Prof. Dr. Dietrich Eichholtz: Deutsche Ölpolitik in den Weltkriegen
Ein Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. am 9. Juni 2009


Vorgetragen wird eine Auswahl von Themen aus dem Gesamtprojekt "Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege". Das Projekt, begonnen 2001/2002, steht vor dem Abschluß. Es umfasst insgesamt 6 Studien, ca. 600 Seiten (in fünf Büchern).

Ich wähle folgende Vortragsthemen aus:
  1. Das mesopotamische Öl und der Erste Weltkrieg
  2. Hitler, Wehrmacht und Großindustrie am Vorabend des Zweiten Weltkrieges
  3. Der Zweite Weltkrieg und das erstrebte deutsche Erdölimperium
  4. Ende mit Schrecken. Die Treibstoffoffensive der Alliierten
  5. Ausblick

Meine Beschäftigung mit dem Thema geht auf 2001/2002 zurück, als ich nach 9/11 (spät!) begriff, welche ungeheure Rolle das Erdöl als inzwischen wichtigster Weltrohstoff spielt und wie das Öl heutzutage im Zentrum der weltweiten imperialistischen Auseinandersetzungen steht.

Vom Imperialismus im Leninschen Sinne zu reden, fällt unseren heutigen Kollegen Historikern, und nicht nur diesen, überaus schwer. Sie machen den Begriff im allgemeinen an jener kolonialistischen Periode fest, die mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging. Auch die Partei "Die Linke" kümmert sich nicht wirklich um Klärung des Begriffs und um seine Bedeutung für die Erklärung des heutigen Welt; Herr Gysi hat sich die Diskussion darüber direkt verbeten (im Zusammenhang mit der laufenden Debatte um Israels Politik).

Einige einführende Bemerkungen:
Erdöl (Petroleum) ist seit tausenden Jahren bekannt, schon damals stellenweise, zum Beispiel im Irak/Zweistromland, ohne Zutun der Menschen aus der Erde sickernd. Vor 150 Jahren begann das systematische Erbohren und Fördern von Öl. Die kapitalistische Großindustrie schuf sich selbst in Form der Erdölindustrie einen Zweig, der ihren Bedarf an Treibstoff, industriellem Rohstoff und Schmierstoff an jedem Punkt der Welt zu befriedigen in der Lage ist. Die weltweite Ausbreitung der Erdölindustrie geschah in sehr wenigen Jahrzehnten, im wesentlichen bis zum Ersten Weltkrieg (Bohrtechnik, Raffinerietechnik, Pipelines, Tanker, Terminals, Tankstellennetz), korrespondierend mit der Ausbreitung des Automobils, des mit Öl betriebenen Verkehrs per Schiene, zur See und zur Luft. Im Ersten Weltkrieg ereigneten sich solche vielbestaunten "Wunder" wie die französische Taxi-"Armada" 1914, die Befeuerung der modernen Teile der britischen Flotte mit Öl statt mit Kohle, das Auftauchen riesiger Kampfpanzer ("Tanks") 1917 und vor allem der - wenn auch noch wenig effektiven - Luftwaffe. Insofern war der Erste Weltkrieg ein Wendepunkt in der modernen Waffentechnik und der modernen Kriegführung überhaupt. Lehrjahre waren die Kriegsjahre insbesondere für den deutschen Imperialismus. Als gelehrig zeigten sich hierin damals und später Militärs und Politiker wie Erich Ludendorff und Adolf Hitler.

Die Entwicklung zu modernen Größenverhältnissen zeigen einige ausgewählte Zahlen:

Weltförderung an Erdöl (Tonnen):
1900 20 Mill. (Russland = 10; USA = 8,5)
1914 54 Mill. (9/35)
1930 200 "
1950 470 "
1960 1000 "
2000 ca. 3500 "
heute ca. 4000 "

1) Das mesopotamische Öl und der Erste Weltkrieg

Das Osmanische Reich, einst von Westafrika bis zur Grenze Indiens, von Ostafrika zum Golf und bis zum Schwarzen Meer und zum Kaspimeer reichend, war seit dem 17./18. Jahrhundert, besonders aber seit Mitte des 19. Jh. von den westeuropäischen Mächten und Rußland auf die Türkei, auf Arabien und einen Rest SO-Europas zurückgestutzt.

Ambitionen des wilhelminischen Deutschland trafen sich mit den Anstrengungen des Sultans Abdul Hamid II., der als grausam und verschlagen bekannt war, zur Rettung seines Restreichs. "Freundschafts"besuche Kaiser Wilhelms II. 1889 und offiziell 1898 (gemeinsam mit dem Chef der Deutschen Bank, Georg v. Siemens) eröffneten Wirtschaftsverhandlungen und insbesondere Konzessionsverhandlungen über das Projekt der Bagdadbahn von Konstantinopel nach Bagdad, Basra und zum Persischen Golf. Die endgültige Konzession des Sultans an die Deutsche Bank wurde 1903 erteilt.

Die Bagdadbahn als Ganzes war damals das größte Projekt dieser Art in Europa und in Vorderasien. Die gewaltigen Schwierigkeiten für die Deutsche Bank bestanden außer den finanziellen und technischen Anforderungen in dem wirtschaftsstrategischen, politischen und nationalistischen Druck Großbritanniens auf das deutsche Projekt, das die Herrschaft Englands über den Persischen Golf und über den Zugang nach Indien gefährdet erscheinen ließ.

Am 17. Juni 1904 erhielt die Bagdadbahngesellschaft vom Sultan eine Vorkonzession für die Öllagerstätten in Mesopotamien/Irak.- eine Vorkonzession für 40 Jahre Ausbeutung "unter Mitarbeit und Kontrolle der Zivilliste", d. h. der Privatschatulle des Sultans.

Ein Ölimperium im Nahen Osten aufzubauen, wie es nach dem Weltkrieg jahrzehntelang die Briten und in ihrer Nachfolge auch die Amerikaner taten, lag damals, 1904/05, ganz außerhalb des Vermögens, auch des Vorstellungsvermögens, der Herren der Deutschen Bank - anders als in Großbritannien (seit dem Ölerfolg in Süd-Persien 1908).

