Symposium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen


Zu Beginn des von der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, der Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen und der Akademie für politische Bildung der Rosa Luxemburg Stiftung am 28. August 2009 durchgeführten Symposiums begrüßte Dr. Martin Seckendorf namens der Veranstalter die etwa 80 Zuhörer.

Mit einem eindringlichen Plädoyer für eine wahrheitsgetreue Geschichtsvermittlung wandte sich dann Iwona Koslowska namens des polnischen Botschafters Dr. Marek Prawda an die Zuhörer.(Beide Grußworte werden am Schluß dieses Berichts im Wortlaut wiedergegeben)

Ein mehrheitlich Berliner Publikum nutzte die Gelegenheit des eintägigen Symposiums zur Diskussion der wissenschaftlichen Vorträge zu den politischen, ökonomischen und militärischen Bedingungen des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939. Als erster Referent nahm Prof. Dr. Werner Röhr, Autor des Bandes über Polen in der großen Dokumentenedition "Europa unterm Hakenkreuz", dessen Forschungen zur deutschen Besatzungspolitik in Polen 1939-1945 auch unter dem Titel "Occupatio Poloniae" 2004 in der Edition Organon als Beiheft 4 des Bulletins für Faschismus- und Weltkriegsforschung publiziert sind, das Wort. Er konstatierte, daß aus Anlaß der diesjährigen Jahrestage über die Geschichte mehr gelogen werde, als je zuvor, und warnte, daß es über Lügenbrücken keine Versöhnung gibt. Zwei Konstrukte beherrschen die öffentliche Meinungsbildung nicht nur in Polen: erst Stalin habe den deutschen Überfall auf Polen durch den Pakt vom 23. August 1939 ermöglicht; und Polen war durch den sowjetischen und den deutschen Nachbarn in gleicher Weise in seiner Existenz bedroht.

Zunächst skizzierte Röhr die innere und äußere Lage Polens in der Zwischenkriegszeit: die Schwierigkeiten der Staatsbildung aus drei Teilungsgebieten und des Übergangs eines Agrarlands zur Industrialisierung mit 4 Millionen landlosen Bauern, sinkendem Lebensstandard und eskalierender Gewalt gegenüber der ukrainischen und der jüdischen Minderheit im Land, dessen Industrieproduktion trotz Entstehung eines neuen zentralpolnischen Industriereviers bis 1938 nicht das Vorkriegsniveau von 1913 erreichte und das nach dem 11. November 1918 auf der Basis von Pilsudskis Konzeption Polens als Vielvölkerstaat Staatsgründungskriege führte, in denen im Süden das Teschener Gebiet mit der besten Steinkohle Europas und im Norden das Wilnaer Gebiet umstritten blieben. Im Osten führte Polen den Krieg, der 1921 im Grenzdiktat des Rigaer Friedens mit Sowjetrußland mündete und Polen um die mehrheitlich belorussischen und ukrainischen Landesteile erweiterte. Im Westen hielt Deutschland den Konflikt um Oberschlesien offen, das mit einem Drittel seines Territoriums, aber drei Fünfteln seines industriellen Potentials Polen zugewachsen war, für die deutsche Industrie eine "blutende Grenze im Osten", Polen nicht mehr als ein "Saisonstaat" des bekämpften Vertragssystems von Versailles, den man zunächst durch eine Wirtschaftsblockade nierderringen zu können glaubte.

