Kalavrita! Stadt der Witwen und Märtyrer
Von Martin Seckendorf



Zwischen dem 5. und 14. Dezember 1943 wurden von der 117. Jägerdivision (Jg. Div.) während des Unternehmens "Kalawrita" auf der Peloponnes nach Unterlagen der Wehrmacht über 700, nach griechischen Angaben bis zu 1300 Griechen ermordet. In der Bezirkshauptstadt selbst verübte die Wehrmacht das größte Einzelverbrechen an griechischen Zivilisten während des Zweiten Weltkrieges. Die 117. Jg. Div. wurde im Sommer 1943 aus Jugoslawien kommend auf die griechische Halbinsel verlegt. Sie sollte dort eine alliierte Landung abwehren, insbesondere die strategisch bedeutsame Land- und Seeverbindung Patras-Athen am Golf von Korinth gegen anglo-amerikanische Angriffe halten.

Klare Befehlslage

Seit der Niederlage der faschistischen Truppen in Nordafrika (s. "junge Welt", -Thema v. 23.10.2007), ging die deutsche Führung davon aus, dass die Alliierten bald an der Westküste Griechenlands landen werden. Das größte Problem bei den Vorbereitungen der Deutschen auf eine alliierte Landung bildete die schnell an militärischem Gewicht zunehmende Griechische Volksbefreiungsarmee ELAS auf der lange als "befriedet" geltenden Peloponnes. Am 15. April 1943 registrierte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) zum ersten Mal einen größeren Angriff einer "kommunistischen Bande", wie die Wehrmacht die ELAS bezeichnete. Die 1. Panzerdivision, die kurzzeitig auf die Halbinsel verlegt worden war, stellte am 5. Juli fest, auf der Peloponnes lägen deutliche "Anzeichen dafür vor, dass auch hier eine Zunahme der Banden- und Sabotagetätigkeit zu erwarten ist." Angesichts des Anwachsens der Widerstandsbewegungen im vermuteten Landungsraum bekräftigte Hitler mit der Weisung Nr. 48 vom 26. Juli 1943 vorangegangene Grundsatzbefehle wie seine Weisung Nr. 47 vom 28. 12. 1942. Die Voraussetzung einer erfolgreichen Invasionsabwehr, so der Tenor der Grundsatzweisungen, sei die "endgültige Befriedung des Hinterlandes und Vernichtung der Aufständischen", um dadurch "die Nachschubstraßen frei zu kämpfen und die erforderliche Rückenfreiheit herzustellen." Bereits am 14. Juli 1943 hatte der Oberbefehlshaber Südost, Alexander Löhr, darauf hingewiesen, dass seiner Meinung nach die griechische Bevölkerung in ihrer Mehrheit gegen die Faschisten eingestellt sei. Man müsse, so der für die Zivilbevölkerung verhängnisvolle Schluss, "bei feindlichen Landungsangriffen" mit "weitestgehender Beteiligung aufsässiger Bevölkerungsteile auf Seiten des Feindes rechnen." Deshalb sollten "schärfste Maßnahmen" gegen die "feindlich eingestellte Bevölkerung" ergriffen werden. Generaloberst Löhr forderte "rücksichtslosen Kampf und Vergeltung", denn "in den meisten Fällen steht die Bevölkerung auf Seiten der Banden." Durch fortwährenden Massenterror sollte die Bevölkerung so eingeschüchtert werden, dass sie im Invasionsfalle nicht wage, sich gegen die Deutschen zu wenden. Der für die Peloponnes zuständige Kommandierende General in Athen, Hellmuth Felmy, befahl der 117.Jg. Div.: "Überführte Teilnehmer an Sabotageakten sind in ihre Heimatbezirke zu verbringen und dort öffentlich zu hängen. Gegen die Familienangehörigen ist mit rücksichtsloser Strenge vorzugehen. Gegebenenfalls sind sämtliche männlichen Familienmitglieder auszurotten… Ortschaften, die Banden als Zuflucht dienen können, sind zu zerstören" und auch die übrige "männliche Bevölkerung", soweit sie der "Teilnahme oder Unterstützung der Bandentätigkeit" bezichtigt wird, sei zu erschießen.

