Dr. Geoffrey Megargee/Washington: "Aufgaben und Forschungsschwerpunkte des U.S. Holocaust Memorial Museums und seines Center for Advanced Holocaust Studies"


Zu ihrer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung am 12. April 2011 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße hatte die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung Dr. Geoffrey Megargee aus Washington eingeladen.
Der amerikanische Historiker ist Senior Applied Research Scholar am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum und Chefredakteur der "Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933-1945". Band 1 erschien 2009, weitere 6 Bände sind geplant. Dr. Megargee hat sich darüber hinaus intensiv mit Problemen der Wehrmacht und des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion beschäftigt. Er ist u.a. Autor der Bücher "Inside Hitler's High Command" (2001), deutsch: "Hitler und die Generäle. Das Ringen um die Führung der Wehrmacht 1933-1945" (2006) und "War of Annihilation: Combat and Genocide on the Eastern Front, 1941" (2006), als Taschenbuch : "Barbarossa 1941- War of Annihilation: Combat and Genocide on the Eastern Front, 1941"(2007).
Die von einem interessierten und wie die lebhafte Diskussion im Anschluß an den Vortrag von Dr. Megargee zeigen sollte auch fachkundigem Publikum aufmerksam verfolgte Veranstaltung wurde von dem Berliner Historiker Werner Fischer souverän moderiert.


Rechts im Bild Dr. Geoffrey Megargee. Links neben ihm der Moderator Werner Fischer.


Nach der Begrüßung durch Werner Fischer hielt Dr. Megargee einen Vortrag, den wir im Wortlaut wiedergeben:


Sehr geehrte Damen und Herren, guten Tag.
Ich möchte mich vor allem bei Ihnen für die Gelegenheit bedanken, in so einem freundlichen Kreis ein bißchen über unsere Arbeit am Holocaust Museum in Washington sprechen zu dürfen. Es ist für mich ein großes Vergnügen sowie eine große Ehre, hier bei Ihnen sein zu können. Ich bitte nur um Ihr Verständnis, daß mein Deutsch nicht perfekt ist - was zumindest hier bei meinen vorbereiteten Bemerkungen hoffentlich nicht so deutlich wird.

Ich habe vor, zuerst ganz generell über das Museum zu sprechen: über die Geschichte, die Zielsetzungen, die Struktur, und die verschiedene Aktivitäten, die dort stattfinden: Ausstellungen, Ausbildung, Forschung, usw. Unter Forschung werde ich detaillierter das Center for Advanced Holocaust Studies beschreiben, und am Ende nehme ich mir etwas Zeit, um Sie über mein Projekt, die Enzyklopädie der Lager und Ghettos, zu informieren.

Also, über das Museum als Ganzes gesehen:

1978 gründete Präsident Jimmy Carter eine Kommission: die President's Commission on the Holocaust. Ihre Aufgabe war es zu entscheiden, was für ein Denkmal zum Holocaust in Washington errichtet werden sollte. Ein Jahr später legte die Kommission ihre Empfehlungen vor. Es soll kein einfaches Denkmal geben, sondern eine Gedenkstätte und ein Museum. 1980 billigte der Kongress die Idee, 1989 begann der Aufbau des Museumgebäudes und 1993 öffnete es.

Der volle Name des Museums - United States Holocaust Memorial Museum - sagt viel über die Institution aus. Erstens ist es eine Institution der Regierung, worauf die Worte "United States" hinweisen. Das ist wichtig, wenn wir z.B. mit Vertretern anderer Regierungen über Archivalien verhandeln müssen; unser Wort hat ein bißchen mehr Gewicht, weil wir kein privates Museum vertreten, sondern mit der Autorität der Regierung sprechen können. Auch muß man sich daran erinnern, daß das Museum eine öffentliche Institution ist: ungefähr 60 Prozent unseres Etats kommen aus Steuergeldern, also müssen wir uns an der ganzen Öffentlichkeit ausrichten.