Die Erschließung der mesopotamischen Ölvorkommen wäre für die Deutsche Bank - und überhaupt für den deutschen Kapitalmarkt (Industrialisierung; Flottenaufrüstung) - ein zweites Riesenunternehmen neben der Bagdadbahn gewesen, die ja überhaupt erst bis in die anatolische Hochebene (Konya; Angora) hinein gelangt war (fertig 1940!!). Wohl wuchs der Appetit gewaltig, noch angetrieben von der nationalistischen Hochstimmung in Deutschland, aber es fehlten alle Mittel, ihn zu befriedigen. Und zwar nicht zuletzt die unternehmerischen Erfahrungen für ein solches Unternehmen, wie sie die amerikanischen und britischen Konzerne, übrigens auch die russischen Unternehmer hatten.
Kurz gesagt: Es gab eine völlig unzulängliche, von der Deutschen Bank bestellte und bezahlte Untersuchung im Zweistromland, deren Ergebnisse reichlich negativ waren. Keine einzige Versuchsbohrung fand statt. Die vom Sultan geforderten Berichte waren entsprechend, als sie mit einem Jahr Verspätung abgeliefert wurden. Die Türken entzogen der DB daraufhin die Konzession und erklärten sie für verfallen (Januar 1907).
Es vergingen vier, fünf frustrierende Jahre, ehe die DB sich dann als Juniorpartner in ein Abkommen mit britischen Kapitalgruppen einbinden ließ, um überhaupt ihren Fuß in der mesopotamischen Tür zu behalten.
Die Suche der Deutschen Bank nach einem Arrangement mit dem britischen Kapital bei den türkischen Projekten, d. h. auch bei der Bagdadbahn, traf sich mit einer Geneigtheit der deutschen Politik seit 1909, unter dem neuen Reichskanzler Theobald v. Bethmann Hollweg zu einer partiellen Verständigung mit Großbritannien zu kommen, einer Politik, die sich letzten Endes auf eine Neutralisierung Großbritanniens in künftigen militärischen Auseinandersetzungen, insbesondere gegen die französisch-russische Militärallianz richtete.

In die 1911 gegründete Turkish Petroleum Company brachte die Deutsche Bank auf Einladung der britischen Finanzgruppe (National Petroleum Company) alle mesopotamischen Erfahrungen, Verbindungen und die Unterlagen über ihre Vorarbeiten ein (1912) und erhielt dafür eine 25-prozentige Beteiligung an dieser eindeutig britisch-staatlich dominierten Gesellschaft, einen Stellvertretersitz im Vorstand und gewisse Versprechungen für die Zukunft, wenn erst Öl gefördert werden würde.

Die Deutsche Bank rühmte sich - vor allem angesichts der deutschen Öffentlichkeit - eines "Erfolgs", schon weil die Finanzierung der Investitionen "von 100 Millionen Mark und weit darüber erfordern" werde, deren Aufbringung "in Deutschland kaum denkbar ist". Tatsächlich war die britische Seite jetzt in allen Belangen die stärkere, schließlich auch in bezug auf den Fertigbau der Bagdadbahn. Wilhelm II. schimpfte über die britischen "Diktate". Das Foreign Office zählte intern ganz nüchtern die eigenen, britischen Vorteile auf: Die entschieden vergrößerte Freizügigkeit im Eisenbahnbau in Kleinasien und besonders im Zweistromdelta; die Teilhabe am Hafenbau in Bagdad und in Basra und an der Endstrecke bis zum Persischen Golf; die Großplanung der Bewässerung in britischer Regie; das hohe Übergewicht im Geschäft mit der Flussschifffahrt; der britische Hauptanteil "an der Entwicklung der ausgedehnten Ölfelder von Bagdad" (!) und mannigfache finanzielle und Handelsvorteile. "Zwei Mächte schnitten Riemen aus der Haut einer dritten". (George W.F. Hallgarten)

Mitte Juni 1914 war das umfangreiche Vertragswerk, der sogenannte "Bagdadfrieden", unter Dach und Fach. Vier Wochen später, am 1. August, brach der Krieg aus, und alle Verträge waren für immer hinfällig.

Im Krieg gewannen die Ölvorkommen in den Kriegszielplanungen beider Seiten eine ungeahnte, erstrangige Bedeutung. Der Kampf um die rumänischen Ölfelder 1916-1918 ist bekannt. Weniger bekannt ist die schwierige Situation der deutschen Truppen, als sie 1918 am Kuban und am Kaukasus (Georgien) standen.
General Erich Ludendorff erklärte im Sommer in Spa dem Kaiser und seiner Entourage, die kaukasischen Ölquellen seien für die weitere Kriegführung unentbehrlich. Noch für den Herbst 1918 war eine deutsche Offensive auf Baku geplant - wo allerdings die verbündeten Türken früher eintrafen und dort die Armenier massakrierten und alle Bolschewiki mordeten, deren sie habhaft wurden.

Die Deutsche Bank bereitete sich darauf vor, die Briten nach dem Krieg aus der TPC zu verjagen und die mesopotamischen Vorkommen "rein deutsch" allein zu beherrschen und auszubeuten, die Bagdadbahn gänzlich in eigener Regie zu bauen. Nach dem deutsch-türkischen Sieg würden, so träumte man, der ganze Nahe Osten, die Golfregion und die Wege nach Ägypten und nach Indien unter beherrschenden deutschen Einfluß geraten.

In der jüngst erschienenen neuen Studie in "Von Krieg zu Krieg" untersuche ich das Versailler System und die Neuordnung der Welt des Öls und den USA-Einstieg im Nahen Osten.

2) Hitler, Wehrmacht und Großindustrie. Deutsche Erdölplanungen am Vorabend des Zweiten Weltkrieges

Der brutale Coup von Prag zwang allerdings die Regierungen in Großbritannien und Frankreich, die den "Führer" wenige Monate zuvor in München gerade die Tschechoslowakei hatten zerreißen lassen und ihm die tschechischen Grenzgebiete zum Raub vorgeworfen hatten, zu wortreichen Protesten und wenig überzeugenden "Garantien" für die Existenz Polens (31. März). Präsident Roosevelt schickte am 14. April öffentlich eine warnende Botschaft an die deutschen Machthaber, sich für die nächsten 25 Jahre aller Aggressionen gegen andere Länder zu enthalten.