Division mit Erfahrung

Die 117. Jg.Div. fand bei ihrem Eintreffen auf der Peloponnes nicht nur eine klare Befehlslage zur "Vernichtung der Aufständischen" durch massenhaften Mord an Zivilisten vor, sie verfügte auch über einschlägige Erfahrungen. Im April 1941 hatte die Wehrmacht Jugoslawien (und Griechenland) in einem "Blitzkrieg" niedergeworfen. Wegen des bevorstehenden Überfalls auf die Sowjetunion wurden alle kampfkräftigen Verbände aus Jugoslawien in Richtung Osten abgezogen. Als Besatzungstruppe blieben nur Divisionen von geringem militärischen Wert. Darunter befand sich die 717. Infanteriedivision, die später in 117. Jg. Div. umbenannt wurde. Im Sommer 1941 brach in Serbien ein gewaltiger Volksaufstand aus, der die deutsche Herrschaft über die kriegswirtschaftlich wichtigste Region des Balkans erschütterte und schnell auf andere Landesteile Jugoslawiens übergriff. Um des Aufstandes der Jugoslawen trotz geringer militärischer Kräfte Herr zu werden, befahl das OKW am 16. September 1941 einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung. Für jeden getöteten Deutschen sollten 100, für einen verwundeten Deutschen 50 Zivilisten, vor allem Kommunisten, Zigeuner und Juden in besonders abschreckender Weise umgebracht werden. Lähmendes Entsetzen wollte man verbreiten. Auf dieser Befehlsgrundlage wurden binnen weniger Monate allein in Serbien etwa 30000 Zivilisten auf oft unbeschreibliche Art ermordet. Ein beachtlicher Teil der Toten kommt auf das Konto der 717. Infanteriedivision. Generalfeldmarschall Wilhelm List meldete am 18. und 21. Oktober 1941 dem OKW, die Division habe im Gebiet Kraljewo 2284 Zivilisten umgebracht. Ein Regiment der Division meldete, im Oktober 1941 hätte es 5078 Zivilisten getötet. Auch 797 gefangene Soldaten der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee seien sofort umgebracht worden - ein Faktum, das bei der Bewertung des späteren "Unternehmens Kalawrita" in Rechnung zu stellen ist. Die Ermordung der Kriegsgefangenen war keine "Eigenmächtigkeit" der Division. Am 10. Oktober 1941 hatte der der Division vorgesetzte General Franz Böhme befohlen, "die bei Kampfhandlungen von der Truppe gefangenen Kommunisten sind grundsätzlich am Tatort als abschreckendes Beispiel zu erhängen oder zu erschießen." Die Division erwies sich in Jugoslawien als ausgesprochene "killing Unit", wie die Briten solche deutschen Verbände im Zweiten Weltkrieg bezeichneten.

Unternehmen "Kalawrita"

