Die Annexion Österreichs im März 1938 – ein lange und zäh verfolgtes deutsches Expansionsziel.



In den Morgenstunden des 12. März 1938 drang die 8. deutsche Armee in Österreich ein. Geschlossene deutsche Polizeieinheiten sowie Einheiten der SS-Verfügungstruppe, dem Vorläufer der Waffen-SS, waren in die Wehrmachtsverbände integriert. SS-Kommandos unter der Leitung des Reichsführer-SS und Chefs der Deutschen Polizei Heinrich Himmler waren auf dem Wiener Flughafen Aspern gelandet und hatten mit Verhaftungsaktionen begonnen.1 Aus Wien kommende Fernzüge wurden auf offener Strecke angehalten und durchsucht. Österreichische SS und SA besetzten in ganz Österreich die Schaltstellen der Regierungsgewalt. Am späten Nachmittag kam Adolf Hitler nach Linz. Dort traf er den österreichischen Nazi-Funktionär Arthur Seyß-Inquart, der kurz zuvor vom österreichischen Bundespräsidenten Wilhelm Miklas unter starkem Druck des Hitler-Reiches zum österreichischen Bundeskanzler ernannt worden war. Am 13. März wurde das "Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" verkündet. Ausgabeort war Linz. Im Gesetz heißt es: "Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches...Die Einführung des Reichsrechts in Öster10reich erfolgt durch den Führer und Reichskanzler oder den von ihm hierzu ermächtigten Reichsminister." .2 Eine am 16. März 1938 gebildete Zentralstelle unter Leitung des Reichsinnenministers hatte auf staatlicher Ebene die schnelle Eingliederung des Landes in das Nazi-Reich und den Aufbau der deutschen Verwaltung in Österreich zu koordinieren.3
Zum ersten Male hatte der deutsche Faschismus einen unabhängigen Staat unterworfen, nicht um ihn zeitweilig zu besetzen, sondern um ihn zu annektieren, für immer dem Nazi-Reich einzugliedern. Die gloriose Kaisermetropole Wien wurde über Nacht eine Provinzstadt des Deutschen Reiches. Österreich war das erste Opfer der neuen Etappe nazistischer Eroberungspolitik, die mit der sogn. Hoßbach-Besprechung am 5. November 1937 eingeleitet worden war.4 Die deutsche Führung hatte auf dieser Besprechung den Entschluss gefasst, die seit langem geplanten Expansionen, die dem Nazi-Reich die Herrschaft über den Kontinent bringen und eine territorial genügend große Plattform für den Kampf um die Weltherrschaft sichern sollten, von nun an notfalls gegen die Westmächte unter Einsatz militärischer Gewalt sehr bald zu realisieren. Um Flankenbedrohungen bei einem Einschreiten der Großmächte gegen die gewalttätige Expansionspolitik zu beseitigen und gleichzeitig das als prekär eingeschätzte rüstungswirtschaftliche Potential zu erhöhen, wollte man sich zuerst nach Südosten wenden. Österreich und die Tschechoslowakei waren als erste Opfer dieser schrittweise durchzuführenden Aggressionspolitik ausgewählt worden. Wenn alles sehr schnell ginge, "blitzartig schnell" , wie Hitler auf der Hoßbach-Beratung hervorhob, sei die Gefahr, dass Großbritannien und in dessen Gefolge Frankreich den einzelnen Opfern beispringen werde, ziemlich gering.5 Die geplante Aggression gegen Österreich, das ergibt sich aus dem Besprechungsinhalt, war nicht Endzweck, sondern eine geografisch wichtige Zwischenstation auf dem Weg zur Erringung der Herrschaft über den Kontinent.

Eine Aggression

Der erzwungene Beitritt Österreichs zum Deutschen Reich wurde von der Nazi-Propaganda unter Bezugnahme auf das 1806 erfolgte Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das man geschichtsverfälschend zum deutschen Nationalstaat deklarierte, als Wiedervereinigung gefeiert. Die Tatsache, dass der "Anschluß" ohne die Hilfe der Macht- und Einflusseliten in Österreich6 so leicht nicht möglich gewesen wäre und die Nazi-Propaganda in den Tagen des 12. und 13. März den Eindruck zu vermitteln versuchte, die ganze österreichische Bevölkerung jubele den deutschen Truppen zu, führte zu der Behauptung, die Annexion sei mit freudiger Zustimmung "der Österreicher" und gewissermaßen als eine Familienangelegenheit7 erfolgt.
Mit diesem die völkerrechtswidrige Tat sowie die deutschen Initiatoren und Ausführer der Aggression entlastenden Argument hatte sich schon das Internationale Militärtribunal in Nürnberg im Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher 1945/1946 auseinander zu setzen. "Vor dem Gerichtshof wurde eingewendet," so das Militärgericht, "die Annexion Österreichs habe in dem weit verbreiteten Wunsch einer Vereinigung Österreichs und Deutschlands ihre Rechtfertigung gefunden...und schließlich sei dieses Ziel ohne Blutvergießen erreicht worden." Das Gericht betonte demgegenüber, dass die Einverleibung Österreichs eine Aggression, damit die schwerste kriminelle Tat in den Beziehungen zwischen den Staaten darstellte. Die deutsche Politik habe sich solcher Mittel bediente, die "die eines Angreifers waren." Insbesondere wurde darauf verwiesen, dass die einmarschierende Wehrmacht, die in Österreich eindringenden SS- und Polizeieinheiten, den Befehl hatten, bei Widerstand, sofort rigoros Gewalt anzuwenden.8 In Hitlers Weisung Nr. 1 für die Kriegsführung vom 11. März 1938 ("Unternehmen Otto" ) heißt es:
"1. Ich beabsichtige, wenn andere Mittel nicht zum Ziele führen, mit bewaffneten Kräften in Österreich einzurücken....5. Sollte es aber zu Widerstand kommen, so ist er mit größter Rücksichtslosigkeit durch Waffengewalt zu brechen." 9 Die in Österreich eindringenden SS- und Polizeieinheiten hatten nach einem Bericht des Reichssicherheitshauptamtes volle Handlungsfreiheit. Sie waren auch in Fragen "über Tod und Leben" nicht an irgendwelche gesetzlichen Regeln gebunden.10 Auf der Hoßbach-Besprechung am 5. November 1937 hatte der Reichskriegsminister Werner von Blomberg den Beschluss zur baldigen Annexion Österreichs als "unsere(r) Offensive nach Südosten" bezeichnet und Hitler sprach von der "Durchführung unseres Angriffs gegen die Tschechei und Österreich" .11
Das Hossbach-Protokoll, so das Internationale Militärtribunal, beweise in besonderer Weise, dass von den "ehernen Motiven" gegenüber den "Brüdern und Schwestern" in Österreich bei genauem Hinsehen nichts übrig blieb, "dass keiner der erwähnten Umstände der Beweggrund" für das Handeln der deutschen Führer gewesen ist.12
Schon in seinem 1925 erschienen Buch "Mein Kampf" rechtfertigte Hitler die Forderung nach Angliederung "Deutschösterreichs" ausschließlich mit völkischen Motiven, wegen des "gleichen Blutes" , das "in ein gemeinsames Reich" gehöre. Er bestritt vehement andere Gründe etwa geostrategische oder "wirtschaftliche Erwägungen" für die Anschlusspläne.13 12 Jahre später, auf der Besprechung am 5. November 1937, spielten für den Entschluss zur baldigen Einverleibung Österreichs auf Seiten der deutschen Täter nur Fragen der damit erhofften Verbesserung der militärischen und rüstungswirtschaftlichen Lage sowie der Lebensmittelversorgung der "reichsdeutschen" Bevölkerung eine Rolle. Bei den Eroberungen sollte es nach Hitler auf der Hoßbach-Besprechung "nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich nutzbarem Raum" und von Rohstoffgebieten gehen. Die "Einverleibung" Österreichs bringe zudem den "Gewinn von Nahrungsmitteln" . Zur "Verbesserung unserer militärpolitischen Lage...im Falle kriegerischer Entwicklungen" , so Hitler, sei "unser erstes Ziel" , die Tschechoslowakei und Österreich niederzuwerfen, "um die Flankenbedrohung ...auszuschalten." Wegen der dann "kürzere(n), bessere(n) Grenzziehung" könne die Wehrmacht Truppen "für andere Zwecke" bereithalten.14
