Tagungsbericht

Ein bedeutendes Projekt zur Erforschung des Widerstandes in Berlin gegen das NS-Regime.
Dr. Günter Wehner stellt das biographische Lexikon zum Berliner Widerstand vor


Auf der gut besuchten Vortrags- und Diskussionsveranstaltung der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. stellte der Berliner Historiker Dr. Günter Wehner am 13. April 2004 in der Berliner Stauffenbergstraße(Gedenkstätte Deutscher Widerstand) eines der bedeutendsten Projekte zur Erforschung des Berliner Widerstandes vor.
Unter dem Titel „Fragen des Berliner Widerstandes gegen das NS-Regime (ein biographisches Lexikon)“ berichtete er ausführlich über den Stand, die wissenschaftsmethodischen Grundsätze und die Quellenlage der Erarbeitung des auf 11 Bände und mehrere Ergänzungsbände angelegten biographischen Lexikons zum Berliner Widerstand gegen den Faschismus. Günter Wehner führte u.a. aus:
„Das Projekt eines biographischen Lexikons zum antifaschistischen Widerstand in Berlin beruht auf Anregungen des Vorstands und der Mitglieder der Berliner Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (BVVdN) e. V., etwas nachhaltiges gegen das Vergessen bzw. Negieren des antifaschistischen Widerstandes zu unternehmen und eine schmerzliche Forschungslücke zu füllen. Uns ging es zunächst darum, den breit angelegten, politisch motivierten Versuch mit wissenschaftlichen Argumente abzuwehren, jene Straßen im Osten Berlins umzubenennen, die Namen von Personen aus dem antifaschistischen Widerstand trugen. E gelang z.B., die Straßennamen Liselotte-Herrmann-Str. und Bernhard-Lichtenberg-Str. zu erhalten. Aus dieser Tätigkeit und der Bitte der BVVdN e. V. gegen das Vergessen und Verdrängens des Wissens über den Widerstand fasste die Geschichtswerkstatt den Entschluß, auf der Basis des umfangreichen Archivmaterials der ehemaligen Widerstandskämpfer ein biographisches Lexikon des Widerstandes für Berlin zu erarbeiten.
Unser Ziel war, nach Möglichkeit niemanden auszugrenzen, der in Berlin in irgendeiner Form vom 30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945 Widerstand gegen das NS-Regime leistete.
Bei der Erfassung der in Berlin am Widerstand gegen das NS-Regime beteiligten Frauen, Männer und Jugendlichen legten wir ein breites Widerstandsverständnis zugrunde. Wir gingen davon aus, dass der Widerstand sich gegen die Hitlerregierung nach der Machtübertragung durch Hindenburg richtete, weil die faschistische Regierung in Deutschland von Anfang an elementare politische Menschenrechte wie Meinungs-, Weltanschauungs- und Religionsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und demokratische Mitsprache der Bürger verweigerten. Der Widerstand richtete sich gegen die Verweigerung der Gleichstellung der Bürger, gegen ihre rassistische und biologische Klassifizierung, gegen Ausgrenzung, Unterdrückung, Verfolgung, Terror, gegen die psychische wie physische Vernichtung von Menschen wegen ihrer anderen politischen, weltanschaulichen, ethischen oder religiösen Einstellung, wegen geistiger oder . körperlicher Behinderung. Widerstanden wurde Aggressionen und Krieg, der Versklavung anderer Völker und den Verbrechen an deren Bürgern. Der Widerstand gegen die NS-Diktatur orientierte sich auf die demokratische, humanistische Gleichstellung der Menschen und die Rückkehr zur Demokratie in Politik und Wirtschaft sowie dem gesamten gesellschaftlichen Leben.
Die Autoren gingen bei ihrem Widerstandsverständnis von einem motivierten, tätigen bewußt handelnden Widerstand gegen die NS-Barbarei aus. Damit grenzten sich die Autoren des Lexikons von der Auffassung ab, die auch passives Verhalten als Bestandteil des Widerstandes in den Jahren des NS-Regimes ansieht. Natürlich lag die aufgeführte Vielfalt der Motivationen im Allgemeinen nicht dem Handeln der Widerstehenden im illegalen Ringen gegen die faschistische Diktatur zugrunde. Vielmehr wurde die Motivation der Frauen, Männer und Jugendlichen durch das soziale, politische und kulturelle Milieu, das sie geprägt hatte bzw. prägte, durch ihren politischen, weltanschaulichen oder religiösen Standort bestimmt und veränderte sich auch durch die Erfahrungen im Widerstand und mit der Festigung der NS-Schreckensherrschaft. Der antifaschistische Widerstand konnte für den einen vorrangig oder ausschließlich begründet, auf die Beseitigung der NS-Diktatur oder ihrer krassesten Auswüchse sowie ihrer führenden Vertreter gerichtet sein, wobei Überlegungen – soweit sie angestellt wurden – über das was nach einem Sturz des NS-Regimes kommen sollte, gefächerten Interessen und Zielen unterlagen. Den anderen motivierte vor allem seine allgemeindemokratische Staats- und Gesellschaftsauffassung, die ihn sich jeder Diktatur entgegen stellen ließ, oder es waren allgemeinmenschliche, ethische und religiöse Motive.“
An den Vortrag schloß sich eine rege, teilweise kontrovers geführte Diskussion an, die vor allem die wissenschaftsmethodischen Grundsätze der Projektgruppe und die Quellenlage berührte. Auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte Wehner auch die Finanzierung dieser immensen Arbeit. Er hob hervor, dass das Werk ausschließlich in ehrenamtlicher Arbeit zustande gekommen ist und nur in geringem Umfang Fördermittel für Sachausgaben erreichbar waren.
Am Schluß der Veranstaltung gab Günter Wehner auf Wunsch des Auditoriums die exakten bibliografischen Angaben zu dem großen Werk.