Vor dem Hintergrund der militärischen Situation im Herbst 1943 und der Erfahrungen der 117. Jg. Div. löste ein Fernschreiben aus Berlin am 6. Oktober 1943 eine Entwicklung aus, die direkt in die Katastrophe von Kalavrita am 13. Dezember 1943 mündete. Der Chef des OKW, Wilhelm Keitel, machte den für die Wehrmacht im Südosten zuständigen Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs darauf aufmerksam, dass eine alliierte Landung auch gegen die Peloponnes kurz bevorstünde. Keitel forderte die konsequente Ausführung der für einen solchen Fall ergangenen Befehle. Die deutschen Vorbereitungen einer Invasionsabwehr waren vor allem im Nordwestteil der Peloponnes mit der Bezirkshauptstadt Kalavrita ernsthaft gestört. Das Gebiet befand sich fest in der Hand der ELAS. Von dort konnte die Straßen- und Seeverbindung Patras Athen blockiert werden. Am 4. Oktober 1943 hatte der Militärbefehlshaber Griechenland, General der Flieger Wilhelm Speidel, festgestellt, "auf dem Peloponnes ist vor allem die Gegend nordwestlich von Tripolis bandengefährdet." Der Generalstabschef der in Griechenland befehlsführenden Heeresgruppe E, August Winter, schätzte ein, auf der Peloponnes sei es der ELAS gelungen, "ein geschlossenes Herrschaftsgebiet…mit ausreichenden Versorgungsmöglichkeiten" zu errichten. Sie ginge "in vielen Orten bereits dazu über, Aufgaben der staatlichen Verwaltung wahrzunehmen." Die 117. Jg. Div. bereitete eine große Militäraktion gegen das befreite Gebiet um Kalavrita vor. Am 16. Oktober wurde eine Kompanie unter Hauptmann Hans Schober in Marsch gesetzt. Sie sollte tief in das befreite Gebiet eindringen und Stellungen der ELAS sowie Wege, Straßen und Brücken für das geplante Unternehmen erkunden. Da die Sache eilte, schickte man die Kompanie ohne schwere Waffen, mit nur geringem Munitionsvorrat und ohne Funkverbindungsmittel los. Schon kurze Zeit nach Abmarsch wurden die Deutschen von der ELAS-Aufklärung erfasst. In der Nähe von Kalavrita zwangen ELAS-Einheiten die Kompanie zur Kapitulation. Am 18. Oktober erhielt die Division Nachricht von der Gefangennahme der Kompanie. Sofort begannen die Deutschen mit Durchsuchungs- und "Säuberungs"-Unternehmen. Hunderte Griechen wurden dabei umgebracht, Tausende als Geiseln genommen. Jede Partisanenaktion wurde mit unglaublicher Brutalität gegen die Zivilbevölkerung beantwortet. In einem Befehl vom 20. Oktober für ein Unternehmen gegen zwei Stadtteile von Kalamata heißt es, "die gesamte männliche Bevölkerung im Alter von 15-60 Jahren" sei festzunehmen und in das Konzentrationslager Athen zu bringen. Die ELAS machte der Wehrmacht das Angebot, die Gefangenen gegen von den Deutschen inhaftierte Widerstandskämpfer auszutauschen. Die Verhandlungen zogen sich hin; waren von den Deutschen wohl auch nie ernst gemeint. Während der Gespräche zog die Wehrmacht starke Kräfte um das befreite Gebiet zusammen. Der Erste Generalstabsoffizier (Ia) der 117. Jg.Div., Walter Barth, drängte angesichts der vom OKW vermuteten baldigen alliierten Landung auf die schnelle Liquidierung des befreiten Gebietes um Kalavrita. Das Schicksal der Schober-Kompanie spielte für die Divisionsführung kaum noch eine Rolle. Am 25. November erging der Befehl zur Durchführung des seit Oktober geplanten Unternehmens "Kalawrita". Starke Kampfgruppen sollten konzentrisch gegen Kalavrita vorgehen. Ihr Auftrag: "Vernichtung der…Banden. Durchsuchung der Ortschaften nach Kommunisten, Waffen, Propagandamaterial usw…Ortschaften, aus denen geschossen wurde, sind niederzubrennen, die Männer zu erschießen." Als letzter Punkt war "Such- und Vergeltungsaktion" für die vermisste Kompanie Schober aufgeführt. Die Deutschen beendeten ohne Ankündigung die Austauschgespräche mit der ELAS. Mit einem Angriff von 28 "Stukas" auf das Dorf Vissoka, in dem das Hauptquartier der ELAS vermutet wurde, begann das Unternehmen "Kalawrita". Ab 5. Dezember stießen die Kampfgruppen mordend und sengend auf das Zentrum des befreiten Gebietes vor. Der Ring um das Versteck mit den gefangenen Deutschen wurde immer enger. H. F. Meyer zitiert in seinem Buch "Von Wien nach Kalavrita" über die 117. Jg. Div. aus dem Brief eines Überlebenden der Kompanie Schober. Der Soldat schrieb kurz nach der Ankunft bei seinem Truppenteil an seine Eltern, die ELAS-Soldaten hätten festgestellt, dass überall deutsche Truppen im Anmarsch seien. "Da wussten sie (die ELAS-Bewacher-M.S.) nicht mehr, wohin mit uns." Sicher auch vor dem Erfahrungshorizont, dass die Wehrmacht alle gefangenen ELAS-Soldaten tötete, wurde am 7. Dezember beschlossen, die Deutschen zu erschießen. Diese nicht zu rechtfertigende Entscheidung nahm die Wehrmacht zum Anlass für einen furchtbaren Rachefeldzug gegen die Zivilbevölkerung. "Als Sühneaktion für die Ermordung von 75 Gefangenen der Kompanie Schober" befahl der Kommandeur der 117. Jg. Div. "die Erschießung der männlichen Bevölkerung und Niederbrennen aller Orte im Raum des Unternehmens". Tatsächlich wurden alle Dörfer, einzeln stehende Anwesen, jedes Kloster geplündert und meist vollständig zerstört; hunderte Griechen getötet.