Höhnisch wies Hitler in seinen Drohreden vom 1. und 28. April solche Warnungen ab und unterschrieb bereits am 11. April die eilig vorbereitete militärische Weisung für den Überfall auf Polen ("Fall Weiß").

Die enorme Verschärfung der politischen Atmosphäre durch Nazideutschland beunruhigte die Welt aufs Äußerste. Zeichen des wachsenden deutschen Größenwahns gab es reichlich, nicht zuletzt die martialische Show, die in Berlin an Hitlers 50. Geburtstag am 20. April aufgezogen wurde. Aber niemand außer den Kreisen der Eingeweihten wußte, wie weit wirklich der Kriegsblock der Spitzen der deutschen Führung - Politik, Militär, Wirtschaft - schon zusammengewachsen war. Zum Kern der kriegstreibenden Kräfte gehörte der industriell-militärische Komplex. Und hier entstanden in diesen Vorkriegsmonaten umfangreiche, geheime Denkschriften, von denen die wichtigsten bis heute erstaunlich wenig bekannt sind.

Von höchstem Interesse sind zwei Manuskripte, die im Frühjahr und Sommer 1939 in Zusammenarbeit von Militärführung und Großwirtschaft entstanden, gerade also in der Zeit, in der sich die Wehrmacht auf "Fall Weiß" und damit auf das unmittelbar bevorstehende Risiko eines Krieges vorbereitete. Im April lag im OKW/Wehrwirtschaftsstab die (mit Anlagen) etwa 50 Manuskriptseiten starke Ausarbeitung über "Die Mineralölversorgung Deutschlands im Kriege" vor, die sich mit einem entscheidenden kriegsnotwendigen Rohstoff beschäftigte, dessen Beschaffung in einem längeren Krieg ein alarmierendes Versorgungsproblem darstellen musste.

Das Datum des Juli/August 1939 trug dann die 70 Seiten starke Schrift "Möglichkeiten einer Großraumwehrwirtschaft unter deutscher Führung", erarbeitet in der Reichsstelle für Wirtschaftsausbau (seit 5. 12. 39 = Reichsamt für Wirtschaftsausbau). Hierin war eine programmatische Erörterung der kriegswirtschaftlichen Grundfragen vorgenommen worden - nachweisbar in enger Fühlungnahme mit dem Wehrwirtschaftsstab.

Diese Elaborate, sind, wie wir sehen werden, so interessant und in vieler Beziehung einzigartig, weil in ihnen von maßgeblichen und bestinformierten Kreisen des Regimes nicht nur der strategische Charakter und der Umfang des kommenden Krieges als Großkrieg, ja als über Europa hinausreichend durchaus vorhergesehen war; viel mehr noch, weil hier die Voraussetzungen und materiellen Erfordernisse eines solchen Krieges in nüchterner, aber höchst eindringlicher und bestimmter Weise vorgetragen wurden. Dies trifft ganz besonders auf die Denkschrift der Reichsstelle für Wirtschaftsausbau zu. Sie war spätestens seit dem Datum des großen Vortrags ihres maßgeblichen Leiters, des IG-Farben-Vorstandsmitglieds Carl Krauch vor dem "Generalrat des Vierjahresplans" (20./21. April 1939) im Entstehen begriffen, und Krauch kündigte sie selber am 16. Mai der rechten Hand Görings, Staatssekretär Paul Körner, als eine "Untersuchung der Rohstoffabhängigkeit und Lösungsmöglichkeiten im Großwirtschaftsraum" an.

Wie Krauch in dem erwähnten Vortrag von 1939 in Vorwegnahme von Thomas' April-Denkschrift von April 1939 konstatierte, "ist unser Wirtschaftsraum in Großdeutschland zu klein für eine volle Befriedigung der wehrwirtschaftlichen Mineralölansprüche". Er verwies recht optimistisch auf die Wirtschaftsverhandlungen der letzten Monate und den deutsch-rumänischen Staatsvertrag vom 23. März 1939: Der "neue, so erfolgreich eingeschlagene Weg nach Südosteuropa zeigt uns die einzige und hoffnungsfreudige Möglichkeit, durch Einbeziehung eines wehrmachtsmäßig zu sichernden Raumes die Mineralölwirtschaft auf lange Jahre hinaus völlig zu sichern."
Die April-Denkschrift des Wehrwirtschaftsstabes enthielt als Anlage bereits eine grobe Skizze einer von Krauch kurz vordem erwähnten Ölpipeline von Rumänien nach Regensburg, sogar fortgeführt bis nach Minden/Hannover. Hier war der Ton entschlossen-militärisch; im Blickfeld war expressis verbis die Planung eines bevorstehenden Angriffskrieges. Die Planer sahen "die Dauer eines längeren Krieges" vor, obwohl sie auch die Möglichkeit eines "Blitzkrieges" für denkbar hielten. Sie setzten aber, einigermaßen realistisch, von vornherein "die Feindschaft der Weststaaten und Sowjetrußlands und feindlich eingestellte Neutralität Belgiens, Hollands, Dänemarks, Norwegens und Polens" voraus. "Die Haltung Rumäniens soll als indifferent gelten." (s.a. IMG, Bd. EC-028, S. 112-132, Thomas vor AA, 24. 5. 1939)

Bei einer Eigenerzeugung (1938) von 2,6 Millionen Tonnen Mineralöl, hauptsächlich an Synthesetreibstoff, fehlten an dem mit 8,1 Millionen Tonnen - lächerlich niedrig - angesetzten "Mob-Bedarf" fast 70 Prozent, die bisher durch im Krieg nicht zu sichernden Import (zu 98 Prozent aus Übersee) zu decken waren. Jene 98 Prozent würden mit "Unabänderlichkeit" ausfallen. "Vordringlichstes Kriegsziel muß deshalb unabdingbar die Beherrschung der Deutschland nächstgelegenen und feindlichen Einwirkungen tunlichst entrückten Erdölgebiete sein." Die Lösung des Problems liege in Rumänien. Rumänien mit seinen zu nahezu 90 Prozent noch unerschlossenen Ölrevieren sei "schlechthin die einzige Möglichkeit einer Lösung"; so ergebe sich "als notwendige Erkenntnis: Die Beherrschung der rumänischen Ölfelder und somit des gesamten Donauraums als Vorbedingung für eine ausreichende Mineralölversorgung Deutschlands in einem Krieg von längerer Dauer."

