Vor 65 Jahren:
Mord in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1943.

Von Martin Seckendorf


Am 24. März 1944 begingen Angehörige der SS am Stadtrand von Rom eines der grausamsten Massaker im seit September1943 von Deutschland besetzten Italien.
335 Italiener wurden zu Fünfergruppen gefesselt in den Sandhöhlen Fosse Ardeatine durch Genickschuß umgebracht. Der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Rom, SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler, und dessen Stellvertreter, SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, leiteten die Erschießungen. Nach den Hinrichtungen wurden die Höhlen gesprengt, wobei vermutlich erst dadurch einige Opfer, die von den Pistolenschützen nur schwer verletzt worden waren, zu Tode kamen. Obwohl die Besatzer vor und nach dem 24. März 1944 fortlaufend Massenmorde mit wesentlich mehr Opfern unter der Zivilbevölkerung begingen, gilt das Gemetzel in den Fosse Ardeatine bis heute als Symbol der deutschen Herrschaft in Italien.

Racheaktion

Anlaß für die grausame Tat war eine am 23. März 1944 in Rom durchgeführte Aktion italienischer Stadtpartisanen, der Gruppi di azione pattriotika (GAP), gegen eine Polizeieinheit. Die 11. Kompanie des III. Bataillons des SS-Polizeiregiments "Bozen" marschierte vom Forum Mussolini im Nordosten der "ewigen Stadt" in Richtung Castro Pretorio. Als die Kolonne kurz nach 15 Uhr die Kreuzung Via Rasella/Via del Boccaccio erreichte, ereigneten sich mehrere Detonationen. 32 SS-Leute waren sofort tot, ein SS-Mann starb am nächsten Tag. Auch zwei italienische Passanten wurden getötet.
Die Aktion war seit längerem vorbereitet und vom Militärausschuß des Nationalen Befreiungskomitees - Comitato di Liberatione Nationale - gebilligt worden. Der Anschlag fand außerdem zu einem publikumswirksamen Zeitpunkt und an einem symbolträchtigen Ort im Zentrum der "ewigen Stadt" statt.
Die Aufklärer der GAP hatten beobachtet, daß die Polizeieinheit jeden Tag mit "la famosa puntualtà tedesca", mit der bekannten deutschen Pünktlichkeit, diesen Weg nahm. Die Einheit bestand vorwiegend aus Angehörigen der deutschen Minderheit in Südtirol. Die SS-Männer waren wegen ihres fanatischen Hasses gegen alles Italienische und ihrer besonderen Brutalität im Kampf gegen den italienischen Widerstand bekannt geworden.
An jenem 23. März 1943 feierten die Mussolini-Faschisten und ihre deutschen Dienstherren mit großem Pomp den 25. Jahrestag der Gründung der Faschistischen Partei Italiens, die seit 1922 regierte. Die Sprengladungen der GAP explodierten unweit des Palazzo Quirinale, einst Sommersitz der Päpste, seit der Einigung Italiens im 19. Jahrhundert Sitz der italienischen Könige, heute Amtssitz des Staatspräsidenten.
Die deutschen Besatzer waren geschockt, hatten sie doch geglaubt, die Lage in Rom "im Griff" zu haben. Der Oberbefehlshaber der 14. Armee, Eberhard von Mackensen, der Stadtkommandant Kurt Mälzer, SS-Obersturmbannführer Kappler und der Reichsbevollmächtigte in Italien, Rudolf Rahn, einigten sich, eine kollektive Bestrafung der Römer durchzuführen. Diese sollte derart umfangreich und besonders grausam ausgeführt werden, um die Italiener von künftigen Widerstandshandlungen abzuhalten. Es wurde ein Tötungsproporz von eins zu zehn vorgeschlagen; für einen getöteten SS-Mann sollten zehn an der Aktion völlig unbeteiligte Römer sterben. Der Vorschlag ging an den für Italien höchsten militärischen Führer, den Oberbefehlshaber Südwest Albert Kesselring, der ihn befürwortend an das Oberkommando der Wehrmacht weiterleitete. Nachdem Hitler den Plan bestätigt hatte, begannen die Erschießungen.
Für die Bevölkerung kam die Reaktion auf die Aktion in der Via Rasella überraschend, hatten die Deutschen doch bislang in Rom weitgehend auf solche drakonischen Maßnahmen verzichtet.
Die besondere Brutalität der deutschen Besatzer zu diesem Zeitpunkt ist vor allem aus der Nähe zur Front zu erklären. Etwas mehr als 100 Kilometer südlich von Rom tobten an der "Gustav-Linie", die den Alliierten den Zugang nach Rom verlegen sollte, schwere Kämpfe. Nur etwa 50 Kilometer südlich von Rom, im Rücken der "Gustav-Linie", hatten die Alliierten bei Anzio einen Brückenkopf gebildet, den die Wehrmacht nur mit Mühe abriegeln konnte. Angesichts der alliierten Überlegenheit war es nur eine Frage der Zeit, bis die Amerikaner den Weg nach Rom öffnen konnten. Friedhofsruhe im Hinterland galt den Deutschen als wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen militärischen Großkampf südlich von Rom.
Eine weitere Ursache für die überaus harte Reaktion war die Lage in Mittel- und Oberitalien. Dort hatten sich schlagkräftige Partisaneneinheiten formiert, die zeitweilig große Gebiete kontrollierten. Für die Okkupanten besonders gefährlich waren die immer wieder ausbrechenden Streiks im Industriedreieck Turin-Genua-Mailand, die Anfang März 1944 einen weiteren Höhepunkt erreichten. Sie behinderten nicht nur die als kriegswichtig angesehene Ausbeutung Italiens und seiner Bewohner. Sie destabilisierten das gesamte Okkupationsregime und störten die rückwärtigen Verbindungen zur Front. Hitler hatte auf Vorschlag von Rahn harte Maßnahmen befohlen. Rahn hatte bereits Mitte Dezember 1943 angeregt, "die streikenden Arbeiter unter Kriegsrecht" zu stellen, "einige tausend () als Militärinternierte nach Deutschland" zu deportieren. "Rädelsführer" sollten "als Kommunisten kurzerhand" erschossen werden. Die Streiks wurden als Feindbegünstigung und Vorbereitung einer alliierten Großlandung gewertet.
Die Nervosität der Eroberer nach der Aktion in der Via Rasella wurde durch die politische Herkunft der Partisanen gesteigert. Die Deutschen hatten festgestellt, daß von den politisch verschiedenen Widerstandsorganisationen Roms allein die der Kommunistischen Partei nahestehenden Stadtpartisanen der GAP den deutschen Verbänden auch psychologisch einschneidende Verluste zufügten. Gegen Kommunisten aber gingen deutsche Faschisten, seit sie im Januar 1933 in Berlin die Regierung stellten, besonders brutal vor.