Die von Hitler angesprochenen wirtschafts- und militärgeografischen Fragen weisen auf die für den deutschen Imperialismus besondere Bedeutung einer Annexion Österreichs in Zusammenhang mit der gesamten deutschen Südosteuropaexpansion hin. Die Eroberung Österreichs war nicht nur wegen der Aussicht, Devisen, Arbeitskräfte, Rohstoffe, Lebensmittel und Produktionskapazitäten zu gewinnen, wichtig. Das Land war als erstes Ziel, als Ausgangspunkt und Auftakt der notfalls gewaltsam zu betreibenden deutschen Expansionspolitik vor allem wegen seiner geografischen Lage sowie seiner politischen und wirtschaftlichen Rolle mit Blick auf Südosteuropa ausgewählt worden. Diese Region war besonders nach dem Ersten Weltkrieg ein bevorzugter deutscher Expansionsraum. Ein wesentliches Motiv für die besonders seit 1934 forcierte deutsche Politik der friedlichen Durchdringung Südosteuropas, dem Musterbeispiel einer hochkomplex angelegten pénétration pazifique,15 war das Bemühen der Faschisten, im Kriegsfall Lebensmittel und Rohstoffe aus einem blockadesicheren Raum auf Wegen herbei schaffen zu können, die anders als im Ersten Weltkrieg nicht von dem seegewaltigen England kontrolliert werden konnten. Hitler ging auf der Hoßbach-Besprechung mehrfach auf diese grundlegende Lehre, die die deutschen Eliten aus dem Ersten Weltkrieg gezogen hatten, ein. Er forderte, die zu erobernden Gebiete, die Rohstoffe und Lebensmittel liefern sollten, müssten "im unmittelbaren Anschluß an das Reich" liegen, also auf dem Landweg zugänglich sein. Sie dürften keinesfalls in Gebieten liegen, die nur "über die durch England beherrschten Seegebiete" zu erreichen wären.16 Die Blockade Deutschlands durch die Entente im Ersten Weltkrieg, bildete ein starkes Motiv zur Wiederaufnahme der Südostexpansion. Schon bald nach 1918 hatte Karl Helfferich auf dieses Blockadeproblem aufmerksam gemacht. In Reflexionen über die deutsche Nahostexpansion bis 1918 wies er darauf hin, ein entscheidender Vorteil der Nahostlinie habe für die Landmacht Deutschland darin bestanden, dass sowohl die Expansionsräume als auch die Verbindungslinien dorthin "abseits des Machtbereichs des seegewaltigen England" lagen, das während des Weltkrieges "alle unsere anderen Ausgänge nach der außereuropäischen Welt beherrschte." 17 Die Blockadeerfahrung wurde ab 1933 ein konstitutives Element deutscher Südosteuropapolitik. Der Generalbevollmächtigte für die Kriegswirtschaft hob in einem Schreiben vom 14. September 1938 die "außerordentliche Bedeutung" der Verkehrswege nach Südosteuropa im "Mob-Fall" hervor, "da sich der größte Teil der Ein- und Ausfuhren Deutschlands" über diese Wege vollziehen werde.18 Zusammenfassend legte am 12. November 1940 Günther Bergemann, im Reichswirtschaftsministerium zuständiger Abteilungsleiter für die Außenwirtschaft, die Kontinuität deutscher Politik hinsichtlich des "Blockadekomplexes" dar. Es sei das langfristige Bestreben der deutschen Politik gewesen, eine Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg zu vermeiden, als "43% der deutschen Einfuhren aus Übersee" kamen und von der Entente leicht unterbunden werden konnten. Deshalb habe sich Deutschland insbesondere seit 1933 "bewusst und planmäßig bemüht, seine überseeischen Einfuhren zu drosseln und seinen Warenverkehr so zu lenken, dass es in der Lage ist, Waren auch im Kriegsfall erreichbar zu haben." 19 Dieser ideale Bezugsraum war Südosteuropa, das im Ergebnis dieser Expansionspolitik schon Ende 1937/Anfang 1938 als "informal empire" des deutschen Faschismus bezeichnet werden kann.20
Österreich galt in vielerlei Hinsicht als das Tor nach Südosteuropa. Wenn es in "falsche" Hände geriet, konnte es aber auch als Sperrriegel gegen den deutschen Drang nach Südost fungieren. Auf diese "Gefahr" hatte schon 1930 der Deutsche Schutzbund, ein politisch einflussreicher Dachverband des "Grenz- und Auslandsdeutschtums" mit guten Beziehungen zur rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und zum Auswärtigen Amt, hingewiesen und einen schnellen Anschluß Österreichs gefordert. Im März 1930 übergab der Vorsitzende des Verbandes, Karl C. von Loesch, der Reichsregierung die Denkschrift "Möglichkeiten deutscher Ostpolitik" , die zuvor mit dem Reichsaußenminister Gustav Stresemann und nach dessen Tod mit seinem Nachfolger Julius Curtius sowie mit großen Unternehmerverbänden abgestimmt worden war. Das bislang kaum bekannte Dokument ist eines der bedeutendsten außenpolitischen Strategiepapiere in der Weimarer Republik. Im Kapitel "Die Probleme des nahen Südostens" heißt es: "Das Wichtigste ist fraglos der Anschluß ...auch wegen der Gefahr, die ein selbständiges Österreich für uns bedeutet. Sie liegt in der Möglichkeit der Entstehung eines eigenösterreichischen Staatsgefühls, in wirtschaftlicher Sonderentwicklung, im Eintritt Österreichs in ein politisches oder wirtschaftliches System, dem das Reich nicht angehört, ja das gegen dieses gerichtet sein könnte. Das Ergebnis wäre: Abschnürung des Reiches von den Ländern der mittleren und unteren Donau" . Der Schutzbund forderte "eine aktive Politik...welche in der Gewinnung Österreichs das erste Nahziel sieht...Österreich...ist auch der Ausgangspunkt jeder weiteren Reichspolitik nach Osten und zur Neuordnung Europas." Die deutsche Politik müsse daher zügig an "der Durchführung des staatsrechtlichen Zusammenschluss Österreichs mit dem Deutschen Reich" arbeiten. Die Denkschrift fasst zusammen: "Der österreichische Alpenraum und das oberste Donaubecken um Wien sind die Schlüsselstellung." 21 Ebenso wie sieben Jahre später in der "Hoßbach-Besprechung" spielen in der Schutzbund-Denkschrift die "Brüder und Schwestern" für die Begründung zum Anschluß Österreichs keine Rolle. Es heißt darin: "Der Raum ist noch wichtiger als der Zuwachs von 6,5 Millionen Deutschen und die Wirtschaftskräfte Österreichs." 22

Der "Anschluß" 1938: Improvisation oder Verwirklichung einer längerfristigen Planung?

Der Ablauf der Ereignisse zwischen dem 11. und 13. März 1938 und die staatsrechtliche Form der Annexion als Wiedervereinigung führen zu der bis heute kontrovers diskutierten Frage, ob der "Anschluß" eher improvisiert oder der letzte Schritt eines sorgfältig kalkulierten Stufenplans war. In einer in großer Auflage verbreiteten Publikation aus dem Jahre 2002 heißt es, dass am 12. März die deutschen Truppen "mit allen Zeichen der Improvisation" in Österreich einmarschierten.23 Die Quellen zeigen dagegen besonders für den militärischen Bereich ein anderes Bild. So meldete das Reichskriegsministerium am 12. März 1938, dass "die Operationen weiter planmäßig verlaufen." (Hervorhebung von mir-M.S.)24 Außerdem ist die Tatsache, dass zwischen dem Entschluß zum Angriff und dem Beginn des Einmarsches einer ganzen Armee mit geschlossenen Polizei- und SS-Einheiten nur wenige Stunden lagen und dazu gleichzeitig eine als ausreichend empfundene militärische Bedeckung gegen die französische Grenze aufgebaut werden konnte,25 ein deutlicher Hinweis auf den ereichten Bereitschaftsgrad, auf die hohe Aggressionsfähigkeit der Wehrmacht.
Schon 1945/1946 musste sich das Internationale Militärtribunal in Nürnberg mit dem Improvisationsargument auseinandersetzen. Um den Vorwurf der Anklage zu entkräften, sie hätten sich mit dem Ziel verschworen, gegen Österreich eine Aggression durchzuführen, nahmen einige Angeklagte und ihre Verteidiger Zuflucht zu dem Argument der Improvisation. "Es war nichts vorbereitet gewesen, sondern es war alles improvisiert" , sagte Wilhelm Keitel, seit Februar 1938 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, in der Vernehmung am 3.April 1946.26 Diese Aussagen sollten nach Meinung von Sidney Alderman, dem amerikanischen Anklagevertreter, das Bild vermitteln, dass "Deutschland niemals Pläne für die Invasion Österreichs gemacht hat" .27 Das Gericht war anderer Meinung und wertete die Annexion Österreichs als Aggression. Im Urteil des Internationalen Militärtribunals heißt es:"Der Einfall in Österreich war ein erwogener vorbereitender Schritt zur Förderung des Planes, gegen andere Länder Angriffskriege zu führen. Damit war Deutschlands Flanke geschützt und die Tschechoslowakei erheblich geschwächt. Der erste Schritt zur Ergreifung von "Lebensraum" war getan; viele neue Divisionen ausgebildeter Soldaten waren gewonnen, und durch die Gewinnung ausländischer Devisen-Reserven war das Aufrüstungsprogramm bedeutend gestärkt worden." Auch "die Methoden, deren man sich zur Erreichung jenes Zieles bediente" , seien "die eines Angreifers" gewesen, führte das Gericht weiter aus.28
Die heutige Diskussion Improvisation versus langfristige Strategie wird auch durch die Ereignisgeschichte in der letzten Etappe des Anschlussprozesses seit Februar 1938 befördert, in dem sich auf deutscher Seite die Taktik gegenüber der österreichischen Regierung und nach außen auf deutscher Seite auch die an der Spitze handelnden Personen änderten.
