Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und das NS-Regime. Ergebnisse des Forschungsprojektes.


Zu ihrer monatlichen Vortragsveranstaltung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand hatte die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. Prof. Dr. Hachtmann gebeten, am 8. März 2005 in der Berliner Stauffenbergstraße einen Vortrag über Ergebnisse des Forschungsprogramms „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“ zu halten. Rüdiger Hachtmann, Außerplanmäßiger Professor am Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der Technischen Universität Berlin, ist seit November 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Dritten Reich“, das von einer Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. betrieben wird. Die im Auftrag dieser Präsidentenkommission von Reinhard Rürup und Wolfgang Schieder herausgegebene Buchreihe umfasst 7 Sammelbände und Monographien. Sie erscheint im Wallstein Verlag, Göttingen. Eine Schriftreihe mit dem Titel „Ergebnisse“, herausgegeben von Susanne Heim im Auftrag der Präsidentenkommission, umfasst bisher 19 Titel. Diese Reihe ist unter folgender Adresse erhältlich: Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“, Glinkastraße 5-7, in 10117 Berlin, oder über E-mail: kwg.ns@mpiwg-berlin.mpg.de .
Seinen Vortrag im vollbesetzten Saal in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand hatte Rüdiger Hachtmann unter den Titel „Die Generalversammlung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im ´Dritten Reich“´ gestellt.
Rüdiger Hachtmann begann mit zwei kleinen, jedoch nur scheinbar peripher anmutenden Geschichten, die in das Thema einführten und deutlich machten, dass auch das NS-Regime die 1911 gegründete Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), in der die deutsche Spitzenwissenschaft (vor allem Natur-, Technik- und biologisch-medizinische Wissenschaften; vgl. die hohe Zahl von Nobelpreisträgern aus den Reihen der KWG) institutionalisiert wurde, hoch schätzte: Moderne Kriege lassen sich nur mit moderner Wirtschaft, moderner Technik und moderner Wissenschaften führen. Was das NS-Regime der KWG anbot, war eine Art „Geschäft auf Gegenseitigkeit“. Es kam zu einer Art Tauschhandel. Die KWG stellte ihr hochwertiges wissenschaftliches Kapital zur Verfügung, das NS-Regime bot im Gegenzug politisches und ökonomisches Kapital. Dies wurde dadurch erleichtert, dass sich die meisten Wissenschaftler und führenden Repräsentanten der KWG mit wesentlichen Zielen des NS-Regimes identifizierten – ein Aspekt der, aller Kritik vor allem am scharfen, nicht differenzierenden Antisemitismus zum Trotz, eine ‚enthusiastische Selbstmobilisierung‘ zur Folge hatte. Infolgedessen expandierte die KWG im „Dritten Reich“ außerordentlich – und zwar stärker als die meisten vergleichbaren Institutionen, allerdings erst seit 1937, als mit der Verabschiedung des „Vierjahresplans“ die forcierte Aufrüstung eingeleitet wurde. Dies demonstrierte Hachtmann am Beispiel der Etatentwicklung der KWG und eines Vergleichs mit den Etats der DFG/Notgemeinschaft sowie der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Auch als Organisation expandierte die KWG: Aus den 29 Instituten 1933 waren bis 1943 42 Institute geworden. Vor allem seit 1938 expandierte die Gesellschaft; eine Reihe neuer Institute entstanden nicht zuletzt im Osten und Südosten Europas. Die Pläne der KWG und ihrer Generalverwaltung gingen noch sehr viel weiter, ließen sich seit 1943 jedoch nicht mehr realisieren.
Im Hauptteil seines Referates diskutierte Hachtmann die Gründe für diese ‚Erfolgsgeschichte‘ der KWG während des „Dritten Reiches“ unter drei Gesichtspunkten.