Zweitens interessieren wir uns für den Holocaust, d.h. so, wie wir den Begriff verstehen: als die systematische Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Alliierten und Satelliten zwischen 1933 und 1945. Das scheint vielleicht offensichtlich, aber die Versuchung, sich auch mit anderen Themen zu befassen, ist immer da. Oft wurden wir kritisiert, weil wir solch ein Thema nicht behandeln wollten. Wir sind weder ein Museum der Nazizeit, noch eines des Zweiten Weltkrieges, noch des Judentums. Wir befassen uns oft mit Themen, die mit dem Thema Holocaust verbunden sind, wie die Erlebnisse anderer Opfergruppen. Auch haben wir die besondere Aufgabe, uns mit dem Genozid in anderen Ländern und Zeiten zu befassen. Es muß aber natürlich Grenzen geben, und der Holocaust bleibt das Zentrum unserer Mission.

Letztens sind wir sowohl ein Memorial - Denkmal - als auch ein Museum. Wir müssen das Gedenken an die Toten und das der Überlebenden bewahren, und wir müssen das Publikum über den Holocaust informieren. Diese zwei Aufgaben geraten ab und zu miteinander in Konflikt. Es gibt zum Beispiel in unserer ständigen Ausstellung eine Sammlung von Thora, die während der Kristallnacht entweiht wurden. Nach den jüdischen Gesetzen sollten solche Thora begraben werden. Das Museum besprach die Sache mit einigen Rabbinern und fand einen Kompromiss: Die Thora wurde in einem hermetisch verschlossenen Glaskasten symbolisch begraben, wo sie noch sichtbar sind. Auf diesem Weg konnten wir, in diesem Fall wie in anderen, unsere beiden Aufgaben gleichzeitig erfüllen.

Nun zu einigen Details über das Museum - wer wir sind und was wir tun. Die Vorbereitung dieses Vortrags war eigentlich für mich eine gute Gelegenheit zu merken, wie unglaublich viel im und um das Museum passiert.

Unser Personal besteht aus ungefähr 400 Personen. Zusätzlich gibt es 125 Sicherheits- und Putzleute, die für Privatfirmen arbeiten. Über 650 Freiwillige stellen sich uns auch zur Verfügung; 2009 haben sie für uns 38 000 Stunden Arbeit geleistet. Unter ihnen sind 95 Holocaust-Überlebende; die meisten von ihnen informieren Besucher über das Museum.

Seit 1993 haben mehr als 30 Millionen Personen das Museum besucht, mehr als in jedem anderen Museum in Washington, ausgenommen des Smithsonian Air and Space Museums. Die große Zahl der Besucher war nach der Eröffnung des Museums für das Museum-Personal eine Überraschung und eine Art Erleichterung: Viele Leute fragten, ob überhaupt jemand so ein Museum besuchen würde. Und obwohl wir alle über diese Zahl ganz begeistert sind, hat diese Menschenmasse auch einige Probleme geschaffen, weil das Gebäude nur für 500 000 Besucher im Jahr geplant wurde, nicht für 2 Millionen! Das Museum mußte zum Beispiel ein Ticket-System entwickeln, damit nicht zu viele Besucher gleichzeitig in die Hauptausstellung gehen.

Unter unseren Besuchern kommen 12 Prozent aus anderen Ländern, und ungefähr 90 Prozent sind nicht jüdische. Ungefähr 34 Prozent sind Schulkinder. Mehr als 90 Staatschefs haben das Museum besucht, und mehr als 3 500 Diplomaten und Beamte aus mehr als 132 Länder. Mehr als 170 000 Personen sind Anhänger des Museums.

Seit etwa zehn Jahren ist für uns natürlich das Internet immer wichtiger geworden. In 2010 allein haben mehr als 35 Millionen Leute unsere Web-Site besucht, 34 Prozent aus dem Ausland, darunter 376 000 aus Ländern, in denen die Mehrheit islamisch ist. Auf unserer Web-Site findet man eine Holocaust-Enzyklopädie in 13 Sprachen, Kataloge zu unserer Bibliothek und unserem Archiv sowie andere Ressourcen für Forscher; Informationen für Lehrer, Schüler und Studenten, Online-Ausstellungen, Aktuelles über das Museum und vieles mehr.

Die meisten Besucher kommen ins Museum, um unsere Dauerausstellung zu sehen, die die Geschichte des Holocausts erzählt. Man fährt erst mit einem Aufzug in den vierten Stock und im selbst gewählten Tempo durch die Ausstellung. Die Ausstellung behandelt in drei Etagen unter anderem die Machtergreifung, antisemitische Gesetze, Rassenhygiene, Euthanasie, Deportationen, Ghettos, die Endlösung, Widerstand, Rettung, und Nachwirkungen, mit mehr als 900 Kunstwerken, 70 Video-Monitoren und 4 Kinos. Die meisten Besucher verbringen zwei bis drei Stunden darin, obwohl es möglich ist, viel länger zu bleiben und man dann immer noch nicht alles sehen kann.