Wirtschaftliche und außenpolitische Mittel würden, wie im Ersten Weltkrieg, nicht ausreichen. Der Wirtschaftsvertrag vom 23. März 1939 "sieht keinerlei Verpflichtungen Rumäniens gegen Deutschland in einem Kriegsfalle vor." Er sei auch bisher nicht ratifiziert worden. Die bisherigen Wirtschaftsverhandlungen hätten also "ein deutsches Erdölmonopol in Rumänien nicht erbracht". Voraussetzungen für ein verpflichtendes deutsch-rumänisches Bündnis seien "ohne Aussicht auf Erfolg". Im Gegenteil, die Rumänen sollen sich, hieß es, "bereits an England und Frankreich gewendet habe(n), um mit diesen Staaten gleichartige Verträge abzuschließen." Wie im Ersten Weltkrieg werde "deshalb auch weiterhin das militärische Mittel das einzige sein, das die Beherrschung der rumänischen Erdölgebiete im Kriegsfall gewährleistet". Es bilde daher den "dominierenden Faktor der deutschen Erdölpolitik". Der Gefahr einer womöglich noch gründlicheren Zerstörung der Anlagen als 1916 müsse dabei vorgebeugt werden. Sonst "brächen die angestellten Berechnungen in sich zusammen, und Rumänien würde für längere Zeit als Erdöllieferant ausfallen". "Erwägungen" der Militärs richteten sich "auch auf den erweiterten Ostraum, das Gebiet des Kaukasus und des Orients": "Das militärische Mittel ist auch das einzige, das die von der deutschen Wirtschafts- und Außenpolitik bisher unberührten ehemaligen ostgalizischen Erdölreviere des heutigen Polens gegebenenfalls heranzuziehen vermöchte. Schließlich ist es auch das einzige Mittel, das größte und lohnendste Ziel ins Auge zu fassen: Die Beherrschung des gewaltigsten Erdölgebietes Europas, Kaukasien."

Bekannter als dieser noch nirgends veröffentlichte Öl-Kriegsplan des Wehrwirtschaftsstabes, aber ebenso bei weitem nicht in ihrer zentralen Bedeutung erfasst, ist die sensationelle Ausarbeitung der Reichsstelle für Wirtschaftsausbau, die mehr oder weniger mit der Dienststelle des Generalbevollmächtigten für Sonderfragen der chemischen Erzeugung (GB Chemie) verschmolzen war - beide unter dem Kommando von Krauch und seinem Stab. Wenn man bedenkt, dass diese Schrift in Kenntnis und mit Billigung, sicher sogar im Auftrag von Göring, also der dem "Führer" verantwortlichen Spitze der Vierjahresplan-Organisation entstand, so muß sie mit Fug und Recht als die maßgebliche, wichtigste wirtschaftspolitische Stellungnahme zur Kriegsvorbereitung und zur Kriegszielplanung gelten.

Ihr grundsätzlicher, einleitender Teil beschäftigte sich mit der "wehrwirtschaftlichen Lage eines unter deutscher Führung stehenden Großwirtschaftsraums ... in einem in den nächsten Jahren eintretenden Kriegsfall". Im 60-seitigen Anlagenteil wurden die Aussichten zur Beschaffung von 30 Produkten untersucht, von Steinkohle bis Cyanit, sämtlich "industrielle Rohstoffe, soweit sie von entscheidender wehrwirtschaftlicher Bedeutung sind". Als "kriegsentscheidend" wurde in diesem Teil die deutsche Steinkohlenförderung, ferner die "Schlüsselstellung" der Eisen- und Stahlversorgung hervorgehoben.

Es ist nicht leicht abzuwägen, ob in diesem damals hochgeheimen Dokument der Größenwahn der revanche- und expansionswütigen Kräfte des deutschen Imperialismus oder ihre Unsicherheit wegen des ungeheuren Risikos stärker wogen, das sie einzugehen entschlossen waren. Die Verfasser ließen keinen Zweifel an der Schwierigkeit der Aufgabe, "Blockadesicherheit" für den zu erwartenden größeren Krieg von langer Dauer zu schaffen. Aber sie bereiteten sich erfolgssicher darauf vor, zu diesem Zweck einen umfänglichen europäischen und sogar außereuropäischen Raum "unter deutsche Führung" und politische, militärische und organisatorische Abhängigkeit zu bringen. Dieser Bereich höchstmöglicher wirtschaftlicher Ausbeutung sollte umfassen: Slowakei, Italien, Spanien, Ungarn, Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien, ferner Schweden, Norwegen, Finnland, die baltischen Staaten und möglicherweise auch Polen, Ukraine, Türkei, Griechenland, Portugal und Französisch-Westafrika. Diese Länder wären von einer "Zentralstelle" aus - unter maßgeblicher Beteiligung deutscher und verbündeter Industrieller - "soweit irgend möglich" friedlich zu durchdringen und planmäßig in "produktionstechnische" und "lieferungsmäßige" Abhängigkeit zu bringen.

Die seitenlangen Berechnungen zur Deckung der "Fehlbeträge" des "Mob-Fall"-Bedarfs (angenommen 1942) hatten in den meisten Positionen den seriösen Anstrich volkswirtschaftlicher Untersuchungen; sie trugen aber schon deswegen einen hoffnungslos illusionären Charakter, weil Reaktionen und Widerstand der zahlreichen betroffenen Länder und Völker, ganz zu schweigen von den mutmaßlichen Kriegsgegnern, vollständig unberücksichtigt blieben.

