Kolloquium zum 60. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad am 30. Januar 2003 in Potsdam
Tagungsbericht: Ulrike Winkler, Berlin


Keine Schlacht des Zweiten Weltkrieges ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen und der Russen nach wie vor so verankert, wie jene vor 60 Jahren bei Stalingrad. Wochenlang nahmen sich Presse, Funk und Fernsehen der Niederlage der deutschen Wehrmacht an der Wolga dokumentarisch und darstellerisch an. Im Wissenschaftsbetrieb hingegen stellte die von der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung initiierte und in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Museum Karlshorst/Berlin, dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam und der Lehrstuhl für Militärgeschichte an der Universität Potsdam (Prof. Dr. Bernhard R. Kroener) durchgeführte Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad eine Ausnahme dar.
Vor rund 140 Teilnehmenden legten russische und deutsche Wissenschaftler in der Aula der Universität Potsdam neue Erkenntnisse und Interpretationen dieser zäsuralen Schlacht vor. Zunächst sprach Prof. Dr. Bernd Wegner (Hamburg) über Fragen der deutschen Strategie seit dem Sommer 1942. Den Schwerpunkt seines Vortrages bildete die Darstellung und Diskussion der Ursachen der Zerschlagung der 6. Armee im Winter 1942/43. Das Ziel der weiteren Kriegführung nach dem Stillstand vor Moskau 1941, so Wegner, habe sich verändert. Im Mittelpunkt standen nicht mehr vorrangig die völlige Zerschlagung der Roten Armee, die Eroberung von "Lebensraum" und der "Kampf gegen den Bolschewismus", sondern die Eroberung der Ölreserven im Kaukasus, die als Rohstoffbasis einen langen und letztendlich siegreichen Krieg für Deutschland sichern helfen sollten. Trotz vorläufig veränderter Zielsetzung blieben der "rasseideologische Impetus" und "antibolschewistische Phantasien" der Motor der Operation "Blau".
Die Schwächen der deutschen Kriegsplanung sowie eine mangelhafte Material- und Versorgungslage, von den fehlenden Truppen ganz abgesehen, setzte der sowjetischen Gegenoffensive, die am 19.11.1942 begann, letztlich nichts mehr entgegen. Die Stadt Stalingrad, die sich zwischenzeitlich zur Festung gerüstet hatte, wurde zum Massengrab von deutschen Truppen und ihrer Verbündeten ebenso wie für viele sowjetische Soldaten.

Diese, so wies der nächste Vortragende Dr. Michail Mjagkov, Mitarbeiter des Instituts für Weltgeschichte an der Akademie der Wissenschaften in Moskau, hin, seien nicht immer im Kampf gefallen. Stalins Weisung Nr. 227 "Keinen Schritt zurück" hatten nicht alle Rotarmisten verinnerlicht. Etwa 13.000 Sowjetsoldaten seien im Stalingrader Kessel wegen sog. "Panikmacherei" und versuchter Desertion verhaftet, erschossen oder in Strafkompanien versetzt worden. Dieses Kapitel des "Großen Vaterländischen Krieges" bedürfe weiterer Aufklärung sagte Mjagkov, betonte aber ausdrücklich, daß Stalins Befehl vom 28.7.1942 bei den allermeisten Soldaten und insbesondere innerhalb der sowjetischen Bevölkerung größten Rückhalt fand und ihren Glauben an den Sieg stärkte. Nur aufgrund der Geschlossenheit der Sowjetbevölkerung und der Roten Armee, zu der o.g. Befehl maßgeblich beigetragen habe, nur mit dem von dem Befehl geforderten "Halten" in Stalingrad, konnten die erheblichen Material- und Truppenreserven beschafft und an die Front geführt werden, konnte schließlich die Operation "Uranus", die Einkesselung der 6. Armee und ihrer rumänischen, ungarischen und italienischen Verbündeten, gelingen. In diesem Zusammenhang wurde einmal mehr der Stellenwert der Operation "Mars", die Einkreisung der 9. deutschen Armee bei Rzhev und Belyi, diskutiert, die von November bis Dezember 1942 stattfand. War "Mars" ein Ablenkungsmanöver oder ein notwendiges Glied in einer Kette wohlüberlegtem militärischen Vorgehens des sowjetischen Oberkommandos? Die Fesselung der deutschen Kräfte im mittleren sowjetischen Frontabschnitt verringerte die deutsche Schlagkraft im Bereich der Stalingrader Front. Allerdings stelle sich, so Mjagkov, nach wie vor die Frage, ob "Mars" mit seinen erheblichen Verlusten auf Seiten der Roten Armee unabdingbare Voraussetzung gewesen sei, um Stalingrad zu halten bzw. von der deutschen Wehrmacht zu befreien. Unbestitten bliebe, daß die Schlacht von Stalingrad für die damalige Bevölkerung der UdSSR und deren Führung ein Symbol der Standhaftigkeit der Roten Armee gewesen sei und daß mit Stalingrad der Anfang vom Ende Deutschlands begonnen habe.