Für den 12. Februar 1938 hatte Hitler den österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuchnigg nach Berchtesgaden befohlen und diesen u.a. mit der Androhung militärischer Gewalt erpresst. Der so eingeschüchterte Österreicher bildete sofort sein Kabinett um und nahm die Nazis Artur Seyß-Inquart und Edmund Glaise-Horstenau als Sicherheitsminister bzw. als Minister ohne Portefeuille in die Regierung. Schuchnigg musste außerdem zugestehen, dass die Nazi-Organisationen in Österreich sich de facto frei betätigen konnten und inhaftierte Nazis freigelassen werden.29 Damit hatten die Nazis zum ersten Male Zugriff auf entscheidende Bereiche der österreichischen Staatsmacht (auch der auf die Unabhängigkeit Österreichs bedachte Generalstabschef wurde durch einen "deutschfreundlichen" Offizier ersetzt; schon 1936 war es gelungen, den nazistischen Gewährsmann Guido Schmidt zum österreichischen Außenminister ernennen zu lassen). Zusammen mit der fast uneingeschränkten Tätigkeit der österreichisch Nazi-Organisationen, dem verstärkten illegalen Transfer von vielen Millionen von Reichsmark zur Stärkung großdeutscher Kräfte30 sowie einem gesteigerten propagandistischen Druck aus Deutschland31 war eine zügige totale Faschisierung der Alpenrepublik abzusehen und ein Anschluß "via facti" 32, ohne Anwendung offensichtlicher äußerer Gewalt in kurzer Zeit möglich. Die Nazi-Führung in Deutschland nannte dies die "evolutionäre" Lösung der Österreich-Frage.33 Sie beinhaltete: "Machtergreifung" der österreichischen Nazis nach deutschem Muster ohne Putsch, danach folge naturnotwendig der "Anschluss" . Am 18. Februar hatte Edmund Veesenmayer, Stellvertreter des seit 1937 als Sonderbeauftragter für Österreich agierenden Wilhelm Keppler, in einem Informationsbericht über die Folgen der Berchtesgadener Besprechung besonders mit Blick auf die austrofaschistischen Machtzirkel festgestellt: "Der Zusammenbruch ist ein derartig totaler, dass unter der Voraussetzung, dass eine Beschleunigung der Entwicklung dem Führer in sein außenpolitisches Konzept passt, durch bestimmten Nachdruck seitens des Reiches innerhalb der nächsten Wochen eine Reihe entscheidender Positionen erobert werden können." 34 Hitler machte sich diese Beurteilung mit der Favorisierung der "evolutionären Entwicklung" offensichtlich zu Eigen. Er stellte am 26. Februar 1938 zum Berchtesgadener Abkommen fest, es sei "so weitgehend, dass bei voller Durchführung die Österreich-Frage automatisch gelöst werde...Eine gewaltsame Lösung sei ihm, wenn es irgendwie vermieden werden könne, jetzt nicht erwünscht" . Österreichischen Spitzennazis erklärte Hitler, sein Ziel sei, die Österreich-Frage auf einem "evolutionäre(m) Weg" zu lösen.35 Veesenmayer berichtete in seinem o.g. Schreiben vom 18. Februar von "Chaosstimmung" in Wien. Eine Kapitulation solchen Ausmaßes der Gruppen hinter Schuschnigg hatte die deutsche Führung nicht erwartet. Das Nazi-Regime verschärfte den Druck auf Österreich. Hitler, Keppler und Göring legten am 21. Februar 1938 den weiteren Kurs fest. Die Entwicklung auf einen "Anschluss" unter Seyß-Inquart sollte vor allem durch die weitere Kapitulation der Schuschnigg-Gruppe beschleunigt vorangetrieben werden. Um die Nazi-Bewegung in Österreich straffer von Deutschland aus zu führen sowie um störende Aktionen der Nazis in Österreich, aber insbesondere aus dem Ausland auf den verschärften, dennoch vorgeblich gewaltlosen "evolutionären" Kurs zu vermeiden, wurde der wegen seiner Disziplinlosigkeit und seiner Intrigen gegen Seyß-Inquart in Berlin unbeliebt gewordene Landesleiter der NSDAP in Österreich Josef Leopold abgesetzt.36 Offensichtlich wollte man das seit 1936 ins Auge gefasste Szenario der "evolutionären" Entwicklung nun durchsetzen: Kein gewaltsamer Putsch in Österreich, Rücktritt Schuschniggs und des Bundespräsidenten Wilhelm Miklas, Übergabe der gesamten Staatsmacht an Seyß-Inquart und die Nazi-Bewegung, die dann den "Anschluss" als Vollzug des Volkswillen verkünden werde.
Genährt wird die Auffassung, der "Anschluss" , wie er im März 1938 vollzogen wurde, sei mehr Improvisation denn Ergebnis eines wohl durchdachten Planes gewesen auch dadurch, dass Hermann Göring in der letzten Phase sichtbar hervorgetreten ist. Das zeigt u.a seine Teilnahme an der o.g. Besprechung Hitlers mit Keppler am 21. Februar 1938 aber besonders in den bekannten Telefonaten vom 11. März 1938.37 Er war zwischen 1936 und 1939 der wichtigste wirtschaftspolitische Ratgeber Hitlers. Göring stützte sich wiederum auf die ihm unterstellte Vierjahresplanbehörde und "andere um ihn sich sammelnde Wirtschaftsexperten" .38 Außerdem war er seit über einem Jahr intensiver mit wirtschaftlichen Fragen des "Anschlusses" befasst, als bislang bekannt. Am 17. März 1937 verkündete Göring vor dem Eisen- und Stahl-Arbeitskreis des Vierjahresplans, dass bei Modellrechnungen für den Kriegsfall "auch die Bezüge aus Österreich in seiner ganzen Ausdehnung zugrunde zu legen" seien.39 Wirtschaftspolitische Motive spielten dadurch für den verschärften "evolutionären" Kurs nach Berchtesgaden möglicherweise eine etwas größere Rolle bei der deutschen Entschlussbildung. In dieses Bild passt auch sein Vorschlag vom 21. Februar 1938 über eine Währungsunion mit Österreich. Damit wäre die bis dahin stärkste und kaum wieder zu lösende Bindung Österreichs an Nazi-Deutschland erreicht worden. Außerdem konnte man dann die von der deutschen Kriegswirtschaft begehrten Rohstoffe aus Österreich ohne den Einsatz knapper ausländischer Devisen mit Reichsmark erwerben. Göring nannte konkret "Eisen, Metalle und Holz" .40 Für das Vordringen Görings mag auch die Erfahrung vom Sommer 1934 eine Rolle gespielt haben. Nach dem gescheiterten Nazi-Putsch in Wien musste Hitler sich von der österreichischen NSDAP distanzieren. Das Nazi-Regime in Berlin machte in der Österreichpolitik einen im Ausland viel beachteten Rückzieher. Einen solchen Rückzug 1938 würde das Regime und insbesondere seinen obersten Repräsentanten Hitler innenpolitisch und außenpolitisch extrem beschädigen. Durch das Hervortreten Görings wäre aber Hitler im Falle eines Scheiterns des verschärften Kurses zunächst aus der "Schusslinie" gewesen. Erst als am Abend des 12. März der "Anschluss" sicher war, konnte Hitler wieder hervortreten.
Die deutschen Planungen vom Februar 1938 über den verschärften evolutionären Kurs brachte dann der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg durcheinander. Um die sich abzeichnende Entwicklung aufzuhalten, verkündete er am 9. März 1938 eine Volksbefragung für den 13. März 1938. Damit sollten die Unabhängigkeit Österreichs gerettet und die Herrschaft des Austrofaschismus gesichert werden. Das war für die deutsche Führung der casus belli.
