Tagungsbericht

Dr. Hans Umbreit legt neue Forschungsergebnisse zu Rommel vor



Zu ihrer wissenschaftlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung am 8. Juni 2004 hatte die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. den Freiburger Militärhistoriker Dr. Hans Umbreit als Referenten in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße geladen. "Erwin Rommel. - Soldat zwischen Glorifizierung und Verdammung" lautete sein Thema, das in dem dicht gefüllten Veranstaltungssaal auf großes Interesse stieß. Hans Umbreit, ein ausgewiesener Kenner der komplizierten Materie, informierte umfassend über Aufstieg und Fall des national und international bekanntesten und umstrittenen Generalfeldmarschalls der Wehrmacht, über die Quellenlage, den Forschungsstand und über neue Forschungsansätze.
Zusammengefasst führte Umbreit aus:
Schon zu Lebzeiten war der Generalfeldmarschall eine Legende, die selbst Hitler über den Kopf wuchs. Spätestens nach dem Krieg gedieh sie zum Mythos. Als 1945 die Schande offenbar wurde, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg auf sich geladen hatte, war Erwin Rommel derjenige, der sich als Beispiel für eine nicht verbrecherische Kriegführung international vorzeigen ließ. Als unbestreitbares Opfer des NS-Regimes und, wie es lange Zeit festzustehen schien, Mitverschwörer des 20.Juli 1944 war er zu Recht dem „anderen Deutschland" zuzurechnen, dessen Existenz für die westdeutsche Politik und Wiederaufrüstung so ungemein wichtig war. Sicherlich - Rommel war schon zu Lebzeiten umstritten gewesen, und die Kritik an seiner Person wie auch an seinen militärischen Fähigkeiten setzte sich nach dem Krieg fort. Sie war aber immer weniger gefragt.
Die Beurteilung Rommels durch Zeitzeugen und Historiker schwankt zwischen Glorifizierung (einzigartiger Soldat, der sich nach langem innerem Kampf gegen Hitler auflehnte) und Verdammung (bereitwillige Schachfigur Hitlers in einem verbrecherischen Krieg). Mit Sicherheit war er eine komplexe, widersprüchliche Persönlichkeit. Aber eins hebt ihn unter Hitlers militärischer Elite hervor: Er hielt nicht nur den Krieg schon frühzeitig für verloren, sondern hatte auch als einziger den Mut, vom Diktator wiederholt eine politische Lösung für die Beendigung des Krieges zu fordern. Er wusste um das Risiko, das er einging, und hat die Folgen getragen.
Sieht man von seinen unbestreitbaren Leistungen als Heerführer ab, sind es vor allem drei Aspekte, die für eine Urteilsbildung über Rommel von besonderer Bedeutung sind: 1) Sein Verhältnis zu Hitler und zum NS-Regime; 2) Sein Verhältnis zu den Verschwörern vom 20.Juli 1944; 3) Rommels Absicht, den Krieg im Westen mit oder auch ohne Zustimmung Hitlers zu beenden. Rommel sei „keineswegs als Nazi" anzusehen, urteilte Martin Bormann Ende September 1944. Er stützte sich dabei auf Auskünfte der Reichsjugendführung, bei der Rommel 1937/38 als Verbindungsoffizier der Wehrmacht tätig gewesen war. Von ihm, dem unpolitischen „Nursoldaten", sind auch keine prononcierten Äußerungen im Sinne der NS-Ideologie bekannt, nur die bei offiziellen Ansprachen üblichen Lobpreisungen Hitlers. Seinem Sohn verbot er 1944 den Eintritt in die Waffen-SS, deren Verbrechen ihm zu Ohren gekommen waren. Nicht zum Regime, sondern zu Hitler bestand Rommels starke Bindung. Hitler schätzte den jungen, dynamischen General, der so wenig seinen Vorurteilen gegenüber den Militärs und so sehr seinem Idealbild vom „neuen" Offizier, dem Stoßtruppführer, entsprach. Rommel fühlte sich durch das Wohlwollen seines obersten Befehlshabers geschmeichelt, es kam seiner Eitelkeit wie seinem Karrierestreben entgegen. Er war von Hitler fasziniert, bewunderte ihn lange Zeit ohne Einschränkung und fühlte sich ihm persönlich verbunden. Rommel erwarb sich das Ansehen eines unorthodoxen, instinktsicheren Truppenführers, der bei einer offensiven Kriegführung, wenigstens nach den besonderen Bedingungen des afrikanischen Kriegsschauplatzes, sich durch außerordentliche Leistungen hervortat. Beide trafen sich auch im Schmieden maßloser Pläne. Seit El Alamein war ihr Verhältnis aber nicht mehr ungetrübt. Hitler zählte Rommel zu den Pessimisten, beim Feldmarschall setzten Zweifel an dessen Führungskunst und Urteilsvermögen ein. Dennoch vermochte er sich nie ganz von Hitler zu lösen. Und auch der Diktator bewahrte ihm einen Rest an Sympathie und gewährte Rommel den Ausweg des Freitodes.