Das Massaker in Kalavrita

Höhepunkt des Vernichtungsfeldzuges war das Massaker in Kalavrita. Am 13. Dezember erschoss die 117. Jg. Div. dort mehr als 500 Männer im Alter zwischen 13 und 77 Jahren. Während der Hinrichtung der Männer waren die Frauen und Kinder im Schulgebäude eingesperrt. Die Soldaten durchsuchten die Häuser nach Geld, Wertsachen und Lebensmittel. Auch alles Vieh wurde mitgenommen. Als die Deutschen die Nationalbank plünderten, konnten sie den Tresor nicht öffnen. Der Filialleiter wurde vom Hinrichtungsplatz in die Bank gebracht. Unter dem Versprechen, ihn zu verschonen, öffnete er den Tresor. Danach wurde er erschossen. Die Soldaten legten überall Feuer. Auch das Schulgebäude, in dem sich die Frauen und Kinder befanden, fing Feuer. Die Stadt wurde zu großen Teilen zerstört. Am späten Nachmittag fanden die Frauen, die in letzter Minute aus dem brennenden Schulgebäude hatten fliehen können, die toten Männer und unter den Leichen einige meist schwer verwundete Überlebende. Da alle Transportmittel und Werkzeuge verbrannt waren, zogen die schwer traumatisierten Frauen die häufig grässlich verstümmelten Leichen auf Decken und Holzstangen zum etwa 700 Meter entfernten Friedhof. Dort mussten sie den gefrorenen Boden mit Tonscherben, oft mit den bloßen Händen aufkratzen. Es verging fast ein Monat, bis alle Toten richtig beerdigt waren. Die eisigen Nächte verbrachten die Frauen und Kinder in halbzerstörten, einsturzgefährdeten Häusern. Aus den ebenfalls geschundenen Nachbargemeinden kam nach einiger Zeit gegen das ausdrückliche Verbot der Wehrmacht Hilfe zu den von Kälte und Hungertod bedrohten Menschen. Tage später erreichte eine kleine Gruppe von Ärzten, Schwestern und Mitarbeitern des Roten Kreuzes die Stadt. Als Ergebnis des Feldzuges gegen das Gebiet um Kalavrita meldete der Generalstabschef der 117. Jg. Division dem vorgesetzten Generalkommando, die Wehrmacht habe 696 Zivilisten und 17 Soldaten der ELAS getötet. 24 Ortschaften und drei Klöster sowie einzeln stehende "Hütten" seien zerstört worden. Als "Beute" wurde genannt: 272 083 000 Drachmen, 1 930 Schafe, 19 Rinder, 28 Pferde, 28 Esel. Die hemmungslose Brutalität beim Unternehmen "Kalawrita" ist nicht nur aus der strategisch herausgehobenen Lage des befreiten Gebietes um Kalavrita und mit der Erschießung der 75 Deutschen zu erklären. Hinzu kam die abgrundtiefe Verachtung und rassistische Geringschätzung der Griechen durch den Kommandeur der 117. Jg. Div., dessen Äußerungen repräsentativ für die Auffassungen im deutschen Offizierskorps in Griechenland waren. Für ihn war Griechenland ein "Land der Nichtstuer, Schieber und Korrupteure"; die Griechen bezeichnete er als "Drecksvolk".

Vernichtungskrieg gegen "Links"

Nach dem Unternehmen "Kalawrita" ging der Massenterror gegen die Zivilbevölkerung auf der Peloponnes wie auch in anderen Teilen Griechenlands weiter. Die Okkupanten bemühten sich aber, von dem bislang praktizierten politisch undifferenzierten Morden abzugehen und den Terror zielgenauer gegen "Links" einzusetzen. Der Generalstabschef der Heeresgruppe E, August Winter, begründete auf einer Offiziersbesprechung am 9.Dezember 1943 die "neue Linie". Es gehe "leider (sic!) nicht an, alle Leute zu köpfen" und "völlig unbeteiligte Ortschaften dem Erdboden gleichzumachen", da dies, so Winter, "nur zur Vermehrung des Bandenwesens" führe. Deshalb seien von nun an die politisch richtigen Griechen zu töten, "die wahrhaft Schuldigen". Wahrhaft schuldig seien, so die Definition im Grundsatzbefehl der Heeresgruppe für die "neue Linie", alle "Personen, die sich zum Kommunismus bekennen." Der hemmungslose Vernichtungskrieg gegen den linken Flügel des griechischen Widerstands, der damals fast 90 Prozent des griechischen Festlandes befreit hatte, führte zu noch höheren Opfern unter der Zivilbevölkerung. Der Einfachheit halber nannte man in den Berichten und Meldungen alle getöteten Griechen "Kommunisten". Im März 1944 führte die ELAS einen Angriff auf ein LKW-Geleit der Wehrmacht im Gebiet Sparta durch. Im Kriegstagebuch des Militärbefehlshabers Südost heißt es dazu: "Als Sühne Erschießung von 200 kommunistischen Geiseln". Als im April 1944 bei einer Attacke der ELAS der Kommandeur der auf der Peloponnes stationierten 41. Festungsdivision, Franz Krech, ums Leben kam, wurden 325 Kommunisten erschossen. In den Sommermonaten des Jahres 1944 starben in ganz Griechenland im Durchschnitt täglich 108 Griechen durch "deutsche Hand".

