Dr. Alexander Korb:"Im Schatten des Weltkrieges. Massengewalt der Ustasá gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941-1945"


Am 11. Februar 2014 sprach Dr. Alexander Korb vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. zu den Ergebnissen seiner Forschungen und der Reaktion auf das im Juni 2013 in der Hamburger Edition des von Jan Philip Reemstma gestifteten Instituts für Sozialforschung erschienene Buch mit den obengenannten Titel. Es handelt sich im wesentlichen um die Ergebnisse seiner Dissertation von 2010, die an der Humboldt-Universität mit "summa cum laude" bewertet wurde.

Dr. Susanne Willems stellte den Referenten vor und moderierte die erfreulich gut besuchte Veranstaltung. Sie verwies darauf, dass Korb für seine Veröffentlichung bereits mit mehreren Preisen bedacht wurde. Korb sei zur Zeit Fellow am Simon-Wiesenthal-Zentrum in Wien und Lecturer an der Universität Leicester.

Korb erinnerte daran, dass er bereits 2009 vor der Gesellschaft die damals vorliegenden Ergebnisse seiner Forschung vorgetragen habe. Er habe mit dem Thema über die Rolle der Ustaša bei der Gründung des kroatischen Staates 1941 und danach einen Beitrag zur "Gewaltforschung" und insbesondere zur "Gewalt nichtdeutscher Nationalisten" leisten wollen. Die vorhandenen Bilder über die Ustaša (eigentlich der" Aufständische", plural "ustaše") lauten: "Marionetten der Deutschen" und "Monster". Das sei seiner Meinung zu vereinfachend und verleite zur Weigerung einer genauen Untersuchung der Geschichte. Natürlich sei etwas Wahres an diesen Schlagwörtern, man dürfe die Geschichte aber nicht darauf reduzieren.

Korb ging dann auf die Aufnahme seiner Forschungsergebnisse ein. In Kroatien hätten sie bisher nur eine geringe Aufmerksamkeit geweckt, in Serbien seien sie überwiegend kritisch von einem "nationalserbischen " Standpunkt aufgenommen worden. Ähnlich habe Alexander Bahar (Heilbronn) in seiner Rezension vom 4.7.2013 in der "jungen welt" argumentiert. Er habe die geringen Opferzahlen der Serben kritisiert, die Korb angibt und dass dieser die Rolle der katholischen Kirche herunterspiele bzw. nicht erwähne. Hauptkritikpunkt Bahars und anderer sei, dass Korb den Begriff Genozid für die Ermordung der Serben, Juden und Roma ablehne, weil es keine Planmäßigkeit gegeben habe.

A. Korb erklärte, er verwende den Begriff "Genozid/Völkermord" tatsächlich nicht, sondern spreche von der "Massengewalt der Ustaša". Dieser von ihm verwendete Begriff sei keine Negierung des Leidens der verfolgten Menschengruppen, sondern ein historisch-politischer Begriff innerhalb der Gewaltforschung, dem er den Vorzug vor einem zu häufig verwendeten "Genozid"-Begriff gebe. Für die von ihm erforschte Zeitspanne solle man den Begriff "Genozid" auf den Mord an den europäischen Juden beschränken. Bei den kritisierten Zahlenangeben der Opfer verwies er auf die Funktion hoher Opferzahlen für eine Hierarchisierung der Opfergruppen in der gegenwärtigen politischen Diskussion. Er verwende Zahlen anderer Forscher, die ihm plausibel erscheinen und komme daher zu geringeren Zahlen. Diese seien nicht entscheidend für die historische Bewertung der Vorgänge.

A. Korb ging dann auf die Geschichte der "Ustaša" und Kroatiens ein. Die "Ustaša" sei im wesentlichen eine säkulare kroatische Organisation mit einem Kreis nationalistischer Intellektueller und einer Basis von vorwiegend jugendlichen Aktivisten gewesen. Sie erstrebten ein "Groß-Kroatien" im hauptsächlich in den Grenzen des ehemals habsburgischen Österreich-Ungarns. Das Ziel der "ethnischen Homogenisierung" sei erst im Verlauf der Orientierung auf die faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien und der Situation nach der Zerschlagung Jugoslawiens 1941 entstanden. Korb betonte, dass Jugoslawien ein überlebensfähiger Staat gewesen sei, der erst durch die militärische Gewalt Deutschlands zerschlagen wurde. Die Gelegenheit, ein "Groß-Kroatien" als Staat unter diesen Umständen aufzubauen, wurde ergriffen, konnte aber niemals zu greifbaren Ergebnissen geführt werden. Die "Ustaša" entwickelten dazu eine krude Ideologie, das Kroatien ein Vorpostens des Abendlandes und des westlichen Christentums gegen den "Osten", gegen die byzantinisch geprägte "Orthodoxie" und das slawische "Serbentum" sei bzw. werden müsse. Die Kroaten seien keine Slawen, die kroatisch-nationalistischen Ethnologen entwickelten Theorien von der autochthonen bzw. gotischen Herkunft. Tatsächlich war die Bevölkerung des 1941 entstandenen "Kroatiens" nur zur Hälfte christlich-katholisch geprägt, rund 20% waren Muslime, der Rest orthodoxe Serben. Die Muslime vorwiegend in Bosnien, mit denen die kroatischen "Ustaša" ein Bündnis eingingen, wurden zu ehemaligen Kroaten und damit zu Ariern erklärt. Auch ein Teil der Serben sollten wieder zur kroatischen Identität zurückgewonnen werden. Das Ziel "ethnische Homogenisierung" richtete sich zunächst gegen die Serben. Unter den etwa 60 000 Juden im Gebiet waren zunächst durchaus "kroatisch" orientierte Nationalisten. Erst Ende der 30er Jahre wurde die "Ustaša" antisemitisch.