Einer schonungslosen Kritik unterzog Röhr die Außenpolitik Józef Becks, der nach dem Tod Pilsudskis 1935 den Wechsel von der Gleichgewichts- oder Äquidistanzpolitik zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu einer Annäherung an den faschistischen Block vollzog, eine selbstmörderische Politik, die 1938 im Windschatten der von Großbritannien und Frankreich in München sanktionierten deutschen Aggression gegen die Tschechoslowakei in der Annektion des tschechischen Olsagebiets gipfelte. Zu spät erkannte Józef Beck, daß Nazideutschland hinter der - durch Vereinbarungen zu deutsch-polnischer Gemeinsamkeit in der Geschichtsschreibung, im Jugendaustausch und im Dialog der Juristen ausgeschmückten - Fassade der Nichtangriffsvereinbarung vom 26. Januar 1934 an der antipolnischen Stoßrichtung seiner revisionistischen Politik festhielt, also weder die Grenzen Polens, noch dessen aus dem Status Danzigs als Freier Stadt resultierenden Rechte anerkannte. Erst im März 1939 verweigerte sich Polen der von Deutschland angebotenen Rolle als unterworfener Satellit und Juniorpartner der deutschen Expansionspolitik.

Zu den deutschen Vorbereitungen auf den ab März 1939 von Hitler intern angekündigten und mit der Direktive zum "Fall Weiß" vom 11. April 1939 militärisch geplanten Angriffskrieg gegen Polen gehörten Militärmanöver, die Aufstellung der Einsatzgruppen des Sicherheitsdiensts der SS, die Organisation der Polizeibataillone der Ordnungspolizei, die Formierung und Aufrüstung des Militärs in Danzig, darunter des Sturmbanns Eimann, das den Massenmord an den Psychisch Kranken und die Morde an Gefangenen in Stutthof unmittelbar nach Kriegsbeginn verantwortete, die Aktivitäten des militärischen Geheimdienstes, dessen Kriegsorganisation insbesondere in Oberschlesien die unzerstörte Übernahme von Industrieanlagen vorbereitete, die antipolnische Hetze in Deutschland, deren Kern die Lügen über angebliche polnische Verbrechen an Volksdeutschen waren, und schließlich die Planungen für den A-Fall auf dem innerdeutschen Kriegsschauplatz: die bereits in Karteien des SD erfaßten Antifaschisten und Kriegsgegner waren zu Tausenden und Abertausenden bei Kriegsbeginn zu verhaften und in die Konzentrationslager zu verschleppen. Die wissenschaftlich-industrielle Zusamenarbeit ließ die deutschen Konzerne detaillierte Programme für den Raubzug gegen Polen bereithalten, deren vorrangige Ziele die Übernahme des Steinkohle- und Eisenerzbergbaus, der Verhüttungsanlagen und der Schwerchemie im Südwesten Polens und die der Chemischen Produktion im ganzen Land waren. Während sich 1938 noch eine militärische Opposition gegen die Aggression gegen die Tschechoslowakei formiert hatte, führte die Kriegstreiberei 1939, und zwar wegen ihrer antipolnischen Stoßrichtung, weder zu Differenzen, noch zu Fraktionierungen innerhalb der deutschen militärischen Führung. Der Öffentlichkeit kündigte sich der Krieg gegen Polen durch die antipolnische Hetzberichterstattung in den gleichgeschalteten Medien an.

Das polnische Militär hingegen war - wegen der illusionären Politik in den 30er Jahren - unvorbereitet, zumal die militärische Führung erst im Jahr 1937 den von Mossow vorgelegten Plan zur Landesverteidigung abgelehnt hatte, der, insofern realisitischer als die damalige Außenpolitik, ein Bündnis mit der Sowjetunion für notwendig hielt. Die militärische Strategie aber setzte auf die formale Zusage der Westmächte für eine wirtschaftliche und logistische Militärhilfe ab dem 15. Tag des Kriegs. Doch hatten Großbritannien und Frankreich sich im Sinne der Politik von München lange vor dem bisher als Datum des Verrats geltenden 12. September 1939 geeinigt, wie jüngste Forschungen des polnischen Militärhistorikers Lech Wyszczelski aufgrund britischer Regierungsakten zeigen, daß sie sich für Polen nicht in einen Krieg hineinziehen lassen würden. Großbritannien war zwar weiterhin bereit, die Unabhängigkeit Polens, nicht aber dessen Grenzen und damit territoriale Integrität zu garantieren. Als Profiteur der deutschen Aggression gegen die Tschechoslowakei saß Polen in der Falle: von Deutschland militärisch an drei Flanken bedroht wurde es zum Bauernopfer der zuerst antisowjetischen Politik Großbritanniens und Frankreichs, die ihrerseits eine deutsche Aggression im Westen hinauszuzögern trachteten.