Ein frappierendes Beispiel boten die Berechnungen bei Mineralöl. Für den Großraum müssten im "Mob-Fall" 23,85 Millionen Tonnen zur Verfügung stehen - eine vergleichsweise großzügige Schätzung, besonders begründet mit den "steigenden Forderungen der deutschen und den hohen Anforderungen der italienischen Kriegsmarine". Die deutsche Erzeugung - auf synthetischer Basis - würde, wie planmäßig "eingeleitet", auf das Zweieinhalbfache gesteigert werden müssen. Vor allem aber müsse Rumänien seine Gesamtförderung auf das Doppelte (!) bringen, sein gesamter Ölexport müsse mittels einzurichtender Pipeline-, Schiffs- und Eisenbahntransporte ausschließlich nach Deutschland fließen. Trotzdem müssten "zur Überbrückung von einem Mobjahr" acht Millionen Tonnen Treibstoff rechtzeitig eingelagert werden, was allein 385 Millionen RM erfordere - von rund 900 Millionen für alle zu bevorratenden Rohstoffe im ersten Jahr. Unter solchen Rohstoffen waren in erster Linie außer Öl Eisenerz, Rohphosphat und Kupfer genannt. Andere im "Großraum" ohne Bevorratung nicht lösbare Probleme waren zahlreich: Chrom, Wolfram, Molybdän, Titan, Nickel, Kobalt, Zinn, Antimon, Wismut, Bor, Asbest, Cyanit, Glimmer, Jod, Phosphate.

In seinem April-Bericht 1939 vor dem Generalrat des Vierjahresplans hatte Krauch noch kühn den Iran, also einen in britischer Abhängigkeit stehenden führenden Ölförderstaat, erwähnt, der unter deutschen Einfluß gebracht werden müsse. Statt dessen wurde in der August-Denkschrift außer dem "unentbehrlichen" Anschluß des "Nordraums" (Eisenerz; Nickel, Molybdän) der Zugriff auf die sowjetischen Rohstoffe gefordert: "Restlose Sicherung (des "Gesamtbedarfs" - D. E.) ist nur mit den Rohstoffen Russlands (uns freundschaftlich) möglich." Mit diesem "friedlichen" Ziel kontrastierten deutlich Passagen über eine möglicherweise unvermeidliche "militärische Auseinandersetzung mit Russland bzw. Polen", wo Öl in Galizien zu holen sei. In einem solchen Fall, besonders bei Ausfall des "Nordraums", empfehle sich "eine dem Maß des Lieferausfalls entsprechende Verlagerung des Schwerpunkts der Kriegführung auf den chemischen Krieg, besonders aus der Luft". Gerade auch für Italien dränge sich "die chemische Kriegführung als das billigste und unbegrenzt zur Verfügung stehende Kriegsmittel" auf.

"Freundschaft" oder Giftgas - beide Optionen sind in der August-Schrift ausgesprochen. Wirtschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion und dementsprechende Verhandlungen spielten im Sommer 1939 eine zunehmende und von der politischen Führung geförderte Rolle. Das Zustandekommen eines Nichtangriffspaktes lag zwar zuerst außerhalb der Vorstellungen beider Seiten; aber es gab noch bis 1940/41 eine nicht unbedeutende Gruppe deutscher politischer und militärischer, besonders auch diplomatischer Kreise, die bei der anstehenden Auseinandersetzung mit den Westmächten mit wirtschaftlichem Rückhalt und politisch-militärisch immerhin mit einem Stillhalten der Sowjetunion rechneten.

Hitler hat fraglos vom Inhalt, von den Forderungen und Problemen der untersuchten Denkschriften erfahren. Er hat dennoch "Fall Weiß" strikt verfolgt und im August/September 1939 den Krieg ausgelöst, obwohl er diesmal mit einer sofortigen militärischen Reaktion Großbritanniens und Frankreichs rechnen musste und auch gerechnet hat. Ein britischer Historiker,Adam Tooze, hat sich neuerdings, frei von den bisher üblichen Klischees - Hitlers manischer Kriegswille, seine Hybris, seine Angst vor dem Alter etc. - mit der Frage beschäftigt, warum für Hitler der "Mob.-Fall" um das Jahr 1942 herum inakzeptabel war.

Es handelt sich um zwei vom Standpunkt der Kriegstreiber sehr reale, miteinander korrespondierende Gründe, die Hitler den Zeitpunkt des "Losschlagens" vorverlegen ließen. Die voraussichtlichen Gegner, besonders Großbritannien, hatten seit einiger Zeit begonnen, die deutsche Hochrüstung mit forcierten eigenen Rüstungen zu beantworten. Für die Eingeweihten war es kein Geheimnis, dass die deutsche Wirtschaft angesichts der wirtschaftspolitischen, besonders auch der finanzpolitischen Lage (Devisen; Rohstoffe) einem solchen Wettrüsten, an dem sich früher oder später auch die USA auf der Gegenseite beteiligen würden, nicht mehr gewachsen wäre. Noch aber standen das deutsche Heer und die Luftwaffe als die stärksten in Europa da. Dieses Dilemma war, wie Hitler mehrfach betonte, sowieso nur mit "Bluteinsatz" aufzulösen. Er erklärte es Monate später (8. März 1940) Mussolini noch einmal: Er hätte es wegen der in Gang befindlichen britischen Rüstungen für richtiger gehalten, "den vom Westen beabsichtigten Krieg zwei oder drei Jahre früher auszulösen", um nicht in West und Ost ins Hintertreffen zu geraten. (ADAP, VIII, dok. 663, S. 687)

Das Problem war übrigens für jeden, der aufmerksam las, aus den zitierten Plänen gut erkennbar. So oder so: Den Krieg zu beginnen, war ein ungeheures Risiko, war ein Va-banque-Spiel der faschistischen Koalition, die, wie schon in Krauchs April-Bericht (1939) deutlich genug formuliert, "den Anstrengungen fast der ganzen übrigen Welt" gewachsen sein müsse.