Bibliographische Angaben zum Lexikon
„Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945-Ein biographisches Lexikon-“. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt der Berliner Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (BVdN) e. V. unter Leitung von Hans-Joachim Fieber, trafo verlag Berlin 2002-2004

[0. Band ] Projektvorstellung,
1. Band: Buchstaben A und B,
2. Band: Buchstaben C bis G,
3. Band: Buchstaben H bis J,
4. Band: Buchstabe K,
5. Band: Buchstaben L bis O,
6. Band: Buchstaben P bis R,
7. Band: Buchstabe S,
8. Band: Buchstaben T bis Z,
9. Band: Gesamtpersonenregister

ISBN 3-89626-332-3, Berlin 2004
ISBN 3-89626-351-2, Berlin 2004
ISBN 3-89626-352-8, Berlin 2003
ISBN 3-89626-353-6, Berlin 2004
ISBN 3-89626-354-4, Berlin 2002
ISBN 3-89626-355-2, Berlin 2004
ISBN 3-89626-356-0, Berlin 2003
ISBN 3-89626-357-9, Berlin 2004
ISBN 3-89626-358-7, Berlin 2004
ISBN 3-89626-359-9, Berlin 2004
10. Band: Verzeichnis von Beteiligten an Formen des organisierten Widerstandes, von Beteiligten des Widersandes nach Berliner Bezirken bzw. Ortsteilen, der Decknamen und der benutzten Quellen- und Literatur ISBN 3-89626-359-9, Berlin 2004

Autoren der Bände:

1. Band: Michele Barricelli / René Mounajed
2. Band: Klaus Keim
3. Band: Günter Wehner
4. Band: Hans-Joachim Fieber
5. Band: Hans-Joachim Fieber / Klaus Keim / Oliver Reschke
6. Band: Hans-Joachim Fieber
7. Band: Hans-Joachim Fieber
8. Band: Michele Barricelli / Lothar Berthold / Klaus Keim / René Mounajed / Oliver Reschke
9. Band: Klaus Keim (Zusammenstellung)
10. Band: Hans-Joachim Fieber / Lothar Berthold / Günter Wehner (Zusammenstellung)

Ergänzungsbände: 2005
Band 1 bis 8 lieferbar; Preis pro Einzelband 30,00 EURO
Bei einer Bestellung des gesamten Lexikons gilt der Preis von 250,00 EURO.
Bestellungen und Vorbestellungen über jede Buchhandlung oder direkt beim Verlag:
trafo-verlag, Finkenstr. 8, 12621 Berlin
e-Mail: trafoberlin @-t-online.de
Internet: http://www.trafooberlin.de
Tel.: 030/56701939, Fax 030/56701949



Tom Kühnert

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