Die Nazi-Regierung, befürchtet, dass sich die Mehrheit der Österreicher für die Unabhängigkeit entscheiden werde. Das hätte den Anschluß-Plänen einen schweren Schlag versetzt. In der deutschen Führung kannte man durch Agentenmeldungen die Prognosen der österreichischen Regierung für Neuwahlen bzw. Volksbefragungen. Danach sei ein Zusammengehen der Schuschnigggruppe mit der Arbeiterbewegung geplant, wodurch "die absolute Majorität" erwartet werde.41 Hitler-Deutschland verließ den evolutionären Kurs. Noch am Vormittag des 10. März befahl Hitler, das "Unternehmen Otto" , den Überfall auf Österreich vorzubereiten. Um 18.30 Uhr wurde die 8. Armee mobilisiert. Am 11. März erging die Weisung Nr. 1 für den Einmarsch in Österreich. Ebenfalls am 11. März betrieb Göring mit den genannten Telefonaten den Rücktritt Schuschniggs, die Ernennung Seyß-Inquarts als Bundeskanzler, diktierte dem neuen Regierungschef die Ministerliste und befahl die Absendung eines "Hilfeersuchens" der neuen österreichischen Regierung zur Entsendung deutscher Truppen nach Österreich.42 Joachim von Ribbentrop, der inzwischen zum Reichsaußenminister ernannt worden war, sondierte in Großbritannien und der Italienbeauftragte Prinz Philipp von Hessen holte in Rom Benito Mussolinis Zustimmung für die deutsche Militäraktion ein. Der Einmarsch begann in den Morgenstunden des 12. März. Die österreichische Regierung hatte den Streitkräften befohlen, den eindringenden Deutschen keinen Widerstand entgegen zu setzen.43
Bis dahin scheint die deutsche Führung davon ausgegangen zu sein, dass der Anschluss in Form einer Föderation der beiden dann nazi-faschistischen Staaten vollzogen werde. Als sich im Laufe des 12. März herausstellte, dass der Einmarsch problemlos verlief, die Westmächte, insbesondere Großbritannien nicht ernsthaft intervenieren würden44 und Italien dem deutschen Treiben zustimmte, wurde die staatsrechtliche Form des Anschlusses geändert. Die deutsche Führung war vom Ausmaß der Faschisierung der österreichischen Bevölkerung sowie von der totalen Kapitulation des austrofaschistischen Systems vor den österreichischen und deutschen Nazis völlig überrascht und passte ihr Anschluss-Konzept den neuen, für sie extrem günstigen Bedingungen an. Hitler veranlasste Seyß- Inquart, ein Bundesverfassungsgesetz über den Beitritt Österreichs zum Deutschen Reich zu verabschieden. In diesem Punkt wurden die Austrofaschisten von ihren eigenen Untaten eingeholt. Sie hatten im Frühjahr 1934 nach deutschem Vorbild das Parlament entmachtet und die Gesetzgebungskompetenz der Regierung übertragen. Der Nazi-Minister Seyß-Inquart machte 1938 davon Gebrauch, um Österreich zu liquidieren, ohne formell einen Verfassungsbruch zu begehen. Da sich Bundespräsident Wilhelm Miklas weigerte, das Gesetz zu bestätigen, wurde er zum Rücktritt gezwungen. Seyß-Inquart übernahm kurzzeitig auch die Aufgaben des Bundespräsidenten und unterzeichnete das Bundesverfassungsgesetz dessen Text dann als Artikel I in das deutsche "Gesetz zur Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" vom 13.März 1938 einfloss.45



Nicht Improvisation bestimmte in der Frage der staatsrechtlichen Form des "Anschlusses" die Politik der Nazis, sondern die von der deutschen Führung nicht erwarteten günstigen Bedingungen in Österreich und auf internationaler Ebene erlaubten dem Nazi-Reich, die radikalste Form des Anschlusses, die Wiedervereinigung und Annexion zu wählen.46
Ernst Gottschling ist zuzustimmen, wenn er feststellt, es wäre "ein falscher Rückschluss, aus dem schließlichen Erfolg des koordinierten Vorgehens einen perfekt geplanten Ablauf zu konstruieren," 47 zumal dann der Anteil der herrschenden Klassen in Frankreich, Großbritannien und Italien, aber besonders in Österreich am Untergang der Alpenrepublik relativiert wird. Erfreulicherweise gibt es in Österreich in neuerer Zeit kaum eine geschichtswissenschaftliche oder ernsthafte politische Debatte zum Gegenstand, bei der nicht auch die Frage nach innerösterreichischen Ursachen und deren Gewicht für den Untergang der ersten Republik gestellt wird.48
Die Ursachen für den "spottbilligen Sieg" 49 des deutschen Faschismus über Österreich im März 1938 waren vielschichtig. Ausschlaggebend war jedoch der seit Jahrzehnten manifeste Wille in allen Fraktionen der deutschen Macht- und Einflusseliten, Österreich, ganz gleich in welcher konkreten staatsrechtlichen Form, ihrem Machtbereich einzuverleiben und dafür - auch das war Bestandteil relevanter Anschluss-Konzeptionen - die erforderlichen Bedingung und Anlässe in Österreich und auf internationaler Ebene zu schaffen sowie alle sich plötzlich bietenden Gelegenheiten zu nutzen. So meinte das Auswärtige Amt auf eine Dekschrift des Deutschen Schutzbundes vom März 1930 mit der Forderung nach schnellem Anschluß Österreichs und der "Wiedergewinnung" Südtirols, dass dies "unseren politischen Wunschträumen entspreche" , aber man zur Verwirklichung noch nicht in der Lage sei. Deutschland werde abwarten, aber jede "Gelegenheit wahrnehmen" müssen, "ohne Rücksicht darauf, ob ein Programm oder die Reihenfolge eines Programms dadurch eingehalten werden wird" 50

Traditionelles Expansionsziel

Österreich geriet seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in den Fokus der auf die Eroberung eines "Platzes an der Sonne" , auf Weltherrschaft angelegten deutschen Expansionspolitik. Die Donau-Monarchie war für die deutsche Wirtschaft schon wegen ihrer Bevölkerungszahl und wegen der industriellen Entwicklungsmöglichkeiten ein lukrativer Absatzmarkt und Anlageplatz für den deutschen Kapitalexport. Um 1900 hatte die k. u. k. Monarchie fast 43 Millionen Einwohner (Deutschland: 52 Millionen). Das Reichsamt des Innern stellte im April 1915 in einer Analyse der laufend eingehenden Forderungen aus der deutschen Wirtschaft für eine Wirtschaftsunion mit Österreich fest, es könne kein Zweifel darüber bestehen, dass bei einem wirtschaftspolitischen Anschluß der k.u.k. Monarchie an Deutschland die "deutsche Industrie...nicht nur die übrigen derzeitigen Konkurrenten fast völlig vom österreichischen Markte verdrängen, sondern auch sich in weitem Umfang an die Stelle der österreichischen Industrie selbst setzen wird...Der erhebliche Zuwachs an Absatz, den die deutsche Industrie auf einem zollgeeinten österreichischen Markte finden würde, muß nach dem Kriege besonders bedeutungsvoll erscheinen;" 51 Vor allem aber war Österreich wegen seiner geografischen Lage für alle maßgebenden Gruppen des deutschen Finanzkapitals von großem Interesse. Es spielte dadurch sowohl in den Mitteleuropaplänen als auch in der Expansionslinie "Berlin-Bagdad" eine herausgehobene Rolle. Das Gewicht Österreich-Ungarns für die Expansionspolitik in Richtung Türkei/Nahost verdeutlicht ein Blick auf die Landkarte. Die Großmacht im Südosten Europas reichte Ende des 19.Jahrhunderts von Oberitalien und der Adria bis Lemberg, vom Ostrand des Erzgebirges bis zur Donau bei Belgrad. Der Landweg von Berlin nach Bagdad führte über österreichisches Territorium. Die Beherrschung dieses Weges, der abseits der von Großbritannien kontrollierten Verbindungslinien lag, galt als entscheidender Vorzug der Nahost-Expansion.52 Die Sicherung des Weges nach Bagdad war nur möglich, wenn auch jenes Teilstück, das über Österreich-Ungarn führte, von Deutschland kontrolliert werden konnte. Nach Meinung einflussreicher Kräfte in Deutschland reichte dazu die politische und militärische Bindung in dem seit 1876 bestehenden Zweibund nicht aus. Das Bündnis sollte durch eine starke ökonomische Durchdringung der Donaumonarchie untermauert werden. Am 26. Juli 1905 nahm die Berliner "Börsen- und Handelszeitung" die Eröffnung deutscher Bankenstützpunkte in Sofia zum Anlass, ausführlicher auf die Problematik der Beherrschung des Weges nach Bagdad durch wirtschaftliche Durchdringung einzugehen. Die Bankenaktivitäten, schrieb die Zeitung, seien nur "im Zusammenhang mit den deutschen Aufgaben im Orient" zu verstehen....Alles deutet an, dass die Dinge im Orient bald in Fluss geraten und Deutschland dort die Vormacht erlangt....Dort entwickelt sich ganz von selbst das beste Kolonialprogramm." Auch die Donaumonarchie "kommt dabei in Betracht, denn die wirtschaftliche Initiative derselben versagt nach außen, und da sie auch im Innern abnimmt, so bietet sich der deutschen Finanz hier eine Gelegenheit, Ungarn und selbst Österreich wirtschaftlich zu meistern." 53