Der erste "Sieg", den Hitler im Sommer 1939 einfuhr, war der Nichtangriffsvertrag mit der UdSSR, deren Verhalten sich aus der antisowjetischen Haltung Polens und der feindseligen Indolenz der Westmächte ihr gegenüber ergab.

Was auch immer das Schicksal der behandelten Denkschriften war, es sah letztlich doch ganz so aus, als ob der deutsche Kriegsplan daraus wichtige Anleihen entnahm und grundlegende Gedanken sich während der Kriegsläufte wiederfanden. Vor allem spielte das rumänische Öl in der deutschen Strategie eine bestimmende Rolle, und Hitler berief sich immer wieder in militärischen Entscheidungen im Osten, im Südosten und in Nordafrika, später auch in Italien, auf die Ausbeutung und den Schutz der rumänischen Ölfelder als kriegsentscheidend. Die bedeutende Rolle, die das deutsch-rumänische Verhältnis von 1938/39 an spielte, ist geschichtsnotorisch.

1941/42, nach den Eroberungen in Nord- und Westeuropa, folgte Hitler im Krieg gegen die UdSSR zwar exzessiv seinem ideologischen Grundanliegen - Rassenfanatismus und "Volkstumskampf" - , aber ebenso, im gleichen Gleise fahrend, mit großer Genauigkeit dem wirtschaftlichen "Großraum"-Fahrplan, jenen Zielen nämlich, die allein ihm den schließlichen Sieg zu verbürgen schienen: die Reichtümer der Ukraine und das Öl des Kaukasus.

3) Erdölimperium Kaukasus - Nahost. Die "Kaukasus-Zange"


Rückgriff:
(Hitler in einem unveröffentlichten Interview (Juni 1931, mit Richard Breiting):
"Wir müssen den Osten rücksichtslos kolonisieren! Denken Sie an die Geschäfte der Royal Dutch Shell, der Anglo Iranian Oil Company, Catanga-Union, und ziehen Sie unsere geographischen Möglichkeiten im Osten in Betracht. Auch der Vordere Orient ist nicht weit. ...Warum sollen die Rohstoffquellen nicht gerecht verteilt werden?"

Früh hatte es General Erich Ludendorff seinem Ziehsohn Hitler als Lehre aus dem Ersten Weltkrieg eingeprägt, dass der nächste Krieg um Deutschlands "Weltmacht"stellung ohne die sichere Zufuhr von Treibstoff für Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine nicht zu gewinnen wäre. Es war jener Ludendorff, der wegen des Öls noch im Herbst 1918 von Südrussland aus hatte nach Baku marschieren wollen. Hitler vergaß das als Kriegskanzler keineswegs.

Bis zum Überfall auf die UdSSR konnte sich die Wehrmacht durchaus auch in bezug auf Öl bzw. Treibstoff nicht unbedeutender Erfolge erfreuen. Ich skizziere sie, weil dieser Punkt in Literatur und Medien wenig Beachtung findet und damals wohl auch der selbstmörderischen Entschlußbildung für "Barbarossa" Vorschub leistete.

1938/39 richteten sich politische und wirtschaftliche Aktivitäten bereits sehr konzentriert und erfolgreich auf die Sicherung von Öl und Treibstoff für den Krieg (s. vorigen Abschnitt). Die Federführung in dieser Frage lag nach wie vor bei Göring, unter dem in Gestalt von Krauch (Reichsamt für Wirtschaftsausbau), von Keppler/Bentz (Reichsamt für Bodenforschung), von Thomas (Oberkommando der Wehrmacht) und der Luftwaffenführung das Expertenwissen gewissermaßen in einer Hand vereinigt war. Abgesehen von dem forcierten Aufbau weiterer Hydrierwerke wurde in dieser Zeit außer der Okkupation Österreichs mit seinen rasch entwickelten Ölvorkommen die immer festere Einbindung Rumäniens in die deutsche Kriegswirtschaft (23. 3. 39; Januar 1940 (Neubacher); 27. 5. 1940 = Öl-Waffen-Pakt) erreicht. Schließlich weckte der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt mit den sich entwickelnden Handelsbeziehungen deutsche Hoffnungen auf Großlieferungen sowjetischen Öls.

1939/40 fiel eine bedeutende Kriegsbeute an sowohl an Ölvorkommen als auch an Ölvorräten. Die polnische Niederlage ließ das westgalizische Öl in deutsche Hände fallen, während die größeren ostgalizischen Vorkommen trotz Görings und Ribbentrops Bemühungen bei der UdSSR blieben. In Frankreich wurde das oberelsässische Vorkommen bei Pechelbronn (Oberrheingraben) noch während der Kämpfe um die Maginotlinie von der DEA in Beschlag genommen. Doch die für den Augenblick wertvollste Beute waren die sehr erheblichen Ölvorräte in den Großlagern von Rotterdam, La Rochelle und anderswo.

1940/41 war das für die deutsche Seite bedeutendste Ereignis auf dem Ölgebiet die "feindliche Übernahme" der rumänischen Erdölfelder aus britischer und französischer, niederländischer, später auch aus amerikanischer Hand. Damit sahen die deutschen Großkonzerne eines ihrer wichtigsten Kriegsziele in Europa bereits als verwirklicht an.

