abstammung immer weniger wichtig und die "rassische" also rassenanthropologische Beurteilung durch die "Eignungsprüfer" des RuSHA sowie ökonomische Aspekte immer entscheidender. Gleichzeitig wurde der anfangs auf strengen rassenanthropologischen und erbbiologischen Kriterien beruhende Ansatzentscheid verändert. Die Kriterien wurden gelockert und um ökonomische Faktoren ergänzt, die jedoch auch über Rassenkunde legitimiert wurden. Obwohl es durch diese Tendenzen zu Problemen in der Tätigkeit der EWZ kam beispielsweise wurden trotz Kritik anderer SS-Stellen politisch zuverlässige Menschen aus rassischen Gründen von der EWZ abgelehnt , erwies sich das Festhalten und Ausweiten des Rassebegriffes als funktional, weil dadurch grundsätzlich der Kreis der Siedler erweitert werden konnte und damit auch der Kreis potentieller Soldaten und Arbeiter in der Rüstungsindustrie erweitert wurde.
Die EWZ arbeitete bis zum Ende des Dritten Reiches. Ende Januar 1945 führten Kommissionen noch die letzten Einbürgerungen durch.8 Die verwaltungstechnische Umsetzung von Rassepolitik war ein Versuchsfeld für die volkstumspolitischen Phantasien der SS. Es gab keine kohärenten Theoriegebäude, die als Anleitung hätten dienen können. So amalgamisierte die EWZ im Zusammenspiel mit den beteiligten Behörden und Dienststellen aus anthropologischen, eugenischen, ökonomischen, politischen und kulturellen Faktoren erst ihre Rassenpolitik. Trotz aller inneren Widersprüche bewies sie Arbeitsfähigkeit und musterte nach ihren eigenen Statistiken cirka eine Million Menschen, bis die Realität der Kriegsereignisse die Vision der völkischen Neuordnung stoppte.

Im Anschluss an den Vortrag wurden die folgenden Probleme angefragt und diskutiert:
Ein Diskussionsthema bildete die Verantwortlichkeit der EWZ-Angestellten im institutionellen Geflecht der Behörden und deren Zusammenspiel mit den SS-Stellen. Es wurde deren Eifer für die Weiterentwicklung der pseudowissenschaftlichen faschistischen Rassentheorie und ihre bewusste praktische Umsetzung (Überprüfung und Klassifizierung) mit allen Konsequenzen für die Betroffenen festgestellt.
Daraus ergab sich folgerichtig die Frage nach einer strafrechtlichen Verfolgung der EWZ-Angehörigen in der Nachkriegszeit. Andreas Strippel legte dar, dass weder Leiter noch Angestellte der EBZ als Teil des RSHA als solche angeklagt wurden.
Gefragt wurde nach den Forschungsquellen zur Institution EWZ.
Diskutiert wurde die Verwendung der Täterbegriffe Selektion/Schleusung/Erfassung/Segregation.
Ein Zuhörer fragte nach, ob die Umsiedler selbst erkannten, dass sie rassisch geprüft wurden. Der Vortragende erläuterte dazu, dass die SS auf der Geheimhaltung der Auswahlkriterien bestand, auch wenn sie offensichtlich waren, was vor allem dazu diente, den Betroffenen keine Einspruchsmöglichkeiten zu gewähren.
Besprochen wurde auch, dass die Ansiedlungen gegen Kriegsende nicht mehr stattfanden und die Umsiedler stattdessen zur Arbeit zwangsrekrutiert wurden.

Sibylle Hinze

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])