Überragende Bedeutung wurde Österreich-Ungarn im Zusammenhang mit den ebenfalls verstärkt seit der Wende zum 20. Jahrhundert auftauchenden Planungen für einen unter deutscher Führung stehenden mitteleuropäischen Wirtschaftsblock beigemessen. In der Schaffung dieses Wirtschaftsblocks erblickten alle Fraktionen der Macht- und Einflusseliten im wilhelminischen Deutschland das entscheidende Mittel für die Beherrschung Europas und die beste Voraussetzung zum Kampf gegen andere "Weltreiche" . Der durch die Angliederung Österreich-Ungarns und weiterer europäischer Staaten entstehende mitteleuropäische Wirtschaftsblock sollte, so der Vorsitzende der Jungliberalen, Robert Kaufmann, in einer Veröffentlichung von 1912, zügig zu einem geschlossenen Wirtschaftsverbund "von Borkum bis Bagdad" ausgebaut werden.54 Der Block sollte eine genügend große Basis bilden, damit Deutschland den Kampf gegen andere Weltreiche aufnehmen könne. Forderungen nach einem politischen Anschluss Österreich-Ungarns waren wegen der Bündnissituation und der nationalen Zusammensetzung der k.u.k. Monarchie nicht opportun. Das Schwergewicht in allen konzeptionellen Überlegungen lag auf der engen wirtschaftlichen Durchdringung und Bindung. Am 9. Januar 1912 schrieb der einflussreiche Journalist Kurt von Mangoldt im "Berliner Börsen-Courier" : "Das was vor allem zu erstreben wäre, wäre eine Zollunion mit Österreich-Ungarn." 55 Nach Ausbruch des Krieges stand das Mitteleuropa-Projekt im Mittelpunkt der Diskussion über die deutschen Kriegsziele. Am 7. September 1914 übermittelte Walther Rathenau, Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft und "Chef" der AEG, dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, mit dem er enge politische Beziehungen pflegte, eine Kriegszieldenkschrift. Darin heißt es: "Das Endziel wäre...Mitteleuropa geeinigt unter deutscher Führung, gegen England und Amerika einerseits, gegen Rußland andererseits" .56 Rathenaus Konzeption erhielt ihre Bedeutung dadurch, dass sie mit anderen führenden Vertretern des deutschen Finanzkapitals abgestimmt war und dass sie direkt in das "Septemberprogramm" Bethmann Hollwegs einfloss.57 In diesem zentralen Kriegszielprojekt der Reichsregierung vom 9. September 1914 heißt es: "Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes...Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren" 58 Bereits kurz nach Kriegsbeginn hatte Rathenau dem Kanzler eine spezielle Denkschrift zu der "Frage einer wirtschaftlichen Annäherung Deutschlands und Österreichs-Ungarns" übermittelt. Die Denkschrift gilt als verschollen, ihr Inhalt lässt sich aber aus einer Stellungnahme des Reichsamts des Innern vom 3. September 1914 für den Reichskanzler rekonstruieren. Rathenau soll "die Zollgemeinschaft mit Österreich-Ungarn als dringend erwünscht erscheinen lassen" heißt es in dem Dokument. Das Amt weist darauf hin, dass die Reichsregierung sich seit längerer Zeit mit diesem Problem beschäftige. "Neu ist in der Rathenau`schen Denkschrift der Gedanke" , heißt es, "die gewaltige Umwälzung, die eine Zollunion für beide Länder im Gefolge haben würde, während des Krieges durch einen Handstreich gegen Österreich-Ungarn durchzusetzen." 59 Am 14. September 1914 ließ der Reichskanzler Rathenau mitteilen, er habe die "Ausführungen mit größtem Interesse gelesen" und "inzwischen marschiert die Sache, wie ich glaube." 60 Die deutsche Seite war sich bewusst, dass die auf Vorherrschaft zielenden Pläne vielfach auf harsche Ablehnung der slawischen und ungarischen Bevölkerung in Österreich-Ungarn stießen. Außer dem Einsatz der ökonomischen Überlegenheit setzte Deutschland seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die "Förderung des Deutschtums" , um die Vorherrschaft der großdeutsch eingestellten Bevölkerung zu sichern und um den Einfluss der anderen Völker in der Donaumonarchie zurück zu drängen. "Ein unter slawischer Vorherrschaft stehendes Österreich" , heißt es in einer Arbeit aus dem Jahr 1913, "wäre für das Deutsche Reich kein zuverlässiger Partner mehr." 61 Für die Deutschtumstätigkeit in Österreich, deren Hauptzweig die großdeutsche Propaganda bildete mit verhängnisvollen Langzeitwirkungen in der Bevölkerung Österreichs, entstand 1881 mit dem Allgemeinen Deutschen Schulverein, seit 1908 Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA), eine spezielle Organisation. Obwohl der VDA zunehmend weltweit agierte, lag der Schwerpunkt seiner Tätigkeit in Österreich. Im Tätigkeitsbericht für 1909 wurde mitgeteilt, dass 58,2 Prozent aller ins Ausland transferierten Geldmittel des Vereins nach Österreich gingen.62 Deutschtumspolitik wurde seit der Gründung des VDA ein vielseitig verwendbares Instrument deutscher Expansionspolitik.
Mit dem für die Donaumonarchie wie für Deutschland desaströsen Ausgang des Ersten Weltkrieges war das deutsche Interesse an "Deutsch-Österreich" eher noch gewachsen. Repräsentanten der Weimarer Republik betrieben sofort nach 1918 den baldigen, staatsrechtlich engstmöglichen Anschluss der Alpenrepublik an Deutschland. Die deutschen konnten sich bei ihren Anschlußplänen auf eine politisch breite Befürwortung in Österreich stützen, die von ganz rechts bis zur Sozialdemokratie reichte. Die maßgebenden Kräfte in Wien waren der Auffassung, dass das nach dem Ersten Weltkrieg hervorgegangene Rumpfösterreich nicht lebensfähig sei und nur der Anschluß an Deutschland bliebe. Für die Bestrebungen auf deutscher Seite zum schnellen Anschluß spielte das Motiv eine Rolle, mit der Schaffung Großdeutschlands die Folgen der Kriegsniederlage abzumildern. Gustav Stresemann erklärte im Dezember 1918: "Gelingt es uns aber, die Deutsch-Österreicher an uns zu fesseln, dann kommen wir über manches hinweg, was wir in anderer Richtung verloren haben: dann haben wir den großen Block der 70 Millionen Deutschen inmitten Europas,...an dem keiner vorbeigehen kann...Erreichen wir das, dann werden wieder andere Zeiten kommen, dann werden andere politische Konstellationen unsere Lage erleichtern." 63 Darüber hinaus waren es wieder die geografische Lage und die traditionellen Beziehungen Österreichs nach Südosteuropa, die das starke Interesse der Mächtigen und Einflussreichen in Deutschland an einem schnellen Anschluss geweckt hatten. Die deutsche Regierung ging zügig an die Verwirklichung. In den offiziellen Verhandlungen des Jahres 1919 mit Österreich strebte das Auswärtige Amt "den völligen Aufgang Deutsch-Österreichs in Deutschland" an.64 Die Verhandlungen wurden streng vertraulich geführt, denn die Entente-Mächte hatten in den Friedensverträgen mit Deutschland und Österreich ein striktes Anschluss-Verbot ausgesprochen. In Artikel 80 des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 war festgelegt: "Deutschland erkennt die Unabhängigkeit Österreichs in den durch Vertrag zwischen diesem Staate und den alliierten und assoziierten Hauptmächten festzusetzenden Grenzen an und verpflichtet sich, sie unbedingt zu achten; Deutschland erkennt an, dass diese Unabhängigkeit unabänderlich ist, es sei denn, dass der Rat des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt." 65 Im Friedensvertrag(Staatsvertrag) von Saint-Germain-en-Laye der Entente-Mächte mit Österreich vom 10. September 1919 war in Artikel 88 festgelegt worden: "Die Unabhängigkeit Österreichs ist unabänderlich, es sei denn, daß der Rat des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt. Daher übernimmt Österreich die Verpflichtung, sich, außer mit Zustimmung des gedachten Rates, jeder Handlung zu enthalten, die mittelbar oder unmittelbar oder auf irgendwelchem Wege, namentlich - bis zu seiner Zulassung als Mitglied des Völkerbundes - im Wege der Teilnahme an den Angelegenheiten einer anderen Macht seine Unabhängigkeit gefährden könnte." 