Auch haben wir eine Ausstellung namens Remember the Children: Daniel's Story (auf Deutsch: Erinnert Euch der Kinder: Die Geschichte Daniels), die die Geschichte des Holocaust mit den Augen eines erfundenen Kindes erzählt. Man schaut sich im Haus des Kindes um, das in einer deutschen Stadt sich befinden sollte, und erlebt dann mit, wie seine Familie erst in ein Ghetto und dann in ein Lager gehen mußte. Die Ausstellung wurde für Kinder entwickelt, und sie ist das Hauptprogramm für Schulgruppen, aber viele Erwachsene finden sie ebenfalls sehr ergreifend.

Wir haben auch Sonderausstellungen, von denen wir im Moment zwei zeigen. Die erste heißt State of Deception: The Power of Nazi Propaganda (übersetzt: Staat der Täuschung - Die Macht des Nazi-Propaganda, obwohl das nicht genau ist; auf Englisch gibt es auch ein Wortspiel darin [Zustand]). Die zweite heißt A Dangerous Lie: The Protocols of the Elders of Zion (Eine gefährliche Lüge - Die Protokolle der Weisen von Zion), mit einem Film zu Antisemitismus und Texten zur historischen Schaffung und Bedeutung der Protokolle.

Oft werden temporäre Ausstellungen zu Wanderausstellungen, z. B. Deadly Medicine - Creating the Master Race, Fighting the Fires of Hate - America and the Nazi Book Burnings, The Nazi Olympics, Nazi Persecution of Homosexuals. Bis heute wurden sie in 150 Städten gezeigt. Es gibt auch verwandte Web-Ausstellungen zu diesen Themen, zu den schon erwähnten Sonderausstellungen und zu mehr als 50 anderen Themen, z.B. "Kristallnacht", Theresienstadt, Anne Frank, zum internationalen Suchdienst, Oskar Schindler, Genozid in Rwanda, die Nürnberger Prozesse und zur Musik des Holocausts.

Im Hintergrund arbeitet unser Collections Department, das für alle Sammlungen verantwortlich ist. Das Museum besitzt mehr als 15 000 Kunsterzeugnisse und Kunststücke, mehr als 185 Millionen Dokumentenseiten in unserem Archiv; mehr als 83 000 Fotos, über 1000 Stunden historischer Filme, mehr als 10 000 oral history interviews und mehr als 90 000 Stücke in unserer Bibliothek in 55 Sprachen. All das muß natürlich katalogisiert und konserviert werden, und der größere Teil davon ist für Besucher und Forscher nutzbar. Unser Exhibitions Department entwirft und erstellt die Ausstellungen, deren Vorbereitung normalerweise Jahre braucht.

Unser Learning Center bietet auf unserer Webseite und auch in einem Computerraum im Haus Informationen zu verschiedenen Themen, die mit dem Holocaust zu tun haben. Man kann z.B. etwas über die Einsatzgruppen erfahren, über Antisemitismus, den Zweiten Weltkrieg, Ghettos, die Lager oder Opfergruppen. Die Informationen sind meistens etwas generell, aber für das Publikum stellen sie einen Einstieg dar.

Wir bemühen uns auch, durch Programme für Lehrer und Lehrerinnen, Schüler beim Lernen über den Holocaust und beim Überlegen der damit verbundenen moralischen und ethischen Fragen zu helfen. Unser Teacher Education Department bietet Materialien über den Holocaust sowie Workshops, Tagungen und Stipendien und auch einen Online-Workshop. Es gab mehr als 250 Lehrer-Stipendiaten seit 1996. Für Schüler gibt es weitere Online-Ressourcen und auch Praktiken. Wir bieten jährlich ein besonderes Programm für 50 ausgezeichnete Oberschüler zum Gedenken an unseren Sicherheitsbeamten Stephen Tyrone Johns, der vor zwei Jahren von einem Rassisten, Antisemiten und Holocaust-Leugner erschossen wurde. Das Programm bildet die Schüler aus, so daß sie zu führenden Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft werden können und sich dem Haß widersetzen. Und durch unser Leadership Programs Department bieten wir auch besondere Programme für Polizisten, Offiziere unserer militärischen Streitkräfte, Diplomaten und Juristen an. Alle Polizisten in Washington, DC besuchen unser Programm, sowie alle neue Agenten des FBI.