1. „Die KWG verhandelt mit sich selbst“

Seit (in gewisser Weise auch schon vor) ihrer Gründung praktizierte die KWG eine Politik, die darauf hinaus lief, möglichst alle wichtigen politischen Entscheidungsträger an sich zu binden. Dies geschah u.a. dadurch, daß man die einflußreichsten Ministerialbeamten in den Senat wählte bzw. in den Verwaltungsausschuß, den engeren Führungszirkel der KWG. Das lief dann darauf hinaus, daß die KWG während entscheidender Verhandlungen, in denen es um die Finanzen der Gesellschaft oder um die Gründung von Instituten ging, de facto „mit sich selbst verhandelte“. Diese Politik des „Die KWG verhandelt mit sich selbst“ illustrierte Hachtmann an zwei richtungsweisenden Sitzungen im Umfeld der Gründung der KWG bzw. Anfang der zwanziger Jahre, auf denen politische Entscheidungsträger als Repräsentanten der preußischen Regierung bzw. des Reichskabinetts fungierten, die wenig später als führende Repräsentanten der KWG der Interessen der Wissenschaftsgesellschaft gegenüber den Staat vertraten – und an einer in den zwanziger wie den dreißiger Jahren höchst einflußreichen Persönlichkeit, deren Einfluß von der historischen Forschung bisher unterschätzt wurde, an Friedrich Saemisch: Saemisch, 1921 kurzzeitig preußischer Finanzminister, war über den langen Zeitraum von 1922 bis 1938 Präsident des Rechnungshofes des Deutschen Reiches und der Preußischen Oberrechnungskammer. Von 1922 bis 1934 vereinigte er darüber hinaus die Funktion des Chefs des deutschen Rechnungshofes mit der des sog. Reichssparkommissars in seiner Person. Seit Ende der zwanziger Jahre saß Saemisch mit am Tisch des Reichskabinetts. Er war einflußreicher als die jeweiligen Finanzminister, die bekanntlich bis 1933 häufig wechselten. Nach 1933 wuchs sein Einfluß eher noch, ehe er 1938 in den schon länger erreichten Ruhestand entlassen wurde. Saemisch wurde, kaum daß er sein Amt als Präsident des Rechnungshofes angetreten hatte, 1922 zum KWG-Senator ernannt und rückte rasch in den engsten Führungszirkel der KWG auf. Das war pikant: Denn als Reichssparkommissar und als Präsident des Rechungshofes hatte er eigentlich die staatlichen Etats genau zu überprüfen und Kürzungsvorschläge zu machen. Als Mitglied des engsten Führungszirkels der KWG sorgte er dagegen dafür, daß die Zuwendungen der öffentlichen Hand an die KWG selbst während der Krise noch großzügig flossen und das recht autokratische Finanzgebaren der KWG nicht überprüft wurde. Nach 1938 fungierte Saemisch dann als Berater der KWG-Generalverwaltung in ihren Auseinandersetzungen mit dem unter einer neuen Führung stehenden Reichsrechnungshof.

2. Informelle Netzwerke

Gesichert und ausgebaut wurde die Politik des „Die KWG verhandelt mit sich selbst“ und die damit verbundene enge institutionelle Verflechtung mit den wichtigsten politischen Entscheidungsträgern zum Wohle der KWG durch informelle Netzwerke. Auch diese Politik hatte innerhalb der KWG eine Tradition, die weit in die zwanziger Jahre zurückreichte. Friedrich Glum, von 1920 bis 1937 Generalsekretär der KWG und ebenso seine beiden Stellvertreter innerhalb der Generalverwaltung Adolf Morsbach und Max Lucas v. Cranach waren führende Mitglieder des „(Deutschen) Herren-Klubs“ (der politischen Hauptstütze des Präsidialkabinetts v. Papen), dem „Nationalen Klub“ (in dem wichtige Teile des deutschen Großbürgertums mit führenden Vertretern der NS-Bewegung Kontakte knüpften), dem „Club von Berlin“ (dem gesellschaftlichen Kommunikationsknotenpunkt der deutschen Großindustriellen und Bankiers) und anderen Vereinigungen. Diesen Klubs gehörten Glum und seine Mitarbeiter an, weil sich dort die für die KWG wichtigen Kontakte zu den alten und neuen Eliten knüpfen ließen, aber auch aus politischer Überzeugung. Glum äußerte seine Sympathien für den italienischen Faschismus seit Ende der zwanziger Jahre außerdem in Broschüren, Artikeln und Vorträgen auch öffentlich.
Während Glum der Zugang zum inneren Zirkel der Hitler-Diktatur verschlossen blieb und die Generalverwaltung in den ersten Jahren der NS-Herrschaft finanzpolitisch deshalb wenig erfolgreich agierte, gelang seinem Nachfolger Ernst Telschow – Generalsekretär der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft seit 1937, der Max-Planck-Gesellschaft dann von 1948 bis 1960 – dagegen genau dies, wie Hachtmann am Beispiel des 1907 gegründeten Aeroklubs, den Hermann Göring seit 1933/35 dann zu einer Lobbyistenvereinigung seines Luftfahrt-Imperiums machte, zeigte. Die Folge solchen ‚Networkings‘: seit 1936/37 Akquirierung von zahlreichen rüstungsrelevanten Forschungsaufträgen und rasante Etatsteigerungen (um 30% jährlich und mehr).