Als die Sowjetunion am 23. August 1939 das deutsche Angebot eines Nichtangriffsvertrags akzeptierte, waren die von sowjetischer Seite initiierten Verhandlungen mit den Westmächsten um eine kollektiv zu garantierende Sicherheit gegen jede deutsche Aggression gescheitert, nicht zuletzt an der illusionären Erwartung Polens, die Sowjetunion einseitig zum militärischen Beistand verpflichten zu können. Alle Dokumente widerlegen die als Kern eines antisowjetischen und antitotalitären Geschichtsbilds unverzichtbare und als Element eines nationalen Selbstbildes in Polen populäre These, erst der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 habe den Überfall auf Polen ermöglicht. Diesen plante Nazideutschland, nachdem Polen sich 1939 weigerte, Juniorpartner der faschistischen Expansion zu werden, unter allen Umständen; richtig aber ist, daß der Pakt den deutschen Angriffskrieg erleichterte. Aus sowjetischer Sicht war die Option auf Neutralität angenehmer, als sich - ohne Durchmarschrechte - mit Großbritannien und Frankreich zum militärischen Eingreifen zu verpflichten. Diese taktische Überlegung allerdings machte die Sowjetunion zu einer Grundsatzfrage und entschied sich im Staatsinteresse für die territoriale Beute und gegen den Antifaschismus, ein Bankrott revolutionärer sowjetischer Außenpolitik, der mit der Auswechslung Litvinows gegen Molotow einherging. Die polnische Öffentlichkeit und die politische und militärische Führung Polens, von Frankreich und Großbritannien in Unkenntnis über ihre veränderte strategische Grundentscheidung gehalten, getäuscht und belogen, und deshalb weiterhin auf die - im Mai 1939 bestätigte - Zusage nach dem französisch-polnischen Vertrag von 1921 fixiert, am 15. Kriegstag militärisch einzugreifen, erfaßten die Bedeutung des sowjetischen Einmarschs am 17. September 1939 zunächst nicht.

Der Abschluß des Vertrags vom 23. August 1939 war für beide Seiten nicht zwingend: Die Sowjetunion hätte den Nichtangriffsvertrag schließen können, auch ohne sich an dem Länderschacher der völkerrechtswidrigen Zusatzvereinbarungen zu beteiligen; ohne den Vertrag und den Einmarsch der Roten Armee in Polen hingegen wäre Deutschland die Option eines - der Slowakei vergleichbaren - faschistischen westukrainischen Marionettenstaats geblieben.

Als zweiter Redner befaßte sich der Warschauer Historiker Dr. Tomasz Chincinski mit den kriegsvorbereitenden parallelen Aktivitäten deutscher Geheimdienste in Polen ab Oktober 1938: des Amts Abwehr des OKW unter Canaris und des Sicherheitsdiensts der SS unter Heydrich. Während der militärische Geheimdienst die "kleine Kriegführung" durch Waffenlieferungen an deutsche Agenten in Polen vorbereitete, die den deutschen Einmarsch militärisch stützen und insbesondere kriegswirtschaftlich bedeutsame Industrieanlagen vor etwaiger Zerstörung übernehmen sollten, organisierte der SD die Diversantentätigkeit in Polen. Bereits im Sommer 1939 plante der SD 180 Attentate auf 223 Objekte, die als Provokationen gegen Volksdeutsche in Polen und an der polnisch-deutschen Grenze inszeniert für die westlichen Regierungen und die Öffentlichkeit einen Anlaß für den geplanten deutschen Angriffskrieg liefern sollten, was Hitler noch am 22. August 1939 vor der Wehrmachtsführung mit den Worten bekräftigte, er werde "propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft.