Wir haben ein sogenanntes Survivors' Registry, ein Verzeichnis der Überlebenden, das das Museum 1993 von der American Gathering of Jewish Holocaust Survivors übernahm. Wir haben jetzt die Namen von mehr als 202 000 Überlebenden und ihren Nachkommen, und es ist mehrmals passiert, daß einer davon einen Freund oder sogar ein Familienmitglied durch unser Registry fand, den er seit dem Krieg nicht gesehen hat und dessen Schicksal ihm unbekannt gewesen war.

The Committee on Conscience (Ausschuß für das Gewissen) ist ein einzigartiger Teil unseres Museums. Seine Mission ist es, das nationale Gewissen aufzuwecken, führende Teile unserer Gesellschaft und unserer Regierung zu beeinflussen, und weltweites Handeln anzuspornen, um den Genozid und ähnliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu konfrontieren und zu beenden. Der Ausschuß befaßt sich z.B. seit langem mit der Krise im Sudan; im Herbst 2000 hat man eine sogenannte Genozid-Warnung abgegeben. So eine Warnung bedeutet, daß organisierte Gewalt stattfindet, die droht, zu einem Genozid oder einem ähnlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werden.

Und nun zum Center for Advanced Holocaust Studies, wo ich arbeite. Das Center wurde 1998 begründet, um Herausforderungen und Tendenzen in der Holocaust-Forschung anzugehen. Eigentlich spielen wir die Rolle einer akademischen Gesellschaft für Holocaust-Forschung, die es nicht gibt. Die Generation der Augenzeugen und Überlebenden besteht nicht mehr, und mit ihr die Gelehrten, die den Holocaust selbst erlebt haben. Eine neue Generation, die nach diesen Ereignissen geboren ist, muß bald die Hauptrolle als Lehrer und Interpret des Holocausts übernehmen. Mittlerweile steigt die Nachfrage nach Holocaust-Kursen, und es ist nötig, die Fakultäten in vielen Feldern dazu auszubilden. Und genau jetzt gibt es eine Menge neuer Dokumentationen, in Osteuropa und anderswo, die früher nicht vorhanden waren. Diese Dokumentationen bieten neue Möglichkeiten, den Holocaust besser zu verstehen. Das Center versucht, Studenten, Forscher und Professoren aller Ebenen zu unterstützen, und es ist nicht zu viel gesagt, daß wir zu einem der wichtigsten Zentren der Holocaust-Gelehrsamkeit geworden sind.

Das Center besteht aus folgenden Abteilungen:

Die University Programs Division ist unsere Verbindung mit amerikanischen Universitäten. Diese Abteilung organisiert zwei Wochen lange Forschungs-Workshops für Akademiker sowie Symposien und Seminare, und sie veröffentlicht ein Verzeichnis zu Holocaust-Curricula. Fast 600 Akademiker haben an unseren Programmen teilgenommen. Auch schickt man Fachleute an Universitäten, um dort Vorträge zu halten. Ich selbst habe in den letzten elf Jahren mehr als 60 solche Vorträge gehalten.

Visiting Scholars Programs regelt verschiedene Stipendien. Das Center bemüht sich darum, Stipendien sowohl an neue als auch an erfahrene Forscher aus verschiedenen Ländern und aus verschiedenen akademischen Gebieten aufzuteilen. Ein Stipendium dauert normalerweise drei bis neun Monate; während dieser Zeit nutzen die Stipendiaten und Stipendiatinnen unser Archiv und unsere Bibliothek, um ihre eigenen Forschungen zu betreiben. Seit 1994 gab es bei uns 398 solche Stipendiaten aus 29 Ländern, 26 im akademischen Jahr 2009/2010. Solche Gelehrte wie Gerhard Weinberg, Christopher Browning, Yitshak Arad, Hans Mommsen und Debra Lipstadt waren Stipendiaten bei uns. Auf diese Weise wurden viele Bücher und Artikeln mit unserer Unterstützung geschrieben.