Um diese Frage "Läutete Stalingrad die Wende des Krieges ein?" rankten sich auch zahlreiche Diskussionsbeiträge, in denen zum einen betont wurde, daß es nach Stalingrad erheblich blutigere Schlachten mit sehr viel mehr gefallenen Soldaten gegeben habe, und daß bereits vor Stalingrad klar gewesen sei, daß das Deutsche Reich nicht siegreich aus seinem Ostfeldzug hervor gehen würde. Deutschland, so Wegner, habe sich nicht auf einer Siegesstraße befunden und sei mit Stalingrad davon abgekommen. Stalingrad sei quasi ein Höhepunkt der Wende im "Ostkrieg" gewesen, die bei Smolensk begann und sich über Moskau bis schließlich zur Stadt an der Wolga fortgesetzt hatte.
Stalingrad sei daher keine militärische Wende gewesen, wohl aber eine, die starke Auswirkungen auf die Wehrmachtführung besessen habe, wie der nächste Referent, Dr. Jürgen Förster (Freiburg), in seinem Vortrag herausstrich. So bemühten sich "Offiziere für wehrgeistige Erziehung" um die "seelische Mobilmachung" der deutschen Truppen, die, so ein Offizier in seinem Bericht von der Ostfront im Februar 1943 "weder Haltung noch Stimmung" aufwiesen, sondern sich "mit sich selbst beschäftigten". "Frontrednerkurse" für politische Offiziere sollten die demoralisierten Truppen "geistig neu ausrichten". Diese "weltanschauliche Durchknetung" (so Hitler im Herbst 1943) wurde in allen Wehrmachtsteilen - Heer, Marine und Luftwaffe - praktiziert. Überraschenderweise war diese ideologische Aufbauarbeit insbesondere bei dem "echten Kind des 3. Reiches", der Luftwaffe, nötig. Dort habe zwar die Leistungstrias "gehorchen, verzichten, kämpfen" funktioniert, gleichwohl seien die Offiziere der Luftwaffe keine "politischen Führer" gewesen, die ihren Untergebenen ein weltanschauliches Vorbild zu sein vermochten.

Daß Stalingrad für die deutsche Bevölkerung eine Wende gewesen war, verdeutlichten die Ausführungen von Prof. Dr. Kurt Pätzold (Berlin), der krankheitsbedingt nicht selbst vortragen konnte. Das Geschehen im "Kessel" habe die Mehrheit der Deutschen zunächst nach den Ursachen für die Niederlage fragen lassen, um dann von dem - nur rudimentär glückenden - Versuch abgelöst zu werden, sich ein reales Bild von der Lage an der Ostfront zu machen. Dabei fand auch eine Neubewertung der Roten Armee statt, vor der man nun Respekt und noch mehr Furcht empfand. Diese psychologische Disposition bildete schließlich ein Moment der "totalen Kriegführung", die verhieß, daß durch vermehrte Anstrengungen der Deutschen neue militärische Erfolge möglich seien. Allerdings funktionierte die Bildung eines neuen totalen "Volksgemeinschaftsbewußtseins" nicht so erfolgreich, wie von Führung und Eliten gewünscht. "Höflichkeitskampagnen" sollten den rauhen Umgangston untereinander glätten.

Wie Stalingrad schließlich seinen publizistischen Niederschlag in der deutschsprachigen Literatur fand, beschrieb Dr. Leonore Krenzlin (Berlin). An den Arbeiten über Stalingrad von Theodor Plievier, Gerhard Schumann, Franz Fühmann und Heinz Konsalik illustrierte die Literaturwissenschaftlerin den unterschiedlichen Umgang mit der Schlacht an der Wolga. Theodor Plieviers Werk, ursprünglich als Auftragsarbeit konzipiert, erschien bereits im November 1943 in der "Internationalen Literatur" in Moskau. Filmisch geschnittene Gespräche mit deutschen Kriegsgefangenen und Zitate aus Feldpostbriefen, angereichert mit expressiven Zwischentexten verleihen diesem Buch bis heute den Status einer sinnlich-packenden Tragödie, die selbstverschuldet, aber zugleich unverstanden bleibe.

Das Bühnenstück "Gudruns Tod", am 14.2.1943 uraufgeführt, lese sich wie ein Aufruf zum Ausbruch aus der Herrschaft von Hitler und Anhängern. Schumann, ehemaliger Soldat der Ostfront und bekennender Nationalsozialist, läßt die Heldin seines Stücks am Ende sagen, daß es keine "unveränderliche Treue" gäbe, daß diese jederzeit kündbar sei - ebenso wie der Treueschwur der deutschen Soldaten auf die Person Hitlers.
Der DDR-Bürger Franz Fühmann schließlich schrieb über Stalingrad aus dreifacher Perspektive: als Eroberer, als Kriegsgefangener der UdSSR und schließlich als Gast, der noch oft - als Geläuterter - nach Stalingrad zurückkehren sollte.
Auf westdeutscher Seite läutete Heinz Konsalik mit seinem 1956 erschienenen Buch "Der Arzt von Stalingrad" die belletristische Beschäftigung der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit Stalingrad ein. Geschichtslos und Stalingrad als "deutschen Opfergang" verklärend bestimmte dieses Buch das kollektive historische Bewußtsein ganzer Generationen.

(Unter der Rubrik Diskussionsbeiträge
werden auf dem Kolloquium gehaltene Beiträge wiedergegeben)

Bilder der Konferenz (30.Januar 2003) in Potsdam zur Stalingrader Schlacht


Dietrich Eichholtz verliest das Referat des erkrankten Kurt Pätzold

Ein Blick ins Publikum

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