Weitere für die deutsche Öllage und Ölpolitik unmittelbar relevante Entscheidungen und Ereignisse des Jahres 1940/41, über die erstaunlich wenig bekannt ist, können hier nur knapp referiert werden (s. auch Buch "Krieg um Öl")
Hitler und die Heeresleitung (Halder) orientierten sich seit Juli 1940, wenn auch anfangs nicht unumstößlich (s. "Seelöwe"; Molotow-Besuch) auf einen Kriegsplan gegen die UdSSR. Ein nicht geringzuschätzender Teil der deutschen Eliten (besonders aus Diplomatie, Marineführung; sog. "Asienkämpfer") setzte aber auf das Stillhalten der Sowjetunion, auf ihre Lieferwilligkeit und evt. auf ein Zusammengehen mit ihr gegen Großbritannien im Nahen Osten, das sichere Ölbeute für den weiteren Verlauf des Krieges zu versprechen schien. Reichsfinanzminister Schwerin v. Krosigk drang noch am 19. 4. 1941 in Göring: Er äußerte schwere Bedenken gegen einen Krieg gegen die UdSSR; warum stoße man nach den "wunderbaren Erfolgen" der Wehrmacht nicht mit allen verfügbaren Kräften dort nach, "wo England noch hält, aber im Augenblick am schwersten zu treffen ist, am Suezkanal, der uns die beherrschende Stellung für Afrika und Vorderasien geben würde"? Das könne rasch zum glücklichen Kriegsende führen, ehe die USA noch eingreifen würden ...
Ferner: Görings führende Ölexperten, Ernst R. Fischer (IG Farben) und Alfred Bentz (Reichsstelle für Bodenforschung), rechneten im Sommer/Herbst 1940 mit 40 Mill. Jahrestonnen Erdölbedarf für ein nach dem Sieg faschistisch beherrschtes Europa. Dafür müsse die gesamte Ölförderung im Nahen Osten in deutscher Hand sein. Die Hauptsache sei, so Fischer, "die beiden großen englischen Gruppen (=Royal Dutch-Shell und AIOC) in unsere Hand zu bekommen", die auch über das Öl Rumäniens und Ägyptens verfügten. Mit einem Feldzug zum Kaukasus rechneten die beiden Experten damals noch nicht Ein von Göring geförderter dilettantischer Raid in den Irak (10.-30. Mai 1941) - mit 21 Flugzeugen, einer Gruppe Diplomaten und Abwehragenten - scheiterte vollständig schon nach 14 Tagen unter dem Abwehrfeuer der weit überlegenen britischen Luftwaffe.

Der Krieg gegen die UdSSR sollte in 17 Wochen, d.h. spätestens Ende Oktober, siegreich beendet sein. Für den folgenden Spätherbst und Winter sah die Weisung 32 (11. 6. 1941) einen "konzentrischen Angriff" vor auf die britischen Position "im Mittelmeer und in Vorderasien": a) von Libyen durch Ägypten, b) von Bulgarien durch die Türkei "und c) unter Umständen auch aus Transkaukasien heraus". (Der veränderte Entwurf vom 30. 6. gab sich etwas bescheidener in diesem Punkt ...) Türkei und Iran sollten jedenfalls nach Möglichkeit "für den Kampf gegen England nutzbar" gemacht werden.

Nach dem 22. Juni 1941 zeigten sich schnell Folgen des deutschen Größenwahns. Noch vor der Niederlage bei Moskau steigerten sich die Nöte der deutschen Treibstofflage, besonders auch bei Rostow am Don. Am 21. November drangen deutsche Panzerspitzen in die Stadt ein, die als Einfallstor zum Kaukasus galt. Eine Woche später war die Wehrmacht wieder aus der Stadt getrieben - wobei die Panzermänner, Hörensagen zufolge, in den Treppenhäusern der Stadt von den "russischen Arbeitern" mit Bratpfannen erschlagen worden sein sollen. (Brecht, Arbeitsjournal, Eintr. v. 3. 12. 1941) Diesen Rückzug hielt Hitler für die bis dahin größte Pleite des Jahres 1941.

Trotzdem machte die Wehrmacht schon in diesem Jahr Ölbeute. Hierzu zählten in erster Linie das Ölrevier in Ostgalizien (Lemberger Distrikt) und in zweiter Linie das bekannte, bedeutende Ölschiefervorkommen in Estland (westlich von Narwa). Doch das Wichtigste, der Kaukasus, war noch weit. Die neue Offensive "Blau" in dieser Richtung begann erst am 28. Juni 1942, später noch als der Überfall 1941. Die führenden Experten der Großwirtschaft und die Konti Öl hielten es für selbstverständlich, dass im Jahr 1942 die kritisierte "Verspätung" aufgeholt, der Kaukasus und der Nahe Osten erreicht werden würden. Schon im Januar 1942 war auf Veranlassung Görings ein interner Streit zwischen Krauch und Bentz, seinen höchstgestellten Ölexperten, darüber ausgebrochen, ob die Eroberung des Öls im Kaukasus (800 km; 1000 km bis Baku) oder des Öls im Vorderen Orient (vor allem im Irak, ferner im Iran und in Bahrein) wertvoller und dringlicher sei.

Die letzte große Offensive der Wehrmacht im Osten dauerte bis Januar 1943, bis zum Desaster von Stalingrad und am Kaukasus. Die früher einsetzende Offensive des Deutsch-italienischen Afrika-Korps unter Erwin Rommel in Nordafrika erreichte schon am 30. Juni 1942 El Alamein, die letzte starke britische Verteidigungsstellung 250 km vor Kairo, und kam dort endgültig zum Stehen, wegen des britischen Widerstands, desgleichen aber mangels Nachschubs, vor allem an Treibstoff. Im Oktober 1942 begann der unaufhaltsame Rückzug des Deutsch-italienischen Afrika-Korps über 2500 Kilometer bis Tunesien.

Bis zum Herbst 1942 nur blühten also die deutschen Träume von der "Kaukasus-Zange", von jener stählernen Zange, die sich am Golf und bei Mossul und Kirkuk um die Ölvorkommen des Nahen Ostens schließen sollte.

Stalingrad lag schon in Agonie, als der Rückzug vom Kaukasus vorbereitet wurde. Im Westkaukasus (Majkop) holte man insgesamt in drei Monaten aus den völlig zerstört vorgefundenen Feldern insgesamt kaum 1000 Tonnen Öl heraus. Hunderte Bohrtürme waren gesprengt vorgefunden. Vielleicht ein Dutzend Bohrlöcher wurden wieder aufgewältigt, beim Rückzug die Sonden und alles Material wieder zerstört. Der Riesenaufwand für das Kaukasus-Öl 1941-1943 war vertan. Man hatte nicht nur kein Öl gewinnen können, sondern, wie berichtet wird, musste das Benzin für die 1. Panzerarmee zeitweise mit Kamelen vorgeschafft werden.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der die deutsche Führung an ihrer Ölstrategie festhielt, aber auch ihre Konzept- und Hilflosigkeit zeigt sich auffällig darin, dass in der gesamten Zeit von November 1942 bis zum Rückzug im Januar 1943 keine einzige größere Truppeneinheit vom Kaukasus nach Stalingrad zur Unterstützung von Entsatzversuchen abgegeben wurde.