Die International Archival Programs Division ist für das Sammeln von Dokumenten - meistens auf Mikrofilm - für unser Archiv verantwortlich, in Zusammenarbeit mit den betreffenden Behörden in anderen Ländern. Wir haben Millionen von Seiten aus ganz Europa und auch aus China und Südamerika gesammelt.

Die Academic Publications Division hilft mit der Übersetzung von ausländischen Werken; mit der Veröffentlichung von neuen Forschungen, die sonst keinen Verlag finden können; und mit der Wiederveröffentlichung von wichtigen, aber vergriffenen Büchern. Sie veröffentlicht auch ein Verzeichnis zu unseren Archivalien, das auch im Web vorhanden ist sowie das Fachjournal Holocaust and Genocide Studies in Zusammenarbeit mit Oxford University Press.

Die Division of the Senior Historian überprüft alle Publikationen und die Texte aller Ausstellungen des Museums, um zu sichern, daß sie genau sind. Auch beantwortet diese Abteilung historische Fragen, die das Publikum stellt.

Ich selbst arbeite bei der Applied Research Scholars Division, welche unsere eigenen Forschungen betreibt. Wir bearbeiten im Moment zwei große Projekte. Eins davon heißt Documenting Life and Destruction: Holocaust Sources in Context (auf Deutsch: Das Dokumentieren von Leben und Zerstörung - Holocaust-Quellen im Kontext). Ein Teil dieser Dokumenten-Sammlung besteht aus fünf Bänden mit dem Titel Jewish Responses to Persecution (Jüdische Reaktionen auf Verfolgung). Diese Bände basieren vor allem auf jüdischen Quellen. Der erste Band, der die Jahre 1933 bis1938 behandelt, ist bereits erschienen. Auch wird es einige eigenständige Bände geben, die sich mit getrennten Themen befassen. Der erste behandelt das Thema Kinder während des Holocausts und soll bald erscheinen.

Unser anderes Projekt, für das ich seit Januar 2000 als Chefredakteur verantwortlich bin, ist die Enzyklopädie der Lager und Ghettos, 1933-1945.

Die Anfänge des Projekts liegen im Jahr 1998. Damals bot eine Stiftung dem Museum Geld zur Unterstützung eines nicht näher bestimmten Projektes an (was immer schön ist!). Nach sorgfältigen Überlegungen schlug das Center vor, eine Enzyklopädie zu erstellen, die alle Lager und Ghettos behandeln würde. Die Stiftung billigte die Idee, und 1999 fing das Center mit dem Projekt an. Man stellte einen Historiker ein, der als Redakteur und Koordinator des Projekts tätig werden sollte. Die Struktur der Enzyklopädie wurde dann generell bestimmt und die Forschungsfragen für den ersten Band wurden festgelegt. Ich übernahm das Projekt im Januar 2000, nachdem mein Vorgänger kurzfristig seine Pläne änderte und das Museum verließ - ein Ereignis, für das ich natürlich sehr dankbar bin!

Das Projekt hat zum Ziel, ein mehrbändiges Nachschlagewerk zu schaffen, das so weit wie möglich alle von den Deutschen und ihren Alliierten und Satelliten verwalteten Lager und Ghettos beschreibt. Der Artikel für jede Stätte enthält
- erstens: grundlegende Informationen zu der einzelnen Stätte;
- zweitens: eine Bibliographie und Hinweise auf relevante Archivalien, die für weitere Forschungen hilfreich sein können.

Wir haben vor, sieben Bände zu erstellen. Jeder von ihnen wird eine Gruppe von Lagern und Ghettos behandeln, die wir nach ihrer bürokratischer Unterstellung oder ihrer Zielsetzung zusammenfassen. So gewinnt der Leser nicht nur ein Verständnis für die einzelnen Stätten, sondern auch für die Struktur des Systems insgesamt, insofern man überhaupt von einem System sprechen darf.

Hier sind die Themen der Bände, wie wir sie jetzt vorsehen. Übrigens, ich spreche oft von konzeptuellen Bänden, weil jeder Band der Enzyklopädie im Endeffekt eigentlich aus einigen Teilbänden bestehen wird.