Der Aufbau des Kroatischen Staates der "Ustaša" verlief eher chaotisch. Er wurde maßgeblich durch die Teilung Jugoslawiens in ein deutsches und ein italienisches Besatzungs- bzw. Einflussgebiet mit einer Demarkationslinie quer durch den sogn. Unabhängigen Staat Kroatien zwischen Lubljana bis Larissa bestimmt. Hier existierte eine spannungsgeladene Konkurrenz. Die Italiener setzen in ihrem Gebiet eher auf serbische Cetniks, die Deutschen auf die "Ustaša". Im Juni 1941 wurde bei einer Besprechung zwischen dem Ustaša-Führer Ante Pavelic, der als Poglavnik zum Staatsführer ernannt wurde, und Hitler in Salzburg die ethnische Homogenisierung Kroatiens zum Ziel erklärt. Dafür sollten etwa eine Million Menschen aus- und umgesiedelt werden. Kroatien sollte dazu etwa 180 000 abgeschobene Slowenen aus den an Deutschland angegliederten Gebieten Sloweniens aufnehmen. Bei der Umsetzung dieser Pläne wurden dabei sich radikalisierenden Milizen, die sich aus der örtlichen Bevölkerung rekrutierten, entscheidend. Sie fielen in das serbische Siedlungsgebiet ein, verübten Massaker und terrorisierten ziemlich unterschiedslos die Bevölkerung. Da sich die Umsiedlung so großer Menschenmassen nicht, wie geplant verwirklichen ließ, wurden Lager eingerichtet. Da auch diese Lager keine Voraussetzungen für eine "Verwaltung" solcher Menschenmassen hatten, wurden die Mord- und Exzess-Taten in diesen Lagern fortgesetzt. Die Gewalttaten sollten langfristig ein multiethnisches Zusammenleben in der Zukunft unmöglich machen. Widerstand leisteten die serbisch-nationalistischen Cetniks, die aber durch ihre Orientierung auf das serbische Königshaus nach und nach an Einfluss verloren. Die kommunistisch geführten und multiethnisch organisierten Partisanen gewannen in diesem sich mehr und mehr zu einem "Bürgerkrieg" ausweitenden Auseinandersetzungen immer mehr an Einfluss. Nach der Kapitulation Italiens 1943 konnten sich die Partisanen umfangreich bewaffnen, so dass sie letztendlich im Bürgerkrieg siegen und Jugoslawien selbständig befreien konnten.

In der Diskussion wurde die Ablehnung des Begriffs "Genozid" für die Morde und Massaker in Kroatien durch den Vortragenden thematisiert: Ob der Begriff nicht nur von der Planmäßigkeit, sondern auch vom Ergebnis her bestimmt werden könne? A. Korb ging noch einmal darauf ein, dass der Begriff inzwischen völker- und strafrechtlich festgelegt sei. Er habe aber keine juristische sondern eine historische Untersuchung vorgenommen. Es komme ihm darauf an, die selbständige und einer Eigendynamik unterliegende "Massengewalt" gegen die Serben, Juden und Roma herauszuarbeiten. An diesem Begriff wolle er festhalten.

Zur Rolle der katholischen Kirche bemerkte er, dass er in den Dokumenten keine Anzeichen für eine Planung und planmäßige Beteiligung der Kirchenhierarchie an der Massengewalt festgestellt. Die "Ustaša-Bewegung" und der "Ustaša-Staat" sei ein säkulares Projekt mit katholischer Begleitmusik gewesen. Er habe keinen Zugang zu den vatikanischen Quellen gehabt, das sei auch nicht sein Thema gewesen. Priester und andere katholische Repräsentanten hätten sich der "Ustaša" angeschlossen bzw. zur Verfügung gestellt. Aber man könne nicht von einem "Befehlsverhältnis" sprechen. Was der katholischen Kirche einschließlich dem Vatikan aber vorzuwerfen sei, dass sie ab 1945 Ante Pavelic und andere an den Verbrechen beteiligten geschützt und gerettet haben.

Die Rolle der Volksdeutschen habe er nicht weiter untersucht. Es habe deutsche Dörfer und Siedlungsgebiete gegeben, die durch den unmittelbaren deutschen Zugriff von Bedeutung waren (Waffen-SS usw.). 1944 seien die Volksdeutschen planmäßig evakuiert worden. Auch die Muslime wurden im wesentlichen von der SS organsiert, obwohl viele von ihnen desertierten und zu den Partisanen überliefen, wo sie auch aufgenommen wurden.

Zu den "Roma" erklärte A. Korb, dass der Begriff wohl nicht exakt für diese Zeit sei, er sich aber nicht getraut habe, den damals allgemein benutzten Begriff Zigeuner in den Titel aufzunehmen. Diese seien nur zu einem Teil römisch-katholisch gewesen, es habe auch orthodoxe und muslimische Gruppen gegeben. Die Führung der Muslime habe zum Beispiel gefordert, dass muslimische "Zigeuner" nicht verfolgt wurden und sie unter Schutz gestellt.

Diskussionsbedarf besteht m. E. weiterhin zu dem von Korb unter Bezug auf Gerlach benutzten Begriff der "Gewalteskalation von allen Seiten". Angekündigt wurde, dass Alexander Korb die Untersuchung zu dem Problem der "Gewaltbeendigung" in Gebiet Kroatiens-Jugoslawiens für die Zeit 1945-1950 fortsetzen will, auch als Beitrag, wie "Bürgerkriege" beendigt werden können.


Werner G. Fischer

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