Prof. Dr. Siegfried Bünger beschäftigte sich anschließend mit der britischen Haltung zu Polen angesichts der fortgesetzten deutschen Expansionspolitik und entfachte die Debatte um die Kritik der britischen Appeasement-Politik.

Ein Schlaglicht auf den Stand der Kriegsvorbereitungen im Jahr 1939 warf Prof. Dr. Dietrich Eichholtz, Autor der 1969 bis 1996 erschienenen dreibändigen Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945 und mehrerer seit 2005 vom Leipziger Universitätsverlag publizierten Studien zur deutschen Erdölimperialismus.

Der Frage, auf welche Stimmungen und Erwartungen der deutschen Bevölkerung sich die Machthaber bei Kriegsbeginn einstellten, ging Prof. Dr. Kurt Pätzold nach. In scharfem Kontrast zu der populären Kriegsbegeisterung im August 1914 war 25 Jahre später die in der Bevölkerung verbreitete Stimmung Niedergeschlagenheit und Entsetzen. Die Bevölkerung lehnte den Krieg, an den die über 35jährigen eine eigene Erinnerung hatten, ab - und sie hatten dessen Vorboten ab 1933 verdrängt. Die antipolnische Propaganda im Sommer 1939 erzielte wenig Wirkung. Daß die Machthaber den Krieg mit Wehrübungen, Hetzkampagnen und Rationierungen ankündigten, alarmierte die Deutschen nicht, sondern es paralysierte sie. Zu groß erschien nach sechseinhalb Jahren Naziherrschaft mit kontrolliert eskaliertem Terror der Schritt, die Kriegsgegnerschaft zu organisieren und ihr politische Kraft zu verleihen.

Die Naziführung griff auf die 1914 bewährte Demagogie vom "uns aufgezwungenen Krieg" zurück, es werde "zurückgeschossen". Nur Englands angeblich von Juden gelenkte Regierung habe Interesse am Krieg, Hitler hingegen habe den Krieg nicht gewollt. Die Wehrmacht registrierte amtlich den "Beginn von Kampfhandlungen". Das Kalkül, so Pätzold: "Einmal im Krieg, würden die Deutschen ihn vor allem nicht verlieren wollen. Bei diesem Wunsch ließen sich die Massen packen und von der Führung gleichsam sicher an den Haken nehmen." Das Wort "Krieg" benutzte die Propaganda nur mit Blick auf den Gegner, zur Charakterisierung eigener Politik blieb das Wort, auf das nur die Bürokratie zur Kennzeichnung ihrer Verordnungen nicht verzichten konnte, zunächst ein Tabu - bis zur Besetzung Polens, nach der die Zeitungen mit der Lüge titelten "Kriegsziel erreicht". Glimpflich davongekommen fürchteten die Deutschen danach weniger den Krieg, sondern mit jedem ab April 1940 noch folgenden Raubzug und den an anderen Völkern begangenen Kriegsverbrechen stieg ihre Furcht vor der Kriegsniederlage, gegen die sie sich noch fünf Jahre bereitwillig mobilisieren ließen. Nur das Programm der massenhaften Rekrutierung deutscher Frauen in die Kriegswirtschaft scheiterte im Jahr 1942/43. Ohnehin war Hitler "der entschiedene Verfechter des Prinzips, die Kriegslasten auf die anderen abzuwälzen, sie schuften, bluten und sterben zu lassen", während in Deutschland der gelegentliche Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten war.