  • Band 1: frühe Lager der NSDAP und Polizei, Konzentrationslager des Inspektorats der Konzentrationslager bzw. des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes der SS, einschließlich der Außenlager, sowie SS-Baubrigaden und Eisenbahnbaubrigaden, und Jugendschutzlager. Dieser Band, mit mehr als 1 700 Seiten in zwei Halbbänden, ist im Juni 2009 herausgekommen. Er besteht aus ungefähr 1 100 Einträgen, Registern zu Personen, Stätten und Organisationen bzw. Firmen sowie 23 Karten und 192 Fotos.
  • Band 2: Ghettos in Osteuropa, die von den Deutschen verwaltet wurden. Dieser Band, welcher mit fast 1 200 Einträgen etwas umfangreicher ist als Band 1, kommt im November heraus.
  • Band 3: Lager und Ghettos der europäischen Alliierten und Satelliten des deutschen Reiches: unter anderen Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Frankreich, Norwegen und Italien.
  • Band 4: Lager und andere Stätten der Wehrmacht, einschließlich Kriegsgefangenenlager, Straflager, sogenannte Blutspendenlager, Internierungslager, Ausbildungslager für Hiwis und Bordelle.
  • Band 5: Lager, die anderen Teilen der SS (z.B. dem Reichssicherheitshauptamt, der Allgemeinen SS und der Waffen-SS) unterstellt wurden: unter anderen Zwangsarbeitslager für Juden, Lager der Aktion Reinhard, Arbeitserziehungslager, Gestapo-Gefängnisse, Umsiedlungslager für Polen und Juden und verschiedene Polizeihaftlager und Durchgangslager.
  • Band 6: Zwangsarbeitslager, die nicht von der SS verwaltet wurden, das heißt z.B. Lager, die der Organisation Todt, der Deutschen Arbeitsfront, privaten Firmen, und dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz unterstellt wurden. In diesem Band beschreiben wir auch die sogenannten Ausländerkinderpflegestätten und verwandte Anlagen, was wir "Stätten zur Zwangsabtreibung und Kindermord" nennen.
  • Band 7: Verschiedene Lager, die nicht in die anderen Bände passen, und Stätten, deren Art oder Unterstellung nicht festgestellt werden kann. Hier findet man z.B. T4 - sogenannte Euthanasie-Einrichtungen, Germanisierungslager für Kinder und zivile Gefängnisse und Strafgefangenenlager.


Die Einträge in der Enzyklopädie befassen sich nur mit den Standorten, es gibt keine Aufsätze zu Personen oder anderen Themen. Die Stätten werden in Einträgen behandelt, die meistens zwischen 1 250 und 2 500 Worten lang sind, vorausgesetzt natürlich, daß genügend Materialien dazu vorhanden sind - viele Einträge werden viel kürzer sein. In jedem Fall wollen wir einige grundsätzliche Fragen beantworten, zum Beispiel:

  • Wann wurde das Lager errichtet und mit welcher Absicht? Welcher Organisation wurde es unterstellt?
  • Welche Arten von Häftlingen gab es im Lager? Welche Arbeit mußte geleistet werden - wenn überhaupt - und für welche Firmen oder Organisationen?
  • Was waren die Methoden, die Motive und die Umstände bei der eventuellen Ermordung von Häftlingen?
  • Wer waren die Lagerkommandanten, und wie verliefen ihre Laufbahnen?
  • Welche Einheiten haben das Lager bewacht?
  • Welche Elemente der Kultur der Häftlinge waren in diesem Lager einzigartig, wenn überhaupt? Gab es besondere, erwähnenswerte Aspekte des Lagerlebens, die beim Überleben halfen?
  • Gab es in der Geschichte des Lagers Schlüsselereignisse wie Widerstand oder Ausbrüche, organisiert oder spontan?
  • Wann und unter welchen Umständen wurde das Lager geschlossen, evakuiert oder befreit?
  • Und letztens: fanden in der Nachkriegszeit Prozesse gegen das Lagerpersonal statt?


Wie schon kurz hingewiesen wird es nicht immer möglich sein, in jedem Fall alle diese Fragen gründlich zu beantworten. Für viele Stätten fehlen einfach die Materialien dazu.