Zwiespältige Strafverfolgung

Nach 1945 erkannten die Alliierten sehr schnell den besonderen Stellenwert der Erschießungen in den Fosse Ardeatine und stellten die Täter zügig vor Gericht. Die drei Hauptverantwortlichen aus der Wehrmacht - Kesselring, von Mackensen sowie Mälzer - wurden zum Tode verurteilt. Hingerichtet wurde freilich keiner. Mälzer starb im Gefängnis. Kesselring und von Mackensen kamen bereits 1952 in der Bundesrepublik auf freien Fuß. Sie profitierten davon, daß die BRD als antikommunistische Speerspitze der NATO aufgebaut werden sollte. Eine Verunglimpfung "deutscher Soldaten" schien daher nicht opportun. Der vierte Hauptverantwortliche, Kappler, wurde 1948 von einem italienischen Gericht zum Tode verurteilt. Das Urteil ist später in lebenslange Haftstrafe umgewandelt worden. Im August 1977 gelang ihm unter mysteriösen Umständen die Flucht aus Rom; er starb ein halbes Jahr darauf in der BRD. Der fünfte Hauptverantwortliche, der Reichsbevollmächtigte Rahn, wurde wegen seiner Tätigkeit in Italien, insbesondere wegen seiner Rolle bei der Vorbereitung des Massenmordes in den Ardeatinischen Höhlen, nie verurteilt. Er starb 1975 als hoch geachteter Kaufmann und politischer Berater in Düsseldorf. Erich Priebke (Jahrgang 1913), dem Stellvertreter Kapplers, gelang über die sogenannte Rattenlinie mit Hilfe des Vatikans die Flucht nach Argentinien. Dort lebte er viele Jahre unter seinem vollen Namen und war auch bei der westdeutschen Botschaft bekannt. Erst nach jahrelangen Bemühungen, vor allem eines französischen Journalisten, wurde Priebke an die italienische Justiz ausgeliefert. Diese verurteilte ihn 1998 zu lebenslanger Haft, die er bis heute unter stark erleichterten Bedingungen verbüßt.

Wehrmacht und SS organisierten das Massaker

Bei der juristischen Aufarbeitung des Massakers vom 24. März 1944 stellten die Alliierten schon kurz nach Kriegsende fest, daß die Wehrmacht die Hauptverantwortung für den Mord an 335 Römern trage. Nach Beginn des Kalten Krieges und des Beitritts der Bundesrepublik zur NATO wurde in der Berichterstattung über das Massaker die Rolle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei und des SD, Herbert Kappler und seines Stellvertreters Priebke dagegen in den Vordergrund gerückt. Die Rolle der Wehrmacht trat in den Hintergrund. Die Dokumente zeigen aber, daß die SS zwar die Geiseln ausgewählt und auch getötet hatte, die Initiative zu dem Tötungsverbrechen und die Festlegung über die Anzahl der zu tötenden Opfer jedoch von den zuständigen Wehrmachtsstellen bis hin zum Oberkommando der Wehrmacht ausging. Nur wenige Stunden nach dem Partisanenangriff in Rom berichtete der "Reichsbevollmächtigt" in Italien, Rudolf Rahn, nach Berlin, vom Wehrmachts-Stadtkommandanten in Rom "werden schärfste Sühnemaßnahmen eingeleitet". Ganze Stadtviertel Roms sollten in Schutt und Asche gelegt werden. In Beratungen zwischen der Wehrmacht, der SS und der zivilen Okkupationsbehörde wurde beschlossen eine nachhaltig wirkende Aktion durchzuführen. Erschießungen mit einer ungeheuren Anzahl von Opfern sollten in allen Schichten Italiens "lähmendes Entsetzen" hervorrufen. Auf Sprengungen in der Stadt wollte dagegen man verzichten. In einem zweiten Telegramm vom 24. März berichtete Rahn, daß man sich geeinigt habe, für jeden getöteten Deutschen zehn Italiener umzubringen. Auch über den zu tötenden Personenkreis hatte Rahn Wichtiges zu melden. "Als Vergeltung" für die Partisanenaktion würden die nach dem festgelegten Schlüssel entsprechende Anzahl Römer, "meist Kommunisten, hingerichtet".

(Nach "junge Welt", Berlin vom 21. März 2009, S. 15.)

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