3. KWG-Wissenschaftsmanagement im „Dritten Reich“ als einer technokratischen Veranstaltung

Auch dieser dritte, die Politik der KWG-Generalverwaltung vor allem seit 1937 charakterisierende Aspekt wurde durch eine kleine Geschichte veranschaulicht: Ludwig Prandtl, der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Strömungsforschung und der Aerodynamischen Versuchsanstalt, bat Ende 1937 die Generalverwaltung, sich gegenüber dem Reichserziehungsministerium für Otto Flachsbart einzusetzen. Flachsbart war ein früherer Abteilungsleiter des Instituts für Strömungsforschung und wegen seiner jüdischen Frau in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. Der KWG-Generalsekretär Telschow beschied die Bitte Prandtls, Flachsbart zu helfen, abschlägig. Aufschlußreich ist die Wortwahl, mit der Telschow es ablehnte, Flachsbart zu helfen: Eine Eingabe an den zuständigen Minister sei angesichts der (so Telschow wörtlich) „Sachlage“ „vollkommen aussichtslos“. Unabhängig von der „Sachlage“ selbst, der Frage also, ob es nicht doch Spielraum für ein positives Handeln der Generalverwaltung gegeben hätte, sei – so Hachtmann – der von Telschow verwendete Begriff „Sachlage“ symptomatisch. Denn mit dieser Formulierung deutete Telschow an, was dem Handeln der Generalverwaltung auch sonst zugrunde lag: Die KWG und ihre Institute als ‚das große Ganze’ sollten gesichert und ausgebaut werden, auf das Schicksal einer diskriminierten Minderheit könne und wolle man dabei keine Rücksicht nehmen. Die politisch-ideologischen Erwartungen des NS-Regimes, in diesem Fall: der Antisemitismus, wurden in technokratischer Manier entideologisiert, Ziele und Handeln des NS-Regimes in Teilschritte zergliedert und jeder einzelne Teilschritt zur „Sachlage“ oder „Sachfrage“ stilisiert.


Der Referent beendete seinen Vortrag mit einem Zitat des Nobelpreisträgers und zweiten MPG-Präsidenten Adolf Butenandt, der 1988 in einem Nachruf auf den ehemaligen KWG- und MPG-Generalsekretär voller Anerkennung von Telschows großem „Verwaltungsgeschick, seinem Anpassungsvermögen, seinem schnellen Erfassen selbst kompliziertester Problemlagen“ und Telschows „Zähigkeit bei der Verfolgung seiner Ziele“ gesprochen hatte. Butenandt habe mit dieser Charakterisierung völlig recht. Genau da liege jedoch auch das Problem. Denn solche Fähigkeiten, wie sie Butenandt hier Telschow attestiere, seien jedem politischen System kompatibel, wie nicht zuletzt die bruchlose Fortsetzung der Karriere Telschows nach 1945 zeige. Über die politisch-moralische Substanz des betreffenden Individuums sagen sie nichts aus.
Im Anschluß daran stellte Hachtmann noch mehrere Thesen zur Diskussion, die sich u.a. auf folgende Statements zuspitzen lassen:

  • Wissenschaft ist niemals ‚unpolitisch‘. Am Beispiel der NS-Diktatur läßt sich dies besonders anschaulich nachzeichnen.
  • Eine Trennung in angewandte und (vielleicht gar politisch ‚unschuldige‘) Grundlagenforschung, wie sie nach 1945 in apologetischer Absicht häufig vorgenommen wurde, ist heuristisch irreführend und für die NS-Zeit empirisch nicht haltbar.
  • „Die Wissenschaften“ und mithin in die KWG war in das NS-System nicht nur „verstrickt“; sie waren ein integraler Bestandteil dieses Systems.
  • Erklärungsbedürftig ist nicht die (von beteiligten Zeitgenossen wider besseres Wissen behauptete und teilweise auch von der älteren historischen Forschung unterstellte) ‚Ineffizienz‘, sondern umgekehrt die – von der neueren Forschung empirisch herausgearbeitete – Effizienz vor allem der Natur- und Technikwissenschaften vor dem Hintergrund der spezifischen Formen der Wissenschaftspolitik und des Wissenschaftsmanagements.

Nach einer lebhaften Diskussion dankte das Auditorium mit lebhaftem Beifall für den Vortrag. Der Vorstand der Berliner Gesellschaft äußerte die Hoffnung, Prof. Hachtmann bald wieder begrüßen zu können.



M.S.

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