So weit wie möglich versuchen wir, mehrere Bände gleichzeitig zu bearbeiten. Im Moment, zum Beispiel, ist die Lage so: das Manuskript für den zweiten Band ist seit Monaten fertig, wir prüfen nun die Korrekturfahnen und bereiten die Register vor. Das Manuskript für den dritten Band sollte Ende 2012 fertig sein, von vielleicht 800 Einträgen sind schon mehr als die Hälfte zugeteilt worden. Band 4 ist problematischer. Wir finden es schwierig, Autoren zu finden, die zu Kriegsgefangenenlagern schreiben können. Die Arbeit an den Bänden 5 und 6, für die wir nun organisatorische Forschung betreiben, sind noch schwieriger, weil es so unglaublich viele Lager gab und so wenig über sie bekannt ist. Im Moment versuchen wir, die Lager genau zu zählen und in die richtigen Kategorien einzuordnen. Auf jeden Fall werden diese Bände riesengroß sein.

Die Autoren der Einträge kommen aus den USA, Deutschland, Österreich, Polen, Frankreich, Israel und vielen anderen Ländern. Wir haben nun eine Datenbank mit fast 550 Namen von Autoren und Beratern. Auch machen wir uns die Sachkenntnis von Kollegen und Forschungsstipendiaten im Museum zu Nutze. Zusätzlich zu mir arbeiten an diesem Projekt drei Forschungsstipendiaten bzw. -stipendiatinnen und ein Applied Research Scholar, Dr. Martin Dean, der Herausgeber des zweiten Bandes ist.

Im Laufe dieser letzten elf Jahren (für mich ist es kaum zu glauben, daß ich schon so lange an diesem Projekt gearbeitet habe!) stießen wir auf zwei große unerwartete Probleme. Erstens entdeckte ich, als ich die Breite des Universums der Lager und Ghettos untersuchte, daß es viel mehr Stätten gab, als man zu Beginn des Projekts vorausgesehen hatte. Bevor ich beim Museum eingestellt wurde - und ich war damals ganz unwissend - hatte ich gehört, daß es Tausende von Lagern gab, und ich glaubte, es müsse sich um 2 000 oder 3 000 handeln. Die Schöpfer der Enzyklopädie hatten eine Zahl 5 000 bis 7 000 im Kopf. Aber die zuerst ganz allgemeinen Forschungen, die ich in den ersten drei Jahren des Projekts betrieb, ergaben eine Arbeitszahl von 20 000 Lagern. Und eigentlich gab es noch tausende, zehntausende, die entweder nicht zum Thema dieser Arbeit gehören oder für die wir keine Dokumentationen finden können.

Als wir die Zahl von 11 000 Lagern erreicht haben, war das genug, um eine große Debatte innerhalb des Centers auszulösen. Man sagte, das Projekt wird zu groß, wir sollen es irgendwie beschränken: vielleicht auf Stätten, die mit dem Holocaust eine direkte Beziehung hatten. Aber wenn man zum Beispiel entschieden hätte, daß wir nur Lager in der Enzyklopädie beschreiben würden, in denen sich Juden befanden, hätte sich die Aufgabe kaum verringert. Wir hätten dann solche Lager identifizieren müssen, und außerdem gab es Juden in sehr vielen Lagern. Letzten Endes entschieden wir uns dafür, so umfassend und inklusive wie möglich zu sein. Wir sagten uns: Dieses Werk wird nur einmal erstellt, und nur eine Institution wie unsere kann es erstellen - wir müssen es also richtig machen!

Das zweite Problem betraf die Einträge. Für den ersten Band konnten wir Autoren für nur 70 Prozent der Einträge finden, die anderen mußten wir selbst verfassen. Ganz früh mußten wir erkennen, dass es für viele Stätten niemanden gibt, der die Einträge schreiben könnte. Und das gilt noch mehr für viele der späteren Bände - es gibt z.B. weniger Experten zu den Lagern der Organisation Todt oder zu den Germanisierungslagern in Polen als zu den Außenlagern des KZ Buchenwald. Auch ist das Honorar, das wir pro Eintrag anbieten können, zu gering, um neue Forschungen zu unterstützen. Deshalb haben wir mit unseren eigenen Forschungen begonnen. Wir suchen in unserem Archiv und in unserer Bibliothek nach Informationen zu den Stätten zu suchen, zu denen wir bisher keine Aufträge vergeben haben, und wir sind auch bestrebt, relevante Materialien von anderen Archiven zu sammeln. Wenn wir über genug Informationen verfügen, dann schreiben wir die Einträge selbst oder lassen wir sie schreiben.