In der Diskussion wurde darauf verwiesen, dass die britische Appeasementpolitik sich bereits im Winter 1917/!/18 ankündigte, indem die britische Regierung entschied, Deutschland notfalls freie Hand im Osten zu lassen.
Auch wurden die Versailler Verhandlungen als Keim eines neuen Krieges angesprochen, mit denen Deutschlands Aggressivität nach Osten gelenkt werden sollte. Anfragen gab es danach, ob es für die britischen Politiker tatsächlich keine Rolle spielte, was die Polen dachten oder machten, nach der Stellung der Briten zu den USA, zur sowjetischen Spanienpolitik, zu den Reflexionen der Briten angesichts der Ablösung Litwinows in Moskau durch Molotow, zur Entwicklung der Haltung Großbritanniens gegenüber jüdischen Emigranten aus Deutschland, zu Unstimmigkeiten im britischen Unterhaus angesichts der Chamberlainschen Politik und schließlich zu der Haltung der englischen Historiker zu dieser Zeit und der Behandlung dieser Zeitspanne in den gegenwärtigen britischen. Schulbüchern. Prof. Bünger erläutere noch einmal das Desinteresse der Chamberlain-Regierung an einer Unterstützung für Polen, aber auch die durch die Veränderungen in der UdSSR noch beförderten vermehrten Auseinandersetzungen über diese Politik im engsten Appeasementkreis im Unterhaus und bei den Militärs ab Anfang September 1939 trotz derer sich Chamberlain noch bis April 1940 halten konnte.
Zur britischen Haltung gegenüber dem Spanienkrieg verwies Siegfried Bünger auf die strikte Nichteinmischungspolitik verbunden mit der Abneigung gegen ein rot werdendes Spanien. Zur Haltung der britischen Historiker bemerkte er, dass sie nach dem zweiten Weltkrieg in der Regel feststellten, dass aus Angst vor dem Krieg die Lage durch die britische Regierung falsch eingeschätzt worden sei. Später hätten die britschen Historiker Verständnis für die britische Politik gezeigt und sie als alternativlos dargestellt, was auch von BRD-Historikern übernommen worden wäre. Heute gebe es wieder Streit zwischen beiden Richtungen oder das Ausweichen in Randgebiete. Zu der Widerspiegelung der Zeit in gegenwärtigen britischen Schulbüchern konnte Prof. Bünger nichts sagen.
Dietrich Eichholtz wurde nach der Einschätzung der zu erwartenden Haltung der Westmächte durch Hitler gefragt. Besprochen wurde schließlich, wer die Ideengeber dafür waren, dass durch ein blitzschnelles Niederwerfen einzelner Gegner, ehe die Gegner zurückschlagen oder sich verbünden konnten, die rüstungstechnische Schwäche Deutschlands ausgeglichen werden sollte. Prof. Eichholtz benannte als Ideengeber die Militärs und Krauch, weshalb Hitler dann den Entschluß zur Auslösung des Krieges im Bewusstsein des absoluten Risikos fasste.

Das Wissen über den Zweiten Weltkrieg zu aktualisieren, hatte Iwona Koslowska zu Beginn des Symposiums ausdrücklich begrüßt: "Jede Generation erinnert sich anders, anders bildet sie ihre Geschichtsbilder". So werden wir uns heute auch zu fragen haben, wie wir den vor acht Jahren entfesselten globalen Krieg zur Beherrschung der Ressourcen entlang der "Lebenslinie der NATO von Nordafrika bis zum Hindukusch" (Franz-Josef Strauß vor dem Bundestag in Bonn am 16. Januar 1980) stoppen können.

Dr. Susanne Willems/Dr. Sibylle Hinze


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Begrüßung durch Dr. Seckendorf/Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V:

Im Auftrag der Veranstalter dieses Symposiums, begrüße ich Sie recht herzlich.
Mein besonderer Willkommensgruß gilt Frau Botschaftsrätin Kozlowska und Herrn Pawel Gronow, 2. Botschaftssekretär, als Vertreter der Botschaft der Republik Polen in Deutschland.
Das Jahr 2009 ist voller sog. runder erinnerns- und bedenkenswerter Jahrestage. Um den weiten Bogen an Hand weniger Beispiele zu skizzieren:
1919 wurde die Weimarer Verfassung beschlossen, der schwarze Freitag stürzte vor 80 Jahren die kapitalistische Welt in eine gewaltige Wirtschaftskrise mit beträchtlichen politischen Folgen, 1949 wurde das Grundgesetz für die Westzonen verabschiedet, vor 20 Jahren erfolgte die Öffnung der Grenze zwischen der DDR und der BRD, 1999 wurde zum dritten Mal im 20. Jahrhundert Serbien von deutschen Soldaten angegriffen.
Das "Ranking" der Gedenktage hängt sicher von Erfahrungen und politischen Einstellungen ab. Entscheidend sollte aber doch wohl die historische Redlichkeit, das Streben nach Wahrheit sein.
Die Veranstalter des heutigen Symposiums sind der Auffassung, dass dem 1.September 1939 in dieser Rangfolge höchste Priorität zukommt.
Adolf Hitler, Führer und Reichskanzler und Oberbefehlshaber der Wehrmacht hielt am 1. September 1939 in der Berliner Kroll-Oper vor dem Reichstag eine Rede. So verlogen die Hitler`schen Ausführungen auch waren - selbst die genannte Uhrzeit der Feuereröffnung gegen Polen stimmte nicht - teilte er doch ganz ohne diplomatische Floskeln den Deutschen und der Welt zwei furchtbare Dinge mit:

  1. Die Wehrmacht ist soeben in Polen eingefallen. Er sagte auch, dass der Krieg gegen Polen notfalls nicht nach den Regeln des Kriegsvölkerrechts geführt werde und erteilte damit den angreifenden Wehrmachtsverbänden cart blanche für deren Kampfesweise mit der Folge dass schon in den ersten Tagen massenhaft und fortgesetzt Kriegsverbrechen verübt wurden.
  2. Hitler teilte weiter mit, dass er diesen Krieg im vollen Bewusstsein dessen ausgelöst habe, dass entsprechend der internationalen Bündniskonstellation der Überfall auf Polen sich zu einem großen Krieg ausweiten kann und forderte die Deutschen auf, sich auf Opfer und Notzeiten einzustellen.

Die deutsche Führung zeigte sich auf der Reichstagssitzung entschlossen, das lange feststehende Eroberungsprogramm auch gegen militärischen Widerstand der Westmächte, gegen eine "Welt von Feinden", wie der zeitgenössische Propagandaslogan lautete, in Angriff zu nehmen.
Tatsächlich markiert der 1.September 1939 sowohl den Überfall auf Polen und als auch den Beginn eines Weltkrieges, an dessen Ende an die 60 Millionen Tote zu betrauern waren. Unermessliches Leid wurde vor allem den Polen, den Menschen in der Sowjetunion, den Jugoslawen und Griechen zugefügt, um die ersten Plätze in einem anderen Ranking, nämlich der Statistik der Bevölkerungsverluste während des Zweiten Weltkrieges, zu nennen.
Angesichts der furchtbaren Bilanz geht es nicht nur darum, der Opfer zu gedenken. Es gilt vor allem zu klären, wie es zu der schließlich globalen Katastrophe, zu diesem Zivilisationsbruch kommen konnte. War der Krieg nicht zu verhindern gewesen? Gab es Alternativen? Vor allem auch: Wer trägt Schuld an dieser Menschheitstragödie?
Ganze Generationen von Historikern und Politikern, auch Staatsanwälten und Richtern haben sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt. Vielfach hat man geirrt, war manchmal dem politischen Zeitgeist aufgesessen. Doch vor allem wurden unumstößliche Tatsachen und Zusammenhänge zu Tage gefördert, die Ursachen und Verantwortung für den 1. September 1939 eindeutig zuordnen lassen. Der aktuelle Zeitgeist versucht nun allenthalben wichtige als gesichert geltende Befunde zu verschleiern, zu relativieren, vornehmlich die Verantwortlichkeiten zu verschieben.
Wir wollen heute auf den gesicherten Erkenntnissen aufbauend, mit neuen Fakten und Interpretationen weiter zur Aufhellung der Grundfragen des 1. September 1939 beitragen.
Dazu gehört natürlich auch die kontrovers diskutierte Frage nach der Bedeutung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes und des am gleichen Tag paraphierten geheimen Abkommens über die deutsch-sowjetischen Interessenssphären für den 1. September 1939. Die bohrenden Fragen lauten doch: War der Pakt der letzte Auslöser für den Krieg? Hätte Deutschland ohne den Pakt nicht zugeschlagen oder war Polens Schicksal nicht schon im Frühjahr 1939, nach der dramatischen Wende im deutsch-polnischen Verhältnis, besiegelt, als auf der Besprechung Hitlers mit den militärischen Spitzen am 23. Mai 1939 Sätze fielen, die als Weisungen gedacht waren, wie -ich zitiere- "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung sowie Lösung des Baltikum-Problems. Es bleibt der Entschluss, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen. Es wird zum Kampf kommen." Und wenn man bei einem Angriff auf Polen den Westen nicht "aus dem Spiel halten" könne, wie Hitler sagte, "dann", so Hitler, "ist es besser, den Westen anzufallen und dabei Polen zugleich zu erledigen."