Juristische Aufarbeitung nach 1945

Schon kurze Zeit nach Beendigung des Krieges begannen die Alliierten mit der juristischen Aufarbeitung der Massaker auf der Peloponnes. Im Geiselmordprozess, einem Nachfolgeverfahren des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg, wurde 1948 der der 117. Jg. Div. vorgesetzte Kommandierende General des 68. Armeekorps, General der Flieger Felmy, vor allem wegen des Unternehmens "Kalawrita" zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die amerikanischen Richter werteten das Massaker in Kalavrita als "glatten Mord" mit den wichtigsten Merkmalen für ein solches Kapitalverbrechen wie Heimtücke und Grausamkeit. Felmy wurde schon 1951 aus der Haft entlassen. Die Sowjetunion führte1949 einen Prozess gegen den Kompaniechef der 117. Jg. Div. Hans Pust durch. Ein sowjetisches Gericht verurteilte ihn wegen Mordes, Anwendung schwerer Folter und Plünderung auf der Peloponnes zu 25 Jahren Arbeitslager. Pust wurde 1956 an die BRD überstellt und noch im gleichen Jahr als Hauptmann in die Bundeswehr übernommen. Nach seiner Pensionierung wurden die vorgelegten Beweise gegen ihn so erdrückend, dass die Münchener Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes einleiten mußte und ihn 1971 in Haft nahm, wo er vor Eröffnung des Hauptverfahrens starb. Bundesdeutsche Staatsanwaltschaften hatten auch gegen andere Offiziere der 117. Jg. Div. Verfahren eingeleitet, die bald wieder eingestellt wurden. In krassem Gegensatz zu den amerikanischen Richtern im Geiselmordprozess bezeichnete u.a. die Bochumer Staatsanwaltschaft die Blutbäder beim Unternehmen "Kalawrita" als angemessen, als nicht grausam oder heimtückisch und als nicht völkerrechtswidrig. Auch das Vokabular der Einstellungsverfügungen ist erschreckend. Wie die Wehrmacht nannte man die von der ELAS kontrollierten Gebiete "partisanenverseucht" und die Widerstandskämpfer "griechische Banden". Die Aufarbeitung des Falles Kalavrita hat noch eine andere dunkle Seite. Obgleich nach dem Geiselmordprozess 1947/48 die Rolle der 117. Jg. Div. öffentlich bekannt war, konnten hohe Offiziere der Division nach dem Krieg ihre militärische Karriere z.T.in politisch hochsensiblen Bereichen der Bundeswehr fortsetzen. So etwa der Regimentskommandeur und erste "Führer" des Unternehmens "Kalawrita", Julius Wölfinger. Er war Oberst der Bundeswehr und zwischen 1956 und 1958 Kommandeur der Schule für Feldjäger und Stabsdienst in Sonthofen. Der erste Generalstabsoffizier (Ia) der Division, Walter Barth, die "rechte Hand" des Divisionskommandeurs, dessen Aufgabe u.a. die Ausarbeitung grundlegender Lagebeurteilungen und Einsatzbefehle war, wurde Oberst im Militärischen Abschirmdienst, der Geheimpolizei in der Bundeswehr. Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass eine angemessene Entschädigung der Hinterbliebenen des Unternehmens "Kalawrita"- wie auch der Opfer aller anderen Terroraktionen von Wehrmacht und SS in Griechenland - als sichtbarer Beleg für Bedauern und die Bereitschaft zu tätiger Reue noch aussteht. Alle Bundesregierungen haben sich geweigert, die Terroropfer angemessen zu entschädigen und lehnen es bis heute ab, mit den Betroffenen Gespräche, gegebenenfalls über alternative Regelungen, zu führen.

Nach einem Aufsatz in "junge Welt", Berlin v. 12.12.2008, S. 10 und 11.

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])