Selbstverständlich wird die Arbeit an unserm Projekt noch viele Jahre dauern. Wir schöpfen aber neuen Mut aus der Tatsache, daß dieses Werk so wertvoll und bedeutend ist. Die Enzyklopädie wird Informationen zu den Lagern einschließen, die entweder nirgendwo anders veröffentlicht sind oder nur in verstreuten Quellen und oft in vielen verschiedenen Sprachen gefunden werden können. Die Einträge werden viele ungenaue oder falsche Informationen berichtigen. Und die Qualität der Einträge, die wir schon bekommen haben, ist sehr beeindruckend. Sie bieten nicht nur knappe Fakten und Zahlen, sondern auch einen menschlichen, differenzierten und ernüchternden Blick in das Lagerleben. Letzten Endes werden wir ein Werk schaffen, glaube ich, das für die Holocaust-Forschung sehr wichtig ist.

Die Reaktionen auf unsere Enzyklopädie sind bis jetzt positiv. Nachdem der erste Band herausgekommen ist, gab es Interviews in TV, Radio und in Zeitungen. Er hat das 2009 National Jewish Book Award gewonnen sowie das 2010 Judaica Reference Award, die Zeitschrift Library Journal's Best of Reference 2009, und die Zeitschrift Choice 2010 Outstanding Academic Title. Für uns noch wichtiger war aber die Reaktion der Überlebende. Bei uns im Museum gibt es noch viele Überlebende, die als Freiwillige dienen. Ich habe selbst einen Vortrag vor einer Gruppe dieser Freiwillige gehalten, in dem ich die Enzyklopädie beschrieb. Bald wird es klar, daß die Enzyklopädie als akademisches Nachschlagewerk für die Überlebende nicht so wichtig ist. Für sie ist es viel bedeutungsvoller, daß es endlich ein Buch gibt, das die bis jetzt wenig bekannten oder ganz unbekannten Stätten, wo man so viel erlitt, beschreibt. Es war für sie eine Anerkennung, auf die sie sehr lang gewartet haben. Am Ende des Vortrags stand ein Überlebender auf und sagte: "Das ist ein heiliges Buch." Wir hätten so eine Reaktion nie erwarte, und waren tief bewegt. Nun verstanden wir wirklich, was unsere Arbeit bedeutet.


In der lebhaften Diskussion nach dem Vortrag standen zunächst methodologische Fragen bei der Erarbeitung der Enzyklopädie im Vordergrund. So wurde gefragt nach welchen Prinzipien die Eingruppierung der verschiedenen Lager vorgenommen wurde und ob auch Lager der Kollaborateure aufgenommen wurden.
Breiten Raum nahmen Fragen nach der formalen und inhaltlichen Gestaltung der Beiträge, wie deren Größe, die Anforderungen an Quellen und Literaturbelege u.ä. sowie die Erschließung der Informationen über differenzierte Band- und zentrale Register ein. Außerdem ging es in dieser Fragerunde um den Vergleich mit anderen ähnlichen Großvorhaben und über den allgemeinen Zugriff auf die Informationen in der Enzyklopädie über das Internet.
Breiten Raum nahm in der Diskussion das U.S. Holocaust Memorial Museum ein. Auch hier ging es zunächst um die Quellenbasis und um die Zugriffsmöglichkeiten per Internet auf die ungeheuer große Anzahl von Dokumenten. Im Mittelpunkt standen aber Fragen nach der Wirkung der großen Ausstellung und der verschiedenen Spezialveranstaltungen. Es wurde u.a. gefragt, welches Wissen das Museum zu grundsätzlichen Fragen der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, insbesondere zu der fundamentalen Frage nach dem "Warum?" vermittelt.
Rhetorisch gewandt und kenntnisreich hat Dr. Megargee die Fragen beantwortet und damit vertiefende Informationen insbesondere über die Washingtoner Einrichtungen gegeben.
Mit herzlichem Beifall bedankten sich die Zuhörer für die interessanten Ausführungen unseres amerikanischen Gastes.

Martin Seckendorf

zurück zur Übersicht

Druckversion
(im folgenden Fenster [Datei>Drucken])