66 Die Verhandlungen mit Österreich, die im wirtschaftlichen Bereich auf der Basis der bis 1918 erarbeiteten Papiere zur Verwirklichung der deutschen Kriegszielprogramme stattfanden, kamen auch wegen enormer wirtschaftlicher Schwierigkeiten Österreichs nicht voran. Sie scheiterten, als Österreich 1922 beim Völkerbund um eine Anleihe nachsuchen musste, da Deutschland die benötigte Summe nicht aufbringen konnte. Am 4. Oktober 1922 erhielt Österreich die Anleihe in Höhe von 650 Millionen Goldkronen gewährt, wurde aber erneut zum Verzicht auf den politischen oder auch wirtschaftspolitischen Anschluss verpflichtet. Die deutschen Pläne nach einem schnellen und totalen Anschluss waren gescheitert. Die deutsche Regierung legte im Oktober 1923 fest, "Verschieben jeder österreichischen Anschlusspolitik bis zur gründlichen Änderung der dortigen Verhältnisse." 67 Das Ziel wurde nicht aufgegeben. Noch am 06. März 1926 schrieb der Abteilungsleiter im Reichswehrministerium, Otto von Stülpnagel, an das Auswärtige Amt, zu den "nächste(n) Ziele(n) der allgemeinen deutschen Politik" gehöre nach wie vor der "Anschluss Deutsch-Österreichs." 68 Geändert wurden die Methoden. Gemäß den o.g. Vorgaben der Reichsregierung vom Oktober 1923 sollten die Verhältnisse in der Alpenrepublik im Zuge einer beispiellosen wirtschaftlichen und geistig-politischen Durchdringung derart verändert werden, dass bei besseren internationalen Bedingungen ein Anschluss in kürzester Zeit problemlos zu erreichen sei. Konzentriert zeigte sich dieses Konzept in einer Ausarbeitung des deutschen Gesandten in Prag Walter Koch vom 29. Dezember 1927. Er ging davon aus, dass "der politische Anschluss Österreichs an Deutschland angesichts der heute in Europa gegebenen Machtverhältnisse in absehbarer Zeit...auf machtpolitischem Wege" nicht möglich sei. Deshalb "dürfte die wirtschaftliche Durchdringung Österreichs, die 'b4Eindeutschung' sozusagen der österreichischen Wirtschaft als einziges Mittel übrig bleiben, das uns vorwärts zu bringen in der Lage scheint, zugleich aber in der Lage sein dürfte, den Anschluss...via facti durchzuführen." Die wirtschaftliche Seite des Durchdringungsprogramms sollte man "der deutschen Industrie und den deutschen Banken überlassen...Die Reichsregierung wird, den Endzweck der Aktion vor Augen, sie regulierend zu beeinflussen haben." Die Bemühungen zur materiellen Stützung der großdeutsch eingestellten Bevölkerung sowie auf politisch-propagandistischem und rechtlichem Gebiet, "die auf die beiderseitige Annäherung" gerichtet seien, wären wichtig, träten jedoch in ihrer Bedeutung hinter die wirtschaftliche Durchdringung zurück. Koch wies nachdrücklich darauf hin, dass Österreich nur der erste Schritt, der Ausgangspunkt deutscher Bestrebungen sei. Ein wirtschaftlicher Anschluss Österreichs an Deutschland, so Koch, habe erhebliche Bedeutung für die deutsche Expansion nach Südosteuropa.69
Dieses Konzept des Auswärtigen Amtes deckte sich mit Vorstellungen, die zur gleichen Zeit von der deutschen Großwirtschaft entwickelt wurden. Max Schlenker, Geschäftsführer des "Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen" und der Nordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, forderte im Juli 1928 in einem Zeitschriftenaufsatz die Schaffung eines unter deutscher Führung stehenden mitteleuropäischen Wirtschaftsblocks. Dabei käme dem Anschluss Österreichs eine zentrale Rolle zu. Österreich sei das "für die Erschließung des Südostens ausschlaggebende Gebiet." Weiter heißt es in dem Aufsatz: "Die besondere Stellung Österreichs in Mitteleuropa, seine zentrale Lage, seine Bedeutung als beherrschender Bankplatz...lässt es deshalb besonders angezeigt scheinen, durch den...Zusammenschluss auch die mitteleuropäische Wirtschaftsfrage in Fluss zu bringen." 70 Etwa 1930 sahen die wirtschaftlich und politisch maßgebenden Kräfte in Deutschland die Zeit für gekommen, im Rahmen einer "aktiven" Außenpolitik die Anschlussfrage erneut zu forcieren. Es erfolgte ein Wechsel von konzeptioneller Grundlage und Praxis der deutschen Außenpolitik, der von einem deutlichen Rechtsruck in der Innenpolitik begleitet wurde. Wesentliche Ziele der neuen politischen Anstrengungen waren der 'Schnitt durch die restlichen Fesseln von Versailles', wie die Formel in der zeitgenössischen Presse lautete, und der zunächst wirtschaftliche Anschluß Österreichs. Die Schaffung eines wirtschaftspolitischen Großdeutschlands galt als erster und wichtigster Schritt auf dem Wege zu einem deutschgeführten Mitteleuropa, das im wirtschaftspolitischen Frontalangriff gegen die französische Hegemonie in Ost- und Südosteuropa durch die Schaffung eines einheitlichen Zollgebietes mit unüberwindlich hohen Außenzöllen entstehen sollte. Von dieser Plattform aus beabsichtigte man, den Kampf um die Vorherrschaft auf dem Kontinent und um die Wiederherstellung der 'Weltgeltung' zu führen. Am 31. Mai 1930 schrieb der deutsche Gesandte in Bukarest an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Bernhard von Bülow, dass angesichts der Stärkung Deutschlands "die Anschlussfrage nicht mehr so unaktuell" sei. Österreich bleibt doch in mancher Beziehung die Schlüsselstellung für den Südosten." 71 Am 26. August 1930 stellte das Auswärtige Amt in einer Ausarbeitung für den Reichskanzler fest, Deutschland müsse seine aktivere Außenpolitik nach Südosteuropa lenken. Dort seien die Dinge in der Entwicklung. "Dort müsste die deutsche Politik den Hebel ansetzen, weil dort die Zukunftsmöglichkeiten Deutschlands liegen." Deshalb sollte jetzt der erste Schritt, der Anschluss, erfolgen. "Der Zusammenschluss mit Österreich" so das Auswärtige Amt, sei "die vordringlichste Aufgabe der deutschen Politik" . Von "einem zu Deutschland gehörenden Österreich" könnten die "Entwicklung in Südosteuropa" ganz anders als bisher "beeinflusst und gelenkt werden" . Deshalb forderte das Auswärtige Amt den Reichskanzler auf, "als erstes" den Anschluss Österreichs zu vollziehen. Diese Aufgabe sei "dringlicher" und "wichtiger" als andere außenpolitische Fragen, unterstrich das Amt.72 Die "aktivere" Außenpolitik kulminierte im Bereich Mitteleuropa in der Aktion der Reichsregierung zur Schaffung einer deutsch-österreichischen Zollunion, die im März 1931 mit der Regierung in Wien vereinbart worden war.73 Auf die perspektivischen Kalkulationen der deutschen Führung bei der Zollunion und auf die Rolle des Anschlusses als erstem Schritt wies Staatsekretär Bülow am 15. April 1931 in einem Brief an den deutschen Gesandten in Prag hin. Er schrieb: "Ist die deutsch-österreichische Zollunion einmal Tatsache geworden, so rechne ich damit, dass der Druck wirtschaftlicher Notwendigkeiten den Beitritt der Tschechoslowakei nach wenigen Jahren in der einen oder anderen Form erzwingen wird. Ich würde darin den Anfang einer Entwicklung sehen, die geeignet wäre, lebenswichtige politische Interessen des Reichs einer auf anderem Wege kaum möglich erscheinenden Lösung zuzuführen...Wenn es gelingt, die Tschechoslowakei unserem Wirtschaftsblock anzugliedern, und wenn wir inzwischen auch mit den Randstaaten nähere wirtschaftliche Beziehungen geschaffen haben werden, dann ist Polen mit seinem wenig gefestigten Wirtschaftskörper eingekreist und allerhand Gefährdungen ausgesetzt: Wir haben es in der Zange..." 