In den heutigen Vorträgen sind nicht nur Motive, Politik und Propaganda der deutschen Seite, sondern auch die Haltung anderer Mächte zu analysieren. - Ein hoher Anspruch. Doch die Veranstalter sind optimistisch. Wie Sie dem Programm entnehmen können, bieten wir eine wissenschaftlich hochkarätig besetzte Rednerliste auf.
Wir danken Prof. Dr. Sigfried Bünger, Prof. Dr. Dietrich Eichholtz, Prof. Dr. Kurt Pätzold und Prof. Dr. Werner Röhr für ihre Bereitschaft zur Mitwirkung. Einen besonders herzlichen Willkommensgruß entbieten wir Herrn Dr. Thomasz Chinczinski aus Gdainsk.

Der oben angesprochene historisch redliche, wissenschaftlich objektive Blick auf den 1. September 1939 hat große aktuelle politische Bedeutung. Nur das vorurteilsfreie und streng an wissenschaftlichen Ergebnissen orientierte Herangehen befördert den dringend notwendigen Dialog zwischen Deutschen und Polen als nachhaltig wirkende Grundlage einer wahrhaftigen Versöhnung.

Zum Schluß möchten sich die Veranstalter noch herzlich bei der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke bedanken. Sie hat mit einer Spende erheblich zur materiellen Absicherung unseres Symposiums beigetragen.

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Frau Botschaftsrätin Iwona Kozlowska führte folgendes aus:

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Gäste,

Im Namen des Botschafters Dr. Marek Prawda möchte ich alle Teilnehmer des heutigen Symposiums zum 70. Jahrestag des Ausbruches des II. Weltkrieges ganz herzlich begruessen. Vor allem möchte ich den Initiatoren und Organisatoren - der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, der Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung für diese Einladung danken.

Dieses Jahr wie kein anderes verpflichtet uns zur historischen Erinnerung und zugleich zur tiefgehenden Reflexion über die Zukunft der polnisch-deutschen Nachbarschaft. In diesen Tagen wird es an vielen Orten der Opfer des nationalsozialistischen Regimes gedacht, es wird erinnert, was am 1. September 1939 geschah, an den Überfall Deutschlands auf Polen. Die persönlichen Erinnerungen werden wieder wach. Das Leid wird wieder stärker spürbar. Die Trauer um die unzähligen Opfer der skrupellosen Besatzungsherrschaft mit Massenmord, gewaltsamer Umsiedlung wird zum 70. Mal die Herzen der Polen schmerzen lassen. In der tausendjährigen Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen war der Zweite Weltkrieg das traurigste Kapitel. Niemals in ihrer Geschichte waren Polen und Deutsche so sehr weit voneinander entfernt und entfremdet.

Auch heute bekommen wir die Last der Geschichte immer wieder neu zu spüren. Bis heute spüren wir die negativen gesellschaftlichen Folgen des Paktes Ribbentrop-Molotow, obwohl er längst in die Lehrbücher und Enzyklopädien gehört. Dieser Pakt ist in der Erinnerung der Polen tief eingeprägt. An diesem Beispiel kann man sehen, wie die Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt. Man schreibt heute: Der Pakt bewegt keine Menschenmassen mehr, aber er wirkt immer noch nach - nicht nur als abschreckendes Beispiel verbrecherischen Groessenwahns, sondern als psychische Belastung der Nachgeborenen". Auch daran muss erinnert werden.