4) Ende mit Schrecken. Die Treibstoffoffensive der Alliierten 1944/45 (Notizen)

I. Die Lage 1943/Frühjahr 1944

Deutsche Rückzüge an der gesamten Ostfront über Hunderte Kilometer, die Kapitulation in Nordafrika (250 000 Mann), der Abfall Italiens, Verlust halb Italiens.

Die Öllage zeigte sich bis April 1944 auch aus diesen Gründen der "Ersparnis" als noch nicht verändert. 1943 mit über 11 Millionen Tonnen Gesamtaufkommen - mehr als in jedem anderen Kriegsjahr. Den größten Anteil hieran (4,8 Millionen Tonnen) lieferten die deutschen Synthesewerke (1938 noch = eine Million Tonnen). Die Heeresleitung erklärte Okt./Nov. 1943: Die Treibstoffversorgung "darf ... für 1944 als gesichert gelten", wenn keine erheblichen Luftschäden einträten und die Lage auf dem Balkan sich nicht zuungunsten Deutschlands verändere.

  • Importe aus Rumänien und Österreich, ferner Galizien, Ungarn, Estland und Albanien (!)
  • "Ersparnisse": Ostfront; Nordafrika/Italien; U-Boot-Krieg bzw. Kriegsmarine insgesamt
  • Bohrgeräte aus Kaukasusbestand nach Rumänien, Galizien, Estland, Ungarn, Österreich.
2. Front:
Seit der Konferenz der Westalliierten in Casablanca, Januar 1943 bahnte sich ein Wendepunkt im alliierten Luftkrieg an:
Schwerpunktangriffe deutsche Wirtschaft.
Ab Anfang 1944 Vorbereitung Invasion. Luftherrschaft zunehmend auch über Deutschland.

II. 11 Monate Treibstoffoffensive - Ende mit Schrecken

5. April 1944 Beginn der US-Bombenangriffe auf die Erdölindustrie in Rumänien (von Süditalien aus). Luftmarschall Erhard Milch in der "Zentralen Planung", 22. April: "Die Hydrierwerke sind das Schlimmste, was uns treffen kann. Damit steht und fällt die Möglichkeit der ganzen Kriegführung. Es stehen ja nicht nur Flugzeuge, sondern auch Panzer und U-Boote still, wenn die Hydrierwerke wirklich getroffen werden sollten."

Briefwechsel Göring - Krauch Anfang Mai, darüber, "wie empfindlichste Teile der Hydrierwerke und Bunawerke noch nachträglich unter zwei Meter Beton gelegt werden können." Krauch antwortet: nur mit unvorstellbarem und volkswirtschaftlich untragbarem Aufwand von Material und Mitteln, Arbeitskräften und Zeit ..."

Nur Tage später, am 12. Mai 1944, begann auf deutschem Boden die amerikanisch-britische Offensive gegen die deutsche Treibstoffindustrie, eine Offensive in erster Linie gegen die Hydrierwerke, die ohne wesentliche Unterbrechungen das letzte Kriegsjahr hindurch andauerte und die deutsche synthetische Produktion bis auf das letzte Werk auslöschen sollte. (19 Hy-werke; neun Fischer-Tropsch-Werke)

Drei Monate später - und das ist wesentlich weniger bekannt und beschrieben - war es die Rote Armee, die in der Wirkung gleichwertige Schläge in Ost- und Südosteuropa Ende Juli bis Mitte September 1944 gegen die in deutscher Hand befindlichen wichtigsten Ölquellen führte:

Ostgalizien (SO Lemberg)27. 7. - 6. 8.
Rumänien29./30. 8.
Estland (Ölschiefer)15./16. 9.

In nicht mehr als sieben Wochen, im Gefolge der sowjetischen Großoffensive "Bagration", gingen den Deutschen damit jene drei Ölvorkommen verloren, mit denen sie bisher die weitreichendsten Zukunftspläne und Zukunftshoffnungen verbunden hatten.

Die Erzeugung der Synthesewerke fiel bis September auf 30 %, darunter die von Flugtreibstoff auf fünf Prozent. Die Vernichtung erfasste auch die Raffinerien. Im März 1945 schließlich stellten die Alliierten fest: "Es gibt keine Ölziele mehr."

Katastrophale Folgen:
  • Luftwaffe (Einsatzmöglichkeiten; Ausbildung)
  • Letzte Offensiven (Ardennen; Baranów)
  • Beweglichkeit der Truppe ("fahrradbewegliche Panzerjagdkommandos" etc.)
  • Heimat (Wirtschaft; zusätzlich Verkehrsoffensive ab Sept/Okt. 44)
  • Gesamte Rüstungsindustrie durch Verklammerung mit der Verkehrsoffensive (Eisenbahnverkehr; Kohle/Eisen/Stahl; Elektrizitätswerke; Chemieindustrie)
Totaler Misserfolg der seit Juli/August 1944 in Gang gesetzten Untertage-Verlagerung von Syntheseproduktion und Raffinierung. Eine Gewalt- und Zwangsaktion, genannt "Mineralöl-Sicherungsplan" (vom 1. August 1944), die in den letzten Kriegsmonaten enorme materielle Mittel und vor allem Menschenopfer ohne Zahl kostete (Zwangsarbeiter; Kriegsgefangene; KZ-Häftlinge).

Die Unwirklichkeit und Unsinnigkeit dieser Planung können ihren Urhebern nicht gänzlich entgangen sein. Derweil das Reich aus der Luft zerschlagen und schließlich von den Alliierten besetzt wurde, waren die Anstrengungen dieser Art zwar ergebnislos (außer: unzähligen ober- und unterirdischen Bauruinen), konnten aber trotzdem kriegsverlängernd sein - bei Preisgabe und Vernichtung der letzten materiellen und menschlichen Reserven.

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