74 In Paris wurden die politischen Folgen der Zollunion nicht nur für Frankreichs Stellung in Südosteuropa, sondern für die gesamte Versailler Nachkriegsordnung erkannt.75 Frankreich und seine Verbündeten brachten das Projekt zu Fall. Für die Herrschenden in Deutschland war das Scheitern der Zollunion ein traumatisches Ereignis, das in Anspielung auf die Demütigung Frankreichs im Sudan durch Großbritannien1898 als "Faschoda der deutschen Außenpolitik" , als die schwerste Niederlage nach Versailles und dem "Ruhreinbruch" bewertet wurde.76 Das Debakel veranlasste Reichsregierung, Wirtschaftsführer, hohe Beamte und Verbandsfunktionäre zur Erarbeitung einer neuen komplexen Durchdringungsstrategie, die auf längere Sicht angelegt war und vorsichtiger, unter besserer Berücksichtigung der eigenen Möglichkeiten und des internationalen Kräfteverhältnisses, zu realisieren wäre. Vor allem gegen Österreich, das nun stärker als zuvor in den französischen und italienischen Einflussbereich geriet, sollte vorsichtiger agiert, auf längere Sicht vor allem das "Umfeld" für einen neuen Vorstoß verändert werden.77 Der Anspruch auf einen Anschluss gaben die Macht- und Einflusseliten in Deutschland nicht auf. So hatte Paul Reusch, einer der mächtigsten und politisch einflussreichsten deutschen Industriellen (Gutehoffnungshütte, MAN u. a.), im Juni 1932 die ihm gehörenden Zeitungen "Münchner Neuste Nachrichten" (MNN), "Fränkischer Kurier" , Nürnberg und "Schwäbischer Merkur" , Stuttgart angewiesen, stets "das Recht auf den Zusammenschluss mit Österreich klar zu verfechten." Die drei Zeitungen hatten eine Auflage von mehreren Hunderttausend Exemplaren, die MNN war mit einer Auflage von 135000 Exemplaren eine der verbreitesten Zeitungen in Deutschland.78
Die am 30. Januar 1933 installierte Hitler-Regierung hielt sich in ihrem Handeln gegenüber Südosteuropa an die nach dem Zollunionsdebakel entwickelten konzeptionellen Leitlinien für eine Politik auf lange Sicht und der Vermeidung von internationalen Zwischenfällen. Sie war damit in Südosteuropa außerordentlich erfolgreich.79 In der Österreich-Politik ging die Nazi-Regierung, unterstützt von hohen Beamten des Auswärtigen Amtes80 und einflussreichen Kräften der Hochfinanz einen anderen Weg. Sie kehrte zur Taktik des Frontalangriffs wie bei der Zollunion zurück. Gestützt auf den Aufwind, den die Nazi-Partei in Österreich, die ja eine Abteilung der deutschen NSDAP war, im Gefolge des Regierungsantritts Hitlers hatte, glaubte man an eine schnelle Übertragung der Staatsmacht an die NSDFAP auch in Österreich. Am 16. Mai 1933 lobten die "Deutschen Führerbriefe" , ein Informations- und Kommunikationsorgan der Hochfinanz, Hitlers Politik nach einem schnellen Anschluss vor allem wegen der großen Bedeutung die die Annexion Österreichs für eine "Neuordnung Europas" unter deutscher Führung habe. Es spreche "für die innere Zielsicherheit des Kanzlers" , schrieb das Blatt, "dass er sich von der großdeutschen Lösung um keinen Preis abbringen lassen will." An der schnellen Verwirklichung der "großdeutschen Lösung" sei "nicht zu zweifeln" .81 "Etwa im Herbst" , meinte das Blatt, sei die "Gleichschaltung" Österreichs, d.h. die Machtübernahme durch die österreichischen Nazis, erreicht. Durch den bald zu vollziehenden Anschluss würde "eine neue Konstellation an der Donau geschaffen, die ihrerseits wieder zu neuen Konstellationen in der gesamten internationalen Politik Anlass geben können." 82 Als sich die austrofaschistische Regierung unter Engelbert Dollfuß mit italienischer Rückendeckung weigerte, den österreichischen Nazis die Macht zu übergeben und die NSDAP in Österreich verbot, griff die deutsche Regierung zu diplomatischem Druck, Wirtschaftssanktionen und maßlosen Propagandaaktionen. Die österreichischen Nazis gingen zu offen terroristischer Tätigkeit über, die Reichswehr lieferte die Sprengmittel.83 Höhepunkt dieses unerklärten Krieges gegen Österreich war ein Nazi-Putsch im Juli 1934, bei dem Bundeskanzler Dollfuß ermordet wurde. Italien stellte sich demonstrativ an die Seite Österreichs. Nazi- Deutschland musste sich von den Putschisten distanzieren und erlitt die bis dahin "schwerste außenpolitische Niederlage" .84 Das Desaster beim Putsch veranlasste die deutsche Führung, sofort die Strategie gegen Österreich zu verändern. Über eine "Normalisierung" des extrem gespannten Verhältnisses, die auch ein weiteres Abgleiten Österreichs in den Bereich Frankreichs und Italiens verhindern sollte, wollte man zu einer auf lange Sicht angelegten Durchdringungsstrategie übergehen. Ziel war, ohne sichtbare äußere Einmischung, den Nazis in Österreich schrittweise zu mehr Einfluss und letztlich zur Übertragung der gesamten Staatsmacht zu verhelfen. Diese Taktik beschrieb der "Stellvertreter des Führers" Rudolf Heß wenige Wochen nach dem Putsch in Wien in einem Brief. Unter Bezugnahme auf die Legalitätsstrategie, die die Naziführung nach dem gescheiterten Putsch gegen die Weimarer Republik im November 1923 eingeschlagen hatte, schrieb Heß:"Der Führer hat...nach dem November 1923 Entschlüsse gefasst, die einen völlig neuen und absolut legalen Kurs der NSDAP in Deutschland bedeuteten, Entschlüsse, die ...sich später als recht und zum Erfolg führend erwiesen. Seien Sie versichert, dass auch die neuen Entschlüsse des Führers hinsichtlich des Nationalsozialismus in Österreich trotz allem einst, und zwar auf völlig legalem Wege, ermöglichen werden, dass Ihr und unser aller Wünsche hinsichtlich Österreichs sich erfüllen." 85 Zur Durchsetzung der Normalisierungspolitik und der auf lange Sicht angelegten Durchdringungsstrategie wurde der ehemalige deutsche Vizekanzler Franz von Papen, als Sonderbotschafter nach Wien geschickt. Um keine Missverständnisse in der deutschen Führung aufkommen zu lassen, die durch die "Normalisierung" auch der öffentlichen Terminologie entstehen konnten, fasste der deutsche Militärattaché in Wien, Wolfgang Muff, am 30. August 1934 noch einmal das unveränderte Ziel aller deutschen Österreichpolitik zusammen. Wegen der geostrategischen Lage der Alpenrepublik könne auf einen Anschluss keinesfalls verzichtet werden. "Die Bedeutung Österreichs in gesamtdeutschem Sinn" , schrieb Muff an das Auswärtige Amt, "ist einmal defensiver Art: dem geschlossenen Reichsgebiet vorgelagert, versperrt es als Südostmark italienischem Vorrücken über die Alpengrenze den Weg und zwingt als Gegenbastion von Schlesien die Tschechei in den deutschen Wirkungsbereich. Offensiv aber bedeutet Österreich das Sprungbrett nach dem Südostraum Europas." 86 Am 11. Juli 1936 gelang von Papen der Abschluss eines Abkommens mit der österreichischen Regierung, das die Beziehungen normalisieren sollte. Die deutsche Seite erkannte "die volle Souveränität des Bundesstaates Österreich" an.87 Österreich machte im Gegenzug erhebliche Zugeständnisse. So wurden Putschisten und ihre Anhänger amnestiert, die Nazis konnten wieder politisch tätig werden und Schuschnigg verpflichtete sich, Gewährsleute der Nazi-Partei in die Regierung aufzunehmen.88 Damit waren wesentliche Voraussetzungen geschaffen worden, auf "evolutionärem" , legalem Weg die Nazis in Österreich an die Macht zu bringen. Das Juli-Abkommen zeitigte für die deutschen Nazis derart günstige Ergebnisse, dass am 12. Februar 1938 auf der Besprechung zwischen Hitler und Schuschnigg in Berchtesgaden die deutsche Seite die entscheidenden Schritte auf dem Weg zum Anschluss gehen konnte.89 Allerdings hatte sich auch die Situation um Österreich gegenüber 1934 grundlegend verändert. Nazi- Deutschland konnte inzwischen ein erhebliches Bedrohungspotential aufbieten.90 Italien, das noch 1934 mit einem Truppenaufmarsch Österreichs Unabhängigkeit (und die Brennergrenze) sicherte, war zum abhängigen Verbündeten des Nazi-Reiches geworden und machte entsprechende Zugeständnisse an die deutsche Österreich-Politik. Am 6. Januar 1936 äußerte Mussolini gegenüber dem deutschen Botschafter in Rom, er hätte keine Einwände, wenn Österreich ein deutscher Satellit werde.91 Auch die Kleine Entente, jenes von Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg errichtete Bündnis gegen den deutschen Drang nach Südost, zerfiel. Der Eckpfeiler dieses Bündnisses im Südosten, Jugoslawien, war offen auf die Seite Nazi-Deutschlands getreten. Nach dem Putsch in Wien fanden österreichische Nazis zu Tausenden in Jugoslawien Unterschlupf, konnten sich in militärischen Einheiten formieren und eine militärische Ausbildung absolvieren.92

Expansionsziel am 12. März 1938 erreicht.