Im Hinblick auf die Jahrestage 1939 - 1989 muss man betonen, dass beide Daten eng miteinander verbunden sind. Die deutschen Intellektuellen haben in einem gemeinsamen Brief vor einigen Tagen darauf hingewiesen. Ihr Appell: "Ein freies und demokratisches Europa muss sich seiner Geschichte bewusst sein" scheint in dieser Hinsicht besonders wichtig. Immer wieder müssen wir uns unserer Geschichte stellen und auf neue Fragen Antworten geben. Auch Sie, indem Sie über die politischen, ökonomischen, militärischen Bedingungen des Überfalls auf Polen, über die Expansionspolitik des deutschen Faschismus sprechen werden, werden das Wissen mit neuen Perspektiven und neuen Sichtweisen erweitern. Sie werden, wie Sie geschrieben haben, das Wissen über den II. Weltkrieg aktualisieren. Und das ist richtig so.

Jede Generation erinnert sich anders, anders bildet sie ihre Geschichtsbilder. Deswegen ist es von großer Bedeutung , auch 70 Jahre danach über das Vergangene zu diskutieren, zu reden, zu schreiben, zu senden, zu lesen - sei es nur, um noch einmal ermessen zu können, was es heißt, dass seit fast drei Generationen Polen und Deutsche, Deutsche und Franzosen friedlich miteinander leben können.

Der Aussöhnungsprozess von Polen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war lang und schwierig. Das wichtigste war aber, dass es Menschen gab, die sich nach 1945 bemüht haben das tragische Erbe der Vergangenheit zu überwinden und neue Wege in eine gemeinsame Zukunft aufzuzeigen. Auch die Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen hat großen Anteil daran, dass die Aussöhnung zwischen unseren beiden Ländern auch unter schwierigen Bedingungen vorankam, dass Polen und Deutsche vor allem die kulturellen und mentalen Grenzen zu überwinden versuchten.
Dafür möchten wir Ihnen bei diesem Anlass ganz herzlich danken

Meine Damen und Herren,

Allmählich schließen wir im deutsch-polnischen Verhältnis auch die schwierigen Kapitel der gemeinsamen Geschichte ab. Wir tun es in der Überzeugung, dass das Gedenken an die Vergangenheit ein Bestandteil der Verantwortung für die Zukunft ist. Dieses Prinzip liegt den gegenwärtigen deutsch-polnischen und europäischen Beziehungen zugrunde. Daraus ergibt sich eine Botschaft für heute und morgen: Polen, Deutschland und Europa können ihre Zukunft nicht aufbauen, ohne die Erinnerung an die tragische Vergangenheit zu bewahren und zu pflegen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine historische Amnesie um sich greift, historische Fakten gefälscht werden und die Geschichte umgeschrieben wird. Denn es geht um das Geschichtsbewusstsein neuer Generationen. Dafür haben wir die Verantwortung zu tragen.

Bald wird es auch niemanden geben, der den Zweiten Weltkrieg als Erwachsener erlebt hat. Bald ist eine Möglichkeit unwiederbringlich vorüber - mit jenen Menschen sprechen zu können, die Augenzeugen der Gräueltaten waren. Deswegen müssen wir den Weg der wahrheitsgetreuen Geschichtsvermittlung weiter gehen. Europa braucht eine aktive, verantwortungsbewusste Erinnerungskultur, die die nachwachsenden Generationen für neu aufkommende autoritäre und diktatorische Entwicklungen sensibilisiert.

Möge dieses Jahr, das durch so viele symbolische Jahrestage und Ereignisse gekennzeichnet ist, aber auch Ihre Konferenz der Öffnung, dem Dialog und der gemeinsamen wahrhaftigen Erinnerung dienen.

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