Ist Rommel zu den Verschwörern des 20.Juli zu rechnen? Die Forschungsmeinung geht inzwischen dahin, die Frage zu verneinen. Er gehörte sicherlich nicht zum Kern der Opposition. Aber was wusste er wirklich vom Widerstand gegen Hitler? Tatsache ist, dass man sich um seine Mitwirkung bemühte und dass neben dem Goerdelerkreis vor allem die Pariser Gruppe der Verschwörung um Karl-Heinrich von Stülpnagel den populären Feldmarschall in ihre Pläne einbezog. Welche Zusagen hat Rommel gemacht in dem Gespräch, das er am 9.Juli 1944 mit Caesar von Hofacker hatte, dem Vetter Stauffenbergs und treibende Kraft des Pariser Widerstands? Hofacker sah ihn anschließend für die Verschwörung gewonnen und gestand das auch später nach seiner Verhaftung. Seine Aussagen waren nicht die einzigen, die Rommel belasteten: Danach, so sah Martin Bormann es Ende September 1944 als erwiesen an, war Rommel über den Attentatsplan „im Bilde gewesen" und hatte sein Leben verwirkt.
„Ich werde die Konsequenzen ziehen. Ich habe mich vergessen", soll Rommel am Tage seines Todes gesagt haben, als die Abgesandten aus Berlin mit der Giftkapsel bei ihm erschienen. Welche Schuld nahm er woran auf sich? Wusste er doch mehr über den Widerstand, als zumeist angenommen wird, oder meinte er seine Idee einer Kriegsbeendigung im Westen, nachdem seine wiederholten Appelle an Hitler, eine politische Lösung für die Beendigung des Krieges zu finden, nicht aufgegriffen wurden? Die Vorstellung, Rommel könne sein in Nordafrika gewonnenes Ansehen für einen Waffenstillstand mit Briten und Amerikanern nutzen, um den Luftkrieg gegen Deutschland zu beenden, ihnen die Besetzung des Reiches vor der Roten Armee zu ermöglichen und mit Zustimmung oder gar Hilfe der Westalliierten den Krieg im Osten fortzusetzen, war illusorisch. Aber Rommel klammerte sich an diese Idee, wollte Hitler für sie gewinnen und war wohl in letzter Konsequenz auch bereit, ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Seine schwere Verwundung am 17.Juli 1944 enthob Rommel der Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen und wirklich zu handeln. Dennoch hatte Rommel in den Augen Hitlers „das Schlimmste getan, was es /.../ überhaupt für einen Soldaten geben kann: nach anderen Auswegen gesucht als nach militärischen".

An die Ausführungen Umbreits schloss sich eine rege Diskussion an. In deren Mittelpunkt standen Fragen nach der Quellenlage sowie nach dem Kenntnisstand Rommels über Massenverbrechen deutscher Truppen in der UdSSR und in Frankreich. Ein weiterer Fragenkomplex beschäftigte sich mit der Einstellung Rommels zu den Italienern, mit denen er in Afrika zwei Jahre zusammen gekämpft hatte. Dabei ging es auch um seine spätere Rolle als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Italien sowie bei den Verbrechen an italienischen Soldaten und Zivilisten nach dem 8. September 1943. Auch nach dem Verhältnis Rommels zu dem Kriegsverbrecher Kesselring wurde Umbreit gefragt. Ein dritter Komplex beschäftigte sich mit dem Problem, in wieweit Rommel in die Pläne der Verschwörer vom 20. Juli eingeweiht war und welche Verbindungen er zu den Hauptverschwörern unterhielt.
Umbreit antwortete kenntnisreich. Er musste jedoch immer wieder darauf hinweisen, dass viele Fragen wegen der schwierigen, oft unsichern Quellenlage noch immer nur unzureichend zu beantworten seien.



Heinz Harms

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