Mit der Wiedervereinigung im März 1938 konnte das seit fast 50 Jahren von deutschen Macht- und Einflusseliten zäh verfolgte Expansionsziel erreicht werden. Die Alpenrepublik wurde Deutschland einverleibt, dem Land in kurzer Zeit das deutsche (Un-)Rechtssystem übergestülpt, die öffentliche Verwaltung, Wissenschaft und Kultur rigoros von Anschlussgegnern und Juden "gesäubert" , die Schaltstellen in Wirtschaft, Politik und in den Medien weitgehend von Reichsdeutschen bzw. von langjährigen Vertrauenspersonen der deutschen Nazis in Österreich besetzt. So ernannte Göring den seit vielen Jahren in der Anschlussbewegung tätigen österreichischen Nazi Hermann Neubacher, der zugleich Vertrauensmann der IG Farbenindustrie AG war, nach der Wiedervereinigung zum Bürgermeister von Wien.93
Die Wiedervereinigung erwies sich ökonomisch gesehen für die deutschen Banken und Industriekonzerne sowie für den Reichshaushalt als lukrativ.94 Zum sofortigen wirtschaftlichen Zugewinn gehörten Gold und Devisen. So gerieten Gold und Devisen im Werte von 1,323 Milliarden Reichsmark unter deutsche Kontrolle (der deutsche Devisenbestand belief sich dagegen auf 76 Millionen Reichsmark).95 In Deutschland als Mangelware geltende Produkte wie Eisen, andere Metalle, Holz und Mineralöl sowie Arbeitskräfte kamen sofort der angespannten deutschen Rüstungswirtschaft zugute. In großem Maßstab setzte der Übergang von österreichischen Betrieben und Immobilien in "deutsche Hände" ein.96
Vor allem aber gelang mit der Wiedervereinigung die Einnahme jener exponierten geostrategischen Stellung, die Österreich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts für den deutschen Imperialismus so attraktiv gemacht hatte. Die Übertragung des österreichischen Außenhandels führte u.a. dazu, dass der deutsche Anteil am Außenhandel vor allem der Länder in der deutschen Hauptexpansionsrichtung Südosteuropa sich deutlich der 40-Prozent-Marke näherte und diese Länder außenwirtschaftlich in kaum wieder lösbare Abhängigkeiten von Nazi-Deutschland gerieten. Von besonderem Gewicht war die Übernahme österreichischer Anteile am Kapitalexport in jene Länder. Damit konnte die Schwachstelle der deutschen Südostexpansion abgemildert werden.97 Außerdem lag der Weg in die Länder Südosteuropas und nach Italien nun fest in deutscher Hand. Die Annexion Österreichs hatte der deutschen Südostexpansion eine völlig neue Dimension gegeben. Göring forderte am 5. April 1938 vor dem Generalrat des Vierjahresplanes: "Vom Lande Österreich aus muss die wirtschaftliche Erfassung des Südostraumes...ausgehen." 98 Einen Tag später, am 06. April 1938 eröffnete Eduard Mosler, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, die Hauptversammlung dieser nach der Bilanzsumme größten deutschen Privatbank mit der Bemerkung, dass der 12. März "eine neue Epoche unserer nationalen Geschichte eingeleitet" habe. Die Wiedervereinigung, "seit Generationen herbeigesehnt" , habe "die europäische Landkarte von einem Tag auf den anderen" total verändert und den "diesen Raum bewegenden zwischenstaatlichen Problemen ein neues Gesicht" gegeben.99 Tilo von Wilmowsky, Präsident des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages mit besten Verbindungen zu den Großagrariern und zum Hause Krupp, bewertete den Anschluss als Chance, "das Tor nach Südosteuropa... weit zu öffnen" .100 Neue Möglichkeiten eröffneten sich auch für weitere Aggressionen. Die Tschechoslowakei, die man auf der "Hoßbach-Besprechung" am
5. November 1937 als nächstes Opfer der gewalttätigen deutschen Expansionspolitik ausgewählt hatte, war jetzt von drei Seiten eingeschlossen und allein von der Geographie her gegen einen deutschen Angriff militärisch nicht mehr zu verteidigen. Die deutsche Wehrmacht stand, gestärkt durch das österreichische Rüstungs- und Wehrpotential, an den Grenzen Italiens, Jugoslawiens und Ungarns. Im August 1938 entwickelte das Reichsamt für wehrwirtschaftliche Planung eine Studie über einen Militärschlag gegen Jugoslawien, um das Land im Falle kriegerischer Verwicklungen zu zwingen, seine Gesamtproduktion an rüstungssensiblen Rohstoffen und ausgewählten Nahrungsmitteln dem Nazi-Reich zur Verfügung zu stellen.101 Am 23. Januar 1939 ging der Reichsstatthalter für Österreich, Arthur Seyß-Inquart, in einer Rede vor hohen Offizieren der Wehrmacht auf die neuen Perspektiven ein. Die Schaffung Großdeutschlands habe "eine gewaltige Stärkung des Potentials des Reiches" gebracht. "Wir haben jetzt den Aufmarsch und die Entwicklung vollzogen für die Lösung weiterer Aufgaben" führte er weiter aus. Der Anschluss bedeute "die breite Öffnung des Tores nach Südosten, und wenn wir für unser deutsches Volk die Einflussmöglichkeit nach dem Osten suchen, so ist das Tor jetzt geöffnet." Von der errungenen Machtposition aus seien "die ganzen Ostfragen aufzurollen." Man könne den Völkern im Donauraum jetzt sagen: "ihr wisst, dass wir so stark sind, dass jeder der gegen uns geht, vernichtet wird" .102
Um die Wiedervereinigung zu sichern, installierten die Deutschen sofort einen gewaltigen Repressionsapparat. Die Erfahrung von fünf Jahren faschistischen Terrors in Deutschland kam in Österreich sofort zur Geltung. Erschreckend viele Österreicher waren zur Kollaboration mit den Deutschen bereit und unterstützten auch den Terrorismus der neuen Herren. Dadurch nahm der Terror, begleitet von einer hysterischen Propagandaschlacht, vielfach sogar als Stichwortgeber der Nazi-Propaganda, exzessive und zynisch effektive Züge an.103 Beginnend noch am 12. März 1938 wurden in kurzer Zeit fast 80000 Österreicher, die als potentielle oder tatsächliche Feinde der Annexion bzw. als rassisch unerwünscht galten, festgenommen. Darunter befanden sich ca. 10000 "Prominente" - Künstler, Gelehrte sowie hohe Beamte und Spitzenpolitiker des Schuschnigg-Regimes.104

Begleitet wurde der Massenterror von einer geradezu hysterischen Propaganda.105 Um die Wiedervereinigung als legalen Akt darzustellen, fand am 10. April 1938 eine Volksabstimmung statt. „Wir sind ein Volk“, hieß es auf den Plakaten. „Vor aller Welt“ werde mit der Abstimmung belegt, dass die Wiedervereinigung „des deutschen Volkes Wunsch und Wille“ sei. Im Besitz aller staatlichen und medialen Macht, unterstützt von Wirtschaft und Kirche, seit 5 Jahren in solcherart Bekundung des Volkswillen geübt, inszenierten die Nazis die Abstimmung. Etwa 360000 Österreicher, mehr als 8 Prozent der Wahlberechtigten, wurden aus rassischen oder politischen Gründen von der Wahl ausgeschlossen. Tausende saßen in Haft. Das Wahlgeheimnis war nirgends gewahrt. Wer nicht offen abstimmte, geriet in den Verdacht, mit „Nein“ zu stimmen zu wollen. Der Gang in die Wahlkabine wurde als lebensbedrohend empfunden und daher meist unterlassen. Selbst bei der Gestaltung der Stimmzettel waren in manipulativer Absicht psychologische Tricks verwendet worden: Der „Ja“-Kreis war doppelt so groß wie der „Nein“-Kreis. Als Ergebnis wurde bekannt gegeben: Über 99 Prozent der „deutschen Männer und Frauen“ in Österreich und in Deutschland hätten mit Ja gestimmt.106

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